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Wir sind geduldiger als gedacht

22.02.2013, 16:35 Uhr  ·  Menschen wollen alles immer sofort? Stimmt nicht! Wenn es sich lohnt, dann warten wir.

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Es gibt kaum eine unbeliebtere Tugend als die Geduld. Schon seit Jahren ist die Eile vollkommen salonfähig. Was wir wollen, wollen wir sofort. Personaler gähnen buchstäblich, wenn Bewerber als größte Schwäche die “Ungeduld” nennen. Und Buchautoren verkaufen Tausende von Büchern mit der Erzählung, dass sie ihre Freizeit sofort haben wollen und die Arbeit lieber noch ein bisschen aufschieben.

© Alfons Holtgreve 

Sie hatten auch ordentlich Rückendeckung von Psychologen und Ökonomen, die diese Ungeduld wissenschaftlich als “Gegenwartspräferenz” bezeichneten und in die Liste menschlicher Verhaltensauffälligkeiten aufnahmen. Dabei ist völlig klar: Früher ist normalerweise besser. Wer den Fernseher früher erhält, kann früher schöne Filme gucken. Und wer früher ins eigene Haus zieht, spart sich früher die Miete. Doch dabei beließen es die Menschen nicht, so argumentierten die Ökonomen in den vergangenen Jahren. Und führten ein oft wiederholtes Experiment an: Menschen wurden vor die Wahl gestellt, ob sie 100 Euro in 30 Tagen erhalten wollten oder 110 Euro in 31 Tagen. Die meisten bewiesen einen Tag Geduld und entschieden sich für die 110 Euro. Stellte man sie aber vor die Wahl zwischen 100 Euro sofort und 110 Euro am nächsten Tag, entschieden sich die meisten für die 100 Euro sofort. Die Forscher schlossen: Was uns vor der Nase hängt, dem können wir kaum widerstehen. Wenn wir auf der Couch liegen können, anstatt zu arbeiten, bleiben wir liegen. Immer und immer wieder, und die Arbeit schiebt sich immer weiter nach hinten. Diese Geschichte fanden fast alle plausibel.

Doch vielleicht haben die Menschen in Wahrheit mehr Geduld als gedacht. Neuere Experimente relativieren jedenfalls die Folgerungen von damals. Inzwischen haben mehrere Forscher unabhängig voneinander noch einmal auf das alte Experiment mit den 100 Euro geblickt und die Argumentation herumgedreht. Es sei doch völlig normal, dass die Menschen das Geld sofort wollen. Keiner wolle später noch mal wiederkommen. Und wenn die Auszahlung in der Zukunft liegt, kann immer noch irgendetwas dazwischenkommen. Diese Unannehmlichkeiten spare man sich doch lieber, und dafür könne man leicht auf zehn Euro verzichten.

Sind die Menschen also doch geduldiger als gedacht? Ein Forscherteam an den renommierten kalifornischen Universitäten Berkeley und Stanford wollte das genauer wissen: Ned Augenblick, Muriel Niederle und Charles Sprenger. Sie dachten sich ein doppeltes Experiment aus. Darin testeten sie gleichzeitig, ob die Leute unangenehme Arbeit aufschieben und wie gut sie auf Geld warten können. Dazu mussten die Teilnehmer drei Mal im Abstand von je drei Wochen vorbeikommen. Wann sie ihr Geld bekamen, konnten sie sich innerhalb einiger Vorgaben aussuchen. Wenn sie sich dafür entschieden, das Geld später anzunehmen, brachte es in der Zwischenzeit Zinsen in unterschiedlicher Höhe.

Um den Umgang mit der Arbeit zu testen, ließen die Forscher in der Zeit zwischen den Ortsterminen einige Aufgaben im Internet erledigen, zum Beispiel sollten die Probanden griechische Buchstaben abtippen. Wann sie das erledigen wollten, konnten sie sich aussuchen. Hier galt aber: Wer später arbeitet, musste mehr machen. Wie viel mehr, unterschieden die Forscher immer wieder, so dass sie im Prinzip unterschiedliche Zinsen verlangten. Das Ergebnis war überraschend: Wenn es ums Arbeiten ging, waren die Menschen tatsächlich faul und schoben das Unangenehme vor sich her. Die härtesten Aufschieber wussten sogar um ihre Schwäche und versuchten gegenzusteuern: Sie legten sich freiwillig Strafen fürs Spätarbeiten auf, um sich zum Arbeiten zu drängen.

Wenn es aber ums Geld ging, konnten die Menschen ohne größere Probleme warten. 20 Dollar waren auf die unterschiedlichen Wochen zu verteilen – und die Probanden ließen sich im Durchschnitt nur 47 Cent mehr auszahlen, wenn sie die Chance hatten, das Geld sofort zu bekommen. Dass Menschen auf ihr Geld warten können, scheint nicht nur im Labor so zu sein. Sondern auch beim ganz realen Autokauf. Das haben drei Forscher an der “Northwestern”-Universität in Illinois untersucht: Meghan Busse, Christopher Knittel und Florian Zettelmeyer. Sie wollten wissen: Zahlen die Menschen mehr für ihr Auto, wenn es dafür hinterher weniger Benzin verbraucht? Berücksichtigen sie, dass die Mehrausgaben im Lauf der Zeit an Benzinersparnis wieder hereinkommen?

Dabei machten sich die Forscher zunutze, dass Benzin von Ort zu Ort und im Lauf der Monate unterschiedlich teuer ist. Sie rechneten die Preisdifferenz zwischen dem sparsamsten und dem durstigsten Viertel der Autos aus – abhängig davon, wie hoch der Benzinpreis am Ort war.

So konnten sie ausrechnen: Wenn Benzin um einen Dollar pro Gallone (26 Cent pro Liter) teurer wird, wächst der Preisunterschied zwischen sehr sparsamen und gar nicht sparsamen Gebrauchtwagen um 1945 Dollar. Für Neuwagen war der Effekt kleiner; dort wuchs der Preisunterschied nur um 354 Dollar. Die Autoren führen das darauf zurück, dass der Neuwagenmarkt anders funktioniert als der Gebrauchtwagenmarkt: Wenn viele Neuwagen bestellt werden, werden zwar die Rabatte etwas kleiner – aber der Hersteller produziert eben auch mehr Autos. Das sahen die Forscher auch in ihren Zahlen: Der Marktanteil der sparsamen Autos wuchs um ein Fünftel.

Mit diesen Zahlen konnte das Ökonomenteam einen Zins ausrechnen, mit dem die Benzinersparnis die Mehrausgaben beim Autokauf aufwog. Auf unterschiedlichen Rechenwegen landeten sie immer wieder bei Zinsen im einstelligen Prozentbereich, also nahe den Zinsen für Kredite und für Sparkonten. Das Fazit war deutlich: “Wir finden kaum Hinweise darauf, dass die Kunden kurzsichtig sind.”

Der Beitrag ist der Sonntagsökonom vom 17. Februar 2013. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.

 

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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.