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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Raus aus der Komfort-Zone

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Boxkämpfe zwischen Vertretern des ökonomischen Mainstreams und der Heterodoxie bringen nichts. Es bedarf kontroverser und konstruktiver Debatten – und einer gemeinsamen Jahrestagung.  Ein Gastbeitrag von Lisa Großmann, Tom Berthold und Frederick Heussner

 

Manche Debatten lassen sich mit einem einstudierten Boxkampf vergleichen. Die Fronten sind klar, die Schläge einstudiert und der Rahmen des Kampfes mit Seilen abgesteckt. Schauplatz diesmal: die Podiumsdiskussion zur Frage, wie plural die Jahrestagung des Verein für Sozialpolitik (VfS), die größte deutschsprachige Ökonomietagung, sein sollte. Es stehen sich Vertreter des ‘Mainstreams’ und des ‘Pluralismus’ gegenüber. Ein Schlagabtausch nach eingespielten Mustern, aber keine gänzlich neuen und unerwarteten Argumente.

Die Verteidiger des ‘Mainstreams’ fühlen sich zu Unrecht kritisiert. Man habe sich weiterentwickelt, Mikroökonomik sei viel empirischer geworden, die Verhaltensökonomik habe den Homo Oeconomicus hinter sich gelassen und die Makroökonomik integriere zunehmend finanzielle Faktoren. Fiskalpolitik und soziale Ungleichheit würden inzwischen in Betracht gezogen.

Die Kritiker erkennen diese Veränderungen an, bewerten diese jedoch anders. Aus pluraler Sicht sind diese Neuerungen lediglich Nachbesserungen in Reaktion auf eklatantes Scheitern. Fortschritt zwar, aber noch lange kein Pluralismus. Die Veränderungen halten nach wie vor an bestimmten Glaubenssätzen fest, etwa dass im Grunde Individuen das Marktgeschehen bestimmen, dass nur quantitative Ökonomik gute Ökonomik ist und dass eine objektive Wissenschaft nach Vorbild der Naturwissenschaften möglich oder wünschenswert ist.

In der gegenwärtigen Situation sind die Argumente somit bekannt, aber die Diskussion führt nicht zu einer Verständigung. Stattdessen wird dem jeweiligen Gegenüber Ignoranz oder Unwissenheit vorgeworfen. Die Debatte steckt in einer Sackgasse. Verlassen wir also einmal den abgesteckten Rahmen, um zu klären, woran das liegt.

 

Es gibt kein gemeinsames Problembewusstsein

Zunächst fehlt ein gemeinsames Problembewusstsein. Für den ‘Mainstream’ heißt gute Wissenschaft, dass ein bestehender Kern von Annahmen und Methoden im Angesicht von Ungereimtheiten stetig weiterentwickelt wird. Kritik, die nicht an diesen Kanon anschließt, wirkt dann ignorant. Für die plurale Seite ist eine gute Wissenschaft jedoch eine, die sich am Gegenstand definiert und versucht, diesen – wie in Sozialwissenschaften üblich – aus einer Vielzahl von Perspektiven zu erschließen. Wenn also – wie im Rahmen der VfS-Tagung – nur ein Ansatz zur Erfassung der Wirtschaft zugelassen wird, fehlt die Akzeptanz eines anderen Wissenschaftsverständnisses, ohne das die Kommunikation zur Einbahnstraße wird und so zum Scheitern verurteilt ist.

 

Die Macht in der Debatte wird ausgeblendet

Darüber hinaus kratzt die Forderung nach pluraler Ökonomik an der Macht des ‘Mainstreams’, zu bestimmen, was Ökonomik eigentlich ist. ‘Mainstream’-Ökonom_Innen geben zu, dass man zwar alternative (z.B. ökologische, feministische oder marxistische) Analysen der Ökonomie machen könne, das aber dann heute eben nicht mehr als Ökonomik anerkannt werde. Wenn Forscher_Innen als ‘Nicht-Ökonom_Innen’ gelten, weil sie andere Grundannahmen oder Methoden verwenden, dürfen sie zwar sprechen, aber das Gesprochene gilt für die ‘Mainstream’-Ökonomik als irrelevant. Das klingt wie Haarspalterei, ist aber für den Wissenschaftsbetrieb äußerst bedeutsam. An diese Unterscheidung schließen sich Inhalte von Lehrveranstaltungen, Lehrstuhlbesetzungen und die Vergabe von Forschungsgeldern an, aber auch, in welchen Journals publiziert werden kann.

 

Die Wirkmächtigkeit von Theorie wird ignoriert

Die Unterscheidung ist auch politisch relevant. Denn daran, ob jemand als Ökonom_In gesehen wird, schließt sich die Möglichkeit an, ökonomische Probleme überhaupt zu definieren und Lösungsvorschläge zu entwickeln. Wenn der ‘Mainstream’ zur Erklärung vor allem auf individuelles Handeln zurückgreift, hat das gewichtige Konsequenzen. Wird die Finanzkrise durch individuelle Faktoren erklärt – Irrationalität oder Fehlanreize etwa – werden auch nur solche Probleme angepackt. Wachsende soziale Ungleichheit oder die Krisenanfälligkeit des Finanzmarktkapitalismus, die in anderen Denkschulen als Probleme identifiziert werden, werden in der Folge kaum thematisiert oder nur soweit, wie sie in die Methodik des ‘Mainstreams’ passen. Hätten wir eine plurale Ökonomik, würden völlig andere Blickwinkel auf wirtschaftliche Probleme, andere Analysen und andere Lösungsstrategien entstehen.

