Fazit – das Wirtschaftsblog

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Den Erben geht’s gar nicht so gut

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Ungleichheits-Forscher Thomas Piketty gerät zunehmend unter Druck. Dabei stammt die wichtigste Kritik ausgerechnet von einem Studenten.

Thomas Piketty© ReutersThomas Piketty

Matthew Rognlie ist 26 Jahre alt, studiert im Doktorandenprogramm an der Elite-Universität MIT und liebt das Rechnen. Noch vor einem Jahr hat er versucht, Mathe-Verweigerern Lust auf das Rechnen zu machen: Die Zahlen seien gar nicht so schwer, es gehe nur darum, sich daran zu trauen. Vielleicht musste jemand wie Matt Rognlie kommen, um dem Ungleichheits-Theoretiker Thomas Piketty seinen größten Fehler nachzuweisen.

Thomas Piketty hat das berühmteste Wirtschaftsbuch des vergangenen Jahres verfasst: „Kapital im 21. Jahrhundert“, eine ausführliche historische Analyse über Zinsen und Wirtschaftswachstum, an deren Ende die Folgerung steht: Solange die Zinsen größer sind als das Wirtschaftswachstum („r>g“), wachsen die Vermögen der Reichen schneller als die der Armen. Das war in der Geschichte meistens so und gehört zur Logik des Kapitalismus. Piketty sieht die Welt auf dem Weg in eine Erbengesellschaft. Das Buch wurde zum Bestseller in den Vereinigten Staaten, in denen das einkommensstärkste Prozent seine Gehälter viel schneller steigert als der Rest des Landes. Rund um die Welt wurde das Buch zur Bibel der Linken.

Aber jetzt kommt ein Doktorand und weist Piketty einen Fehler nach. Das erinnert an den Fall von Kenneth Rogoff: Der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds erregte viel Aufmerksamkeit mit seiner Hypothese, dass hohe Staatsverschuldung gefährlich sei. Dann fand ein Student in den Excel-Formeln einen Fehler. Damals ging es um einen Rechenfehler, der die Ergebnisse um ein paar Zehntel weniger deutlich machte, aber an der eigentlichen Aussage nicht viel änderte. Matt Rognlie aber hat bei Piketty nicht nur einen Rechenfehler gefunden, sondern einen Denkfehler, der viele von Pikettys politischen Forderungen ins Wanken bringt.

Alles begann mit einem Blog-Kommentar

Den brachte Rognlie ganz unauffällig im vergangenen Jahr nachts um Viertel vor drei in einem Kommentar auf dem Blog des Ökonomen Tyler Cowen vor. Cowen erkannte die Qualität der Kritik und stellte sie ins Zentrum eines eigenen Beitrags. Rognlie präzisierte seine Kritik auf mehr als 40 Seiten und wurde im März von der renommierten Denkfabrik Brookings zum Vortrag eingeladen. Dort bekam er höchstes Lob von vielen bekannten Ökonomen, auch von solchen wie Brad DeLong, die den Demokraten nahestehen.

Worum geht es inhaltlich? Piketty hat ausgerechnet, dass über Jahrhunderte die Kapitalbesitzer schneller reich wurden als die Leute, die ihr Geld hauptsächlich durch Arbeit verdienen. Im 20. Jahrhundert allerdings war das nicht immer so. Heute ist das Verhältnis zwischen Kapitalrenditen und Arbeitseinkommen deutlich günstiger für die Arbeitseinkommen als vor 100 Jahren. Piketty sagte lange: Das ist eine historische Ausnahme. Künftig werden die Kapitalrenditen wieder wichtiger.

Diese Prognose hängt davon ab, wie stark in Zukunft die Arbeit von Menschen durch Maschinen ersetzt wird – so weit sind sich Piketty und Rognlie noch einig. Aber jetzt findet Rognlie den Denkfehler: Piketty habe in seiner Analyse vergessen, dass einmal investiertes Kapital nicht unbegrenzt Geld bringt. Wer eine Maschine kauft, muss mit der Abnutzung leben. Wer ein Haus baut, muss das irgendwann renovieren. Und wer Software entwickeln lässt, muss sie immer wieder aktualisieren, sonst ist sie bald überholt. Das nennen Ökonomen die „Abschreibung“, und sie fehlt in Pikettys Formel. Sobald die Abschreibung ergänzt werde, bringe das Kapital weniger Rendite, Maschinen ersetzten weniger Menschen, und es werde höchst unwahrscheinlich, dass Kapitaleinkommen die Wirtschaft dominieren.

