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Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Das Faszinierendste aus Wirtschaft und Finanzen. Prägnant beschrieben und kenntnisreich analysiert von Autoren der F.A.Z. und der Sonntagszeitung.

Wie sich noch ein Harvard-Mann blamiert…

| 17 Lesermeinungen

Tollhaus Harvard: Erst geraten Reinhart/Rogoff wegen ihrer Staatsschuldenstudie unter Beschuss. Jetzt beleidigt der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson den toten Keynes.

Der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson hat auf einer Konferenz vor mehr als 500 Investoren die Behauptung aufgestellt, John Maynard Keynes’ wirtschaftliche Überzeugungen, die eine Geringschätzung langfristiger Betrachtungen beinhaltet hätten, seien durch seine Homosexualität beeinflusst gewesen. Keynes sei zwar mit einer Ballerina verheiratet gewesen, mit der aber wohl eher über Poesie geredet habe als dass er sich mit ihr fortgepflanzt hätte. Nach einem Bericht von der Veranstaltung soll Ferguson Keynes zudem als ein “verweichlichtes” (effete) Mitglied der Gesellschaft bezeichnet haben. Das Auditorium war offenbar peinlich berührt.

Da ich mich ein wenig mit Keynes befasst habe, zwei kurze Anmerkungen:

– Von Keynes stammt ein bekannter Beitrag über die sehr langfristige Entwicklung der Wirtschaft, der gerade in den vergangenen Jahren wieder entdeckt worden ist. (“Economic Possibilities for our Grandchildren”). Er hat auch in anderen Arbeiten langfristige Betrachtungen vorgenommen -zum Beispiel in seinen Entwürfen für ein Weltwährungssystem nach dem Zweiten Weltkrieg.

– Da Keynes’ Frau während ihrer Ehe eine Fehlgeburt erlitt, hat sich das Paar möglicherweise nicht nur mit Poesie befasst.

Nachdem Fergusons Äußerungen über amerikanische Medien verbreitet wurden, hat sich der Harvard-Professor nun entschuldigt. Seine Äußerungen seien “dumm und taktlos” gewesen.

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17 Lesermeinungen

  1. Gehen wir doch einmal nüchtern an die Sache heran
    Ob gay oder nicht-gay, Entgleisung oder nicht – die Frage bleibt: Ist einem das, was einen nicht mehr betrifft, genauso wichtig, wie das, was einen betrifft? Die Distanz könnte ja eine örtliche, wie eine zeitliche sein. Ist es wirklich so abwegig, dass unser Denken durch Motive dieser Art beeinflußt werden? Was interessiert den Raucher der Zigarettenpreis, den BVB Fan der Eintrittpreis bei einem Drittligisten südlich der Isar?

    ‘Nach mir die Sintflut!’. Klingt das so anders als ‘At the end we’re all dead’?

  2. Homophober Klassiker
    FAZ-Redakteur Rainer Hank: “Dass wir den großen Deuter der Depression heute entdecken, ist unser Glück und unsere Tragik. Ob nämlich die Rezepte der dreißiger Jahren auch die angemessene Therapie für heute sind, ist längst nicht ausgemacht. Dass das viele Geld, das der Staat in die Hand nimmt, nachfolgenden Generationen einmal zur unerträglichen Last und den Staaten zum Verderben werden kann, war dem kinderlosen Keynes egal.” (FAZ, 19.02.09)

    DIE ZEIT (1992):
    “Fünf lange Jahre verbrachte Keynes auf dem Elite-Internat Eton. Die intellektuellen Anforderungen erfüllte er zwar glanzvoll, aber er hatte in dieser Anstalt nicht die geringste Chance, ein natürliches Verhältnis zum anderen Geschlecht [sic!] aufzubauen. Spätestens in seinem letzten Schuljahr in Eton hatte er seine ersten homosexuellen Kontakte.”

