Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ein Lob der Vielfalt

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Wissenschaftler forschen bevorzugt mit Kollegen der gleichen Herkunft. Das hemmt. Die Studien werden besser, wenn sie mit Menschen aus anderen Kulturen zusammenarbeiten.

Wohl in keinem Gebiet zeigen die Vereinigten Staaten sich so sehr als offene Gesellschaft wie in der Wissenschaft. Private Universitäten werben um ausländische Studenten, die Geld und Vielfalt in das Haus bringen. Diese im Wettbewerb der Universitäten vorangetriebene Öffnung hat die Wissenschaftslandschaft in Amerika drastisch verändert.

© Alfons Holtgreve 

Diese besondere Form der Globalisierung lässt sich unter anderem an den Namen der Autoren ablesen, die in den Vereinigten Staaten wissenschaftliche Studien und Aufsätze produzieren. 1985 waren die Autoren mit angelsächsischen Namen mit 56,6 Prozent noch klar in der Mehrzahl. Ein Jahrzehnt später war die Majorität dahin. 2008 betrug der Anteil englischer Namen an den veröffentlichten Forschungspapieren nur noch 45,6 Prozent. Der Anteil europäischer Namen schrumpfte in demselben Zeitraum von 13,5 auf 12 Prozent.

Gewinner waren die Asiaten und dabei vor allem die Chinesen. Der Anteil chinesisch-stämmiger Autoren an der Forschungsleistung in Amerika stieg von 4,8 auf 10,9 Prozent. Autoren aus Indien oder Südostasien steigerten ihren Beitrag von 4,2 auf 6,1 Prozent. Diese bemerkenswerten Zahlen haben die Ökonomen Richard Freeman und Wei Huang zusammengetragen, in Auswertung einer Datenbank von Thomson Reuters auf Basis von mehr als 1,5 Millionen wissenschaftlichen Aufsätzen.

Gleich und Gleich gesellt sich gerne

Wirklich spannend wird die Fleißarbeit jedoch erst, wenn Freeman und Huang mit den Daten zu spielen beginnen. Das erste Ergebnis ausgefeilter ökonometrisch-statistischer Tests ist die alte Volksweisheit, dass Gleich und Gleich sich gerne gesellt. Chinesen schreiben bevorzugt Aufsätze mit anderen Chinesen, Inder mit anderen Indern und Angelsachsen mit anderen Angelsachsen. Die Neigung, als Autoren zusammenzuglucken, zeigt sich in allen der untersuchten ethnischen Volksgruppen. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei oder mehr Autoren eines Aufsatzes derselben Ethnie angehören, ist in allen Gruppen höher, als es der statistische Zufall vorschreiben würde.

Dieses rein statistische Ergebnis sagt natürlich gar nichts aus darüber, warum die Autorenzusammenarbeit tendenziell der Herkunft folgt. Möglicherweise haben alle Autoren den Wunsch, mit Autoren der eigenen Ethnie zusammen zu forschen. Oder aber diese Neigung gibt es nur in einer Gruppe, nicht aber in den anderen. Oder aber alle Gruppen haben in dieser Hinsicht unterschiedliche Präferenzen. Die reine Statistik kann zwischen diesen Möglichkeiten nicht trennen. Das Ergebnis aber ist, dass Gleich und Gleich überdurchschnittlich oft zusammenarbeitet.

Gibt es Besonderheiten der Autoren, die öfter mit Forschern der eigenen Abstammung zusammenarbeiten? Die Datensammlung zeigt, dass Wissenschaftler, die zuvor wenig Aufsätze veröffentlicht haben, besonders oft mit Forschern der eigenen Ethnie publizieren. Das würde man ad hoc vermuten: Forscher mit wenig Publikationen haben tendenziell ein kleineres Forschungsnetzwerk, aus dem sie Mitautoren aussuchen können. Für die weniger Produktiven mag es einfacher sein, mit Personen aus ihren Umfeld zusammenzuarbeiten, als sich gänzlich neue Kontakte zu erschließen, mutmaßen Freeman und Huang.

Risikokapitalgeber profitieren von ethnischer Nähe

Geben die Daten etwas über die Qualität der Zusammenarbeit her? Man könnte annehmen, dass Autoren derselben Ethnie besser und produktiver zusammenarbeiten, weil sie sich besser verstehen, dieselbe Sprache oder zumindest Englisch mit demselben Akzent sprechen. Auf solche und andere Vorteile der Zusammenarbeit mit Personen derselben Ethnie weist etwa eine Studie der Ökonomen Deepak Hegde und Justin Tumlinson hin. Sie fanden heraus, dass Risikokapitalgeber in den Vereinigten Staaten bevorzugt in Start-ups investieren, deren Management aus derselben Volksgruppe wie sie selbst kommt. Das ist keine Diskriminierung gegen andere, sondern ein Erfolgsfaktor: Die ethnische Nähe zwischen Risikokapitalgeber und Management geht einher mit besseren Ergebnissen der Start-ups. Hedge und Tumlinson nennen bessere Kommunikation und Kooperation als die entscheidenden Erfolgsfaktoren der ethnischen Nähe.

