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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Das Faszinierendste aus Wirtschaft und Finanzen. Prägnant beschrieben und kenntnisreich analysiert von Autoren der F.A.Z. und der Sonntagszeitung.

Ökonomische Ingenieurskunst

Marktdesigner wollen praktische Probleme lösen: Von Organspenden bis hin zu kaputten Fahrradverleihs

Anfang des Jahrtausends waren die beiden Forscher Außenseiter. Ihr Forschungsgebiet führte ein Nischendasein, als sie ihr erstes gemeinsames Projekt in Harvard angingen: “Al hat mich gewarnt, mich auf diese Disziplin zu spezialisieren. Es sei schwierig, es mit Veröffentlichungen in die großen Journals zu schaffen”, erinnert sich Axel Ockenfels, der jüngere der beiden Forscher. Gut ein Jahrzehnt später, bei einem Wiedersehen in Frankfurt, lachen die zwei Ökonomen über die Zweifel des Anfangs: Alvin Roth, der jetzt in Stanford lehrt, wurde im vergangenen Herbst für seine Pionierforschung im Marktdesign mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet. Sein Kölner Kollege Ockenfels gilt als einer der führenden Forscher dieser jungen Disziplin.

© Marcus KaufholdAl Roth (links) und Axel Ockenfels

Der Aufstieg des Marktdesigns und seiner Pioniere hat vor allem einen Grund: Marktdesigner begnügen sich nicht mit eleganten mathematischen Modellen. Die Theorie ist für sie nur das Werkzeug, mit dem sie praktische Probleme angehen. Sich selbst bezeichnen sie deshalb gern als “Ingenieure”. Was sie antreibt, ist die Einsicht, dass Märkte nur unter ganz bestimmten Umständen gut funktionieren und daher Regeln benötigen. “Ein freier Markt”, sagt Nobelpreisträger Roth, “ist nicht ein Markt ohne Regeln, sondern ein Markt mit effektiven Regeln.” Deutlich wird das häufig erst, wenn Märkte ins Wanken geraten, so wie in der Finanzkrise. In anderen Fällen gibt es erst gar keine Märkte, weil Güter keinen Preis haben (saubere Umwelt) oder keinen Preis haben sollen (gespendete Organe). In diesen Bereichen konstruieren die “Ingenieure” künstliche Märkte.

Roth beispielsweise beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie mehr Menschen, die eine Spenderniere benötigen, mit potentiellen Spendern zusammengebracht werden können. Ein Verfahren, in dem Geld für Spenderorgane fließt, wird von der Mehrheit der Menschen abgelehnt, zu groß erscheint die Missbrauchsgefahr. Roth suchte daher nach einem alternativen Weg. Ihm fiel auf, dass zwar viele Angehörige von Erkrankten bereit sind, eine ihrer Nieren zu spenden, der Eingriff aber nicht zustande kommt, weil die Blutgruppen nicht zueinander passen. Um dieses Potential nutzbar zu machen, entwickelte er mit seinem Forscherteam einen Tauschring, in dem Verwandte einen Anreiz haben, auch für fremde Wartende zu spenden: Als Gegenleistung wird dem eigenen Angehörigen die nächste kompatible Niere eines anderen Spenders zugesagt.

Was sich nach einer einfachen Idee anhört, beruht auf einem komplizierten Verfahren. In Amerika funktioniert das Spendensystem inzwischen mit vielen Spendern und Empfängern. Und noch immer tüftelt Roth daran, mögliche Fehlanreize für Krankenhäuser, Ärzte und Spender abzustellen. Auch dank des ausgeklügelten Verfahrens gab es 2012 in Amerika mehr Lebendspenden als Spenden Verstorbener, sagt Roth: “Wir haben das Problem nicht gelöst, aber wir sind dabei, es zu lindern.” In Deutschland sind Lebendspenden bislang nur an eigene Angehörige erlaubt. Die beiden Marktdesigner kritisieren das. “Es ist ein freiwilliger Austausch, der den Willen der Spender und Patienten respektiert und die Erfolgswahrscheinlichkeit der Behandlung erhöht”, sagt Ockenfels. “Der Gesetzgeber sollte erwägen, ihn auch in Deutschland ermöglichen.”

Dass sich Marktdesigner mit praktischen Problemen beschäftigen, bedeutet nicht, dass die Theorie für sie weniger wichtig ist. Im Gegenteil, die Forscher können Beobachtungen aus der Praxis überhaupt erst analytisch verarbeiten, weil sie die Erkenntnisse der Spieltheorie als Fundament nutzen, wie Roth betont. Theorie und Praxis zusammenzubringen sei zwar hochkompliziert – aber das eigentlich Reizvolle an dem Forschungsfeld, sagt Ockenfels: “Als Forscher ist für mich letztlich die spannende Frage, was wir aus der Realität lernen können, um Wissenschaft und Forschung voranzubringen.” Die Modelle werden durch die Praxiserfahrungen unübersichtlicher, dafür aber auch spezifischer.

Junge Forscher und Studenten schreckt diese Komplexität nicht ab, die Disziplin wächst und immer mehr namhafte Universitäten berufen Marktdesigner auf Lehrstühle. Mit der Zahl der Forscher nehmen die Bereiche zu, in denen Marktdesigner nach Lösungen suchen. Drei Forscher aus Chicago, Harvard und Cambridge untersuchten kürzlich, welche Auswirkungen bestimmte Patentregeln auf die Entwicklung neuer Krebsmedikamente haben und wie sich Veränderungen dieses Marktdesigns auf von ihnen beobachtete Mängel auswirken würden. Andere Studien beschäftigen sich mit dem Klimaschutz: Ockenfels etwa geht der Frage nach, wie Klimaschutzverhandlungen so gestaltet werden können, dass trotz starker nationaler Interessen mehr herauskommt als heiße Luft. Auch der Emissionshandel treibt die Marktdesigner um. Es muss aber nicht immer gleich um Menschenleben oder die Zukunft des Planeten gehen: Ein Forschertrio der Harvard Business School widmete sich in einer Fallstudie zuletzt einem Thema aus dem Alltag: Sie erforschten, wie ein Fahrradverleihsystem in Paris, das unter Vandalismus und Diebstahl leidet, durch kluge Vertragsregelungen verbessert werden kann.

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