 

Gemeinsame Tagung statt Boxkampf

Kehren wir wieder in den Boxring zurück. Wir befinden uns bei der Jahrestagung des VfS zum Thema Entwicklungspolitik. Für den ‘Mainstream’ geht es hauptsächlich darum, im globalen Süden die Wirtschaft dem theoretischen Ideal entsprechend – also orientiert an Eigenverantwortung, Privateigentum, Markt und Wachstum – zu schaffen. Dass der Markt dabei nicht alles regelt wird anerkannt. Die Forschung zielt in der Tat oft darauf, Marktversagen zu identifizieren und mit gezielten Interventionen zu verhindern. Vom Grundmodell abweichen tut das aber nicht.

Würde der ‘Mainstream’ zulassen, dass Fragen aus pluraler Perspektive behandelt werden, wäre die Forschungslandschaft eine andere: Welt-systemtheoretische Ansätze würden beispielsweise deutlich machen, dass der Wohlstand des globalen Nordens (auch) auf Machtunterschieden basiert, die dafür sorgen, dass Arbeit, Kapital und Ressourcen vom Süden in den Norden fließen. Ökonom_innen, die sich in der post-kolonialen Theorie verorten, würden kritisieren, dass Entwicklungspolitik weltweit einseitig an westlichen Idealen wie Modernisierung und Wirtschaftswachstum ausgerichtet ist und damit koloniale Machtstrukturen reproduziert. Und Vertreter_innen der ökologischen Ökonomik könnten darlegen, dass Wirtschaftswachstum nur in ökologischen Grenzen nachhaltig ist.

Solche fundamental abweichenden Positionen finden sich im ‘Mainstream’, trotz aller Nachbesserungen, nicht. Um diese anderen Theorieansätze einzubinden, müsste der ‘Mainstream’ die Komfort-Zone des etablierten ökonomischen Denkens verlassen und in Frage stellen, was man lange als selbstverständlich hinnahm. Erst damit würde die Ökonomik wieder zu einer vollwertigen Sozialwissenschaft, die sich nicht nur auf einige wenige Erkenntnispfade beschränkt, sondern über ihren Gegenstand – und vor allem auch über sich selbst – so vielfältig und kritisch wie möglich nachdenkt.

Die Schwierigkeiten in der Diskussion über Pluralismus sind selbst Symptom eines fehlenden Pluralismus. Es bedarf kontroverser, aber konstruktiver Debatten am Gegenstand – statt Boxkampf und Schauspiel. Ein guter erster Schritt dahin ist eine gemeinsame Jahres-Tagung aller deutschsprachigen Ökonom_Innen.

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Die Autor_innen sind Mitglieder im Netzwerk Plurale Ökonomik.

 

 

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25 Lesermeinungen

  1. Kritische Hinweise
    @ Dr. Volker Caspari:

    „Aber wie Herr Bachmann oft genug angemerkt hat, muß man dann auch sagen, was dann gestrichen werden soll.“

    Einerseits möchte ich Ihnen beipflichten. Sie haben darin Recht, dass das dann auch in den Fakultäten umgesetzt werden muss; ferner würde ich in Anlehnung an Sie auch meinen, dass nicht jede Universität alles anbieten muss.

    Auf der anderen Seite frage ich mich aber auch, wie weit sich die Situation der Wirtschaftswissenschaft noch zuspitzen muss. Denn bereits jetzt befinden wir uns m. E. in einem doch sehr bedenklichen Zustand. Ich will das kurz begründend skizzieren:

    Symptom dieses Zustands ist, dass einige Kollegen das Niveau der Diskussion in einen Tiefpunkt führen, der an eine Zeit erinnert, in denen „Querulanten“ nahegelegt wurde, doch „nach drüben“ zu gehen. Heute nur mit dem Unterschied, dass gefragt wird, ob VWL-Studierende nicht das falsche Fach gewählt haben und nicht lieber in die Politikwissenschaft, Soziologie usw. gehen sollten.

    Ein Tiefpunkt ist das schon deshalb, weil offenbar nicht mal im Ansatz zur Kenntnis genommen wird, dass auch in anderen Disziplinen ökonomische Ansätze verwendet werden. In der Politikwissenschaft z. B. die Regulationstheorie.

    Nun will ich NICHT über Sinn oder Unsinn einzelner Theorien diskutieren. Der Punkt ist nur, dass ich es im besten Falle nur noch peinlich finden kann, wenn Studierende mit ökonomischen Ansätzen konfrontiert werden, diese aber nicht einordnen können; und Ökonominnen oder Ökonomen kaum etwas Sinnvolles zu bestimmten Ansätzen einfällt. Die Regulationstheorie ist hier nur ein Beispiel.

