Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Soll Draghi wie Trump twittern?

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Auf dem EZB- Forum in Sintra gehen die Ansichten weit auseinander, wie die Geldpolitik mit ihrer Umwelt kommunizieren sollte. Eine verständlichere Sprache wäre eine Option.

Otmar Issing machte aus seiner Ablehnung keinerlei Hehl. „Ich hielte es für eine ganz schlechte Idee, wenn eine Zentralbank versuchen würde, die Öffentlichkeit zu manipulieren“, sagte der frühere Chefökonom der Europäischen Zentralbank. „Darunter würde die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik leiden. Soll Draghi wie Trump twittern?“ Mario Draghi denkt nicht daran, so etwas zu tun. „Ich pflichte Otmar vollständig bei“, betonte der EZB-Praesident. “ Unsere Glaubwürdigkeit ist wichtiger als alles andere. So haben wir alle Empfehlungen, unser Inflationsziel zu erhöhen, um dadurch die Wirtschaft anzukurbeln, zurückgewiesen.“

Da wollte Benoît Coeure, Direktoriumsmitglied der EZB, nicht zurückstehen. „Wann ist Preisstabilität erreicht?“ fragte der Franzose. „Wenn sich die Menschen nicht dafür interessieren.“ Und James Bullard, der Präsident der Federal Reserve Bank of St. Louis, hielt fest: „Wir reden mehr mit den Menschen als früher. Aber Geldpolitik funktioniert nach wie vor vor allem über die Beeinflussung von Preisen an Finanzmärkten, auf die Unternehmen und Privathaushalte in ihren Entscheidungen reagieren.“ Während die Geldpolitiker sprachen, saß der Ökonom Yuriy Gorodnichenko kopfschüttelnd auf dem Podium.

Die Steuerung von Inflationserwartungen als geldpolitisches Instrument

Was war geschehen? Gorodnichenko, ein viel beachteter Makroökonom der jüngeren Generation, hatte in Sintra eine Arbeit vorgestellt, die sich mit der Steuerung von Inflationserwartungen als einem geldpolitischen Instrument befasst. Das Thema ist nicht ganz neu und sein theoretischer Hintergrund nicht sehr kompliziert. Nach der dominierenden makroökonomischen Theorie wird das wirtschaftliche Verhalten der Unternehmen und der Privathaushalte unter anderem von ihren Erwartungen des künftigen Realzinses beeinflusst.  Der Realzins ergibt sich aus dem Nominalzins und der erwarteten Inflationsrate. Wenn sich der Nominalzins der Zentralbank bei Null befindet und sie ihn nicht weiter senken kann, bliebe ihr theoretisch die Möglichkeit, über eine Beeinflussung der erwarteten Inflation auf den Realzins Einfluss zu nehmen. Inwieweit so etwas möglich und sinnvoll wäre, war Gorodnichenkos Thema.

Eine Reihe seiner Ergebnisse war recht interessant. So liegen in den Vereinigten Staaten die Inflationserwartungen der Privathaushalte deutlich über den Erwartungen der Unternehmen und der Finanzmarktteilnehmer. Das wäre wohl auch in Deutschland nicht anders. Viele amerikanische Privathaushalte leiten ihre Wahrnehmung der Inflation aus der Entwicklung des Benzinpreises ab. Und nur eine Minderheit hat jemals etwas vom Inflationsziel gehört. Daher rief Gorodnichenko die Geldpolitik auf, für eine weitere Verbreitung ihrer Konzepte unter den Menschen einzutreten.

Muss Geldpolitik sich verständlich machen?

Die anschließende Diskussion empfand der Ökonom als „bizarr“. Trumps Tweets hätten immerhin den Vorzug, verständlich zu sein, bemerkte Gorodnichenko. Davon könnten Geldpolitiker durchaus etwas lernen. Und es gehe ihm nicht darum, die Menschen zu manipulieren – schließlich solle nach seinen Vorstellungen die Geldpolitik transparent sein und mit den Menschen deutlich kommunizieren.

Nicht erwähnt wurde in der Diskussion in Sintra ein Aspekt, der in Teilen der Fachwelt längst für Gesprächsstoff sorgt: Die Kombination aus der unbestreitbaren Macht von Zentralbanken, die sich aus ihren Mandaten und Instrumenten ableitet, und einem sich ausbreitenden Populismus, der traditionelle Institutionen in Frage stellt, wird Diskussionen über die Grenzen der Macht technokratischer Institutionen wie Zentralbanken anregen. In ihrem eigenen Interesse sollten Geldpolitik er in der Lage sein, sich in solchen Diskussionen einer für vielen Menschen verständlichen Sprache zu bedienen.


2 Lesermeinungen

  1. Verständlich und Verstehenskompetenz
    und doch ein falsches Verstehen , gewollt oder ungewollt, ist immer da.

    Einzig,äußerst wichtig -ein « trait d’union – bleibt immer die hochqualifizierte wirtschaftspolitische Berichterstattung !

    Und die gibt es.

    Bleibt eine kafkaeske Paraphrase [Der Prozess]:

    … Dummheit macht sicher… .

  2. Die invertierte Gesellschaft
    Die universitäre VWL ist wie die anderen “Wissenschaften”, die sich direkt oder indirekt mit dem menschlichen Zusammenleben befassen (Theologie, Politologie, Soziologie, etc.) tatsächlich keine Wissenschaft oder zumindest keine ehrliche, weil die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung, das Geld, seit jeher fehlerhaft ist (das heutige Papiergeld wurde gänzlich unreflektiert dem Edelmetallgeld der Antike nachgeäfft).

    Wer nun diesen grundlegenden Fehler gar nicht kennt, der eine unüberschaubare Vielzahl von Symptomen nach sich zieht, macht sich die Symptombekämpfung zum Lebensinhalt, ohne jemals zum Kern der Sache vorzustoßen und dies im Verlauf seiner Berufstätigkeit auch gar nicht mehr zu wollen. Stattdessen wird von den “staatlich anerkannten Experten” der Systemfehler indirekt verteidigt, damit sie sich weiterhin mit der a priori sinnlosen Symptombekämpfung beschäftigen können.

    Goethe sagte dazu: “Ich sah, dass den meisten die Wissenschaft nur etwas ist, insofern sie davon leben, und dass sie sogar den Irrtum vergöttern, wenn sie davon ihre Existenz haben.”

    Man muss schon seinen Lebensunterhalt mit etwas ganz anderem verdienen, um die Volkswirtschaft, von der wir ja alle abhängig und ein Teil davon sind, ohne Interessenskonflikt objektiv zu verstehen. Somit kann dem dümmsten Bauern sowohl der elementare Fehler im „Geld wie es (noch) ist“ (Zinsgeld mit parasitärer, der wesentlichen Tauschfunktion widersprechenden Wertaufbewahrungsfunktion) als auch das fehlerfreie „Geld, wie es sein soll“ (konstruktiv umlaufgesichertes Geld) noch eher erklärt werden, als einem „Experten“ wie M. Draghi, der von sich glaubt, er wüsste schon was.

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