Gelten solche Vorteile auch für unsere Wissenschaftler? Offenbar nicht, zumindest gemessen an den typischen – wenn auch unvollkommenen – Erfolgsfaktoren in der Wissenschaft. Studien, die von Autoren derselben Volksgruppe verfasst wurden, werden weniger oft in den wichtigsten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht und seltener zitiert. Einen gewissen Einfluss scheint dabei zu haben, dass die ethnisch homogenen Autoren oft kaum überzeugende Vorveröffentlichungen und damit wohl auch weniger Qualität mitbringen. Aber selbst wenn man diesen Faktor in der Analyse ausschaltet, schneiden die wissenschaftlichen Aufsätze von Autoren derselben Volksgruppe schlechter ab.

Vielfalt zahlt sich aus

Eine plausible Erklärung sei, dass die größere Verschiedenheit der Autoren die Qualität der wissenschaftlichen Aufsätze erhöht, mutmaßen Freeman und Huang. Die Vorteile der ethnischen Nähe werden offenbar überwogen von Vorteilen der Vielfalt.

Theoretisch kann man sich dafür manche Gründe ausdenken. Die gleiche ethnische Herkunft kann das Denken prägen, etwa durch eine ähnliche Erziehung oder Schulausbildung oder andere ähnliche Erfahrungen. Ähnliche Denkweisen und ähnliches Vorwissen aber lassen weniger Ideen aufeinanderprallen, was vermutlich dem wissenschaftlichen Fortschritt nicht dienlich ist. Die Daten, die Freeman und Huang für ihre Studie genutzt haben, können diesen Schluss nicht stützen, dazu bedarf es vertiefter Analysen. Der Blick auf die offene Einwanderungsgesellschaft der Vereinigten Staaten mit ihrer unbändigen Wirtschaftsdynamik aber lässt das Lob der Vielfalt, das Freeman und Huang anstimmen, nicht nur in der Wissenschaft plausibel erscheinen.

 

Richard Freeman, Wei Huang: Collaborating with People like me: Ethnic Co-Authorship within the US. NBER Working Paper 19905, Februar 2014.

Deepak Hegde, Justin Tumlinson: Does Social Proximity Enhance Business Partnerships? Theory and Evidence from Ethnicity’s Role in US Venture Capital, Oktober 2011, erscheint in Management Science.

 

Der Beitrag erschien als „Sonntagsökonom” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 16. März. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.

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4 Lesermeinungen

  1. Meine Muttersprache ist englisch, doch
    in CH Zug bin ich eingebürgert. Seitdem ich die deutsche Sprache wenigstens lesen kann und die NZZ abonniere habe ich wirklich viel Erfolg an der Börse (DAX und SMI) gehabt….

  2. Was fuer ein Unsinn!
    Im Forschungs- und Erkenntnisprozess der Naturwissenschaften spielt die Herkunft der Wissenscxhaftler keine Rolle. Es gibt weder eine chinesische Chemie, noch eine teutonische Physik, oder gar eine multikulturelle Algebra. Und in den Geisteswissenschaften, wo Herkunft und kultureller Hintergrund eine bisweilen durchaus fruchtbare Rolle spielen koennen, arbeiten und publizieren die Wissenschaftler ohnehin zumeist alleine. Dabei kann man sich mit den Ideen von Kollegen anderer Herkunft schon durch die allgemein ueblich Praxis des Lesens ihrer Publikationen konfrontieren. Warum das erst im Zuge einer gemeinsamen Publikation moeglich sein soll, erschliesst sich nicht. In jedem Falle aber ist es vollkommen hanebuechen, vom Ort einer Publikation auf die Nationalitaet eines Autors zu schliessen. Wenn ich mit einem japanischen Kollegen einen Aufsatz in englischer Sprache in einem Nordamerikanischen journal veroeffentliche, hat das nicht das Geringste mit der „offenen amerikanischen Gesellschaft“ zu tun, sondern allein mit der globalen Dimension und den Infrastrukturen (Thompson & Reuters, etc.) des heutigen, auf bibliometrische Abwege geratenen Wissenschaftsbetriebs. Man muss wohl Oekonom sein, um aus den von Ihnen vorgestellten Daten „Schlussfolgerungen“ zu ziehen, wie Sie sie ziehen, Herr Welters.

    • Ethnische Herkunft statt Nationalität
      Danke für die Zuschrift. Offenbar geht es den Autoren nicht um die Nationalität, sondern um die Herkunft aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen. Die Autoren der Studie beziehen ihre Aussagen zudem ausdrücklich auf Wissenschaftler, die in den Vereinigten Staaten forschen.

    • Es macht doch aber fuer die Behauptung der Relevanz kultureller Vielfalt fuer ...
      … den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess methodisch keinen Unterschied, ob kulturelle Differenz nun an ethnischer, oder nationaler Herkunft festgemacht wird. Der wissenschaftliche Beitrag eines in den USA arbeitenden und vielleicht sogar dort aufgewachsenen und ausgebildeten chinesisch-staemmigen Mathematikers beruht doch auf seinem mathematischen Genius, und nicht auf seinem ethnischen „Chinesentum“. Zwar kann er ohne Aufenthalt in den USA die wissenschaftliche Produktion in den USA nicht befeuern. Methodisch fragwuerdig ist gleichwohl, auf Grundlage von Daten nur zu Nordamerika vergleichende Rueckschluesse ueber die „offene Gesellschaft Nordamerikas“ zu ziehen. Mir scheint, dass hier liberale Okonomen mal wieder ihr Loblied der liberalen Freihandelsgesellschaft wissenschaftlich zu verbraemen versuchen.

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