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Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Das Faszinierendste aus Wirtschaft und Finanzen. Prägnant beschrieben und kenntnisreich analysiert von Autoren der F.A.Z. und der Sonntagszeitung.

Harvard links, Chicago rechts?

| 13 Lesermeinungen

Ökonomen haben politische Vorlieben. Trotzdem gibt es in vielen Fragen einen Konsens.

Drei Juristen, sieben Meinungen – so geht der alte Witz. Auch über Ökonomen heißt es, dass sie in wichtigen Fragen völlig uneins seien. So wurde in der großen Rezession heftig über staatliche Konjunkturprogramme gestritten. Zwei amerikanische Präsidentenberater errechneten für Obamas Konjunkturpaket einen hohen Multiplikator (große positive Effekte auf die Privatwirtschaft). Ein konservativer Kollege konterte, das sei “Voodoo Economics”. In Deutschland haben widersprüchliche Ökonomenaufrufe zur EU-“Bankenunion” die Öffentlichkeit verwirrt (hier, hier und hier). Andere Streitfragen sind: Sparen die Krisenländer zu viel oder zu wenig? Ist die Währungsunion grundlegend falsch konstruiert – oder fehlen nur strengere Regeln?

Für das Ansehen einer Wissenschaft spielt es eine große Rolle, ob sie als politisch neutral oder als ideologisch angesehen wird. Vertreten Ökonomen in wichtigen Fragen unterschiedliche Meinungen, weil sie politische Vorlieben haben? Oder gibt es doch einen wissenschaftlich etablierten Konsens?

In der Vergangenheit gab es berühmte Frontlinien: Keynesianer contra Monetaristen. Man sprach in den siebziger Jahren in Amerika von der Süßwasser- und der Salzwasser-Schule in der Makroökonomie, die über die Wirksamkeit keynesianischer Konjunkturpolitik stritten. Chicago (an der Spitze Milton Friedman), Rochester, Minneapolis und Pittsburgh – die Städte liegen alle an Süßwasserseen – waren die Hochburgen der anti-keynesianischen Ökonomen. In Harvard, Berkeley, Princeton und Yale sowie besonders am MIT in Cambridge (mit Paul Samuelson und Robert Solow) saßen die Verteidiger der keynesianischen Lehre.

Vereinfacht kann man von einer Rechts-links-Trennung sprechen: Die eine Seite vertraut der ordnenden Kraft des Markts und bevorzugt marktwirtschaftliche Lösungen. Chicago galt und gilt als die Hochburg der “rechten”, streng marktwirtschaftlichen Ökonomen. Die andere Seite dagegen betont, dass Märkte zu Instabilität neigen, dass es Marktversagen gibt und dass der Staat regulieren, intervenieren, umverteilen muss. Solche linksliberalen Ansichten werden eher in Harvard und Yale vertreten.

Aber gibt es wirklich eine strikte Lagerbildung zwischen liberal-konservativen und linksliberalen Ökonomen? Roger Gordon und Gordon B. Dahl haben das “IGM Economic Experts Panel”, eine Umfrage unter 41 Wirtschaftsprofessoren von acht Top-Universitäten (Berkeley, Chicago, Harvard, MIT, Princeton, Rochester, Stanford und Yale), ausgewertet. Sie haben eher das Gegenteil gefunden: Es gibt keine Links-rechts-Trennung, es überwiegt stattdessen ein professioneller Konsens bei den allermeisten Fragen. Im IGM Panel werden die Ökonomen in ein- bis zweiwöchentlichem Rhythmus zu Streitfragen befragt. Die Antworten werden im Internet veröffentlicht (auf www.igmchicago.org). Mal geht es um die amerikanische Geldpolitik, mal um die Steuer- und Schuldenpolitik, mal um die Gesundheitsreform. Es geht um Drogen, Umweltsteuern, Gold als Währung, Ungleichheit, Managergehälter, Freihandel, die “Too big to fail”-Problematik im Finanzsektor, Bildungsgutscheine, die chinesische Wechselkurspolitik, Kubas Wirtschaftsprobleme, französische Arbeitsmarktregulierung, Italiens Schuldenberg oder die Krise der Europäischen Währungsunion.

