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Alle Macht der Zentralbank: IWF-Ökonomen entdecken das Vollgeld

23.08.2012, 15:00 Uhr  ·  Banken als Lagerhäuser: Eine Trennung von Geld und Kredit soll das Wirtschaftswachstum fördern und die Anfälligkeit des Finanzsystems für Risiken verringern. Das Konzept ist ein Kind der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre. Von Patrick Welter

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Banken als Lagerhäuser: Eine Trennung von Geld und Kredit soll das Wirtschaftswachstum fördern und die Anfälligkeit des Finanzsystems für Risiken reduzieren. Das Konzept ist ein Kind der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre.

Von Patrick Welter

Das sogenannte Vollgeld erhält die höheren Weihen. Zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds haben eine Studie veröffentlicht, in der sie die radikale Bank- und Geldreform letztlich gutheißen. Die IWF-Forscher simulieren in einem Modell die Einführung des Vollgelds in den Vereinigten Staaten und kommen zu erstaunlichen Ergebnissen: Die Wirtschaftsleistung könne langfristig um 10 Prozent steigen, die Staatsschuld von 80 auf 60 Prozent des BIP fallen, Steuersätze und reale Zinssatz deutlich sinken.

Vollgeld, wie es der schweizerische Verein für Monetäre Modernisierung nennt, meint eine 100-prozentige Deckung der Sichteinlagen, je nach Ausgestaltung auch aller Einlagen bei den Banken. Damit würde den Geschäftsbanken die Möglichkeit genommen, durch Kreditvergabe Giralgeld zu schaffen. Die Geldversorgung läge wieder allein in den Händen der Zentralbank beziehungsweise des Staates. „Banken würden zu Lagerhäusern, die das Geld der Kunden für Transaktionszwecke bereithalten”, sagt Michael Kumhof, einer der IWF-Ökonomen. Kredite würden nicht mehr durch Giralgeld der Banken, sondern durch Investitionsfonds oder den Staat finanziert.

Befürworter des Vorschlags versprechen sich davon, dass mit dem Verschwinden der mehr oder weniger unkontrollierten Giralgeldschöpfung Kredit- und Konjunkturzyklen gedämpft und Finanzkrisen verhindert werden könnten. Kumhof hat früher bei der Barclays Bank gearbeitet. Er bezweifelt aufgrund dieser Erfahrung, dass die Notenbank noch viel Kontrolle über die Geldversorgung habe. Die Studie stelle nicht die Linie des Währungsfonds dar, betonte der Ökonom.

Hinter der Reformidee steht die Vermutung, dass Kreditzyklen und Finanzkrisen weniger durch eine unstete und zu expansive Geldpolitik, sondern eher durch irrationale Übertreibungen der Banken bei der Giralgeldschöpfung hervorgerufen werden. Diese These der Finanzmanien ist seit der Krise 2008 wieder modern, aber umstritten. Der Ökonom George Selgin von der Universität von Georgia etwa zeigte schon in den neunziger Jahren theoretisch und an historischen Beispielen auf, dass unregulierte Bankensysteme nicht naturgemäß zu Übertreibungen führen.

Im Übergang zur 100-prozentigen Reservedeckung schüfe der Staat in großem Umfang Geld, mit dem nach Vorstellung der IWF-Ökonomen die Staatsverschuldung drastisch verringert und private Kredite gestrichen werden könnten. „Das nennt man Monetisierung der Staatsschuld”, sagt Lawrence White von der George-Mason-University in Virginia. Kumhof vom IWF aber sieht kein Inflationsrisiko, weil das zusätzliche Geld durch die Pflicht zur 100-prozentigen Reservehaltung aufgesogen würde. White warnt auch, dass die private Intermediation, die Vermittlung zwischen Kreditgeber und -nehmer durch Banken, dadurch ersetzt werde, dass die Menschen Staatsanleihen hielten. „Das wird die Produktivität nicht erhöhen”, sagt White. „Es ist ungefähr das Gegenteil von dem, was Adam Smith empfahl.”

Einer der seltenen Verfechter der Reform in Amerika ist Ronnie Phillips, emeritierter Professor der Colorado State Universität. Phillips gesteht ein, dass im Übergang zur 100-prozentigen Reservehaltung die Kreditvergabe schrumpfen werde. Auf Dauer aber würden genügend Anleger Kapital für Investitionen zur Verfügung stellen, weil sie nur so Rendite erlangen könnten, sagt Phillips. Gelingt das nicht, droht eine Abhängigkeit des Kreditmarktes von staatlichen Infusionen.

