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Was einen Ökonomen ausmacht

08.05.2013, 16:10 Uhr  ·  Hierfür gab es viel Lob auf Twitter. Dani Rodrik spricht darüber, was einen guten Ökonomen ausmacht: Vertrautheit mit modernen Methoden, thematisches Ausgreifen und intellektuelle Aufrichtigkeit. Verzichten kann man dagegen auf ideologische Blindheit und Opportunismus.

Von

 

© Andrzej Barabasz, CC-BY-SA-3.0Dani Rodrik

Dani Rodrik – in F.A.Z. und FAZIT mehrfach unter anderem hier erwähnt – ist Rafiq Hariri Professor of International Political Economy an der John F. Kennedy School of Government, die zur Harvard University gehört. Er betätigt sich auch als Blogger. Wir fassen ein aktuelles Interview zusammen.

“I would say I am pretty conventional and mainstream on methods, but generally much more heterodox on policy conclusions.”

- Neoklassische Mainstream-Ökonomik ist eine extrem wichtige Grundlage: “You need to state your ideas clearly, you need to ensure they are internally consistent, with clear assumptions and causal links, and you need to be rigorous in your use of empirical evidence.”

- Mit der Neoklassik lässt sich thematisch weit ausgreifen, wenn man ihre Potentiale nutzt: “Truly great economists use neoclassical methods for leverage, to reach new heights of understanding, not to dumb down our understanding. Economists such as George Akerlof, Paul Krugman *), and Joe Stiglitz are some of the names that come to mind who exemplify this tradition. Each of them has questioned conventional wisdom, but from within rather than from outside.” Was implizit auch bedeutet: Wer schon methodisch aus einer Außenseiterposition startet, hat es von Anfang an schwer, ernst genommen zu werden -vor allem, wenn die eigene Methodologie nicht weit führt: “I often find myself in agreement with those critics on substantive grounds, but find a lot to criticize in their work on methodological grounds.”

- Weil die Welt kompliziert ist, kann es nicht das Modell zur Erklärung der Welt geben. Es kommt darauf an, was man als Ökonom untersuchen will. Ein Beispiel: “A market behaves differently when there are many sellers than when there are a few. Even when there are a few sellers, the outcomes differ depending on the nature of strategic interactions among them. When we add imperfect information, we get even more possibilities. The best we can do is to understand the structure of behaviour in each one of these cases, and then have an empirical method that helps us apply the right model to the particular context we are interested in. So we have ‘one economics, many recipes,’…”
“However, contemporary economics in North America has one great weakness, and that is the excessive focus on methods at the expense of breadth in terms of social and historical perspective. PhD programs now train applied mathematicians and statisticians rather than real economists. To become a true economist, you need to do all sorts of reading from history, sociology, and political science among other disciplines that you are never required to do as a graduate student. The best economists today find a way of filling this gap in their education.”

-  Ein ernstes Problem besteht darin, dass Ökonomen nicht aufrichtig mit ihren Forschungen umgehen, wenn ihnen die politischen Konsequenzen nicht gefallen: “A peculiar deformation of mainstream economics is the tendency to pooh-pooh the real-world relevance of all the theoretical reasons market fail and government intervention is desirable. This sometimes reaches comical proportions.”

- Als Beispiel nennt Rodrik Außenhandelsökonomen, die ihre theoretische Reputation auf der Untersuchung von Abweichungen vom Freihandelsideal aufgebaut haben, aber politisch uneingeschränkt Freihandel verteidigen: “Somehow, the minds of these analytically sophisticated thinkers turn into mush when they are forced to take seriously the policy implications of their own models. So ironically, I think my heterodox approach has stronger foundations in mainstream economic methods than the views of many of the mainstream economists themselves.”

- Die Sozialisation von Ökonomen scheint ein ausgeprägtes Gruppenverhalten zu begünstigen: “There are powerful forces having to do with the sociology of the profession and the socializationprocess that tend to push economists to think alike.Most economists start graduate school not having spent much time thinking about social problems or having studied much else besides math and economics. The incentive and hierarchy systems tend to reward those with the technical skills rather than interesting questions or research agendas. An in-group versus out-group mentality develops rather early on that pits economists against other social scientists.” Das erschwert die Zusammenarbeit zum Beispiel mit Politologen oder Soziologen.

- Ein politisch motiviertes Gruppenverhalten unter Ökonomen tritt hinzu. Als Rodrik auf einer Konferenz ein Paper vorstellte, das allzu optimistische Wachtumsgewinne als Ergebnis von Freihandel in Frage stellte, wurde er gefragt: “Warum schreibst Du so etwas?” Eine andere Arbeit, die Globalisierung nicht unkritisch pries, brachte ihm den Vorwurf ein, er würde “die Barbaren mit Munition” versorgen.

- Seinen eigenen Kopf zu haben, kostet – jedenfalls einen etablierten Mann wie Rodrik, aber für Nachwuchskräfte mag dies anders aussehen – dennoch nicht zwingend den Kopf: “But ultimately, the reward of challenging conventional wisdom that has gone too far is that you are eventually proved right….And many of the arguments I made about the contingent nature of the benefits from trade and financial globalization are much closer to the intellectual mainstream today than they were at the time. I do not think of this as a great achievement. These changes were bound to happen, and I essentially rode the wave.”


*) Hier ist offenbar der junge Paul Krugman gemeint, der mit Arbeiten zur Außenhandelstheorie für Furore sorgte und dafür einen Nobelpreis gewann – aber nicht unbedingt der heutige Blogger Paul Krugman (obgleich der Blogger Krugman- egal, was man von ihm hält – auf seine Weise auch ein Phänomen ist, das vielleicht einmal einen Beitrag lohnt.)

Und da wir gerade bei bloggenden Ökonomen sind:

Justus Haucap bloggt jetzt auch:

http://edgeworthblogs.wordpress.com/ Herzlichen Glückwunsch zum Start und viel Erfolg!

 

Veröffentlicht unter: Ökonomik, Dani Rodrik

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (7)
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0 Gerald Braunberger 08.06.2013, 20:56 Uhr

Dani Rodrik wird Hirschman-Professor in Princeton

Hier die Ankündigung:

http://www.hks.harvard.edu/fs/drodrik/

0 Gerald Braunberger 04.06.2013, 22:14 Uhr

"Sollte man Ökonomen vertrauen?"

Ein Beitrag von Noah Smith:

http://www.theatlantic.com/business/archive/2013/06/should-we-trust-economists/276497/

0 bodo behrendt 14.05.2013, 21:52 Uhr

"Was einen Ökonomen ausmacht"

"Weil die Welt kompliziert ist, kann es nicht DAS Modell zur Erklärung der Welt geben."
ach tatsächlich, wirklich nicht? 95% aller lehrbücher lernen ... ach pardon ... lehren uns doch DIE wahre lehre ... DAS eine modell ;-) eben ... die partei die partei hat immer recht ...
b.b.

1 Bastian Greßner 12.05.2013, 13:30 Uhr

Monoparadigmatisch neoklassisch

"Weil die Welt kompliziert ist, kann es nicht das Modell zur Erklärung der Welt geben."

Ja!

Ums so trauriger, dass das Fach derart monoparadigmatisch ist:

"Das erschwert die Zusammenarbeit zum Beispiel mit Politologen oder Soziologen."

Ich empfehle diesen Text :
Hanno Pahl, Textbook Economics. Zur Wissenschaftssoziologie eines wirtschaftswissenschaftlichen Genres, in: Prokla 164. Kritik der Wirtschaftswissenschaften

Gibt es im Netz, einfach googeln. Am besten gleich die ganze Prokla 164 lesen.

Dann legt mal los!

0 Fionn Huber 11.05.2013, 09:44 Uhr

Ein Oekonom heute

muss sich unbedingt bei den angelsächsischen Medien auskennen m.M.n.

1 Uwe Zind 09.05.2013, 15:40 Uhr

Fragwürdig

Ja, die schönen Modelle der Neoklassik. Sie sind "armchair-economics"; die schönen Schlußfolgerungen der damit arbeitenden Ökonomen wertlos. Von Hayek nannte dies "Anmaßung von Wissen". Die interessanten Fragestellungen bearbeiten oft Wissenschaftler, die nicht vom "Fach" verdorben worden sind.

0 Fionn Huber 09.05.2013, 08:13 Uhr

Paul Krugman (International Herald Tribune samstags)

"Not Enough Inflation - Liquidity Trap in den USA" " war sein Thema am 4. Mai.

"We Americans are failing miserably in responding to our economic challenge. The hole we're in just gets deeper and deeper".

Ich gebe SFR4.-- gern aus samstags, um PK's Kommentar zu lesen.

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.