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Die Welt unserer Enkel: Globale Trends der vergangenen 100 Jahre und ihre Zukunft

14.08.2012, 14:50 Uhr  ·  Es gibt nicht nur eurozentrische Betrachtungen mit überschaubarer Relevanz und Halbwertszeit. Hier analysiert ein führender internationaler Ökonom zehn grundlegende und langfristige politische sowie wirtschaftliche Trends, die unser Leben und das Leben unserer Kinder und Enkel beeinflussen. Von Gerald Braunberger

Von

Ökonomen verfassen nicht nur eurozentrische Betrachtungen mit überschaubarer Relevanz und Halbwertszeit. Hier analysiert ein führender internationaler Ökonom zehn grundlegende und langfristige politische sowie wirtschaftliche Trends, die unser Leben und das Leben unserer Kinder und Enkel beeinflussen.

 

Von Gerald Braunberger

 

Die Trends der vergangenen 100 Jahre:

1. Die Ausbreitung der Demokratie und die Verbreitung politischer Rechte: “To most citizens in many countries, democratic political participation has become second nature; the scope of this change is impressive when measured since either 1900 or 1950.” Nicht bestätigt haben sich Befürchtungen erzkonservativer Denker wie Jose Ortega y Gasset, wonach die Demokratisierung anstelle von Elitenherrschaften unstabile politische Verhältnisse erzeuge: “And for the most part, the masses have shown that they can have an intelligent say in politics.” Die Ausbreitung der Demokratie ist der wichtigste aller Trends, denn die politische Teilhabe möglichst vieler Menschen ist die wichtigste Quelle technischen Fortschritts, der wiederum die wichtigste Quelle wirtschaftlichen Wachstums darstellt.

2. Die Wellen technischen Fortschritts haben sich seit der Industriellen Revolution beschleunigt: “In consequence, we now have access to technologies that would have been difficult for our great-grandparents to imagine.” Die Folgen sind nicht nur ökonomischer Natur: “The impact of these technologies goes well beyond the reorganisation of production; it permeates every aspect of our social lives.”

3. Ein Zeitalter nachhaltigen wirtschaftlichen Wachstums ist durch den technischen Fortschritt seit der Industriellen Revolution befördert worden: “The average citizen of the world has a much higher income than was the case 100 years ago; we are about eight times richer than our great-grandparents that lived at the time.” Selbst ein Ereignis wie die Weltwirtschaftskrise hat diesen langfristigen Trend nicht umkehren können.

4. Die Früchte dieses langfristigen Wachstums der Weltwirtschaft sind allerdings sehr viel ungleicher verteilt als zu Zeiten Adam Smiths: “Though the world has become more integrated, the gap between rich and poor nations has widened by most measures.” Der wirtschaftliche Aufstieg von Schwellenländern wie Brasilien, Indien und China in den vergangenen 30 Jahren hat diese Entwicklung relativieren, aber nicht vollständig umkehren können: “This picture would certainely have disappointed all but the most pessimistic forecasters opining on the economic possibilities for the vast majority of the world population.”

5. Der technische Fortschritt hat die Natur der Arbeit verändert. Nicht nur hat in den westlichen Nationen die Beschäftigung in der Landwirtschaft nachgelassen; auch die Industriegesellschaft ist betroffen: “The disappearance of many of the middle-skill, manual and routine jobs has been an equally far-reaching aspect of the transformation of work in advanced economies.” Die Verlagerung solcher Tätigkeiten im Zuge der Globalisierung in ärmere Länder hat die Einkommensunterschiede in vielen reichen Nationen vergrößert: “A major impact of these trends has been distributional: as the demand for low- and middle-skill work has declined, the distribution of earnings in the US has become more unequal, and as the middle-skill jobs have disappeared, it has become polarized.”

6. Die Früchte der Fortschritte im Gesundheitswesen sind breiter verteilt: “Though the wealth of nations has become more unequal, the picture is very different for the health of nations.” There has been a striking improvement in health over the last 100 years, in the world as a whole, and in all geographic regions.” Die Unterschiede in der durchschnittlichen Lebenserwartung in den reichen Ländern einerseits und in Asien und Lateinamerika andererseits haben sich verringert; und wenn der Trend in Afrika auch weniger stark ausprägt ist, so hat die durchschnittliche Lebenserwartung auch dort über die vergangenen 100 Jahre zugenommen.

