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Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Das Faszinierendste aus Wirtschaft und Finanzen. Prägnant beschrieben und kenntnisreich analysiert von Autoren der F.A.Z. und der Sonntagszeitung.

Wir können nur in einem Wohlfahrtsstaat leben, weil die Amerikaner keinen haben. Über die Zusammenhänge von Innovation und Ungleichheit

| 28 Lesermeinungen

Hier kommt eine provozierende These: Europa kann sich seine Wohlfahrtsstaaten nur leisten, weil Europa von amerikanischen Innovationen profitiert. Die Vereinigten Staaten können ihre Rolle als Pioniere im Bereich der Innovation aber nur spielen, wenn sie darauf verzichten, einen europäischen Wohlfahrtsstaat zu installieren. Ein Forschungspapier von Daron Acemoglu, James Robinson und Thierry Verdier.

“Clearly, the ideas developed in this paper are speculative…Whether these ideas contribute to the actual divergent institutional choices among relatively advanced nations is largely an empirical question.” Daron Acemoglu, James Robinson und Thierry Verdier

1. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die skandinavischen Länder sind, gemessen an der Wirtschaftsleistung (BIP pro Kopf) im Weltmaßstab reiche Nationen. Aber die Unterschiede sind doch so groß, dass man von unterschiedlichen Ausprägungen des kapitalistischen Modells reden kann. In den Vereinigten Staaten liegt das BIP pro Kopf um 25 bis 30 Prozent höher, die Menschen arbeiten mehr und der Wohlfahrtsstaat ist weniger ausgebaut als in Skandinavien (oder in Deutschland). Die Einkommens- und Vermögensverteilung ist in den Vereinigten Staaten ungleicher; dort gibt es, gemessen am Bevölkerungsanteil, auch mehr arme Menschen. Dafür werden in den Vereinigten Staaten – gemessen an jeweils einer Million Einwohner – sehr viel mehr Patente angemeldet, die für eine größere Innovationskraft der amerikanischen Wirtschaft sprechen.

2. Die Daron Acemoglu (Foto: privat)moderne Kapitalismusforschung befasst sich unter anderem mit der Frage, ob sich die unterschiedlichen Ausprägungen des Kapitalismus aneinander annähern können. Oder, anders gefragt: Können wir alle Skandinavier werden? Acemoglu (Foto: privat) & Co. sagen: Nein! Als Begründung betonen sie die Rolle von Innovationen in Modellen des Wirtschaftswachstums. Darin breiten sich in einem Lande gewonnene Innovationen über den Globus aus. Da das Wirtschaftswachstum stark durch technischen Fortschritt beeinflusst wird, profitiert die Weltwirtschaft von der Ausbreitung von Innovationen, die in einem Land gewonnen wurden.

3. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass die amerikanische Wirtschaft nicht nur mehr Patente generiert, sondern auch die Grenzen der Anwendung von Technologie weiter hinausschiebt als die europäischen Nationen. Um es an einem Beispiel festzuhalten: Die deutsche Industrie verbessert permanent die Qualität deutscher Autos und erzielt damit auch sehr ansehnliche Erfolge. Aber am Ende des Tages bleibt ein Auto in seiner Verwendung ein Auto, ob es nun eine Sitzheizung hat oder nicht. Es handelt sich um graduelle (wenn auch zum Beispiel in Sicherheitsfragen sehr wichtige) Verbesserungen vorhandener Produkte. Aus der amerikanischen Wirtschaft stammen hingegen weite Teile der modernen IT unter anderem mit ihren vielfältigen Anwendungen im Internet. Microsoft, Google und Apple haben nicht einfach lange vorhandene Produkte weiterentwickelt, sondern völlig neue geschaffen, die unsere Welt verändern.