    Schauen Sie sich mal die JEL-Klassifikation B50 an, wo „heterodoxe“ Strömungen aufgezählt sind. Das ist nicht der Weißheit letzter Schluss, sondern eher konservativ zusammengewürfelt. Aber es ist insofern wertvoll, weil Sie damit ein konservatives Mindestniveau haben (das seitens der wiss. Community – international – als „heterodox“ bzw. „randständig“ akzeptiert ist). Von den dort erwähnten Strömungen – und insb. von der feministischen Ökonomik – werden Sie im Bachelor-Studium faktisch nichts erfahren. Beim Master vermute ich Ähnliches. Und wenn Sie dann mal doch eine dieser Strömungen anpacken wollen, dann finden Sie keine Expertinnen oder Exprtern, der Ansatz gilt als veraltet oder im schlimmsten Falle, dem obigen Tiefpunkt, „geh doch nach drüben“ in die Soziologie, Politikwissenschaft usw. …

    Das ist ein Defizit, dessen Lösung eigentlich nicht mehr zur Disposition stehen kann (was aber der Hinweis darauf, dass dann gesagt werden muss, was zu Kürzen ist am Lehrstoff, andeutet).

    „Dann stellt sich mir immer wieder die Frage, was unter Methodenvielfalt verstanden wird. So viele wissenschaftliche Methoden gibt es gar nicht. “

    Da müssten wir m. E. sogar noch etwas genauer sein und unterscheiden zwischen Methoden im Sinne von wiss. Schlussverfahren (Deduktion, Induktion und Abduktion) sowie wiss. Verfahren wie z. B. mathematische Verfahren (diesbezüglich dann auch wieder in Differenzialrechnung, Integralrechnung, Matrizen usw.) und verschiedene sozialwiss. Verfahren (QCA, Diskursanalyse, grounded theory, Diskursanalyse, Netzwerkanalyse usw.). Im letzteren Sinne – Methodik als wiss. Verfahren – meine ich, dass es schon recht viele Verfahren gibt. Und ich denke, dass es genau das ist, worauf die Pluralos abzielen.

    Jedenfalls scheint mir besonders in Sachen Textverständnis, Textexegese bzw. -hermeneutik doch etwas viel im Argen zu liegen. Von den wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Grundlagen ganz zu schweigen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Niemand muss Philosoph werden, aber ich würde schon meinen, dass zur kritischen (Selbst-) Reflexion der eigenen wiss. Herangehensweise ein paar Basics in den Bereichen nötig sind.

    Außerdem finde ich eine Offenheit gegenüber wiss. Verfahren auch notwendig mit Blick auf die Entwicklungsoptionen der Wirtschaftswissenschaft selbst und die Dialogfähigkeit zwischen den Disziplinen. Das wäre auch wichtig unter dem Gesichtspunkt, sich nicht durch die Methode den Gegenstand vorschreiben zu lassen. In der Evolutionsökonomik wurde ja bisweilen die Meinung vertreten, dass es mehr Fallstudien geben müsste. Dazu müssten Ökonominnen und Ökonomen aber einmal „ins Feld“ gehen. Ja, wie macht mensch das? Welche Verfahren können dort zur Anwendung kommen? Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Studierenden darauf besonders gut vorbereitet werden.

    • Thérie de la régulation
      @Sebastian Thieme

      Meinen Sie mit der in der Politikwissenschaften verwendeten Regulationstheorie die aus Frankreich stammende „Théorie de la régulation“ von Aglietti, Boyer usw.? Ich habe fast zehn Jahre in Frankreich gelebt und mit seinerzeit auch ein wenig mit der dortigen Lage der Wirtschaftswissenschaften befasst.

      Die „Théorie de la régulation“ stammt aus den siebziger Jahren und war ein Versuch, das Ende der „trente glorieuses“ bzw. des „Fordismus“ in einem langfristigen Kontext zu erklären. Diese Schule war auch in Frankreich niemals einflussreich und hat sich später de facto geteilt, wobei ich nicht weiß, ob der marxistische Zweig, der sich damals um Leute wie Alain Lipietz bildete, heute noch rührig ist. Der andere Zweig um Robert Boyer macht im Grunde genommen Institutionenökonomik ohne neoklassische Einflüsse, um langfristige Entwicklungen des Kapitalismus zu erklären. Ich fand immer, dass es ein Versuch ist, Wirtschaftswissenschaften ein wenig à la Sombart zu betreiben. In den vergangenen Jahren hat man das Programm etwas aufgefächert und Sektoranalysen unternommen, zum Beispiel zum Gesundheitswesen.

      Aber wie gesagt, ich glaube nicht, dass diese Schule in Frankreich heute einen größeren Einfluss besitzt. Boyer hat im Laufe der Jahrzehnte mehrere Bücher über diese Schule geschrieben, aber man muss auch sehen, dass die wenigsten deutschen Ökonomen französische Texte lesen. Vielleicht wäre es einen Versuch wert, zumindest eines von Boyers Büchern in deutscher Sprache zu veröffentlichen.