Die radikale Reform wurde als „Chicago-Plan” während der Depression in Amerika in den dreißiger Jahren maßgeblich von dem Chicago-Ökonomen Henry Simons entwickelt und in einer Variante auch vom Yale-Ökonomen Irving Fisher verfochten. Heute spielt die Idee in der geldpolitischen Diskussion in den Vereinigten Staaten keine große Rolle. Nach jeder großen Kreditkrise aber taucht sie wieder auf, nach dem Debakel der Spar- und Darlehensbanken in den achtziger Jahren als Vorschlag des „engen Bankgeschäfts”, heute in der Urform des Chicago-Plans.

In Europa fand die Idee die Zustimmung von Walter Eucken, einem der Vordenker des Ordoliberalismus, der für eine strikte Trennung der Giral- und der Kreditabteilungen der Banken plädierte. Eucken erkannte indes wie heute auch Phillips, dass die Kontrolle der Geldschöpfung durch den Staat das Risiko einer politischen Inflationierung nicht aus der Welt räume und letztlich verschärfe. Eucken setzte gegen diese Gefahr die Warenwährung. Phillips empfiehlt eine strikte Geldmengenregel à la Milton Friedman, gemäß der die Zentralbank die Geldmenge konstant wachsen lassen solle. Friedman, selbst von der Universität Chicago und für radikale Ideen offen, zeigte Sympathie für den Chicago-Plan der 100-prozentigen Reservepflicht, um die geldpolitische Kontrolle der Zentralbank zu stärken. „Selbst ihm aber ging der Plan zu weit”, sagt der Ökonom White. Friedman habe dann dafür plädiert, wenigstens auf alle Bestandteile der Geldmenge M2 den gleichen Reservesatz anzuwenden, um Schwankungen zu verringern.

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (9)
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0 makika 24.08.2012, 13:30 Uhr

Besuchen Sie bitte obige...

Besuchen Sie bitte obige Webseite, um das Vollgeld-Konzept kennen zu lernen. Wie Sie sehen werden, handelt es sich um ein Konzept, das darauf ausgerichtet ist, die schweren Fehlfunktionen des heutigen Geldsystems zu beheben. In den letzten drei Jahrzehnten gab es unzählige Währungs- und Bankenkrisen. Trotzdem wollen Ökonomen, Politiker und Banker uns weismachen, dass das bestehende Geldsystem das bestmögliche ist. Es ist an der Zeit, eine monetäre Modernisierung zu initiieren - und dabei ist das Vollgeld-System bisher der beste Kandidat, u.a weil es die Schwächen des 100%-Systems korrigiert.
Zum Free Banking siehe:
vollgeld.files.wordpress.com/.../faq-warum-nicht-free-banking.pdf

0 FAZ-gb 24.08.2012, 13:29 Uhr

@ lutz-breunig Wobei man...

@ lutz-breunig Wobei man hinzufügen sollte, dass der Begriff "Vollgeld" nicht von den Schöpfern dieses Konzepts stammt. Gruß gb.

0 lutz-breunig 24.08.2012, 13:02 Uhr

Die Vorsilbe "Voll"...

Die Vorsilbe "Voll" transportiert ja per se etwas Allumfassendes, Aspruchsvolles, nicht mehr zu Toppendes: von Voll-Service über Voll-Kasko zur Voll-Trunkenheit, und jetzt auch noch Voll-Geld; ... Voll-Krass ;-)

0 rum 24.08.2012, 12:58 Uhr

Kredit geben und nehmen zu...

Kredit geben und nehmen zu dürfen, ist ein selbstverständliches Recht, und Kredit geben ist nicht nur Geld leihen: eine Ware zu geben, oder etwas zu leisten, mit der Bedingung, dass es in einem späteren Zeitpunkt eventuell in ähnlicher Weise vergolten wird, ist auch Kredit. Ebenso ein selbstverständliches Recht sollte es sein, solche Kredite zu verbriefen, von Forderungen zugünsten von dritten abzutretten. Das sind die Grundlagen der Entstehung von Geld, und das darf nicht ein Monopol von Banken oder Zentralbanken sein. Die Repression wird nie so groß sein können, dass man so ein Monopol durchsetzt: der Vollgeldkredit wird also nur zusätzlicher, inflationärer Kredit an der falschen Stelle. Diese Theorie von Vollgeld stammt aus einer falschen Vorstellung von Geld, geteilt von Bimetallisten, Irving Fisher und Milton Friedman.

