Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ungleichheit schadet nicht

| 6 Lesermeinungen

Bremst der Unterschied zwischen Arm und Reich das Wachstum? In Deutschland nicht.

© Alfons HoltgreveIllustration

Es ist ein altes Dilemma zwischen Arm und Reich in der Frage, wie weit der Staat die Unterschiede zwischen beiden einebnen soll. Wenn Arm und Reich zu weit auseinandergehen, macht das Leben im Land keinem viel Spaß – zum Beispiel in Südafrika, wo sich die Reichen bewaffnet in abgeschotteten Wohnsiedlungen aufhalten. Wenn aber der Staat die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu weit einebnet, erhalten Leistungsträger zu wenig von den Früchten ihrer Arbeit und strengen sich zu wenig an – am Ende schadet das allen. Es geht also darum, die richtige Mitte zwischen Leistungsanreiz und Umverteilung zu finden. So lautete der Konsens lange Jahre.

Doch seit sich in Amerika die Einkommen von Arm und Reich in den vergangenen Jahren immer weiter auseinanderentwickelt haben, haben Ökonomen sich neu mit der Ungleichheit beschäftigt – und im ersten Moment sieht es oft so aus, als sei Ungleichheit viel schlimmer als bisher angenommen. In den vergangenen Jahren gab es oft die Überschrift zu lesen, Ungleichheit schade dem Wohlstand eines Landes immer. Doch jetzt wird deutlich: Man muss genauer hingucken – zum Beispiel darauf, wie die Reichen ihr Geld bekommen haben.

Das haben zwei amerikanische Forscher getan. Jan Svejnar an der renommierten Columbia University in New York zum Beispiel hat zusammen mit seinem Kollegen Sutirtha Bagchi von der University of Michigan die Superreichen der Welt danach unterschieden, ob sie ihr Geld dank politischer Verbindungen bekommen haben oder ob sie es sich weitgehend ohne Hilfe erarbeitet haben.

Dazu zogen sie die Liste des amerikanischen Wirtschaftsmagazins „Forbes“ heran, das jährlich eine Liste der reichsten Milliardäre der Welt und eine Schätzung ihrer Vermögen veröffentlicht. Dann untersuchten sie die Medienberichte über diese Milliardäre. Wenn die Medien berichten, dass ein Milliardär besondere Zölle durchsetzen konnte oder Firmen besonders billig kaufen konnte, dann schrieben ihm die Forscher gute politische Verbindungen zu. Solche Milliardäre finden sich immer wieder in Entwicklungsländern oder halb entwickelten Staaten.

Mit dieser einfachen Methode stellten die beiden Forscher fest: Ein Land, in dem sich der Reichtum auf wenige Milliardäre konzentriert, schafft zwar im Durchschnitt weniger Wirtschaftswachstum als andere – aber das gilt nur, wenn diese Milliardäre ihr Vermögen politischer Bevorzugung verdanken. Wenn das Vermögen dagegen mehr auf eigener Leistung beruht, schadet es dem Wachstum überhaupt nicht.

Bagchis und Svejnars Untersuchung deutet darauf hin, dass der einfache Satz „Ungleiche Vermögen drücken das Wirtschaftswachstum“ nicht stimmt. Wahrscheinlicher ist, dass Klüngelwirtschaft dem Wohlstand schadet und gleichzeitig auch ein paar reiche Leute hervorbringt.

Ungleiche Einkommen schaden dem Wachstum? Das ist fraglich

Ähnlich sieht es mit den Einkommen aus, wie eine jüngere Studie des Internationalen Währungsfonds zeigt. Als die Ende Februar veröffentlicht wurde, legten die Forscher eine Interpretation nahe: Ungleichheit macht arm, Umverteilung schafft Wachstum. So betitelten es Medien rund um die Welt. Aber auch dieser Satz stimmt nicht unbedingt auf der ganzen Welt, speziell in Deutschland ist er sehr fraglich.

Die IWF-Forscher haben versucht, die Effekte von Ungleichheit und Umverteilung getrennt voneinander zu betrachten. Dazu untersuchten sie das Wachstum in vielen Ländern auf der ganzen Welt – entwickelten Ländern ebenso wie Entwicklungsländern. Auch sie fanden im ersten Moment: Wenn die Einkommen ungleich verteilt sind, schadet das dem Wohlstand. Umverteilung dagegen schadet dem Wohlstand kaum. Also folgerten die Forscher: Wenn Umverteilung Arm und Reich näher zueinander bringt, ist das gut für den Wohlstand im ganzen Land. Dann sei das Wachstum höher, und die Aufschwungphasen in der Wirtschaft dauerten länger.

Doch diese Erkenntnis gilt nicht überall, wie die Autoren in einer Detailanalyse selbst festgestellt haben. Schließlich unterscheiden sich Entwicklungsländer von Industrieländern ganz ordentlich. So teilen auch die IWF-Forscher die Länder noch einmal danach auf, ob sie heute schon viel Geld von Reichen zu Armen umverteilen. Und sie stellen fest: In dem Viertel der Länder, die schon besonders viel umverteilen, zeigt die Umverteilung schon deutliche Bremsspuren. „Wenn die Umverteilung schon hoch ist, gibt es Hinweise darauf, dass weitere Umverteilung dem Wachstum tatsächlich schadet“, schreiben sie und meinen damit den Durchschnitt des aktiveren Viertels.

