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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Karriere macht man früh

| 6 Lesermeinungen

Wer in seinem Leben viel verdienen will, muss vor dem 35. Geburtstag damit anfangen.

Illustration: © Alfons HoltgreveIllustration:

Sie wird die „Rushhour des Lebens“ genannt: Die Zeit nach dem 30. Geburtstag, wenn Studienabsolventen in ihren ersten Berufsjahren sind, gelegentlich umziehen, Kinder bekommen, vielleicht ein Haus bauen – und am besten auch noch nebenbei eine Altersvorsorge aufbauen. In diesen Jahren ist viel zu tun, und eine neue Untersuchung macht den Druck nicht geringer. Denn sie legt nahe: Wer in seinem Berufsleben Karriere machen will, der muss auch damit vor dem 35. Geburtstag anfangen.

Diese Erkenntnis ziehen Forscher aus einer der größten Datensammlungen, die Ökonomen je in die Finger bekommen haben. Es sind die Gehaltsangaben, die Amerikaner ihrer Sozialversicherung machen. Die Forscher konnten die Karrieren und Gehälter von fünf Millionen Angestellten über vierzig Jahre verfolgen und ihre Schlüsse daraus ziehen.

Eigentlich wollte das Team von Ökonomen der amerikanischen Notenbank, der Sozialversicherung und zweier Universitäten nur die volkswirtschaftlichen Modelle der New Yorker Notenbank verbessern und realistische Gehaltsdaten beisteuern, damit die Notenbank das Verhalten der Amerikaner richtig versteht. Doch heraus kamen detaillierte Erkenntnisse darüber, wie es den Menschen in ihrer Karriere ergeht.

  1. Für die meisten Leute steigt das Gehalt im Lauf ihres Lebens nicht exorbitant. Zwischen dem 25. und dem 55. Geburtstag steigert sich der Verdienst nur um rund ein Drittel – plus Inflationsausgleich.
  2. Die größten Gehaltssprünge bekommt man am Anfang, innerhalb der ersten zehn Berufsjahre. Danach bewegt sich für die meisten Leute nicht mehr viel. Der typische Angestellte bekommt dann keine echte Gehaltserhöhung mehr, sondern nur noch einen Inflationsausgleich.
  3. Wenn sich um den 50. Geburtstag noch mal viel am Gehalt ändert, dann geht es selten nach oben. Sei es Krankheit oder Kündigung – die meisten Veränderungen sind dann nicht mehr erfreulich.
  4. Wer wenig verdient, braucht nicht zu verzagen. Phasen mit richtig niedrigem Einkommen sind typischerweise kurz, und das Gehalt steigt bald wieder an.

Über die Karriere entscheiden die ersten zehn Jahre

Aber: All diese Erfahrungen gelten nicht für die ungefähr ein oder zwei von zwanzig Personen, die richtig Karriere machen und in ihrem Leben besonders viel verdienen. Für diese Gruppe gelten ganz eigene Gesetze.

Doch Vorsicht: Die von den Forschern herausgefundenen Gesetze sind alt. Die tatsächlichen Karrieren der 30-Jährigen von heute sind noch nicht geschehen, niemand kann sie erforschen – bekannt sind nur die Karrieren von Leuten, die heute vor der Rente stehen und schon lange nicht mehr 30 sind. Die Daten gelten zudem nur für Angestelltenkarrieren, nicht für Selbständige. Und sie stammen aus den Vereinigten Staaten. Trotzdem sind sie wertvoll. Denn dramatisch sind die Unterschiede zwischen Amerika und Europa wahrscheinlich nicht. Und die Daten sind so vollständig, dass sie sogar die Gehälter von Top-Managern und anderen reichen Angestellten umfassen – eine Gruppe, mit der andere Forscher notorisch Schwierigkeiten haben. Kaum eine Untersuchung ist also besser geeignet, die Top-Karrieren zu durchleuchten.

Dabei wird deutlich: Es entscheidet sich schon früh, wer eine gute Karriere macht. Gute Chancen haben Angestellte, wenn sie bis zum 35. Geburtstag ihr Gehalt verdoppelt haben, statt nur ein Drittel mehr zu bekommen. Dieser Wert ist nur ein Durchschnitt, die Beträge und Altersklassen werden sich in der Realität von Branche zu Branche unterscheiden. Gemeinsam ist vielen Unternehmen aber: Wer früh auffällt, bekommt zusätzliche Chancen. Diese Leute gelten als vielversprechend. Sie werden gefördert. Wahrscheinlich bringt das vielen auch die Motivation, sich stärker zu engagieren. Insgesamt haben sie die besten Chancen, ihr Gehalt im Lauf des Lebens weiter zu steigern. Anders als für die Normalverdiener gilt für die oberen fünf bis zehn Prozent, dass ihr Gehalt auch nach dem 35. Geburtstag durchschnittlich noch weiterwächst, und zwar nennenswert.

Die Leute mit den finanziell erfolgreichsten Karrieren haben nicht etwa mit einem hohen Gehalt angefangen, sondern sie haben ihr normales Gehalt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gesteigert – insgesamt um das Fünfzehnfache.