      Noch etwas anderes: Gibt es in Deutschland Heterodoxe, die sich mit der Circuit-Theorie befassen? Einen Hinweis darauf habe ich bisher nicht gefunden, obgleich es nicht kompliziert wäre, sich zum Beispiel über die Arbeiten von Marc Lavoie über diese Lehre zu informieren.

      Gruß
      gb

    • „Théorie de la régulation“ ~ regulation theory ...
      @ Gerald Braunberger:

      Zur Regulationstheorie: Ja. Aber ehrlich gesagt bin ich selbst kein Fachmensch, was dies anbelangt. Mein Hinweis darauf war in gewisser Weise auch eine autobiographische Selbstkritik. ;-) Arbeitsbedingt (über Kolleginnen und Kollegen) und da ich mittlerweile in Wien lebe und dort u. a. auch Kontakt zu kritischen Studierenden pflege, bin ich mit der Regulationstheorie konfrontiert worden. Ich selbst habe sie vorher offen gestanden nicht näher gekannt.

      „Vielleicht wäre es einen Versuch wert, zumindest eines von Boyers Büchern in deutscher Sprache zu veröffentlichen.“

      Was Boyer selbst anbelangt, würde ich Ihnen als Freund von Originaltexten beipflichten.

      Ansonsten gibt’s u. a. bei Metropolis ein deutsches Buch zur Regulationstheorie:
      Joachim Becker: Akkumulation, Regulation, Territorium. Zur kritischen Rekonstruktion der französischen Regulationstheorie. Metropolis, Marburg 2002

      „Ich fand immer, dass es ein Versuch ist, Wirtschaftswissenschaften ein wenig à la Sombart zu betreiben. In den vergangenen Jahren hat man das Programm etwas aufgefächert und Sektoranalysen unternommen, zum Beispiel zum Gesundheitswesen.“

      Mir selbst ginge es nicht nur um Sektorenanalyse, sondern um eine grundsätzliche Differenzierung von verschiedenen Stilformen gemäß ihrer Stilmerkmale (je nach Kultur und gesellschaftlicher Schichtung). Ich will’s hier nicht weiter ausbreiten, daher nur als skizzierter Hinweis: Ich denke, dass wir viel stärker eine Analyse der Wirtschaftsformen und -möglichkeiten vor Ort benötigen, z. B. viel stärkere Berücksichtigung regionaler – tlw. informeller – Wirtschaftskreisläufe und der relevanten Einstellungen/ Motivationen usw.

      „Gibt es in Deutschland Heterodoxe, die sich mit der Circuit-Theorie befassen?“

      Da bin ich leider überfragt, kann ich Ihnen so nicht sagen.

      Gruß
      SeTh

    • Ich gehoere auch dazu
      @ Sebastian Thieme

      „Symptom dieses Zustands ist, dass einige Kollegen das Niveau der Diskussion in einen Tiefpunkt führen, der an eine Zeit erinnert, in denen „Querulanten“ nahegelegt wurde, doch „nach drüben“ zu gehen. Heute nur mit dem Unterschied, dass gefragt wird, ob VWL-Studierende nicht das falsche Fach gewählt haben und nicht lieber in die Politikwissenschaft, Soziologie usw. gehen sollten.

      Ein Tiefpunkt ist das schon deshalb, weil offenbar nicht mal im Ansatz zur Kenntnis genommen wird, dass auch in anderen Disziplinen ökonomische Ansätze verwendet werden. In der Politikwissenschaft z. B. die Regulationstheorie.“

      Also, ich bekenne freimuetig was Sie nicht weiter ueberraschen wird, dass ich auch dazu gehoere. Ich finde nicht, dass innerhalb der Oekonomik jede Methode als akzeptabel gelten muss. Und wem dann eben bestimmte Methoden (Diskursanalyse) naeherliegen, der kann doch auch was anderes studieren / an anderen Fachbereichen forschen. Was Sie unakzeptabel nennen, nenne ich Spezialisierung und Identitaet einer Wissenschaft. Finde ich normal und nicht schlimm.

      Und genauso wie Oekonomen mit ihrem Instrumentarium inzwischen Fragen untersuchen, die vielleicht traditionell eher in andere Sozialwissenschaften gehoeren (da wird dann sofort oekonomischer Imperialimus gerufen und alle Interdisziplinaritaetsanwandlungen werden zurueckgewiesen), gilt das doch umgekehrt auch fuer die anderen Sozialwissenschaften und traditionell eher oekonomische Themen. Solange das gilt, kann man doch auch als Soziologe, Politikwissenschaftler oder Ethnologe ueber „oekonomische“ Fragen forschen.

      Woher dieses Beduerfnis unbedingt Oekonom sein zu wollen (sind doch die Oekonomen ohnehin die Boesen), zu bestimmten Fachbereichen zu gehoeren? Warum geht es den Leuten nicht um die Sache selbst? Weil Oekonomen mehr verdienen, eher Einfluss auf die Politik oder allgemein ein hoeheres Prestige haben, mehr Forschungsgelder bekommen? Das mag in den USA vielleicht sogar so sein, aber in Deutschland? Jedenfalls sind das (fast) alles sehr wissenschaftsexterne Gruende…

    • @ Rüdiger Bachmann:
      Sie wird es sicher nicht überraschen, aber Ihre Antwort überrascht nun wiederum auch mich nicht.