4. Die bahnbrechenden Innovationen aus Amerika breiten sich in einer Welt freien Handels über den Globus und damit auch nach Europa aus. Wir profitieren damit von erstklassiger Technologie, ohne sie mit hohem Aufwand selbst entwickeln zu müssen. Diese Möglichkeit, auf anderswo entwickelte Technologien zurückzugreifen, erspart uns viel Geld und erleichtert es uns in Europa, an unseren Wohlfahrtsstaaten festzuhalten. Dies wiederum reduziert bei uns in Europa die Anreize, sich selbst um Technologieführerschaft zu bemühen. Daraus folgt eine interessante Form von Asymmetrie zwischen den Vereinigten Staaten und Europa: “In particular, innovation incentives by economies at the world technology frontier (i.e. Amerika) will create higher growth by advancing the frontier, while strong innovation incentives by followers (i.e. Europa) will only increase their incomes today since the world technology frontier is already being advanced by the economies at the frontier.” Hier wird ein dynamischer Prozess beschrieben: Die Amerikaner erfinden Technologie A, und während die Europäer dann anfangen, A möglicherweise zu verbessern, verändern die Amerikaner bereits mit Technologie B die Welt.

5. Da die Amerikaner die hohen Pioniergewinne für ihre Innovationen einstreichen, haben sie einen höheren Anreiz, nach weiteren Innovationen zu suchen als die Europäer. Dies setzt aber in den Vereinigten Staaten institutionelle Arrangements voraus, die es den Unternehmern und hochqualifizierten Mitarbeitern erlauben, die hohen Pioniergewinne auch zu realisieren. Dies wiederum geht nach Acemoglu & Co. aber nur, wenn der Staat darauf verzichtet, die materiellen Früchte dieser Pioniergewinne durch hohe Besteuerung zur Finanzierung eines europäischen Wohlfahrtsstaates zu verwenden. Würden die Amerikaner durch einen Wohlfahrtsstaat auf technologische Innovationen verzichten (und könnte sie niemand in dieser Rolle rasch ersetzen), würde das Wirtschaftswachstum in der Welt zurückgehen mit nachteiligen Folgen auch für das amerikanische Wirtschaftswachstum.

6. Beide Typen des Kapitalismus sind in gewisser Weise in ihrem jeweiligen Modell “gefangen”. Die Amerikaner können nicht aus ihrem heraus, aber auch für die Europäer ist es nachvollziehbar, in ihrem zu bleiben, solange sie von der Ausbreitung der amerikanischen Technologien profitieren können.

7. Das Fazit von Acemoglu & Co.: “This logic implies that the world equilibrium – with endogenous technology transfer – may be asymmetric, and some countries will have greater incentive than others. Since innovation is associated with more high-powered incentives, these countries will have to sacrifice insurance and equality. The followers, on the other hand, can best respond to the technology leader’s advancement of the world technology frontier by ensuring better insurance to their population – a better safety net, a welfare state and greater equality.”

 

Wie das Eingangszitat zeigt, betrachten die Autoren diese These selbst als spekulativ und einer empirischen Überprüfung bedürftig. Aber das Paper ist ein Beispiel für moderne Ökonomik: eine interessante, durchaus politikrelevante These, eine theoretische Formulierung (die Autoren leiten ihre These anhand eines modernen Wachstumsmodells ab) und die Notwendigkeit, Theorie und Empirie zusammen zu führen. Wer behauptet, dass moderne Ökonomik weltfremd und irrelevant sei?

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28 Lesermeinungen

  1. Das ist ja alles offenbar noch...
    Das ist ja alles offenbar noch viel wilder: Ich habe jetzt nicht das komplette Papier gelesen, aber verstehe ich folgenden Absatz aus dem Abstract:
    “… A greater gap of incomes between successful and unsuccessful entrepreneurs (thus greater inequality) increases entrepreneurial effort and hence a country’’s contribution to the world technology frontier.”
    … richtig, dass diese Modellannahme als unhinterfragbare a-priori-Voraussetzung in die Untersuchungen eingegangen ist? Das ist jawohl ein Witz. Und solche hanebüchen vereinfachenden Annahmen sollen dann nicht mehr “weltfremd” sein, und die daraus gefolgerten Resultate sogar “äußerst spannend” und “politikrelevant”? Ich kann’s kaum glauben.

  2. @ hrbjoern
    "Wenn das schon der...

    @ hrbjoern
    “Wenn das schon der “state of the art” in den Wirtschaftswissenschaften sein soll … fragt man sich erst recht, warum so eine steile und v.a. kaum belegte These hier so viel Raum findet.”
    Die Antwort hat Volker Caspari geliefert:
    “Gleichwohl: Acemoglu und Co. ist immer äußerst spannend und anregend.”