7. Der technische Fortschritt und die Globalisierung besitzen eine integrierende Wirkung: “New communication technologies and changes in trade policies have also created a more integrated world.” Diese Entwicklung erlaubt es, den aufholenden Ländern Entwicklungsschritte zu überspringen: “Besides its impact on wage inequality in advanced economies, this process has also enabled much more rapid growth in economied such as China, which have been able eo leverage their abundant low-wage labor, without having to go through the same investments and similar technological and institutional stages that advanced economies underwent in the 19th and early 20th centuries.” Die Folgen sind weitreichend: “This, as we will see, also has important implications for the institutional and technological trajectories of these emerging economic powers.”

8. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die beiden fürchterlichsten Kriege der Menschheitsgeschichte gesehen, aber danach stellte sich in der entwickelten Welt eine gegenläufige Entwicklung ein: “Perhaps surprisingly, the subsequent 60 years, though not free of deadly civil and international wars, have been the most peaceful throughout our recorded history.”

9. Die Ausbreitung politischer und demokratischer Rechte ist einhergegangen mit Wellen einer “Gegen-Aufklärung”: Während der Kommunismus und der Faschismus untergegangen sind, lässt sich seit wenigen Jahrzehnten eine religiös motivierte “Gegen-Aufklärung” durch fundamentalistische Strömungen innerhalb des Christen- und des Judentums sowie vor allem innerhalb des Islams beobachten.

10. Das starke Wachstum der Weltbevölkerung wirft Fragen nach der Endlichkeit natürlicher Ressourcen und einem ökologisch nachhaltigen Umgang mit diesen Ressourcen auf.

Bild zu: Die Welt unserer Enkel: Globale Trends der vergangenen 100 Jahre und ihre Zukunft


Die Trends in den kommenden Jahrzehnten:

1. Eine weitere, wenn auch langsame Verbreitung von Demokratie und politischer Teilhabe in der Welt ist wahrscheinlich. Aber es lassen sich Risiken beobachten: Die wachsende Ungleichheit in den Vereinigten Staaten lässt den Einfluss der Reichen auf den politischen Prozess zunehmen: “This bodes ill for the health of American democracy, and if American democracy falters, it will harm the durability of political and civil rights globally.” Ein zweite Gefährdung in den Vereinigten Staaten “is a direct attack on individual and minority liberties” als Ergebnis des “Kriegs gegen den Terror”. Ein weiterer Gefahrdenherd ist in China zu verorten, falls angesichts wirtschaftlicher Probleme in Amerika und Europa der Eindruck entstehen sollte, China biete eine autoritäre Alternative auf dem Weg zu wirtschaftlichem Wohlstand.

2. Technischer Fortschritt ist nicht planbar und nicht vorhersehbar, aber es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es in Zukunft keinen solchen Fortschritt mehr geben wird. Irrig ist auch die – keineswegs neue – Idee, in den reichen Nationen seien die wirtschaftlichen Grundbedürfnisse so sehr befriedigt, dass es dort keinen Anreiz mehr für technisch indizierten wirtschaftlichen Fortschritt mehr geben wird: “Few in the 1970s would have foreseen our current need for mobile communication, the Internet, and social networking, all of which stem from technological breakthroughs.”

3. Wirtschaftliches Wachstum ist nicht garantiert, wirtschaftliche Stagnation aber auch nicht. Weiterer technischer Fortschritt sowie der Aufholprozess in ärmeren Regionen dürften auch in den reichen Nationen weiterhin für Wachstum sorgen; letztlich hängt aber vor allem von der Entwicklung in der reichen Welt der weitere Fortgang ab. Hier gibt es durchaus Risiken: “Advanced economies, in particular the U.S. and Western Europe, are struggling with their own fiscal and economic problems, and though these problems are mostly short-term and more superficial than they first appear (Hervorhebung durch G.B.), the possibility of policy mistakes creating more profound problems cannot be ruled out.”

4. Die Früchte wirtschaftlichen Wachstums in der Zukunft dürften weniger ungleich verteilt sein als im 20. Jahrhundert. Hierfür sollte vor allem die weitere Ausbreitung politischer Teilhabe und technischen Fortschritts auf dem Globus sorgen. Aber: “It would be utopian to hope that economic growth in the next century will create a convergence between rich and poor nations.”

5. Die Verdrängung einfacher Arbeit durch Automatisierungsprozesse in den reichen Nationen dürfte sich fortsetzen. Eine gewisse Nachfrage wird bleiben, aber es ist nicht zwingend, dass dadurch wie vor allem in den Vereinigten Staaten die Ungleichheit immer weiter zunimmt: “Other advanced nations subject to the same technological trends, including Germany, France, the Netherlands and Sweden have not experienced similar surges in income inequality.” Für Amerika gilt: “U.S. inequality has risen partly because of the deceleration in the supply of high-education workers, and partly because of institutional and polical changes favoring the wealtiest citizens.” Beide Entwicklungen lassen sich durch andere politische Prioritäten als in der Vergangenheit angehen.

6. Eine weitere Zunahme der durchschnittlichen Lebenserwartung ist in den meisten Ländern als Ergebnis technischen Fortschritts und weiterer Demokratisierung in der Welt zu erwarten.

7. Die Globalisierung ist nicht gefährdet, aber sie dürfte sich aus zwei Gründen verlangsamen. Ihre wichtigste Triebfeder, die sehr niedrigen Löhne in Ländern wie China, beginnen zu steigen. Und falls das starke Wirtschaftswachstum in China zu einem Halt kommen sollte, dürfte dies Auswirkungen auf die internationale Arbeitsteilung haben.

8. Das 21. Jahrhundert wird vermutlich kein völlig friedliches werden, aber es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es so blutig wird wie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine stärkere Herausbildung einer zentralen Macht wäre in Ländern hilfreich, die für Bürgerkriege anfällig sind.

9. Die Zukunft der religiös motivierten “Gegen-Aufklärung” vor allem durch den Islam sind schwer einschätzbar. Aber Ereignisse wie die “Arabellion” geben Grund zur Hoffnung, dass auch in diesen Ländern allmählich Demokratisierungsprozesse in Gang kommen. Dies dürfte den Missbrauch der Religion durch Potentaten beschränken.

10. Das Bevölkerungswachstum in der Welt dürfte sich erst noch fortsetzen, aber im Laufe des 21.Jahrhunderts zu einem Halt kommen: “The world can easily accomodate this expanded population, and there is little reason to fear any acute resource scarcities or population-related disturbances.” Wichtig ist allerdings, dass die weitere wirtschaftliche Entwicklung ökologisch nachhaltig vor sich geht und hier spielt die Klimafrage eine wesentliche Rolle: “The most vital question concerns climate change and our fossil fuel consumption, partly because the damage that our fossil fuel emissions create is a textbook case of the tragedy of the commons: unless we introduce appropriate carbon taxes and other regulations, the damage each of us creates on the environment is not priced, and we will collectivley continue  to emit fossil fuels even as this habit threatens our planet.”

 

 

Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung von:

Daron Acemoglu: The world our grandchildren will inherit: the rights revolution and beyond.

Alle Zitate wurden diesem Aufsatz entnommen.

 

 

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (10)
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0 FAZ-gb 15.08.2012, 21:22 Uhr

@janwni Daron...

@janwni
Daron Acemoglu befasst sich in seinem Schlussabsatz auch mit dem Energiethema. Hier ein Auszug (der nur einen Aspekt erwähnt, man muss den gesamten Originaltext lesen):
"On the technological front, we need breakthroughs in alternative energy, and the energy grid, in order to find low-carbon ways of producing and delivering energy. Many also hope that geo-engineering solutions will reduce the impact of already-emitted carbon and cut emissions through processes such as carbon capture. But these are stopgap measures. Ultimately, the only way to ensure that our planet remains habitable is to transition to cleaner energy. This is a tall order, but perhaps not as much as it might first appear — thanks again to the often-directed nature of technological changes. In particular, to be viable, clean energy doesn't need to be fully cost-effective in the medium term. With the right policies, the large-scale switch to alternative energy can take place when these are up to 50 percent more expensive than fossil-fuel based energy. Once they have a sufficient market share and are expected to expand, there will also be greater incentives for technology to be endogenously directed towards these technologies and away from the older, dirtier technologies. 31 These innovations, together with the natural learning-by-doing that will take place with the new cleaner techniques, can take us towards our target."
Gruß
gb.

0 FAZ-gb 15.08.2012, 21:11 Uhr

Es sei auf einen wesentlichen...

Es sei auf einen wesentlichen Punkt in Acemoglus Argumentation (nicht nur in dem hier zitierten Papier) verwiesen, die aus institutionenökonomischer Hinsicht bedeutsam ist. Acemoglu vertritt die Ansicht, dass Demokratisierung und Bürgerrechte wirtschaftlichen Fortschritt zur Folge haben. Damit argumentiert er gegen die rund ein halbes Jahrhundert alte sogenannte "Modernisierungsthese" unter anderem von Seymour Lipset, nach der umgekehrt wirtschaftlicher Fortschritt die Einführung der Demokratie begünstigt und die in diesem Blog kürzlich von meinem Kollegen Werner Mussler erwähnt worden ist: http://faz-community.faz.net/blogs/fazit/archive/2012/05/26/foerdert-gleichheit-die-demokratie.aspx Hierzu schreibt Acemoglu: "In this, I depart from the conventional wisdom in much of social science, which maintains a causal link running from technologies to institutions — and not the other way around, as I am arguing. A popular variant of this conventional wisdom is modernization theory, which posits an inexorable link from prosperity to democracy and political rights. Yet there is no more support for modernization theory in the data than there is for any other form of technological determinism. Globally, countries that have grown more rapidly since World War II, or since the beginning of the 20th century, are no more likely to become more democratic than those growing more slowly, for example.18 I will instead argue that institutional developments, caused by and causing the rights revolution, are the main drivers of the technological and economic changes we have experienced over the last century." Für Hinweise auf moderne Arbeiten zu diesem Themenkomplex, die nicht von Acemoglu stammen, wäre ich dankbar. Gruß gb.

0 janwni 15.08.2012, 20:58 Uhr

Einige wirklich...

Einige wirklich interessante Gedanken und Analysen.
Aber, sei es die Bevölkerungsentwicklung, Wachstum, Globalisierung oder der technische Fortschritt allgemein: all das wäre nicht möglich ohne den wichtigsten Baustein unserer Wirtschaft: billige Energie.
Keine Dampfmaschine, keine Eisenbahn, keine globalen Handelsströme, kein Automobil. Und diese Quelle wird zwar nicht in naher Zukunft versiegen, aber dafür wesentlich teurer. Dabei ist sie das Fundament der Wirtschaft vieler Länder - und der Menschheit allgemein: gerade die fossilen Energiequellen ermöglichen uns die Tragfähigkeit des Planeten zu erhöhen und wesentlich mehr Menschen zu versorgen.
Natürlich gibt es Alternativen, aber diese sind nicht zu den Kosten zu betreiben wie heute. Denn egal welche Innovationen auch eingeführt werden, ob bei Wasserstoff oder Strom: der Transport, die Lagerung und Speicherung werden nie so einfach wie bei den bisher verwendeten fossilen Brennstoffen. An dem Deutschland der Energiewende, einem der ersten hochentwickelten Industrieländer, das an seinem Fundament Änderungen vornimmt, erkennt man, wie schwierig und teuer dieser Wandel ist. Natürlich ist nicht vorhersehbar, welche Innovationen uns die nächsten Jahrzehnte bescheren werden, aber es ist schwer vorstellbar, dass in den nächsten 10-20 Jahren, die uns erhebliche Energiepreissteigerungen bringen werden, Schifffahrt, Luftfahrt, Landwirtschaft oder allgemeine Form des Wirtschaftens auf ein ganz neues Fundament gestellt werden.
Somit wird der wichtigste Trend der Vergangenheit übersehen und eine viel zu gleichförmige Entwicklung in der Zukunft angenommen, obwohl doch eine Zäsur zu erwarten ist, die größte in der Ära unserer modernen Wirtschaftsweise.

0 FAZ-gb 15.08.2012, 19:41 Uhr

Daron Acemoglu ist nicht...

Daron Acemoglu ist nicht der erste Ökonom, der langfristige Perspektiven beschreiben möchte. Das bekannte Vorbild ist ein von John Maynard Keynes um das Jahr 1930 verfasster Text:
www.econ.yale.edu/.../keynes1.pdf
Vor wenigen Jahren hat Keynes' Text einen Sammelband inspiriert. Hier ist die Einleitung zu diesem Buch:
mitpress.mit.edu/.../0262162490intro1.pdf
Und hier ein Verweis auf das Buch:
www.amazon.com/.../0262515113
Acemoglus Text wird in einem neuen Sammelband zum 100. Jahrestag von Keynes' Text mit dem Titel "Economic Possibilities for Our Grandchildren" erscheinen, herausgegeben von Ignacio Palacios-Huerta (MIT Press).
Gruß
gb.

0 jschaeffer 15.08.2012, 15:42 Uhr

Nicht bestätigt haben sich...

Nicht bestätigt haben sich Befürchtungen erzkonservativer Denker wie Jose Ortega y Gasset, wonach die Demokratisierung anstelle von Elitenherrschaften unstabile politische Verhältnisse erzeuge.
Warten wir mal ab. Ich bin zunehmend skeptisch. Wie stabil ein System wirklich ist, zeigt sich erst, wenn es unter Druck gerät. Die Jahre 1945 bis 1990 waren im Westen von einer historisch einmaligen (durch den Kalten Krieg erzwungenen) Stabilität geprägt, dann war zehn Jahre eitel Sonnenschein ("Ende der Geschichte") und seitdem geht es abwärts. Man schaue nur auf die mit der Eurokrise einhergehende Entdemokratisierung und die zunehmende Tabuisierung ganzer Themenkomplexe in den staatstragenden Medien. Das dicke Ende kommt erst noch.

