Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Warum das Internet die Gesellschaft nicht spaltet

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Liest im Internet jeder nur noch das, was seiner eigenen Meinung entspricht? Nein, sagt Matthew Gentzkow. Jetzt hat er einen der wichtigsten Ökonomen-Preise bekommen.

© dpaWas lesen wir im Internet?

Die Diskussion ist fast so alt wie das Internet, jedenfalls mindestens so alt wie die sozialen Medien: Wenn es im Internet Millionen von Blogs mit ganz unterschiedlichen Meinungen gibt, wenn der Computer jedem seine Lieblingsartikel aussucht – liest dann nicht jeder nur noch das, was seiner eigenen Meinung entspricht? Lebt dann nicht jeder nur noch in seiner eigenen Filterblase?

Nein, sagt Matthew Gentzkow, Ökonom an der Universität Chicago, in einer seiner jüngsten Arbeiten. Gentzkow darf seit Donnerstagabend als Anwärter für den Wirtschaftsnobelpreis gelten. Denn seitdem ist bekannt, dass er die „John Bates Clark Medaille“ der amerikanischen Ökonomenvereinigung bekommt. Die Medaille wird jedes Jahr dem meistversprechenden Ökonomen unter 40 Jahren verliehen, ungefähr jeder zweite Preisträger erhält einige Jahrzehnte später einen Nobelpreis. Gentzkow bekommt die Medaille vor allem für seine Arbeit rund um die Ökonomik der Medien. Die hat er vom Kopf auf die Füße gestellt.

Nach dem Volkswirtschafts-Grundstudium denken viele Ökonomen entlang des so genannten „Hotelling-Modells„: Im Internet ist es billiger, Artikel zu den Lesern zu bringen. Also gibt es mehr Medien, zum Beispiel viele neue Blogs. Bleiben alle diese Blogs möglichst neutral? Nein. Denn Menschen lesen gerne Nachrichten, die ihrer politischen Ausrichtung entsprechen. Und je mehr Online-Medien es gibt, desto weiter verteilen sich die Blogs über das Meinungsspektrum, so wie sich Kioske über einen Strand verteilen. Es gibt also immer mehr Online-Medien mit immer extremeren Ansichten, und die Leute lesen nur die wenigen Medien, die ihnen ideologisch nahestehen – so lautet die These.

Die politische Spaltung ist klein

Doch so funktioniert die Welt nicht, zumindest nicht in den Vereinigten Staaten, die in der Internet-Entwicklung am weitesten sind. Das hat Matthew Gentzkow zusammen mit seinem Kollegen Jesse Shapiro schon in einer älteren Arbeit vorgerechnet. Dazu untersuchte er 1400 Webseiten. Jede bekam eine Zahl, die ihre Leserschaft einordnet: Ist sie besonders links oder besonders konservativ? Die Daten dazu bekam er vom Marktforscher Comscore: Unter den großen Medien war die Webseite der New York Times mit rund 40 Prozent konservativen Lesern besonders links, die Webseite des Fernsehsenders Fox mit rund 90 Prozent konservativen Lesern weit rechts. Dann untersuchte Gentzkow das Leserverhalten: Lesen die Nutzer nur Nachrichten aus den Quellen, die ihnen nahestehen? Nein.

Fast alle Internet-Nutzer lasen die Nachrichten der großen Webseiten. So kamen die meisten Leser zu einer recht ausgewogenen Nachrichtenmischung: Konservative Leser erreichten eine Nachrichtenmischung wie in der Tageszeitung USA Today, linke Leser auf eine Mischung wie bei CNN. Die politische Spaltung war im Internet zwar höher als im Fernsehen und in Lokalzeitungen, aber kleiner als in überregionalen Zeitungen.

Auf die Qualität kommt’s an

Warum ist die erste Idee falsch? Dazu haben Matthew Gentzkow und Jesse Shapiro in ihrem aktuelleren Forschungsbericht eine Idee ausgearbeitet. Die gute Nachricht: Offensichtlich spielt Nachrichten-Qualität eine Rolle. Denn wenn Gentzkow und Shapiro die Qualität berücksichtigen, können sie ein realitätsnahes Modell bauen.

Ihre Überlegung: Leser lockt man eben nicht nur mit ideologischer Nähe an, sondern auch mit Qualität. Qualität aber kostet Geld – und wer dieses Geld investiert, tut es nicht nur für ein paar wenige Leser in der eigenen ideologischen Ecke, sondern möchte möglichst viele Leser haben – und rückt dazu wieder in die Mitte.