Eine statistische Analyse der Antworten zeigt, dass es sehr große Übereinstimmungen gibt, sofern zu dem Thema eine breite wissenschaftliche Literatur mit theoretischen und empirischen Untersuchungen existiert. Bei 32 von 80 Abstimmungen gab es kaum oder gar keine Meinungsunterschiede. Schwieriger war es, wenn zu einem Thema keine oder wenig wissenschaftliche Untersuchungen vorliegen. Dann gab es viele Enthaltungen oder ein geteiltes Meinungsbild.

Am meisten klafften die Antworten bei fünf kontroversen Fragen auseinander: zu den ökonomischen Auswirkungen der Fracking-Technik in der Erdgasförderung (Bringt das Amerikas Re-Industrialisierung?) oder zur Besteuerung von süßen Softdrinks (mehr oder weniger Fettleibige?). Uneinigkeit gibt es auch zur Euro-Krise: Ist ein großer Schuldenschnitt für die Euro-Krisenländer eine Voraussetzung für ein Ende der Krise und für eine Rückkehr des Wachstums? Eine Mehrheit der Ökonomen war davon überzeugt, ein Fünftel skeptisch. Auch in Bildungsfragen gab es erhebliche Uneinigkeit.

Zu fast allen anderen Fragen war jedoch das Meinungsbild ziemlich eindeutig. Zum Beispiel: Niedrigere Steuern führen zu höherem Wirtschaftswachstum. Oder: Freihandel bringt größere Effizienz der Produktion und mehr Wahlfreiheit für die Konsumenten, langfristig überwiegen die Gewinne alle möglichen Auswirkungen auf die Beschäftigung. Dem stimmten drei Viertel der Ökonomen zu. Zur Problematik der Banken, die “zu groß zum Scheitern” sind, sagten die Ökonomen mehrheitlich, die Regierung sollte die Banken schrumpfen. Der wirtschaftliche Nutzen von Banken mit Billionenbilanzen sei gering.

Der Konsens unter den Ökonomen erstreckt sich dabei über Parteigrenzen hinweg, fanden Gordon und Dahl heraus. Es gebe keine klare Polarisierung, betonen sie. Interessant dabei: Männer trauten sich eher, eine Meinung zu vertreten, auch wenn diese vielleicht nicht dem Konsens entspricht. Frauen waren zurückhaltender. Wer in Washington als Berater gearbeitet hatte, war eher meinungsstark. Mit steigendem Alter nahm zudem die Wahrscheinlichkeit abweichender Meinungen zu – vielleicht weil ein Ökonom, der seine Karriere schon gemacht und nichts mehr zu verlieren hat, sich eher Zweifel an der Mehrheitsmeinung erlaubt.

Insgesamt sehen Gordon und Dahl ihre Hypothese bestätigt, dass es keine abgrenzbaren liberal-konservativen und linksliberalen Lager unter den Ökonomen gibt. Nicht jeder wird dieses Ergebnis glauben. Noch heute fällt doch auf, dass einige Ökonomen konsistent eher pro Markt oder pro Intervention argumentieren. Dass die Wirtschaftswissenschaft überhaupt nicht von politischen Werturteilen geprägt sein soll, erscheint utopisch. Sie ist und bleibt eine Sozialwissenschaft, die keine naturwissenschaftlich exakten Ergebnisse hervorbringt.

Literatur:
Roger Gordon, Gordon B. Dahl: Views among economists: Professional consensus or point-counterpoint? NBER Working Paper 18728, Januar 2013

Der Beitrag ist in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 10. Februar als “Sönntagsökonom” veröffentlicht worden. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.

 

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13 Lesermeinungen

  1. Back on topic
    The Freiberger School of Economics and Alfred Müller-Armack, founder of the Social Market Economy. This is based on Stability, Sustainability, Solidarity and Subsidiarity. It works well in Switzerland where annual growth of 1-2% is regarded as the aim. Under 1% and you get an undesirable “S” – Stagnation. Over 2% and you get another “S” – Stop! The brakes go on because the danger is inflation.

    Is there any interest in the USA for the Social Market Economy model?