  3. @Gerald Braunberger:
    "wenn...

    @Gerald Braunberger:
    “wenn jemand etwas Unerwünschtes schreibt” – Es geht mir nicht darum, dass das, was Acemoglu & Co. schreiben, “unerwünscht” sei. Es geht darum, dass es m.E. nicht stichhaltig ist, sondern reichlich (!) kurz gedacht – vcaspari und ich haben einige offensichtliche Gegenargumente erwähnt. Wenn das schon der “state of the art” in den Wirtschaftswissenschaften sein soll … fragt man sich erst recht, warum so eine steile und v.a. kaum belegte These hier so viel Raum findet.

  4. @edehac
    Die Sowjetunion hat...

    @edehac
    Die Sowjetunion hat Ähnliches getan: Warum hat es dort nicht funktioniert?

  5. Wer hat denn nach 1945 die...
    Wer hat denn nach 1945 die Innovationen aus der NAZI-Zeit bedingungslos ausgebeutet, egal, ob sie zB bei Menschenversuchen in den KZ´s (Mengele) oder bei der Ausbeutung von KZ-Zwangsarbeitern (von Braun) entstanden waren – die USA!
    Dann nicht vergessen, die USA fuehren quasi pausenlos irgendwelche Kriege bzw entwickeln militaerische Bedrohungsszenarien (Reagan: Krieg der Sterne) – daraus ergeben sich unzaehlige Innovationen* innerhalb der Ruestungsindustrie – quasi unbegrenzte Geld(Steuer)mittel gehen in die entsprechende Forschung – was davon fuer zivile Anwendung ausgebeutet werden kann verspricht riesige Profite, da die Entwicklungskosten ja bereits vom Steuerzahler aufgebracht wurden.
    Den Zustand einer Gesellschaft kann man mAn daran erkennen, wie hoch der Anteil des industriel-militaerischen Komplexes am BIP ist – der ist in den USA gewaltig und in Deutschland gibt es da leider auch in den letzten Jahrzehnten eine gewaltige Steigerung (auf Kosten des Sozialstaates!?).
    *) zB Internet, GPS, Flugdrohnen usw.

  6. @hrbjoern
    Daron Acemoglu hat...

    @hrbjoern
    Daron Acemoglu hat in einer Reihe jüngerer Arbeiten, die zum Teil in diesem Blog vorgestellt wurden, die immer schiefer werdende Einkommens- und Vermögensverteilung in den Vereinigten Staaten als außerordentlich problematisch geschildert. Die in Blogdiskussionen gelegentlich auftauchende Denkfigur- -wenn jemand etwas Unerwünschtes schreibt, müsste/könnte er von finsteren Gestalten gekauft worden sein – funktioniert hier (wie in vielen anderen Fällen) schlichtweg nicht.

  7. Es ist immer wieder amüsant...
    Es ist immer wieder amüsant zu sehen, dass Ökonomen angeblich mit allem rechnen, ausser mit der Ökonomie selbst, die hier im blinden Fleck angesiedelt ist.
    .
    Warum nicht einfach konstatieren, dass die USA im ökonomischen Bereich innovativ ist, dass sie stets neue Geschäfts- und Finanzierungsmodelle erfindet, dass der Neuerfindung der Firma eine sozialreformerische Bedeutung beigemessen wird? Weil man das so viel schlechter quantifizieren kann, als die Zahl der angemeldeten Patente? Es ist doch nicht der Ingenieursgeist den der Wohlfahrtsstaat schwächt, sondern das soziale und ökonomische Experimentieren. Das gilt auch und natürlich für die IT, die man, wie der Artikel, unter Technologie und Ingenieurkunst subsumiert, statt sich die Mühe zu unterziehen, sie als eine Kultur und Lebensform zu betrachten, die ihre eigene Popkultur generiert. Hat denn niemand Paul Graham gelesen?
    .
    Es sind diese Dinge, die sich so schwer tun den Atlantik zu überqueren und die hier zwar vereinzelt in einigen Köpfen und Unternehmen herumspuken, aber nirgendwo eine hohe Dichte erreichen. Man ist hier stolz auf solide staatliche Institutionen, auf Qualitätsbewusstsein und ingenieurtechnische Erfindungen. Wenn man an “Gegenkultur” denkt fallen einem vielleicht Punks und Ökos ein, aber kein Silicon Valley.