      Ich halte es aber ebenso wenig für überzeugend, eine Wissenschaft nur auf die (für sie als etabliert angesehene) wiss. Verfahren zu reduzieren, wie Ihr Argument der Spezialisierung. Aber gut, was ist schon „überzeugend“ … Auf den berühmten grünen Zweig werden wir beide sicher nicht kommen. Ihre Antwort möchte ich hier aber auch nicht so einfach unkommentiert im Raum stehen lassen. Daher kurz folgende Anmerkungen.

      1) Ich finde es bemerkenswert, wenn für die Wirtschaftswissenschaft schon vom Begriff her eine allgemeine Kompetenz im Bereich Wirtschaft beansprucht wird, sie sich dann aber tatsächlich nur auf bestimmte Phänomene des Wirtschaftens beschränken soll bzw. auf Grund der „etablierten“ Methodik auch nur bestimmte Phänomene oder diese auch nur (bewusst) unvollständig thematisieren kann. Wer hat denn dann welche Kompetenz, um überhaupt über Wirtschaft zu sprechen?

      2) Wenn Sie Ihr Argument konsequent zu Ende denken, führt Ihre Spezialisierung in eine wissenschaftliche Arbeitsteilung, bei der Sie die wissenschaftliche Autonomie der Disziplin VWL (o. ä.) gleich an der Garderobe abgeben dürfen, da Sie dann weder über die Motivation, noch das Instrumentarium (Methodik), noch über die Kompetenz zur Reflexion und Wahl des Gegenstands und der Methodik (inkl. deren Weiterentwicklung) verfügen.

      Zur Illustration der Problematik vielleicht noch der Verweis auf die ökonomische Ideengeschichte. Was ist das denn? Sie werden dort sicher hermeneutisch vorgehen, auch biographische Analysen sind üblich. Sie müssen auf jeden Fall Texte lesen, versuchen zu verstehen, dann werden Sie sicher Annahmen, Hypothesen und Theorie „herausschälen“, in Beziehung setzen usw. Eine moderne ökonomische Ideengeschichte hätte sicher auch Netzwerk- und Diskursanalysen zu berücksichtigen. Aber sind Sie dann noch Ökonom? Oder betreiben Sie schon „sociology of economics“? Oder anders gefragt: Weil Sie mit der „etablierten“ ökonomischen Methodik wohl schlecht das Feld der ökonomischen Ideengeschichte bearbeiten können, wollen Sie dann dieses Geschäft der Soziologie und der Philosophie überlassen? Und wenn Sie das mit „ja“ beantworten: Wie einfach – denken Sie – werden Sie dann wohl als Soziologe oder Philosoph Fördergelder für die Erforschung der Theoriegeschichte einer anderen (!) Disziplin einwerben können?

  2. Der Nutzen der Neoklassik
    In den vergangenen Jahren sind (mindestens) zwei Bücher von Ökonomen erschienen, sie sich mit der grundlegenden Frage befassen, warum Länder reich oder arm und warum Länder friedlich oder aggressiv sind. Die beiden Bücher enthalten kein einziges mathematisches Modell. Diese beiden Werke sind:

    Acemoglu/Robinson: Why Nations fail (ein globaler Bestseller, auch in deutscher Sprache erschienen)
    North/Wallis/Weingast: Violence and Social Orders. A Conceptual Framework for Interpreting Recorded Human History (kein Bestseller, aber vielleicht theoretisch tiefer als Acemoglu/Robinson und von Fachleuten hoch gelobt)

    Wie gesagt: In den Büchern gibt es keine Gleichung, kein mathematisches Modell. Meine Vermutung lautet, dass man diese Bücher aber nur dann wirklich erfassen kann, wenn man zumindest Grundzüge der Neoklassik kennt. In beiden Büchern spielt zum Beispiel rent-seeking eine bedeutende Rolle.

    Interessant ist auch, sich einmal das Skript zur Vorlesung von Acemoglu und Kollegen am MIT über moderne Institutionenökonomik anzuschauen („Political Economy of Institutions and Development“): http://economics.mit.edu/faculty/acemoglu/courses

    Das sind hunderte Seiten angewandte Neoklassik.

    Natürlich muss auch die Neoklassik offen für Kritik bleiben. Aber entweder wirft man ihr vor, man könne mit ihrer Hilfe Vieles nicht erklären. Wenn man aber mit Hilfe der Neoklassik Erscheinungen aus anderen Sozialwissenschaften erklären will, heißt es, dies sei ökonomischer Imperialismus. Honi soit qui mal y pense…

    Gruß
    gb.

    • Lieber Herr Braunberger, nun könnte man sich streiten, ob und inwieweit die moderne
      Institutionenökonomik „neoklassisch“ ist. Mir ist das allerdings zu scholastisch.
      Völlig richtig ist, dass sowohl NWW als auch A&R die „großen Themen“ von Marx, Weber und Sombart aufgegriffen haben und dass das inzwischen auch zum Mainstream gehört. Das scheinen aber noch nicht mal alle Protagonisten des Mainstreams gemerkt zu haben. Jedenfalls können Vertreter der heterodoxen Richtungen dem Mainstream nicht vorwerfen, Fragen der langfristigen Entwicklung, sowie des Ineinandergreifens von Ökonomie, Politik und Kultur nicht behandeln zu wollen oder gar zu können.

