Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Verschwendung gedeiht in der Dunkelheit

| 5 Lesermeinungen

Sterben die Lokalzeitungen, fehlt eine öffentliche Kontrolle. Die Zeche zahlen die Bürger.

Democracy Dies in Darkness, auf Deutsch: Die Demokratie stirbt in der Dunkelheit. Das Motto, das die amerikanische Zeitung „Washington Post“ sich im vergangenen Jahr gab, gehört zu den Dauerbrennern in der Diskussion über den vermeintlichen Niedergang des Zeitungsjournalismus. In Sonntagsreden klingt der Slogan immer ein wenig scheinheilig, wenn Politiker, die Kontrollierten, über den drohenden Verlust der Kontrolle durch die Medien klagen. Auch aus dem Munde von Medienhäusern hört sich der Spruch manchmal übertrieben an, so, als wolle jemand in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten der eigenen Bedeutung aufhelfen. Auf den Holzweg führt, die Medien als „vierte Gewalt“ darzustellen. Nicht-gewählte Medien haben kein politisches Mandat, Macht auszuüben. Sie können aber informieren und dem Wahlbürger dadurch bessere Entscheidungen ermöglichen.

Wenige haben das besser verstanden als Thomas Jefferson, einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten. Er empfahl gegen Gefährdungen von persönlicher Freiheit und Vermögen durch die Regierenden die Kontrolle durch den informierten Bürger. „Wo die Presse frei ist und jeder Mann lesen kann, ist alles sicher“, schrieb Jefferson 1816.

Eine freie Presse aber reicht vielleicht nicht mehr, wenn die Tageszeitungen mangels Anzeigen sterben. In den Vereinigten Staaten sind in den Jahren von 1996 bis 2015 fast 300 Tageszeitungen verschwunden, 300 von 1600. Das ist ein bedeutender Verlust an Informationsquellen für die Leser.

Stirbt eine Lokalzeitung, wird der Schuldendienst teurer

Ökonomen sind Spezialisten für Informationen. Sie wissen, wie unvollständige oder verzerrte Informationen das Geschehen an Märkten beeinflussen und zu Fehlanreizen und Ineffizienzen führen. Es verwundert deshalb nicht, dass eine der interessantesten Studien zu den Folgen des Zeitungsterbens von Ökonomen geschrieben wurde. Pengjie Gao, Chang Lee und Dermot Murphy analysieren, wie der Verlust von Tageszeitungen sich auf die öffentlichen Finanzen in amerikanischen Landkreisen auswirkt. Das Ergebnis überrascht in seiner Deutlichkeit. Schließt in einem Landkreis eine lokale Zeitung, dann wird es für die Verwaltung teurer, sich am Kapitalmarkt zu verschulden. Je nach Anleihetyp steigt der Zinssatz im Durchschnitt um 5,5 oder sogar 10,6 Basispunkte. Das ist eine nicht zu vernachlässigende Zusatzlast, die von den Bürgern getragen werden muss. Wie kommt das?

Eine einfache Erklärung wäre, dass die drei Ökonomen das Falsche messen. Der Untergang einer Zeitung könnte in einem generellen wirtschaftlichen Niedergang gründen, so dass die höhere Zinslast vielleicht nur die ökonomischen Schwierigkeiten im Landkreis oder der Stadt widerspiegelt. Die Autoren schließen das aber durch Vergleichsstudien aus. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass allein die Schließung einer Lokalzeitung die öffentlichen Kapitalkosten erhöht. Dabei berücksichtigt das Autorentrio nur Fälle, in denen es vor der Schließung in dem Landkreis drei oder weniger Zeitungen gab. Man darf also vermuten, dass durch den Verlust der einen Zeitung die Bürger weniger gut informiert sind als vorher und auch der wichtige Wettbewerb zwischen den Redaktionen leidet.

Das deutet auf folgende Erklärung hin: Die Lokalzeitung schließt. Es gibt weniger Journalisten, die Korruption und Verschwendung erforschen. Weniger Skandale kommen ans Licht. Der Bürger ist über Fehlverhalten weniger gut informiert. Die Verwaltung und die lokalen Politiker sind weniger gut kontrolliert und können sich auf Kosten der Bürger mehr Verschwendung erlauben. Zu teure und unrentable Prestigeprojekte auf Pump werden geplant. Die Ineffizienz lässt Kapitalgeber höhere Renditen verlangen, wenn sie der Kommune Geld leihen.

Weniger Lokaljournalisten, mehr öffentliche Verschwendung

Das ist eine ziemlich lange Argumentationskette, um den empirischen Zusammenhang „weniger Zeitungen – höhere Kapitalkosten“ zu begründen. Auch ist nicht einsichtig, warum nur die Kapitalanleger, nicht aber die Bürger die Ineffizienz in der öffentlichen Verwaltung erkennen können. Irgendetwas aber ist an der langen Herleitung wohl dran. Denn die drei Autoren zeigen zugleich auf, dass mit weniger Zeitungen die öffentliche Verschwendung in den entsprechenden Landkreisen zunimmt. Der Untergang einer amerikanischen Lokalzeitung führt nach der Studie dazu, dass im betroffenen Gebiet die Gehälter der öffentlichen Angestellten im Vergleich zu den Einkommen in der Privatwirtschaft steigen. Eine Zeitung weniger bedeutet auch, dass im Durchschnitt vier öffentliche Angestellte je 1000 Einwohner zusätzlich eingestellt werden. Nicht zuletzt steigt die Steuerlast je Einwohner, wenn eine Lokalzeitung stirbt.