Gentzkows neue These ist gewissermaßen die Umkehrung des Anfangsarguments: Das Internet macht es zwar billig, Artikel zu den Lesern zu bringen, und es können viele neue Medien entstehen. Aber wenn Qualität teuer ist, bleibt ein großer Kostenblock erhalten. Deshalb ist die Zahl der Qualitätsmedien begrenzt, und die Gesellschaft spaltet sich nicht auf.

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4 Lesermeinungen

  1. Man liest...
    Man liest ja auch gerne Dinge, über die man sich ärgern kann, z.B. die Leser-Kommentare zu FAZ-Artikeln… ;-)

    • Man liest ja auch gerne Dinge, über die man sich ärgern kann, z.B. gewisse nichtssagende
      FAZ-Artikel und Leser-Kommentare, die FAZ-Artikel als Wunder-Werke anbeten, obwohl das Wundersam-Werke zum Wundern und Kopfschütteln sind.

  2. Meinungsfreiheit
    auch für extreme Ansichten ist damit die Voraussetzung für einen common sense, der sich im trial and error Verfahren bildet und einigermaßen realitätsgerecht ist, gerade weil die individuellen Meinungen sich deutlich unterscheiden und ausschließen. Rosa Luxemburg altes Wort, dass Freiheit die Freiheit des anderen sei, gilt für die Meinungsfreiheit sicher, sicher nicht für die Handlungsfreiheit, die durch Gesetze maßvoll ex post bestraft werden muss, wenn die Freiheit des anderen individuell zur Sartreschen Hölle wurde. Einer Diktatur kann nur so vorgebeugt werden. Das hat übrigens sogar Hofstätter in seiner Gruppendynamik herausgestellt.

  3. Musste die FAZ in Ihrem Beitrag unbedingt Werbung für den Steuervermeider Apple machen?
    Vermutlich ist das Photo eines halbwüchsigen Mädchens mit einem überteuerten Apple-Produkt in der Hand eine von Apple bezahlte Werbung, oder verfügen Sie nicht über ein neutrales Photo?

    Ihnen dürfte bekannt sein, dass es Apple-Süchtige gibt und entschiedene Gegner dieses fragwürdigen US-Unternehmens, wobei ich zu letzteren gehoere. Ich bin immer wieder erstaunt über die Arroganz von Apple-Kunden, wenn Sie mit verächtlichem Blick erfahren, dass ich auch ohne ein Apple-Fabrikat ein zufriedener Mensch bin. Dann hoere ich immer: Aber Apple ist doch …, Apple hat doch …

    Nun zum Thema Internet:

    Da ich in Übersee lebe und außerdem auch noch in der Provinz, bin ich sehr froh, täglich per Internet die FAZ und andere Zeitungen zu lesen, wobei mich auch stets die Leser-Kommentare interessieren. Allerdings muss ich gestehen, dass ich die Papier-Ausgaben von Büchern und Zeitungen mehr genieße.

    Investigative Beiträge würde ich gerne ebenso häufig in den Printmedien lesen wie ich sie erfreulicherweise regelmäßig in den Polit-Magazinen im TV präsentiert bekomme. Aber vermutlich sind die Fernsehanstalten personell zahlreicher ausgestattet (was nicht heißen muss: besser) und müssen weniger sparen als die Verlagshäuser.

    Vielleich koennen Sie auch über interessante Beiträge der Polit-Magazine regelmäßig berichten, damit die Bürger besser informiert sind. Schließlich berichten Sie mit Ihrer TV-Kritik regelmäßig über die Talkshows, wobei diese oftmals weniger interessant sind.

    Als Senior, Jahrgang 1942, fällt mir in meinem Rentner-Bekanntenkreis auf, dass einige meiner Bekannten aufgrund des Internets mehr lesen als sie es vermutlich früher taten, betrachte ich die geringe Zahl an Büchern in ihrem Haushalt.

    Aber es gibt auch Senioren, die erstaunlicherweise ohne Internet ganz zufrieden sind, sie sagen, dass sie keine Zeit zum Lesen haben (und sicherlich auch früher nicht hatten). Nun, wenn mich etwas interessiert und mir auch wichtig ist, dann nehme ich mir die erforderliche Zeit.

    Was beispielsweise die Pflege unseres Gartens angeht, so behaupte ich auch, dass ich für Gartenarbeit keine Zeit habe (oder vielmehr keine Lust darauf habe). Meiner Frau bereitet die Gartenpflege große Freude – also überlasse ich meiner Frau ihren Spaß an der Gartenarbeit.

    Zum Abschluss, liebe Redaktion Wirtschaft: Künftig bitte keine Werbung für Apple – dann lese ich Ihren Beitrag mit noch groeßerem Genuss. Im voraus besten Dank!

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