    • Hard.
      Dass vom wirtschaftspolitischen Hardliner Rainer Hank nichts anderes kommen kann,war klar.Schließlich ist er gegen (fast) jede Einmischung des Staates in Wirtschafts- und Finanzpolitik.Allerdings überlegt er eines nicht:Stimmte die Theorie,dass Schwule nicht an die Zukunft denken,da sie ja (falls sie nicht zu den “heimlichen” schwulen Familienvätern gehören) in der Regel kinderlos sind,dürften sie ja konsequenterweise nicht allzu zahlreich bei einer Partei wie den Grünen sein.Wie jeder Fernsehzuschauer weiß,ist das Gegenteil der Fall.

  3. Meinen Sie die Aussage könnte auch von der bekannten Gay Hasser Westerwelle kommen?
    Lol, lol.
    Wie sie sehen, sie haben dasselbe Problem mit Liberalen wie Niall Fergusson mit Schwulen.

  4. Keynes über Ferguson:
    “Der Kapitalismus beruht auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerliche Menschen mit widerlichen Motiven irgendwie etwas für das Allgemeinwohl tun.”

    Passender kann auch ein ledender VW Proferssor diesen Herrn Ferguson kaum beschreiben:
    Für diesen Herrn ist Keynes Ansicht offenbar “schwul” und “verweichlicht”.

    Wusste gar nicht, dass FDP Heinis schon in Harvard unterrichten…

  5. Ferguson in der Schweiz
    Ich habe ihn auf TV gesehen anlässlich einer Konferenz in …Interlaken? Hat er dieses Interview der Berner Zeitung gegeben? Quite smooth isn’t he?

    http://www.bernerzeitung.ch/wirtschaft/konjunktur/Niall-Ferguson-lobt-Schweizer-Bankenstrategie/story/27116916?dossier_id=935

  6. Ferguson im SPIEGEL
    Der SPIEGEL hat das Thema auch entdeckt:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/attacke-gegen-keynes-fergueson-entschuldigt-sich-a-898155.html

  7. Bleibt eigentlich nur die nicht-ökonomische Frage,
    was bewirkt haben könnte dass ein Harvard Professor sich zu solchen Äusserungen hinreissen liess?

  8. Alan Greenspan am 30.06.2010 auf CNBC
    Ich bin ein Greenspan fan und wenn er spricht höre ich zu.
    Was hat er anlässlich dieses Interview auf CNBC gesagt?

    1. Capital gains fuel consumption and are crucial to the economy.
    2. Stock prices are a leading indicator. Middle and upper-level earners will spend if they
    have capital gains.
    3. Small businesses in the USA are in trouble. Banks hold a lot of commercial property and
    TARP (Troubled Assets Relief Program) doesn’t help them.
    4. A financial crisis is a sharp fall in asset prices and is hard to forecast.
    5. Alan Greenspan said he is pro-market capitalism but “it has destroyed a great deal of capital”-

  9. "Tollhaus Harvard" - finde ich uebertrieben
    Fergusons Schlag unter die Gürtellinie sagt m.E. mehr über diesen aus als über Keynes. Wenn ich die FA-Beitraege über Rogoff/Reinhart richtig verstanden habe, ist ihnen einen Fehler unterlaufen, was bei den kleinzuarbeitenden Datenmengen schon mal passieren kann.
    Günter Schönbauer

  10. Fergusons Entschuldigung im Original
    “During a recent question-and-answer session at a conference in California, I made comments about John Maynard Keynes that were as stupid as they were insensitive.

    I had been asked to comment on Keynes’s famous observation “In the long run we are all dead.” The point I had made in my presentation was that in the long run our children, grandchildren and great-grandchildren are alive, and will have to deal with the consequences of our economic actions.

    But I should not have suggested – in an off-the-cuff response that was not part of my presentation – that Keynes was indifferent to the long run because he had no children, nor that he had no children because he was gay. This was doubly stupid. First, it is obvious that people who do not have children also care about future generations. Second, I had forgotten that Keynes’s wife Lydia miscarried.

    My disagreements with Keynes’s economic philosophy have never had anything to do with his sexual orientation. It is simply false to suggest, as I did, that his approach to economic policy was inspired by any aspect of his personal life. As those who know me and my work are well aware, I detest all prejudice, sexual or otherwise.

    My colleagues, students, and friends – straight and gay – have every right to be disappointed in me, as I am in myself. To them, and to everyone who heard my remarks at the conference or has read them since, I deeply and unreservedly apologize.”

    Niall Ferguson

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