0 bumaro 15.08.2012, 13:03 Uhr

"Other advanced nations...

"Other advanced nations subject to the same technological trends, including Germany, France, the Netherlands and Sweden have not experienced similar surges in income inequality." - das ist so nicht richtig: Zumindest was Deutschland betrifft, lässt sich fürs vergangene Jahrzehnt eine deutliche Zunahme des GINI feststellen.

0 Domday 15.08.2012, 11:07 Uhr

Sehr geehrter Herr...

Sehr geehrter Herr Brauneberger, ich habe Ihr Engagement für die Gedanken Acemoglus und Robinsons bemerkt, ich selbst habe das Buch verschlungen und mehrfach verschenkt. Letztendlich geht es um die Freiheit der Bürger, welche durch 'Extractive Institutions' bedroht ist. Diese Freiheit ist die Voraussetzung dafür, dass alle Bürger sich 'selbst verwirklichen' und somit zum Erfolg einer Gesellschaft beitragen können. In seinem Buch "The Innovator's DNA" hat Clayton Christensen (Prof at Harvard) als Coautor geschrieben: "Innovation. It's the lifeblood of our global economy and strategic priority .....". Innovation ist ohne Freiheit nicht möglich - vor allem nicht, wenn Innovation im Schumpeterschen Sinne 'destructive' ist. 'Destructive' - das ist immer bedrohlich, bedroht irgendjemanden, verursacht Schmerzen und das vor allem den 'Extractive Institutions', deren 'Erfolg' auf Macht und nicht auf Leistung beruht. Gegner der Freiheit sind natürlich die Burgen über dem Rheintal, aber genauso der unsäglich bürokratische Brüsseler Zentralismus, die Fakelaki in Griechenland und auch die Mauern, ob als 'Berliner' oder als ESM (!) auftretend, oder auch Putin, Kirchner. Ich glaube, der Blog http://whynationsfail.com macht das sehr deutlich.

0 FAZ-gb 15.08.2012, 09:36 Uhr

@Domday Danke für...

@Domday
Danke für den Hinweis.
Ich darf noch darauf verweisen, dass wir Daron Acemoglu (& Co.) mehrfach hier im Blog hatten:
1. Eine Rezension von "Why Nations Fail": faz-community.faz.net/.../buecherkiste-3-warum-nationen-scheitern.aspx
2. Ein Beitrag über ihr Papier zu den Folgen der Französischen Revolution & Co. für Deutschland: faz-community.faz.net/.../vive-la-france-vive-l-allemagne.aspx
3. Ein Interview mit Daron Acemoglu über die Krise in Europa: faz-community.faz.net/.../oekonomen-im-gespraech-daron-acemoglu.aspx
Gruß
gb.

0 Domday 15.08.2012, 09:03 Uhr

Vielleicht sollten Sie noch...

Vielleicht sollten Sie noch darauf hinweisen, dass Daron Acemoglu und James Robinson eine lesenswerte Blogseite betreiben: http://whynationsfail.com/

0 EgonOne 14.08.2012, 20:38 Uhr

Ich sah die Zukunft, und sie...

Ich sah die Zukunft, und sie gefaellt mir nicht. Vielen Dank werter Gerald Braunberger, fuer diese Summierung globaler Trends. Alles sehr gute Punkte und Beobachtungen ueber Entwicklungen und Trends deren heutiger Stand uns schon die Symptome der Zukunft zeigen. Ein Aspekt der nach meiner Sicht groessere Analyse braucht, ist der Impakt an eine Gesellschaft wie die USofA, wenn massive Arbeitsplaetze nach anderen Laendern verlagert werden, und wenn diese oft gut-bezahlten Plaetze verschwinden -- Plaetze die sicherlich nicht wieder zurueck kommen, trotz tapferen Versuchen "to repatriate American industry." I am afraid that sounds more like wishful thinking. The economics of a global economy seem against it. This massive shift of jobs is a most serious threat to the tranquility, prosperity and future of the US, because those very jobs that have disappeared, were the very foundation of the American Middle Class, and the bedrock of that society's prosperity, and Standard of Living. Take that foundation away, and what have you got? Decaying cities. Social unrest. and all the other maladies that afflict todays life. I think a warning of this fundamental change in society, was given when former US president George Bush Senior, spoke yearningly about a return to a "more genler and compassionate" society. Did he see something, we didn't?. The Gentler more compassionate society, seems to have eluded us so far. After reading the above outline of trends: I dare say "I saw the future, and I don'tlike what I see." I hope it turns out better. Pax vobiscum

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.