      Mir scheint, dass vielen Studierenden diese von NWW bzw. A&R angesprochenen Fragen, im gegenwärtig herrschenden Curriculum zu kurz kommen. In GB wird unter der Leitung von Wendy Carlin an ausgewählten Universitäten ein reformiertes VWL curriculum erprobt. Mal sehen, wie sich das entwickelt und was die Evaluation in einigen Jahren zeigen wird.

    • Lieber Herr Caspari, sehr wahrscheinlich würden die von NWW bzw. A&R angesprochenen Fragen viele Studenten interessieren; Sie können das besser beurteilen als ich. Aber wären das nicht Themen für ein, altmodisch gesprochen, Hauptstudium? Wenn ich die Forderungen „pluraler“ Studenten richtig verstehe, sähe man dort gerne mehr Methodenvielfalt schon im Grundstudium.

      Wie weit Neoklassik ausgreift, kann man sicherlich debattieren. Ich habe in den vergangenen Wochen noch einmal Vieles von Schumpeter gelesen. Sein Ausgangspunkt ist ja das statische Modell von Walras, das er über den innovativen Unternehmer und den ihn finanzierenden Bankier dynamisieren will. Schumpeter hat, soweit mir bekannt, niemals formale Modelle entwickelt und in seinen späteren Jahrzehnten den Zugang zu dem Thema bekanntlich auch über historische, soziologische und politikwissenschaftliche Aspekte gesucht. Andererseits: Wenn man sein Vierphasen-Modell des Konjunkturzyklus aus den späten „Business Cycles“ (1939) liest – alles verbal, nur eine (umstrittene) Grafik – ist nach meiner bescheidenen Ansicht der neoklassische Charakter trotz Andeutung von „animal spirits“ immer noch offensichtlich: Es wird unter Nebenbedingungen optimiert und der Gleichgewichtsgedanke bleibt immer dominierend (was Minsky ja später als größte Schwäche von Schumpeters Analyse bezeichnet hat).

      Aber, wohl wahr, solche Erörterungen können auch einen scholastischen Charakter bekommen.

      Viele Grüße
      gb.

    • Lieber Herr Braunberger, natürlich hätten die Studierenden gerne mehr Vielfalt im Bachelor
      Studium. Aber wie Herr Bachmann oft genug angemerkt hat, muß man dann auch sagen, was dann gestrichen werden soll. Ich hätte da so meine Vorstellungen, aber da muß man in einem Fachbereich eine Mehrheit bekommen, sonst bleiben es Wolkenschlösser. Dann stellt sich mir immer wieder die Frage, was unter Methodenvielfalt verstanden wird. So viele wissenschaftliche Methoden gibt es gar nicht. Für meinen persönlichen Geschmack fehlt in der gegenwärtigen Ausbildung die historische Herangehensweise als Ergänzung der empirisch-analytischen. Die experimentell-behavioristische hat sich in den letzten Jahren hier und dort (z.B. Bonn, Heidelberg) etabliert. Sicherlich kann nicht jede Fakultät alle Richtungen anbieten. Hier könnten die Fakultäten auch sinnvolle „Produktdifferenzierung“ betreiben, so dass Studierende wählen können. In einem gewissen Grad war und ist das ja auch der Fall. Mannheim und Erfurt unterscheiden sich deutlich. Auch Jena hat ein deutlich anderes Profil als Heidelberg.

      Und nun noch ein wenig Scholastik. Natürlich ist Schumpeter ein Neoklassiker walrasianischer Provenienz. Aber er hat sich eben an Marx abgearbeitet, weil ihm die „Bewegungslosigkeit“ des allgemeinen walrasianischen Gleichgewichts klar war und weil er die Marxsche Analyse im dritten Band des Kapitals ziemlich beeindruckend fand. Im neoklassischen Denkmodell bringen nur exogene Störungen (heute nennt man das Schocks) das System „in Bewegung“. Auch bei Keynes sind es Änderungen der marginal efficiency of investment in Abhängigkeit von den long term expectations. Die sind aber auch „exogen“, weil wir die Wandlungen dieser nicht modellendogen herleiten können. Analog Keynes‘ Behandlung des spekulativen Verhaltens „im Kasino“. Hayeks „spontane Ordnung“ und „Wettbewerb als Entdeckungverfahren“ ist der österreichische Gegenentwurf zum walrasianischen Schumpeter. Auch die Neoklassik hat ihre eigene Vielfalt wozu auch die moderne endogene Wachstumstheorie zählt, die ja wichtige Ideen Schumpeters modelliert hat.

      Kommen wir zur Methode und zur Institutionenökonomik zurück. Mit der Neoklassik teilt die moderne Institutionenökonomik den methodologischen Individualismus, der eben auch von Max Weber gefordert wurde und damit auch in Teilen der Soziologie vertreten wird. Weber führte das Programm der Historischen Schule auf der Basis des methodologischen Indiviualismus fort, während die meisten Vertreter der Historische Schule eher dem methodologischen Holismus folgten. Die Historische Schule hatte einen großen Einfluss auf den amerikanischen Institutionalismus und dem wiederum entstammt Douglass North. Moderne Institutionenökonomik hat also sowohl neoklassische als auch nicht-neoklassische Wurzeln.

    • Ein paar kritische Anmerkungen
      @ Gerald Braunberger & Volker Caspari:

      Zunächst erst einmal danke für die recht interessanten Hinweise zur Neoklassik. (Gab es in Deutschland nicht auch mal eine recht heftige Diskussion um eine sogenannte kritische Neoklassik von Winfried Vogt?)

      Ich würde diesbezüglich nur gerne ausdrücklich (!) darauf hinweisen, dass die Pluralo-Studierenden keineswegs die Neoklassik ausschließen möchten, sondern ihr im Rahmen der Lehre natürlich ebenfalls einen Platz einräumen. In dem Kontext denke ich, dass die Dinge, die Sie beide erwähnt haben, sicher auch bei den Pluralos willkommen sein werden.

      Gleichwohl: Mit dem neoklassischen Arbeitsmarkt gibt es sie natürlich immer noch, die neoklassischen Modelle und Argumentationsmuster in Reinkultur (Soziologen würden hier wahrscheinlich von legitimierenden Mythen oder Narrativen sprechen), die sowohl in der Lehre, als auch in der Politik beratenden Wirtschaftswissenschaft wirken. Mich hat der neoklassische Arbeitsmarkt in meinem Studium begleitet und ist mir besonders wegen des Jahresberichts 2010/ 2011 der Wirtschaftsweisen im Gedächtnis geblieben. Problematisch halte ich den deshalb, weil Erwerbslose dort „freiwillig“ erwerbslos sind (Stichwort: Faulheit), die Selbsterhaltung (Reproduktion) bei der Grenzproduktivität eigentlich keine Rolle spielt und schon von der Modell-Logik her sämtliches sozialstaatliches Engagement entweder überflüssig ist (wenn z. B. Mindestlohn oder Sozialtransfers kleiner oder gleich Marktlohn) oder als schädlich dargestellt wird (wenn z. B. Mindestlohn > Marktlohn). Kein Wunder, wenn Studierende – sofern sie das gelehrt bekommen – dann Fragen stellen.

  3. Der Beitrag ist sehr erhellend
    https://www.socialpolitik.de/De/die-pluralen-auf-fazit

    Mein Kommentar dazu und auch zum von Herrn Thieme verlinkten Interview. Die Studenten dort offenbaren solch krasse Luecken in ihrer Kenntnis der neoklassischen Oekonomik, dass man in der Tat ihre Kritik nicht Ernst nehmen kann.

  4. Ein etwas erhellendes Interview ...
    Als Ergänzung zum obigen Text: Ein Interview mit dem AK Plurale Ökonomik aus Hannover: „Ökonomik funktioniert nicht wertneutral und losgelöst von Gesellschaft“ via http://www.annotazioni.de/post/1666

  5. Pingback: Kleine Presseschau vom 9. Oktober 2015 | Die Börsenblogger

  6. Seien wir doch ehrlich:
    Die Pluralist_Innen haben nichts vorzuweisen.
    Aus Not wird dann der falsche Klassenstandpunkt … äh… „mangelnde Pluralität“ entlarvt, um sich trotz mangelnder wissenschaftlicher Erkenntnisse Pöstchen und Einfluß zu sichern.

    Gerade die Aussagen zu „welt-systemtheoretischen Ansätzen“ deutet darauf, daß´den Pluralist__Innen nicht einmal die alten (VWL-)Klamotten à la Prebisch-Singer, Dependenztheorie oder Senghaas bekannt sind. Schwaches Bild.

  7. Marx und die Finanzkrise
    Da in dem Gastbeitrag auch kurz die marxistische Ökonomie erwähnt wird: Es sei der Hinweis gestattet, dass wir vor rund zwei Jahren in FAZIT einen anderen Gastbeitrag hatten, der sich mit der marxistischen Interpretation der Finanzkrise befasste. Hier ist der Link:

    http://blogs.faz.net/fazit/2013/10/07/karl-marx-und-gegenwaertige-finanzkrise-2734/

    • Raus aus den Schützengräben vergangener Schlachten
      Danke für den Link. Faber und Petersen machen meines Erachtens einen entscheidenden Fehler, der auch hier vor kurzem thematisiert wurde: http://blogs.faz.net/fazit/2015/10/05/gene-fama-und-die-leichenraeuber-der-markt-setzt-die-zinsen-nicht-die-fed-6598/. Die Niedrigzinspolitik der Fed wird für die Krise mitverantwortlich gemacht. Dies ist aber so nicht richtig. Es ist Aufgabe der Geschäftsbanken (und nicht der Zentralbanken) im Rahmen der Kreditvergabe bontitätsabhängige Risikozuschläge zu erheben; denn dies ist die Hauptfunktion des Zinses (Nebenfunktion ist die Kostendeckung der Bank für diese Dienstleistung).