Zwar gab es in den vergangenen Jahrzehnten durchaus noch Kapitaleinkommen, doch Rognlie rechnet vor: Es sind nicht die Eigentümer von Maschinen und Unternehmen, die davon profitiert haben – sondern es waren die Immobilienbesitzer.

Die Analyse von Matt Rognlie passt besser in die Welt von heute

Wer also überhaupt den Reichtum bremsen wolle, müsse nicht Vermögen besteuern, wie Piketty es vorschlägt, sondern Immobilien, sagt Rognlie. Und über die Ungleichheit der Arbeitseinkommen nachdenken. Die wächst tatsächlich, nur in Deutschland näherten sich Reich und Arm über mehrere Jahre wieder an. Die niedrigen Zinsen halfen, Deutschlands Sonder-Gleichheit entstand wahrscheinlich wegen der Hartz-Reformen.

Rognlies Analyse passt deutlich besser in die Welt von heute: Die Zinsen liegen nahe null. Immobilienbesitzer freuen sich über enorme Preisanstiege. Den schnellsten Weg zum Reichtum aber gehen Start-up-Gründer wie Larry Page oder Mark Zuckerberg mit ihren Unternehmen Google und Facebook, die ihre Milliarden-Vermögen nicht etwa durch kluge Geldverwaltung erschaffen, sondern durch die Arbeit ihrer Gehirne.

Thomas Piketty antwortet: Er wurde missverstanden

Piketty antwortet auf die Kritik, wie er es oft tut: Er sagt, er sei missverstanden worden. Er habe nie behauptet, dass die Ungleichheit „immer wachse“, nur dass sie noch viel größer werden könne, sagte er der „Washington Post“. Kürzlich allerdings hat Piketty einen bemerkenswerten Aufsatz veröffentlicht. Noch im Januar hatte er auf der Jahreskonferenz der amerikanischen Ökonomen den Abwärtstrend der Ungleichheit im 20. Jahrhundert als historische Ausnahme bezeichnet: Er sei durch eine „sehr ungewöhnliche Kombination von Ereignissen“ entstanden.

Damals bekam er schon ordentlich Kritik von seinen Fachkollegen. Der konservative amerikanische Ökonom Gregory Mankiw stellte fest, dass es kein Problem sei, wenn die Zinsen das Wirtschaftswachstum übertreffen – sondern dass das sogar zu einer gesunden Wirtschaft gehöre. Der angesehene Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth fasste bei anderer Gelegenheit breite Kritik mit dem Satz zusammen: Pikettys historische Analyse sei weitgehend richtig, doch seine Vorhersagen über die weitere Entwicklung der Ungleichheit ließen sich daraus nicht ableiten.

Als Piketty jedoch seinen Konferenzbeitrag aus dem Januar im März in schriftlicher Form auf seine Website stellte, sprach er seiner Analyse plötzlich die Gültigkeit für die Zukunft ab – relevant sei sie vor allem für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das passt nicht nur zu Voth, sondern auch zu Rognlie. Ohne dessen Namen zu nennen, nahm Piketty viele seiner Argumente auf: Immobilien seien wichtiger als anderes Kapital. Und dass die Einkommensungleichheit in Amerika wachse, habe wenig mit seiner Analyse zu tun.

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17 Lesermeinungen

  1. Meine Kritik an Piketty ist viel simpler
    Betrachten wir ein Land als Unternehmen, das eine bestimmte Rendite – üblicherweise als Wirtschaftswachstum bezeichnet – erwirtschaftet. Wie bei einem Unternehmen setzt sich dessen Gesamtkapitalrendite aus zwei Fremd- und aus Eigenkapital zusammen, wobei die Eigenkapitalrendite immer über der Fremdkapitalrendite liegen muss. Diesen Unterschied beachtet Piketty m.E. nicht. Er stellt nur fest, dass die Unternehmensrenditen schneller als die Gesamtwirtschaft wachsen. Anders kann es aber gar nicht sein. Es muss sogar so sein, wenn die Wirtschaft wachsen soll.

