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Was ist neu an der Modern Monetary Theory? Eine Erinnerung an Knapps "Staatliche Theorie des Geldes" (1)

18.01.2012, 08:55 Uhr  ·  In Amerika wird die "Modern Monetary Theory" beliebt - ein Nachfolger des Chartalismus, den der deutsche Ökonom Georg Friedrich Knapp geschaffen hat. Gerald Braunberger würdigt den Erfinder mit einer Beitragsserie.

Von

Von Gerald Braunberger

In den vergangenen Jahren haben mehrere sogenannte heterodoxe ökonomische Schulen über das Internet an Verbreitung gewonnen. Eine dieser Schulen ist die “Modern Monetary Theory” (MMT), die sich auch als Chartalism oder Neo-Chartalism bezeichnet. Zu ihren führenden Vertretern zählen Warren Mosler und Bill Mitchell

Von Mitchell stammt eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Thesen der MMT. Der Kern der Theorie lautet: Seit dem Ende der goldgebundenen Währung erklärt sich die Akeptanz modernen Geldes durch staatliche Vorschriften (“Fiat-Währung”): “In a fiat currency system, the currency has legitimacy because of legislative fiat: the government tells us that’s the currency and then legislates it as such. The currency has no intrinsic value. What gives it value, what motivates us to use the currency that the government suggests, is the fact that all tax obligations are denominated in and have to be extinguished with that currency.”

Weil der Staat Geldmonopolist ist, kann es ihm nie an Geld mangeln: “That means that the national government in such a system can never be short of that currency; it can never run out of money. It doesn’t need you or I to lend it money or you and I to pay taxes to get more money. It can never run out of money. That’s the first basic insight of MMT: governments are not constrained in their spending by a need to raise revenue.”

In dieser kleinen Beitragsfolge geht es nicht um eine Darstellung oder Bewertung der MMT. Vielmehr soll an den Begründer des “Chartalismus” (um einen eingedeutschen Begriff zu benutzen) erinnert werden. Der deutsche Ökonom Georg Friedrich Knapp (1842 bis 1926) schuf im Jahre 1905 mit seinem damals Aufsehen erregenden Werk “Staatliche Theorie des Geldes” die Grundlagen. Knapps Kernthese lautete:

“Das Geld ist ein Geschöpf der Rechtsordnung. Es ist im Laufe der Geschichte in den verschiedensten Formen aufgetreten. Eine Theorie des Geldes kann daher nur rechtsgeschichtlich sein.”

Das Buch wurde seinerzeit im deutschen Sprachraum sehr kontrovers diskutiert, ehe die “Staatliche Theorie” in der Zwischenkriegszeit in der Versenkung verschwand, auch wenn sie Mitte der zwanziger Jahre (gekürzt) in englischer Sprache erschien und John Maynard Keynes sie in seinem 1930 erschienenen “Treatise on Money” erwähnte.

Georg Friedrich Knapp - Foto: Wikimedia CommonsThema dieses ersten Beitrags ist die Biografie Knapps.

Georg Friedrich Knapp (1842 bis 1926) hatte in einer seltenen Kombination Physik, Chemie und Nationalökonomie studiert. Sein Vater war Chemiker ebenso wie sein Schwager Justus von Liebig. Als Folge seines naturwissenschaftlichen Hintergrunds besaß Knapp für einen deutschen Ökonomen jener Zeit gute mathematische Kenntnisse. Beeinflusst war er vor allem durch den aus Italien stammenden Mathematiker Jean-Louis Lagrange (1736 bis 1813), einen der Begründer der analytischen Mechanik. Die Zusammenfassung eines dynamischen Systems in Gestalt einer Funktion wird als Lagrangefunktion bezeichnet.

Knapps Schüler Kurt Singer erinnerte sich später: “Noch in seinem hohen Alter hat er mir in Darmstadt gesagt, er fühle sich fähig, das System der analytischen Mechanik aus dem Kopf zu entwickeln. Der große Mathematiker Hamilton hat Lagranges Mechanik ‘a kind of scientific poem’ genannt, und auch dies gilt von Knapps Staatlicher Theorie des Geldes.” Singer vertrat somit die Auffassung, Knapp habe mit seiner “Staatlichen Theorie des Geldes” das Prinzip Lagranges auf das Geldwesen anwenden wollen: die Zusammenfassung eines komplexen Systems in einer einfachen Formulierung.

Im Jahre 1869 wurde Knapp Professor für Statistik an der Universität Leipzig. Zur Kenntnis der Mathematik kamen nun auch Kenntnisse der empirischen Verfahren jener Zeit, die Knapp aber später bewusst nicht nutzte. In Leipzig habe er gelernt, wie unzuverlässig Statistiken seien, sagte er noch Jahrzehnte später sinngemäß. Im Jahr 1874 erhielt Knapp eine Professor für Nationalökonomie an der Juristischen Fakultät der Universität Straßburg, das damals zum Deutschen Reich gehörte, und die er bis zum Ende des Ersten Weltkriegs wahrnahm. Von 1919 bis zu seinem Tode wohnte er in Darmstadt. Knapp hatte zwei Töchter, von denen eine mit dem ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, verheiratet war.