0 Klangfoerster 24.08.2012, 05:31 Uhr

Danke für die gute...

Danke für die gute Darstellung der wesentlichen Punkte der Studie. Das belebt die notwenige öffentliche Diskussion über die Möglichkeiten, das Geldsystem zu reformieren. Was leider nicht deutlich wird: Die "Monetative", die von den Befür- wortern des Vollgeldes angestrebt wird, ist nicht so ohne weiteres mit der heutigen Zentralbank zu vergleichen. Wie das Gleichgewicht einer solchen Institution der Geldmengenkontrolle zwischen demokratischer Legitimation(Politik) und Unabhängigkeit gewahrt werden kann, ist die Frage. Das Vollgeldsystem sollte als Alternative zum jetzigen System der Geldschöpfung durch die Banken mehr diskutiert werden. Bis jetzt wissen die Bürger ja kaum, wie das geltende System funktioniert. Dieses Unwissen gefährdet letztlich die Demokratie, denn das Geld- system schafft oder vernichtet den Spielraum für politisches Handeln.

0 FAZ-gb 23.08.2012, 21:07 Uhr

Bei ihrer historischen...

Bei ihrer historischen Begründung des staatlichen Charakters des Geldes schlagen die beiden Autoren einen kühnen Bogen von - unter anderem - Graeber über Knapp zu Laum. Man muss kein Anhänger eines "Free Banking" sein, um diese Darstellung etwas einseitig zu finden.
Staatliches Vollgeld und Privates Geld als konkurrierende alternative monetäre Ordnungen werden seit langem von "Austrians" mit dem für Vertreter dieser Schule nicht untypischen sektiererischen Furor kontrovers diskutiert. Unter anderem geht es bei dem Streit um die Frage, welche der konkurrierenden Positionen eher die Überzeugungen des Säulenheiligen Ludwig von Mises abbildet. Da sich Mises hierzu nicht eindeutig geäußert hat, dürfte diese gänzlich folgenlose Debatte noch lange weitergehen.
Ein Beispiel für ein nicht untypisches Duell um Vollgeld und Free Banking zwischen Salerno und Selgin:
1. http://bastiat.mises.org/2012/07/the-selgin-story/ (Salerno)
2. http://www.freebanking.org/2012/07/12/reply-to-salerno/ (Selgin)

0 derherold 23.08.2012, 20:18 Uhr

"...kommen zu erstaunlichen...

"...kommen zu erstaunlichen Ergebnissen..."
Die in der Regel in den Modellannahmen liegen. ;)
Vielleicht könnte man erklären, welche der heutigen Probleme mit dem Vollgeld beseitigt werden könnten: Das "Schmieren des Apparates", damit dieser angesichts von Militäreinsätzen und Masseneinwanderung gewogen bleibt, das "Angleichen der Lebensverhältnisse in Europa" oder das ganz schnöde Bedürfnis, hier und da, für Flugplätze und Rennstrecken, für Referenten und "Investitionen" im Öffentl. Dienst ein paar Milliärdchen freizumachen ?

0 AlexM3 23.08.2012, 19:52 Uhr

Genau was zur Zeit geschieht,...

Genau was zur Zeit geschieht, zeigt was für ein Unsinn es ist: QE und QE2 sowie das haltlose Gelddrucken durch die europäischen Staaten zum Direktkonsum der Staatdiener (inkl. Pensionäre plus (zum übrigens weitaus geringerem Teil) Sozialfälle) bläht die Geldmenge auf. Mit Giralgeldschöpfung der privaten Banken hat das nichts zu tun. Das hat man auch früher schon mal durchdacht ... Wie soll das Geld denn unterlegt sein? Mit dem frei von natürlich über-kompetenten Politikern entschiedenen: Geld ???

0 rum 23.08.2012, 19:42 Uhr

Dilettanten im IWF entdecken...

Dilettanten im IWF entdecken eine alte, naive Idee wieder. Dieses Vollgeld wäre nur Inflation der schlimmsten Art.

Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington