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Harvard links, Chicago rechts?

20.02.2013, 11:48 Uhr  ·  Ökonomen haben politische Vorlieben. Trotzdem gibt es in vielen Fragen einen Konsens.

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Drei Juristen, sieben Meinungen – so geht der alte Witz. Auch über Ökonomen heißt es, dass sie in wichtigen Fragen völlig uneins seien. So wurde in der großen Rezession heftig über staatliche Konjunkturprogramme gestritten. Zwei amerikanische Präsidentenberater errechneten für Obamas Konjunkturpaket einen hohen Multiplikator (große positive Effekte auf die Privatwirtschaft). Ein konservativer Kollege konterte, das sei “Voodoo Economics”. In Deutschland haben widersprüchliche Ökonomenaufrufe zur EU-”Bankenunion” die Öffentlichkeit verwirrt (hier, hier und hier). Andere Streitfragen sind: Sparen die Krisenländer zu viel oder zu wenig? Ist die Währungsunion grundlegend falsch konstruiert – oder fehlen nur strengere Regeln?

Für das Ansehen einer Wissenschaft spielt es eine große Rolle, ob sie als politisch neutral oder als ideologisch angesehen wird. Vertreten Ökonomen in wichtigen Fragen unterschiedliche Meinungen, weil sie politische Vorlieben haben? Oder gibt es doch einen wissenschaftlich etablierten Konsens?

In der Vergangenheit gab es berühmte Frontlinien: Keynesianer contra Monetaristen. Man sprach in den siebziger Jahren in Amerika von der Süßwasser- und der Salzwasser-Schule in der Makroökonomie, die über die Wirksamkeit keynesianischer Konjunkturpolitik stritten. Chicago (an der Spitze Milton Friedman), Rochester, Minneapolis und Pittsburgh – die Städte liegen alle an Süßwasserseen – waren die Hochburgen der anti-keynesianischen Ökonomen. In Harvard, Berkeley, Princeton und Yale sowie besonders am MIT in Cambridge (mit Paul Samuelson und Robert Solow) saßen die Verteidiger der keynesianischen Lehre.

Vereinfacht kann man von einer Rechts-links-Trennung sprechen: Die eine Seite vertraut der ordnenden Kraft des Markts und bevorzugt marktwirtschaftliche Lösungen. Chicago galt und gilt als die Hochburg der “rechten”, streng marktwirtschaftlichen Ökonomen. Die andere Seite dagegen betont, dass Märkte zu Instabilität neigen, dass es Marktversagen gibt und dass der Staat regulieren, intervenieren, umverteilen muss. Solche linksliberalen Ansichten werden eher in Harvard und Yale vertreten.

Aber gibt es wirklich eine strikte Lagerbildung zwischen liberal-konservativen und linksliberalen Ökonomen? Roger Gordon und Gordon B. Dahl haben das “IGM Economic Experts Panel”, eine Umfrage unter 41 Wirtschaftsprofessoren von acht Top-Universitäten (Berkeley, Chicago, Harvard, MIT, Princeton, Rochester, Stanford und Yale), ausgewertet. Sie haben eher das Gegenteil gefunden: Es gibt keine Links-rechts-Trennung, es überwiegt stattdessen ein professioneller Konsens bei den allermeisten Fragen. Im IGM Panel werden die Ökonomen in ein- bis zweiwöchentlichem Rhythmus zu Streitfragen befragt. Die Antworten werden im Internet veröffentlicht (auf www.igmchicago.org). Mal geht es um die amerikanische Geldpolitik, mal um die Steuer- und Schuldenpolitik, mal um die Gesundheitsreform. Es geht um Drogen, Umweltsteuern, Gold als Währung, Ungleichheit, Managergehälter, Freihandel, die “Too big to fail”-Problematik im Finanzsektor, Bildungsgutscheine, die chinesische Wechselkurspolitik, Kubas Wirtschaftsprobleme, französische Arbeitsmarktregulierung, Italiens Schuldenberg oder die Krise der Europäischen Währungsunion.

Eine statistische Analyse der Antworten zeigt, dass es sehr große Übereinstimmungen gibt, sofern zu dem Thema eine breite wissenschaftliche Literatur mit theoretischen und empirischen Untersuchungen existiert. Bei 32 von 80 Abstimmungen gab es kaum oder gar keine Meinungsunterschiede. Schwieriger war es, wenn zu einem Thema keine oder wenig wissenschaftliche Untersuchungen vorliegen. Dann gab es viele Enthaltungen oder ein geteiltes Meinungsbild.

Am meisten klafften die Antworten bei fünf kontroversen Fragen auseinander: zu den ökonomischen Auswirkungen der Fracking-Technik in der Erdgasförderung (Bringt das Amerikas Re-Industrialisierung?) oder zur Besteuerung von süßen Softdrinks (mehr oder weniger Fettleibige?). Uneinigkeit gibt es auch zur Euro-Krise: Ist ein großer Schuldenschnitt für die Euro-Krisenländer eine Voraussetzung für ein Ende der Krise und für eine Rückkehr des Wachstums? Eine Mehrheit der Ökonomen war davon überzeugt, ein Fünftel skeptisch. Auch in Bildungsfragen gab es erhebliche Uneinigkeit.

Zu fast allen anderen Fragen war jedoch das Meinungsbild ziemlich eindeutig. Zum Beispiel: Niedrigere Steuern führen zu höherem Wirtschaftswachstum. Oder: Freihandel bringt größere Effizienz der Produktion und mehr Wahlfreiheit für die Konsumenten, langfristig überwiegen die Gewinne alle möglichen Auswirkungen auf die Beschäftigung. Dem stimmten drei Viertel der Ökonomen zu. Zur Problematik der Banken, die “zu groß zum Scheitern” sind, sagten die Ökonomen mehrheitlich, die Regierung sollte die Banken schrumpfen. Der wirtschaftliche Nutzen von Banken mit Billionenbilanzen sei gering.

Der Konsens unter den Ökonomen erstreckt sich dabei über Parteigrenzen hinweg, fanden Gordon und Dahl heraus. Es gebe keine klare Polarisierung, betonen sie. Interessant dabei: Männer trauten sich eher, eine Meinung zu vertreten, auch wenn diese vielleicht nicht dem Konsens entspricht. Frauen waren zurückhaltender. Wer in Washington als Berater gearbeitet hatte, war eher meinungsstark. Mit steigendem Alter nahm zudem die Wahrscheinlichkeit abweichender Meinungen zu – vielleicht weil ein Ökonom, der seine Karriere schon gemacht und nichts mehr zu verlieren hat, sich eher Zweifel an der Mehrheitsmeinung erlaubt.

Insgesamt sehen Gordon und Dahl ihre Hypothese bestätigt, dass es keine abgrenzbaren liberal-konservativen und linksliberalen Lager unter den Ökonomen gibt. Nicht jeder wird dieses Ergebnis glauben. Noch heute fällt doch auf, dass einige Ökonomen konsistent eher pro Markt oder pro Intervention argumentieren. Dass die Wirtschaftswissenschaft überhaupt nicht von politischen Werturteilen geprägt sein soll, erscheint utopisch. Sie ist und bleibt eine Sozialwissenschaft, die keine naturwissenschaftlich exakten Ergebnisse hervorbringt.

Literatur:
Roger Gordon, Gordon B. Dahl: Views among economists: Professional consensus or point-counterpoint? NBER Working Paper 18728, Januar 2013

Der Beitrag ist in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 10. Februar als “Sönntagsökonom” veröffentlicht worden. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.

 

 

Veröffentlicht unter: Ökonomen, Harvard, Chicago

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (13)
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0 Gast 28.02.2013, 01:19 Uhr

[...] eine strikte Lagerbildung zwischen...

[...] eine strikte Lagerbildung zwischen liberal-konservativen und linksliberalen Ökonomen? Aus: Fazit Die Aussagen der Autoren geben nicht in jedem Fall meine Meinung wieder. [...]

0 Peter Blickensdörfer 21.02.2013, 19:51 Uhr

Wissenschaft als "politisch neutral oder als ideologisch ansehen"? Wissenschaft begreifen!

Sie, Philip Plickert, müssen nicht in irgendeiner Wissenschaft Bescheid wissen. Auch nicht, was „Wissenschaft“ als ihr „exaktes Ergebnis“ versteht und bezeichnet. Nein, das müssen Sie nicht. Aber als Journalist müssen Sie die Sprach-Logik beherrschen, Ihre Kenntnisse dazu nicht vergessen. In Deutsch ist das Wort Wissenschaft ein Begriff. Mit ihm wird ein charakteristisches Merkmal bezeichnet. Mit seiner Verwendung als Begriff, ganz gleich von wem, kommt immer das gleiche Verständnis zum Ausdruck. Ein Begriff kann weder unterschiedlich verstanden werden noch werden mit ihm unterschiedliche oder gegensätzliche charakteristische Merkmale bezeichnet. Ihre letzte Aussage sollten sie dann eher so formulieren: Was im herrschenden Verständnis als Wirtschaftswissenschaft und daneben auch als Sozialwissenschaft bezeichnet wird, ist nicht das gleiche Verständnis von dem, das als Naturwissenschaft bezeichnet wird. Denn Sie müssen wirklich nicht erklären, was mit dem Wort Wissenschaft begriffen ist

0 Fionn Huber 21.02.2013, 19:02 Uhr

Greece and Cyprus and the situation/problems there

If anyone is interested, here is the link to the English language website of the leading serious Greek newspaper Kathemerini.
www.ekathemerini.com

China has taken over half of the port of Piraeus and that is now is doing v well. The other half is lagging behind. I fully expect China to invest more in Greece (positioned as it is near the Suez Canal) and so get a stronger foothold in the Eurozone. Other Asian countries may well be on the lookout for opportunities too in the southern Med countries of the Eurozone.

0 Fionn Huber 21.02.2013, 18:47 Uhr

Back on topic

The Freiberger School of Economics and Alfred Müller-Armack, founder of the Social Market Economy. This is based on Stability, Sustainability, Solidarity and Subsidiarity. It works well in Switzerland where annual growth of 1-2% is regarded as the aim. Under 1% and you get an undesirable "S" - Stagnation. Over 2% and you get another "S" - Stop! The brakes go on because the danger is inflation.

Is there any interest in the USA for the Social Market Economy model?

0 Fionn Huber 21.02.2013, 17:24 Uhr

The future of the eurozone.

I believe the eurozone is now a Schicksalgemeinschaft. I am wondering if a de facto
devaluation will take place in the weakest member countries in the eurozone with the euros there being offered at a discount to customers and trading partners. The eurozone may in fact start (or maybe already it has started?) to crumble of its own accord - but unofficially, as no member country would like to lose any support, finance etc which it is getting from Brussels, the EZB etc.

0 Gerald Braunberger 21.02.2013, 16:53 Uhr

Peripherie

@ huthmann

Bei allem Verständnis: Sie können nicht erwarten, dass ich jetzt an dieser Stelle wiederhole, was ich in fünf Beiträgen über die iberischen Länder geschrieben habe (die Links sind in dem weiter unten zitierten dritten Portugal-Artikel).

0 Andreas Huthmann 21.02.2013, 16:42 Uhr

Peripherie

Sehr geehrter Herr Braunberger,

Sie beschreiben Strukturreformen, die angegangen worden sind, um eine höhere Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen.

Die Frage ist, ob die Unternehmerschaft in Portugal samt externer Unternehmerschaft (über Direktinvestitionen) in der Lage ist, eine Wirtschaft AUFZUBAUEN, die handelsfähige konkurrenzfähige Produkte und Dienstleistungen herstellen kann und dies in Konkurrenz zu den nordeuropäischen Ländern. Ist das machbar?

MfG

0 Gerald Braunberger 21.02.2013, 16:33 Uhr

Peripherie

@ Huthmann

Welche der von mir zitierten Daten sind fragwürdig?

0 Andreas Huthmann 21.02.2013, 16:28 Uhr

Südeuropäische Länder in der Krise

Sehr geehrter Herr Braunberger,

in den südeuropäischen Ländern verbessert sich die Wettbewerbsfähigkeit zum großen Erstaunen von vielen Fachleuten wie Sinn, wie IWF leider nicht.

Herr Sinn wundert sich, warum die Preise nicht nachgeben. Der IWF fragt sich, warum das BIP in höherem Maße zurückgeht als die Planungen vorsehen.

Die Wasserstandsmeldung, die Sie aus Portugal gegeben haben, halte ich für absolut fragwürdig und nicht auf realistischen Daten fundierend.

Anders ausgedrückt: wir sind noch nicht einmal am Anfang einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und es ist sehr fraglich, ob sie überhaupt erreicht werden kann.

MfG

0 Gerald Braunberger 21.02.2013, 16:16 Uhr

Rezepte für die Peripherie

@ Andreas Huthmann

Damit haben wir uns in FAZIT nun wirklich ausgiebig befasst:

http://blogs.faz.net/fazit/2013/02/12/lissaboner-langlauf-3-strukturreformen-und-privatisierungen-921/
(Mit Verweisen auf weitere Beiträge)

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft in der F.A.Z.