  2. Titel eingeben
    @Karl Merx: Stimmt, Homburg hatte gezeigt, dass Piketty Grund und Boden als Teil seines „Kapital“ interpretiert und dadurch zu falschen Schlüssen kommt. Dieser Punkt von Rognlie ist also nicht neu. Darauf, dass Piketty fortlaufend Brutto- und Nettogrößen verwechselt, haben neben Rognlie auch Krusell und Smith hingewiesen, und zwar in ihrem lesenswerten Aufsatz „Is Piketty’s Second Law of Capitalism Fundamental?“

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 15. April 2015 | Die Börsenblogger

  4. Bedeutung des Immobilienvermögens: ist nicht mehr ganz neu
    Die wesentliche – und zusammen mit der differenzierteren Entlohnung des Humankapitals auch eigentlich wesentliche – Bedeutung des Besitzes an Immobilienvermögen (und der Entlohnung des Humankapitals) in der Zunahme der Ungleichheit wurde bereits in der Kritik von Stefan Homburg an Pikettys Thesen herausgearbeitet, die seit dem April 2014 als Arbeitspapier der Universität Hannover verfügbar ist: Critical Remarks on Piketty’s ‘Capital in the Twenty-first Century’, Discussion Paper No. 530 ISSN 0949-9962, April/October 2014, Institute of Public Economics, Leibniz University of Hannover. Der Aufsatz wurde in der Zietschrift Applied Economics am 6. Januar 2015 veröffentlicht.

  5. Um das noch mal ganz deutlich zu machen
    Rognlie kritisiert nicht Pikettys historische Analyse bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die kritisiert sowieso kaum jemand. Aber die allein ist ja vor allem von historischem Wert.

    Was Rognlie kritisiert, ist Pikettys politisch relevante Analyse der Gegenwart und Zukunft, in der Piketty sagt: Was bis zum Anfang des 20. Jahrhundert gegolten hat, das wird in Zukunft wieder stärker werden und dann auf Dauer so weitergehen.

    • Es bleibt doch politisch
      wenn Rognlie zeigt, dass Einkünfte von Immobilienbesitzern (inkl. Immobilenfonds etc.) im Vergleich zu anderen Einkünften schneller steigen. Wenn man jetzt noch dazu annimmt, dass der Besitz von Immobilien mit dem Kapitaleinkommen korreliert, ändert sich wenig an Pikettys (ursprünglichen) Zukunftsaussichten.

      Sicherlich darf man seine historische Analyse nicht einfach auf die Zukunft umlegen, denn Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie reimt sich.

    • Die Immobilien sind ja auch bei Rognlie nur rückblickend. Wie weit die Immobilienpreise weiter steigen, ist eine ganz eigene Diskussion.

  6. Titel eingeben
    Es klingt schon äußerst gewagt, die historische Evidenz, welche Piketty sehr eindrucksvoll darlegt, durch eine Modelländerung zu falsifizieren. Darüber hinaus sollte man nicht vergessen, dass sicherlich eine Korrelation zwischen Kapitalerben und Immobilienerben existiert. Was spricht dagegen Piketty zu ergänzen, Immobiliengewinne frei nach Ricardo als Bodenrente zu verstehen und die Erkenntnisse daraufhin neu zu prüfen?

    Es klingt doch weniger nach einer Kritik, welche Pikettys Thesen widerlegt, als viel mehr nach einer konstruktiven Erweiterung. Das sagt Rognlie übrigens selbst in seinem Paper:

    „But rejection of this specific mechanism does not constitute rejection of all Piketty (2014)’s themes. Inequality of labor income, for instance, is a very different issue—one that remains valid and important. Capital itself remains an important topic of study. Among large developed economies, the remarkably consistent trend toward rising capital values and income is undeniable.“

  7. Prognosen und Ihre Qualität
    Ich habe mal meinen Dipl.-Ing. in Elektrotechnik gemacht (abgeschlossen) und später berufsbegleitend meinen MBA in Finanzwirtschaft.

    Von daher fühle ich mich berufen, etwas sowohl über die Welt derjenigen aussagen zu können, für die Mathematik sehr bedeutsam ist, wie auch für die „anderen“ – wobei ich das selbst für nicht komplett gegensätzlich erachte.

    Da ich aber meine Master-Thesis über die Genauigkeit und Angemessenheit von Ratings geschrieben habe, wobei ich mich mit statistischen Modellen auseinandergesetzt und deren Nutzen aber auch Grenzen aufgezeigt habe, masse ich mir an, über Prognosen das eine oder andere aussagen zu können.