Das Karriere-Risiko bleibt hoch

Trotzdem ist die Karriere auch für diese Gruppe kein Selbstläufer. Das Risiko ist hoch. In keiner anderen Bevölkerungsgruppe ist die Absturzgefahr so groß wie in den hohen Gehaltsregionen. Und wer den Karriereknick einmal hat, der erholt sich davon auch nicht mehr so leicht. Das passt zu speziellen Studien über Hoch- und Höchstverdiener: Mögen die Gehälter in dieser Gruppe auch groß sein, die Zusammensetzung wechselt doch enorm schnell – alle paar Jahre sind es andere Leute, die zum bestverdienenden Prozent gehören.

Daraus ergibt sich ein eindeutiger Rat: Wer richtig Karriere machen will, muss den Grundstein dafür am Anfang des Berufslebens legen. Verpassen Angestellte diese Chance, die ausgerechnet in die „Rushhour des Lebens“ fällt, bekommen sie später nur selten eine neue.

Wer jetzt beschließt, sich bei der Arbeit richtig reinzuhängen, für den gibt es eine gute Nachricht: Das kann sich lohnen. Das dauernde Gerede davon, dass Überstunden sowieso unproduktiv seien, ist nur zum Teil wahr. Eine Untersuchung von John Pencavel an der Universität Stanford legt nahe: Bis zu 49 Stunden Arbeit in der Woche scheinen für viele Leute machbar zu sein, ohne dass die Arbeitskraft leidet Wichtig ist vor allem, dass die Woche einen Ruhetag hat.

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6 Lesermeinungen

  1. Wenn sich um den 50. Geburtstag noch mal viel am Gehalt ändert, dann geht es selten nach oben.
    Ja wie wahr- wenn ich meine Bankfiliale besuche, dann ergibt sich folgendes Karriere-Altersbild: Filialleiter: Alter 35-40 Jahre, Stellvertreter: 30-35 Jahre, Angestellte: 20-30 Jahre, Azubi: 18 Jahre. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern als Bankberater i.d.R. grauhaarige Männer waren. Was ist mit den Mitarbeitern über 40 geschehen? Ist es ihnen so ergangen wie den Elois in H.G. Wells „Timemaschine“ ? Ältere werden von den Morlocks verspeist.

  2. Pingback: 5 vor 10: Griechenland, Mietpreisbremse, Karriere, Klimawandel, Überschuldung | INSM Blog

  3. Wahrscheinlich zutreffend...
    jedenfalls deckt sich das Ergebnis mit meinen Erfahrungen.
    Allerdings sind die Schlussfolgerungen und Empfehlungen zu pauschal.
    Sich richtig „reinhängen“ kann zwar nötig sein, ist aber selten ausschlaggebend. Da ist es schon richtiger, das man in dieser Zeit positiv aufgefallen sein muss, was auch nicht immer durch „Reinklotzen“ geschieht.
    Und Überstunden haben selten etwas mit Leistung, meist etwas mit Opportunität zu tun. Sie werden gerne von Vorgesetzten gefordert, der eigenen Bequemlichkeit dienend. Das kann auch Karrieren befördern, je nach dem wie dumm der Chef ist. Schlauere fordern Überstanden und befördern doch den Effektiveren, der nur Fleissige bekommt dann ein Plazebo, damit er nicht merkt, das er nur ausgenutzt wurde.

  4. Bemitleidenswert
    Mal abgesehen von dem überschaubaren Aussagewert des Artikels: Wer möchte eigentlich mit jemandem zusammenarbeiten, dessen oberste Priorität ist, viel Geld zu verdienen oder „Karriere“ zu machen? Ich nicht.

  5. Wenn man Statistik für Unfug hält ...
    … dann verschenkt man aus meiner Sicht wichtige Informationen. Dass Statistiken nie den Einzelfall abbilden, ist doch klar. Trotzdem sagen Sie uns etwas über die Welt.
    Über den Hintergrund ist übrigens einiges bekannt: Die Art der Erhebung ist – wie beschrieben – sehr einfach: Die Forscher haben die Originaldaten der Sozialversicherung genommen – also die amtlich gemeldeten Gehälter. Die Stichprobengröße von fünf Millionen steht auch drin. Im Artikel gespart habe ich mir die Aussage, dass sie aus den Daten zufällig ausgewählt haben (alles andere wäre erwähnenswert gewesen, aber hier war das Vorgehen sauber). Wenn Sie’s noch genauer wissen wollen, empfehle ich Ihnen die Lektüre der Originalarbeit, die ist ja auch verlinkt.

  6. Statistik-Unfug
    Es gehört zu den groben statistischen Fehlern, aus Daten der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen, wie im Artikel auch richtig erwähnt. Außerdem ist viel zu wenig über den Hintergrund der Studie bekannt, Art der Erhebung, Stichprobengröße usw.

    Und die wichtigste Regel: Statistiken besagen für den Einzelnen überhaupt nichts.

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