Das sind eine ganze Menge Länder. Selbst die Vereinigten Staaten, die in Deutschland oft als Heimat des Kapitalismus in Reinform gelten, gehören schon fast zum aktivsten Viertel der Länder. Großbritannien zählt dazu, Frankreich und die Niederlande sowieso. Deutschland dagegen schiebt heute schon so viel Geld von den Reichen zu den Armen, dass es selbst über dem Durchschnitt der umverteilungsfreudigen Länder liegt – also möglicherweise schon jetzt in dem Bereich der „weiteren Umverteilung“, der auch der IWF-Analyse zufolge schädlich ist.

Was bedeutet das also insgesamt? Die Idee, dass Ungleichheit immer und überall schädlich ist und vermieden werden muss, scheint nach wie vor einfach falsch zu sein. Stattdessen scheint es immer noch darauf anzukommen, dass Länder das richtige Maß finden: Wenn die Reichen den Armen nicht zu weit davonlaufen und wenn nicht gerade noch einzelne Milliardäre von der Politik bevorzugt werden, dann tut es dem Wohlstand eines Landes ziemlich gut, dass Leute reich werden können und von ihrer eigenen Leistung auch profitieren. Speziell in Deutschland scheint der Reichtum noch lange niemandem zu schaden.

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6 Lesermeinungen

  1. Was sagt Thomas Piketty dazu?
    Hier der Beitrag eines unabhängigen Forschers:
    http://blog.fuw.ch/nevermindthemarkets/index.php/34470/thomas-piketty-stellt-die-fundamentalfrage/

    • Das spannende ist ja ...
      … dass Deutschland eine Sonderentwicklung hinlegt. Hier schrumpft die Ungleichheit seit einigen Jahren, die Arbeitnehmer bekommen wieder einen größeren Anteil der Wirtschaftsleistung. Das fangen Pikettys Zahlen noch nicht ein, dazu sind sie zu alt. Man könnte aber schon darüber diskutieren, inwiefern die deutsche Entwicklung eine Antwort auf Piketty sein könnte.

  2. Pingback: 5 vor 10: Ungleichheit, Koalition, Mietpreisbindung, Frauenquote, Mafia | INSM Blog

  3. Ganz ohne jede Studie und Untersuchung
    käme der durchschnittlich begabte Mensch durch ein wenig Nachdenken zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

    Vor allem die prinzipielle Infragestellung sogenannter klarer Annahmen zu den Themen Ver- und Umverteilung, Vermögen und Armut dient eigener guter Erkenntnis oft mehr als fremd vermeintlich schwerst erarbeitetes vermeintliches Wissen – was es schließlich bekanntermaßen so apodiktisch behauptet gar nicht gibt.

  4. Ungleiche Startchancen schaden!
    Lieber Herr Bernau,

    mal wieder ein wohltuender Artikel in der aufgeregten Medienlandschaft, der einen differenzierten Blick auf die Ungleichheit wirft. Ihr Kollege Markus Diem Meier hat gestern die gleiche Thematik beleuchtet (http://blog.fuw.ch/nevermindthemarkets/index.php/34470/thomas-piketty-stellt-die-fundamentalfrage/).

    Ungleichheit verstärkt und perpetuiert sich vor allem durch ungleiche Startbedingungen. Hier ist der Hebel für die langfristig positiven Wirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes. Die entwickelten Demokratien setzen aber nicht hier an, sondern gerieren sich unter dem Deckmäntelchen der sozialen Ausgewogenheit als Reparaturbetrieb einer gescheiterten Steuer- und Bildungspolitik.

    Wer für Chancengleichheit in einer Leistungsgesellschaft ist, der müsste sich stärker für die frühkindliche allumfassende Bildung einsetzen und alle Kräfte hierauf konzentrieren. Diesen Bereich haben wir aufs Sträflichste vernachlässigt. Zugleich sollten wir durch eine progressive Erbschaftssteuer mit hohen Freibeträgen dafür Sorge tragen, dass auch die Erbengeneration einen positiven Leistungsbeitrag für die Gemeinschaft aller Bürger erbringen kann und nicht am Ende ihres Lebens sich ihrer eigenen sinnlosen Existenz gewahr wird. Da es aber auch sehr verantwortungsvolle Erbengenerationen gibt, sollte es ein Wahlrecht geben zwischen Steuerzahlung oder Übertragung des Betriebsvermögens an einen staatlichen Erbschaftsfonds ohne Mitspracherecht. So bleibt die Entscheidungsgewalt bei den verantwortungsvollen Erben, Gewinnausschüttungen fließen aber zu immer größeren Teilen an den Staatshaushalt (besser sind natürlich reinvestierte Gewinne). Dieses sind die entscheidenden Stellschrauben für eine chancengerechte und erfolgreiche Leistungsgesellschaft.

  5. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, eine wie hohe Meinung ich von Ihren Beitraegen habe!
    Die Moderation wuerde das nicht zulassen. Ich begnuege mich daher, darauf hinzuweisen, dass Ihre „Argumentation“ nur dann funktioniert, wenn man „Nutzen“ mit Wachstum gleichsetzt und die Frage, welchen „Nutzen“ dieses Wachstum fuer all diejenigen hat, die davon unverhaeltnismaessig wenig abbekommen (= Ungleichheit) ebenso ideologisch ausblendet, wie die ebenso zwingende Frage, wo denn die Ungleichheit ueberhaupt herkommt, wenn doch, wie Sie unterstellen, so viel von oben nach unten umverteilt wird. Mann!

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