    Gerade den Wirtschaftswissenschaftlern, die sich ernsthaft um die Modellierung und damit auch um Prognostizierbarkeit bemühen, spreche ich durchaus hohes mathematisches Können und erhebliche Ernsthaftigkeit zu. Die Grenzen liegen m.E. aber in der Natur der Sache der „Forschungsgegenstände“. Ein Physiker / Techniker / Naturwissenschaftler macht Beobachtungen und stellt darauf basierend Vermutungen auf. Das hat in dieser Frühphase durchaus etwas mit „Herumspekulieren“ zu tun. Dann geht es daran, Modelle aufzustellen, welche in den Naturwissenschaften mit Experimenten, Prototypgeräten o.Ä. sich physikalisch manifestieren. Mit diesen Dingen kann man dann – unter Laborbedingungen – den Einfluss verschiedener Einflussgrößen, welche einstellbar und kontrollierbar sein müssen, untersuchen und dann eben „Formeln“ aufstellen. Ergebnisse müssen reproduzierbar sein und die Streuung der Ergebniswerte muss über eine Fehlerabschätzung hinsichtlich der Eingangsgrößen und einer anschließenden Fehlerrechnung mit den Ergebnissen und Prognosen zu vereinbaren sein.

    Im Bereich der Oekonomie und anderer – ich nenne sie mal so – Geisteswissenschaften ist es dagegen so, dass die Beobachtungen statistischer Natur sind und jedwede Theorie mehr oder weniger auf einer Regression über die Beobachtungen aus der Vergangenheit beruht. Die Einflussgrößen sind nicht kontrollierbar und reproduzierbar, volkswirtschaftliche „Experimente“ verbieten sich aus ethischen (und politischen Gründen). Das einzige, mir bekannte „Grossexperiment“ –> Der real existierende Sozialismus <– hat gezeigt, dass ein Scheitern solcher Experimente nicht in einem gesunden Verhältnis zum möglichen Nutzen steht.
    Selbst wenn durch Rückrechnungen und Gruppierung von Ergebnissen der Vergangenheit nach bestimmten "Haupteinflussgrößen" zumindest nominell eine "Reproduzierbarkeit" virtuell erzeugt wird, kann man den "Untersuchungsgegenstand" eben nicht mit der gleichen Methodik "zerlegen", wie es mit technischen / physikalischen Objekten möglich ist.

    Von daher sind diese Modelle mit "Irrtumswahrscheinlichkeiten" behaftet, mit denen man (wenn man zu solchen Zahlen käme) nicht mal sein physikalisches Grundpraktikum bestehen könnte.
    Hinzu kommt, dass auch bei eher "technischen" Problemen, jedem bekannt ist, dass eine "Extrapolation" über bekannte Stützstellen = Meßwerte hinaus sehr fehlerträchtig ist. Um geisteswissenschaftliche Modelle überhaupt noch berechenbar und damit nutzbar zu halten, ist eine starke Vereinfachung erforderlich (ist bei technischen Modellen im Prinzip genau so, aber hier habe ich wenigstens die Möglichkeit, an meinen Stellschrauben aktiv zu drehen und dann meine Meßwerte zu erfassen).

    Und dann kommt das Prinzip der Statistiken und des Gesetzes der großen Zahlen hinzu. Wenn ich Wahrscheinlichkeitsrechnung betreibe und schwarze oder weisse Kugeln aus Urnen ziehe, kann ich sicherstellen, dass diese zumindest gleich schwer sind und sich auch sonst gleich anfühlen. Es gibt aber auf der ganzen Welt weder zwei Unternehmen, noch 2 Volkswirtschaften und erst recht keine 2 Menschen, bei denen eine ähnliche "Vergleichbarkeit" auch nur ansatzweise gegeben ist. Daher sehe ich hier was Prognosen angeht eine wesentliche Schwäche.
    Zum anderen ist es so, dass technische Systeme unter Laborbedingungen sich recht gut gegen "Störeinflüsse" abschirmen lassen. Technische Systeme in Serienprodukte zu überführen, ist dann schon schwieriger, weil auf einmal die Anzahl möglicher Störgrößen stark zunimmt und deren Stärke immer unklarer abschätzbar ist.
    Oekonomische oder sonstige Systeme unterliegen aber sehr vielen Störgrößen, die eben nur abgeschätzt werden können und der obere oder untere Grenzwerte kaum eindeutig festzulegen sind. Zum anderen wiederholt sich Geschichte eben nicht und es wird immer wieder "Überraschungen" geben, welche die schönen Modelle sprengen. Dann ist das Modell für die getroffenen Annahmen mathematisch korrekt und der praktische Nutzen ist gleichwertig mit dem Werfen einer Münze oder dem Lesen aus dem Kaffeesatz.