  8. Also wenn die beiden Herren...
    Also wenn die beiden Herren spekulieren, darf man auch mal spekulieren.
    Europa ist ziemlich heterogen, deshalb beschränke ich mich auf die BRD als Gegenmodell zu USA.
    1. Die BRD ist in einigen Bereichen Technologieführer, z.B. Nanotechnik, Medizintechnik, Meß- und Regeltechnik (für Flugzeuge) (“fly by wire” lange vor Boeing). Schweigen wir von den Inventionen, die von Japan zu Innovationen weiterentickelt wurden, wie z.B. das FAX. Im pharmazeutischen Bereich sind deutsche Unternehmen mindestens “gleichauf”.
    2. Die Strategie des “Schnellen Zweiten” erfordert fast die gleiche Wissensbasis,
    wie die des Innovators, ermöglicht aber eine “kulturgerechte” Adaption.
    3. ITK ist sicher die Domäne der USA. Aber gerade die IKT leidet darunter, dass sie bislang kaum zu einer Steigerung der Arbeitsproduktivität geführt hat. Darauf hat nicht nur Solow in den 1990ern, sondern jüngst Bob Gordon in eine NBER working paper vom August 2012 hingewiesen und das zu einen wesentlichen “headwind” erklärt sowie prognostiziert, dass die USA in eine Phase schwachen Wachstums einschwenken werden. Von daher braucht sich Europa und auch die BRD keine Sorgen zu machen, wenn das nicht so entwickelt ist, weil sich das eben kaum auf Produktivität auswirkt. Etwas überspitzt: neue Klingeltöne und durch die Büros stolpernde iPhone Verwender haben nicht unbedingt eine hohe Produktivität.
    Ich habe, zumindest für die BRD, keine Evidenz, dass mehr Einkommens- und Vermögensgleichheit (als in den USA) zu weniger Inventionen und Innovationen führt. Die größte Einkommens- und Vermögensungleichheit herrscht in Afrika. Dort haben wir m.W. keine Technologieführer.
    Gleichwohl: Acemoglu und Co. ist immer äußerst spannend und anregend.

  9. "Dies setzt aber in den...
    “Dies setzt aber in den Vereinigten Staaten institutionelle Arrangements voraus, die es den Unternehmern und hochqualifizierten Mitarbeitern erlauben, die hohen Pioniergewinne auch zu realisieren. Dies wiederum geht nach Acemoglu & Co. aber nur, wenn der Staat darauf verzichtet, die materiellen Früchte dieser Pioniergewinne durch hohe Besteuerung zur Finanzierung eines europäischen Wohlfahrtsstaates zu verwenden.”
    … so ein Unsinn. Ist es nicht offensichtlich, dass bei dieser These der (erkaufte?) Wunsch der Vater des Gedankens war? Wie viele Innovationen haben denn die Walmart-Familie oder gar die im Geld schwimmenden amerikanischen Banker erzeugt? Wie viele Innovationen sind von Microsoft gekommen, seit Bill Gates der reichste Mensch der Welt ist, und wieso hätte es diese Innovationen nicht gegeben, wenn Gates stärker besteuert würde?
    Kurzum: Mir scheint, es geht den Autoren bloß darum, die Bereicherung der herrschenden Klasse zu rechtfertigen (wer weiß, wer sie dafür bezahlt?), und dazu nutzt man dann halt mal das Buzzword “Innovation”.

  10. Der king of cargo cult hat...
    Der king of cargo cult hat wieder zugeschlagen.
    Man könnte nun lang und breit argumentieren, wo Acemoglu&Co. solide Inhalte der Innovationsforschung weggelassen haben oder warum nun ausgerechnet der cutthroat capitalism so große Außenhandelsdefizite hat.
    Beziehen wir es einfach mal auf die Profession: Ich wünsche mir, daß Acemoglu in einem paper erklärt, wie im cutthroat capitalism der interconnected world die John Bates Clark Medal seit 1996 ausschließlich an Vertreter eines Departments gehen kann.

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