Der Straßburger Gelehrte schien dem Muster des typischen Vertreters der deutschen Historischen Schule (“Kathedersozialisten”) zu entsprechen. Er war seit seiner Gründung Mitglied des Vereins für Socialpolitik und hielt Vorlesungen vor allem über Agrargeschichte. Auch seine Auffassung vom deutschen Staat war in diesen Kreisen nicht außergewöhnlich: “Keine Herrschaft wird so leicht ertragen, ja so dankbar empfunden, wie die Herrschaft hochsinniger und hochgebildeter Beamten. Der deutsche Staat ist ein Beamtenstaat – hoffen wir, dass er in diesem Sinne ein Beamtenstaat bleibt.” Allerdings beteiligte sich Knapp im Unterschied zu vielen Kollegen nicht an öffentlichen wirtschafts- und sozialpolitischen Debatten.

Wie viele Vertreter der Historischen Schule hielt Knapp von der klassischen und neoklassischen Ökonomik Abstand; eine Vorlesung über theoretische Ökonomie hat er nie angeboten. “Die Lehrstoffe der sogenannten theoretischen Wirtschaftslehre und alls Dogmatik und Scholastik, die daran hängt, gibt es für mich nicht”, hatte er im Jahre 1873 in einem Brief geschrieben. Und noch im Jahre 1913 schrieb er: “Die von Ricardo ausgehende sogenannte Theorie der Nationalökonomie ist mir in dem Grade gleichgültig, dass ich sie niemals vorgetragen habe; ich verhalte mich zu ihr wie ein Pietist zur Dreifaltigkeitsdogmatik.”

Georg Friedrich Knapp, so darf man schließen, war viele Jahre einer jener zahlreichen deutschen Professoren der Historischen Schule, deren Arbeiten niemals Bekanntheit außerhalb enger Zirkel besaßen.

Doch dann veröffentlichte er seine “Staatliche Theorie des Geldes”.

Sie schlug ein wie eine Bombe.

Foto: Wikipedia

(Fortsetzung folgt.)

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (5)
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0 FAZ-gb 20.01.2013, 17:33 Uhr

Gute Frage. Wenn ich mal Zeit...

Gute Frage. Wenn ich mal Zeit dafür habe; gelesen von Knapp und Bendixen habe ich jedenfalls genug. In den kommenden Wochen komme ich aber sicherlich nicht dazu.

0 Lars 20.01.2013, 17:25 Uhr

Das frage ich mich auch, wo...

Das frage ich mich auch, wo ist der zweite Teil?

0 C.A. 03.01.2013, 19:39 Uhr

Hallo, ist ein zweiter Teil...

Hallo, ist ein zweiter Teil denn geplant?

0 Sackbauer 18.01.2012, 16:42 Uhr

Das ich das noch erleben darf!...

Das ich das noch erleben darf! "Modern Monetary Theory" wird erwähnt in einer Überschrift im FAZ Universum. Wie heißt es so schön: "First they ignore you, then they laugh at you, then they fight you, then you win." Also das Ignorieren können wir schon mal abhaken. Aus den sehr verkürzten selektiven einleitenden Ausführungen zu MMT schließe ich wir sind bei Phase 2 angelangt. Auch gut. Kein Problem da MMT ja in dem Beitrag als Anlass für eine Vorstellung von den ökonomischen Ideen Knapps verwendet wird. Das ist an und für sich eine sehr gute Idee. Daher only for the record: MMT lässt sich nicht auf die Ideen von Knapp reduzieren. Da gibt es noch: Basil Moore Horizontal/Vertical Money, Abba Lerner Functional Finance, Wynne Godley Stock/Flow Consistent Models of Sectoral Balances und Hyman Minsky Financial Instability Hypothesis. Um ein paar zu nennen. Viele Grüße, Stephan Ewald PS: Ich hab jetzt herausgefunden warum unterschiedliche Namen auftauchen. In Kommentaren zu FAZ Zeitungsbeiträgen wird der richtige Name (wie im Profil angegeben) eingeblendet. Bei Blogbeiträgen wird der Benutzername eingeblendet.

0 Popeye61 18.01.2012, 15:33 Uhr

Wiegen oder...

Wiegen oder Zählen? Zweifellos hat Knapp ein bemerkenswertes Fundament für „Fiat-Währungen“ geschaffen, aber der faktische Bruch zwischen „Commodity Money“ und „Fiat-Money“ reicht (in Europas Neuzeit) wenigstens 300 Jahre oder länger zurück. Es ist die Zeit der „Wipper und Kipper“ in welcher der Nominalismus (also der Nennwert einer Edelmetallmünze) die rechtstheoretische Oberhand über den Metallismus (also das Edelmetallgewicht einer Münze) gewinnt. Veröffentlichungen des französische Juristen Charles Dumoulin (1500-1566) oder im angelsächsischen Bereich der berühmte Streitfall „Brett vs. Gilbert“ (1605), waren die Speerspitzen dieser (legalistischen) Entwicklung in Richtung „Fiat-Money“. Wer Interesse an diesem historischen Thema hat sei auf die Veröffentlichungen von Ernst Stampe (1856—1941) und im englischen Sprachbereich auf die Veröffentlichungen von A. Mitchell Innes (1864-1950) verwiesen.

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.