    Damit will ich aber den Nutzen und die Notwendigkeit solcher Wissenschaft nicht prinzipiell in Abrede stellen. Ernstzunehmende Oekonomen gehen nämlich mit der gebotenen Demut zu Werke und nennen auch klar die Grenzen ihrer Modelle. Ein tiefgreifendes Verständnis volkswirtschaftlicher Systeme ist m.E. durchaus nutzbringend, wenn man die Ergebnisse mit der gebotenen Skepsis nutzt und sich nicht in quasi-religiöse Überzeugungen versteigt und glaubt, Gesellschaft "designen" und alles kontrollieren zu können.

    • Titel eingeben
      Andreas Jensch schreibt genau das was ich als Physiker seit Jahren über die sog. Wirtschaftswissenschaften denke und kürzer sowie weniger höflich öfters als Leserkommentar geschrieben habe.

      Wenn in der Physik ein Zusammenhang genügend oft experimentell bestätigt wurde, so kann man davon ausgehen, dass zukünftige Experimente exakt wieder die alten Resultate bestätigen. Dies einfach aus der jahrhundertalten Beobachtung heraus, dass sich die physikalischen Gesetze im überblickbaren Zeithorizont offenbar nicht geändert haben. (Man weiss aber nicht, ob sie schon beim Urknall gültig waren und wirklich in alle Ewigkeit unverändert bleiben).

      In der Ökonomie wird man kaum jemals identische Rahmenbedingungen vorfinden, ausserdem ist die Weltwirtschaft ein äusserst heterogenes Gebilde gesteuert von vielen unterschiedlichen und bestimmt auch irrationalen Entscheidungen. Unter solchen Voraussetzungen sind längerfristige Vorhersagen noch deutlich unsicherer als Wettervorhersagen.

      Die ‚gebotene Demut‘ ist angesichts des kakademischen Hickhacks längst dahin, und das Ergebnis wird uns nicht nur von Piketty anschaulichst vor Augen geführt…

    • Offene Türen einrennen???
      Sehr geehrte Herren,
      in der Volkwirtschaftslehre und damit auch im Teilfach Ökonometrie ist es seit rund 75 Jahren bekannt, dass die inferentielle Nutzung multivariater Verfahren nur eingeschränkt möglich ist. 1939 fand die Keynes-Tinbergen Kontroverse statt und 1944 (in Econometrica) veröffentlichte Haavelmo seine Arbeit über die Grenzen und Möglichkeiten der Verwendung der Wahrscheinlichkeitstheorie in der ökonomischen Analyse und Prognostik.
      Nun ist die Prognostik eigentlich nicht das Kerngeschäft der akademischen Volkswirtschaftslehre, aber es ist wie in der Meteorologie: Das öffentliche Interesse dreht sich um die Wettervorhersage und nicht um die vielen Forschungsarbeiten an den theoretischen Modellen, den Implementierungen solcher Modelle auf die Großrechner, den Feldforschungen, den paläoklimatischen Untersuchungen usw.
      Und noch eine Bemerkung zu Herrn Trickler. Wetterprognosen, die wesentlich über 10 Tage hinausweisen, sind recht ungenau außer natürlich solche Aussagen wie „im Mai werden die Tageshöchstemperaturen am Monatsanfang eher niedriger als am Monatsende sein“. Dagegen sind Quartalsprognosen des BIP ziemlich gut; auch Jahresprognosen sind nicht so schlecht, wenn man die Konfidenzintervalle der Schätzung angibt. An Konfidenzintervallen ist die Öffentlichkeit aber nicht sonderlich interessiert.
      Ein letzter Punkt. Kein Staat kommt ohne Steuereinnahme-Prognosen aus, kein Zentralbankgremium versammelt sich gemeinsam vor der Glaskugel oder trifft sich zum Auswürfeln der Diskontrate. Keine Geschäftsbank, keine Versicherung ja selbst kein größeres Industrieunternehmen verzichtet auf prognostische Entscheidungsunterstützung.
      Aber die VWL kann so wenig die nächsten Krisen vorhersehen wie die italienischen Kollegen aus der Geophysik das tektonische Beben von Aquillia progostizieren konnten. Idiotischerweise hat man sie Italien deshalb vor Gericht gestellt. Vernünftigerweise wurden sie frei gesprochen.