  2. The future of the eurozone.
    I believe the eurozone is now a Schicksalgemeinschaft. I am wondering if a de facto
    devaluation will take place in the weakest member countries in the eurozone with the euros there being offered at a discount to customers and trading partners. The eurozone may in fact start (or maybe already it has started?) to crumble of its own accord – but unofficially, as no member country would like to lose any support, finance etc which it is getting from Brussels, the EZB etc.

  3. Peripherie
    @ huthmann

    Bei allem Verständnis: Sie können nicht erwarten, dass ich jetzt an dieser Stelle wiederhole, was ich in fünf Beiträgen über die iberischen Länder geschrieben habe (die Links sind in dem weiter unten zitierten dritten Portugal-Artikel).

  4. Peripherie
    Sehr geehrter Herr Braunberger,

    Sie beschreiben Strukturreformen, die angegangen worden sind, um eine höhere Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen.

    Die Frage ist, ob die Unternehmerschaft in Portugal samt externer Unternehmerschaft (über Direktinvestitionen) in der Lage ist, eine Wirtschaft AUFZUBAUEN, die handelsfähige konkurrenzfähige Produkte und Dienstleistungen herstellen kann und dies in Konkurrenz zu den nordeuropäischen Ländern. Ist das machbar?

    MfG

  5. Peripherie
    @ Huthmann

    Welche der von mir zitierten Daten sind fragwürdig?

  6. Südeuropäische Länder in der Krise
    Sehr geehrter Herr Braunberger,

    in den südeuropäischen Ländern verbessert sich die Wettbewerbsfähigkeit zum großen Erstaunen von vielen Fachleuten wie Sinn, wie IWF leider nicht.

    Herr Sinn wundert sich, warum die Preise nicht nachgeben. Der IWF fragt sich, warum das BIP in höherem Maße zurückgeht als die Planungen vorsehen.

    Die Wasserstandsmeldung, die Sie aus Portugal gegeben haben, halte ich für absolut fragwürdig und nicht auf realistischen Daten fundierend.

    Anders ausgedrückt: wir sind noch nicht einmal am Anfang einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und es ist sehr fraglich, ob sie überhaupt erreicht werden kann.

    MfG

  7. Rezepte für die Peripherie
    @ Andreas Huthmann

    Damit haben wir uns in FAZIT nun wirklich ausgiebig befasst:

    http://blogs.faz.net/fazit/2013/02/12/lissaboner-langlauf-3-strukturreformen-und-privatisierungen-921/
    (Mit Verweisen auf weitere Beiträge)

  8. Über was sind sich die Ökonomen wirklich einig?
    Tja, wie ist nun die richtige Vorgehensweise für die südeuropäischen Länder.

    Was wissen wir?

    Das BIP wurde durch nachfragewirksame Geldschöpfungsbeschleunigung der Geschäftsbanken und/oder nachfragewirksam werdende Verschuldung der Staaten mindestens ein Jahrzehnt in die Höhe getrieben. Im Gefolge stiegen Löhne und Gehälter. Die so und so kritisch zu sehende Wettbewerbsfähigkeit wurde dadurch weiter unterminiert.

    Was ist nun zu tun?

    Da gibt es meiner Kenntnis nur umstrittene Rezepte. Warum sind sie umstritten? Weil die zugrundeliegenden Modelle absolut unterschiedlich sind. Z.B. Arbeitsmarkt: sind Löhne und Gehälter zumindestens mittel- und langfristig flexibel? Z.B. Gleichgewicht: tendieren Märkte zum Gleichgewicht oder neigen sie zur Konzentrationsbildung in Form von Oligopolen, Monopolen? Z.B. wie lange braucht es um eine binnenorientierte Wirtschaft in eine mehr Export-orientierte Wirtschaft umzubauen? Z.B. Multiplikator von Staatsausgabenerhöhung oder -senkung? Etc.

    MfG

  9. The first maxim of Consumer Psychology is:
    It’s a Recession if YOUR Neighbour has lost HIS job
    It’s a Depression if YOU have lost YOUR job.

  10. Have economics been replaced by Consumer Psychology?
    The latter seems to me to be a much more powerful force, if only because there are so many consumers (300m) in the USA which (thank goodness) is FAR FAR more than the number of economists in the USA.

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