Auf deutsche Verhältnisse sind diese Ergebnisse nicht direkt übertragbar. Doch die alltägliche Vermischung von privaten mit scheinbar öffentlichen Belangen sind in deutschen Gemeinden wie in Amerika die Aufmerksamkeit erfahrener und unerschrockener Reporter wert. Wenn gegen die Empfehlung der Kreisaufsicht innerstädtischer Wald abgeholzt wird, um der grünen Stadtratsfrau ein Baugrundstück nach Wunsch zu verschaffen. Wenn der SPD-Ratsherr der Einzige ist, der in einem Neubaugebiet sein Dach mit roten statt schwarzen Ziegeln eindecken darf. Wenn vor dem Rathaus eine Fußgangerbrücke für Hunderttausende Euro einen Fluss queren soll, damit die Beamten in der Mittagspause zehn Minuten schneller zum Italiener kommen. Solche Beobachtungen im Leben einer deutschen Kleinstadt stinken so stark nach Korruption und Verschwendung, dass mehr Information und Aufklärung für die Bürger geboten scheint.

Die spannende Frage ist, ob solche Informationen lokale Tageszeitungen voraussetzen. Das Internet, das mit seinen digitalen Kleinanzeigenmärkten den Lokalzeitungen das Wasser abgräbt, kann über Chat-Gruppen und lokale Informationsseiten viele Informationen verbreiten und bietet anonymen Hinweisgebern viele Möglichkeiten. Aber kann das Internet aufklärender wirken als ein erfahrener Reporter, der sich in einen vermuteten Korruptionsfall festgebissen hat und am Ball bleibt? Zumindest für den Untersuchungszeitraum von 1996 bis 2015 lässt die Studie der drei Ökonomen nicht viel Hoffnung zu. Falls das Internet oder andere Medien in diesen Jahren in den Vereinigten Staaten ein adäquater Ersatz für die Lokalzeitung gewesen wären, dann hätte die Schließung von Lokalzeitungen nicht zu höheren Kapitalkosten führen dürfen. Die Studie deutet jedoch darauf hin, dass die Verschwendung in der Dunkelheit nicht etwa stirbt, sondern gedeiht.

 

Pengjie Gao, Chang Lee, Dermot Murphy: Financing Dies in Darkness? The Impact of Newspaper Closures on Public Finance, 2018.

Dieser Text erschien am 17. Juni als „Sonntagsökonom” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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5 Lesermeinungen

  1. Empfehlenswert im historischen Perspective:”the publishing industry “
    ein lesenswerter Auseinandersetzung von Mark Wormald ,ein Introduktion zur Charles Dickens‘ The Posthumous Papers of the Pickwick Club,Penguin Classics :
    “Agitation for political and social reform ,together with a determination to bring recent advances in science to a wider readership ,found expression via a publishing industry that was itself undergoing a technological revolution.
    This meeting of grand ideas and cheap paper issued in a flood of new weeklies and monthlies,and made the early 1830s an era of considerable popular excitement as well as turmoil.”….

  2. Herr, lass Lokalzeitungen regnen....
    … um die Verschwendung von Steuermitteln in Göteborg einzudämmen. Nicht nur, dass derzeit 274 „Kommunikatöre“ eingestellt sind, die den ganzen Tag frei sozialistisch labern dürfen (für 70000 Euro am Tag, umgerechnet), nein, wir haben auch ein Kamelzentrum bekommen, welches Flüchtlingen aus Syrien (!!) die Integration mit Hilfe von Höckertieren erleichtern soll samt ein „Urban Gardening“ Projekt für Somalier, welches denselbigen Gemüseanbau beibringen soll. Dazu gibt es einen Tunnel à la Stuttgart 21 (Västlänken) und die Stadt plant zu ihrem 300-jährigen Jubiläum für schlappe 170 Millionen Euro eine Seilbahn über den Göta Älv. Da arbeiten schon mal 50 kommunale Angestellte in Vollzeit an der Planung – auch bevor die Baugenehmigung erteilt ist. Nicht zu vergessen, die schwedischen Sozis sind hier (mit Ausnahme von 1991-1994) seit 1936 an der Macht.

    In der einzig verbliebenen Zeitung vor Ort (Göteborgs Posten)….
    Nix.
    Kein Kommentar.

  3. Wissen wollen verschwindet nie,aber warum,was und wie ändert ständig
    Es gibt Hoffnung, wenn die Geschichte eines „Canard Enchainé“ sich
    fortsetzt, und warum nicht : »La liberté de La Presse ne s’use que quand on ne s’en sert pas. »
    Kapitulation vor einer sogenannten Darkness ist nie eine Option gewesen.

  4. Die Zeitungen schaffen sich ab
    Wenn ich mir die Berichterstattung der Zeitungen so ansehe, kann ich kaum noch kritische und investigative Berichterstattung erkennen. Das betrifft sowohl die überregionalen Zeitungen als auch die lokalen. Viele Skandale wurden durch Blogger aufgedeckt, und über Facebook hat sich eine Alternative gebildet, auch wenn Facebook schon vor dem NetzDG massiv gelöscht hat, was zu brisant war. Mich wundert daher nicht, daß die Auflagen sinken. Für Propaganda muß ich nicht zahlen.

    • So ist es leider!
      Vielleicht ist das in den USA ja anders, aber deutsche Regionalzeitungen betreiben Hofberichterstattung der peinlichsten Art für die lokal herrschende Obrigkeit. Erscheint irgendwo ein Bürgermeister, Landrat oder gar Landesminister gibt es nie kritische Fragen oder Hintergrundinformationen. Alles eitel Sonnenschein! Schließlich will man sich doch keine Einladung zu einer amtlichen Veranstaltung verlieren.

      Durch diese Art von Obrigkeitsdevotismus werden Regionalzeitungen immer uninteressanter für ihre Leser. Niemand wird sie wirklich vermissen, wenn sie einmal ganz verschwunden sind!

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