    • Ökonomie gleicht eben keinem normalen Kartenspiel
      dessen Spielausgang sich wahrscheinlichkeitstheoretisch voraussagen lässt. Das Kartenspiel finden wir in den Naturwissenschaften vor. Alle Parameter sind bekannt und die Gesetze der Natur ändern sich während des Spielverlaufs nicht. Hier läuft es wie mit dem Kugelexperiment, bei dem ich von vornherein weiß, dass es n verschiedene Kugeln gibt. Anhand einer Stichprobe kann man nun die Zusammensetzung der Grundgesamtheit ermitteln. In der Wirtschaft können jedoch laufend neue Kugeln mit bis dato unbekannten Farben hinzukommen. Es kommen aber nicht nur laufend neue Farben hinzu (andere mögen im Laufe der Zeit gänzlich verschwinden), sondern auch die Wertigkeit der Kugeln verändert sich laufend, ohne dass wir voraussagen können, wo diese Veränderungen, wie stattfinden. Man könnte hier von Störgrößen sprechen um den Eindruck zu erwecken, dass die Störung eigentlich nichts im Spiel verloren hätte und den idealen Spielverlauf nur stören würde. Dieser Ansatz ist falsch, denn die Störung ist integraler Bestandteil des Spiels. Was heute noch als eine Abweichung von der Norm gesehen werden mag, ist morgen vielleicht schon die neue Norm.

  8. Ökonomen schwach in Dialektik und Mathematik
    Es fällt selbst „berühmten“ Volkswirtschaftlern offenbar schwer, die Dynamik der Wirtschaftsentwicklung in komplexen Modellen mit mehreren veränderlichen, sich beeinflussenden Faktoren zu denken und solche Vorgänge mathematisch darzustellen. Sie sollten wie Ingenieurstudenten das Grundstudium in höherer Mathematik sowie die Fähigkeit zum dialektischen Denken und wissenschaftlichen Arbeiten nachweisen müssen.
    Wer würde schon über eine Brücke fahren, die ein Volkswirt berechnet hat.

    • Genau!
      wie z.B. die Schiersteiner Brücke, die nahezu täglich mal geschlossen und wieder geöffnet wird. Da scheint auch ein Volkswirt am Werke zu sein.

  9. Wie man reich wird.
    Typischer Ökonomen-Stuss, mit Verlaub. Ich habe schon „Modelle“ gesehen, wo mehr fehlte als die Abschreibung! Auf was schreibt er denn ab? Auf den Anschaffungswert oder den Wiederbeschsffungswert? Erich der Große, Schmalenbach, hielt eine Abschreibung auf den Anschaffungswert für den Sargnagel der Wirtschaft. Und natürlich ist es eine Binse, dass wenn i>W, die Kapitaleinkommen stärker wachsen. Und klar, Immoblien sind ganz wichtig, gerade jetzt bei Nullzins, verschärfen sie die Vermögensverteilung enorm zugunsten der Immobilienbesitzer, weil diese den Wert für einen Appel und ein Ei dramatisch erhöhen können. Wie wär’s mit folgendem Satz: Reich wird, wer erbt ohne Steuern zu zahlen, viel spart und in Aktien und Immobilien investiert! Jetzt und in Zukunft.

    • Wie man sich nicht zum Deppen macht.
      Ach Herr Zorn, wenn man keine Ahnung hat, wirkt es immer sehr doof, wenn man die vermeintliche Unfähigkeit anderer kritisiert. Es ist eben alles nicht so einfach. Auch nicht, wenn man mal BWL studiert hat. Es geht hier nicht um Buchhaltung sondern um realen Verschleiß.

  10. Betriebswirtschaftliche Begriffe
    wie unterrichtet lange her[60 Jahre] und ebenso wichtig wie makro wirtschaftliche Begriffe ,unglücklicherweise gab und gibt es ja immer wieder ein Zäsur ,Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft .
    Ich lernte beim Betriebswirtschaft ein geeignetes Begriff,immer aktuell ,der sogenannte “ Vervangingswaarde“ von Maschinenparken und mehr[ Universiteit von Amsterdam].

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