      Tatsächlich wurden die Risikozuschläge aber viel zu niedrig angesetzt und zugleich keine Risikovorsorge in Form von Rückstellungen vorgenommen, sondern fiktive Gewinne ausgezahlt (überhöhte Boni, Gehälter und Dividenden). Dass dies politisch auch gewünscht und unterstützt wurde: geschenkt. Rentseeking ist aber nicht nur ein Bankenphänomen: http://bankunderground.co.uk/2015/08/07/inequality-reframing-the-debate-reforming-institutions-and-rooting-out-rent-seeking/. Letztlich handelt es sich sehr wohl um einen parasitären Missbrauch eines Kollektivgutes zu Lasten der 99 %. Marx traf mit seiner Kritik hier voll ins Schwarze, obwohl er ebenfalls am Verständnis der Funktionsweise eines Kreditgeldsystems gescheitert ist. Der damals noch dominierende Goldstandard mag hierfür mitverantwortlich gewesen sein.

      Desweiteren basiert die Kritik von Faber und Peterson auf der fehlerhaften Loanable Funds Theorie, die zuletzt mehrfach kritisiert wurde; z. B. hier: http://blogs.faz.net/fazit/2015/08/17/alter-wein-in-neuen-schlaeuchen-geld-entsteht-aus-kredit-2-6275/ oder auch hier: http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/37775/das-grosse-missverstaendnis-ums-geld/. Damit ist aber auch die hierauf aufbauende einseitige allokative Zinsfunktion ein Irrweg. Denn der Zins bringt nicht ex ante Investitionen und Ersparnisse in ein Gleichgewicht, sondern die kreditfinanzierten Investitionen sind es, die ex post die Ersparnisse bilden. Die Zentralbank hat allerdings die Aufgabe, bei drohender konjunktureller Überhitzung rechtzeitig reaktiv gegenzusteuern und schöpft somit zugleich idealiter reale Gewinne zu Gunsten der Gemeinschaft aller Bürger ab (Gewinne fließen in den Staatshaushalt). Realiter sieht die Geschichte allerdings anders aus.

      Marx hatte zugleich recht, dass die Zinshöhe nicht eindeutig bestimmbar sei. Zumindest nicht ex ante. Dies liegt daran, dass der Zins vor allem als Risikoprämie zu interpretieren ist. Faber und Peterson weisen auf diese wichtige Funktion hin, ohne sie aber unmittelbar auf das Zinsniveau anzuwenden und zu vertiefen. Insofern geht die Kritik an Marx in diesem Punkt weitgehend ins Leere. Und ja, der Zins ist ein Gewinnbestandteil. Was denn sonst?

      Die bemühte Konsumverzichtsprämie mag vor 100 Jahren oder in Mangelwirtschaften noch ihre Bedeutung gehabt haben. Aber auf was bitte schön muss eine Gesellschaft/Gläubiger verzichten, wenn es Überkapazitäten bei Unterbeschäftigung gibt? Ganz im Gegenteil, der Sparer sollte froh sein, wenn in einer alternden Gesellschaft jemand die Ersparnisse werterhaltend investiert hat. Dafür muss er dann bei fehlenden attraktiven Investitionsmöglichkeiten sogar mit negativen Zinsen rechnen. Dies bildet die aktuelle Situation auch besser ab als alle anderen Vorstellungen über den Zins: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/08/21/zinsmythen/

      Marx hatte das bis heute ungelöste Kernproblem auf den Punkt gebracht. Wie kann es sein, dass der Kapitalist mehr Geld aus dem System herauszieht als er zuvor hineingeworfen hat: G-W-G‘. Die Lösung ist relativ einfach, wenn man mal die monetären Scheuklappen ablegt und die Zentralbanken das finanzkapitalistische Streben nach monetären (nicht realen) Erträgen ernst nehmen würden. Unter Berücksichtigung der Binswangerschen Metamorphose des Geldes löst sich dann auch die von Marx beschworene finale Krise des Kapitalismus in Wohlgefallen auf: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/03/23/die-citoyage-keynesianischer-monetarismus-als-ordnungspolitisches-korrektiv/

      Das Problem hierbei: Das monetäre System ist von der übergroßen Mehrheit bis heute nicht verstanden. Wer lange genug den Rosenkranz heruntergebetet hat (Loanable Funds Theorie), glaubt auch irgendwann an die Jungfrauengeburt. Die kopernikanische Wende, die im Jahre 2008 durch die Bundesbank (unbewusst?) eingeleitet wurde (http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/FAQ_Listen/faq_zum_thema_geldschoepfung.html ) steckt noch immer in den Kinderschuhen und droht durch aktuelle politische Entwicklungen aufs Abstellgleis zu geraten. Es handelt sich hierbei auch keinesfalls um scholastische Haarspalterei sondern es geht vielmehr um die existenzielle Basis des friedlichen Zusammenlebens in Deutschland, in Europa und in der Welt.

      LG Michael Stöcker

  8. Endlich verstehe ich auch einmal, was PLURALE ÖKONOMIK ist:
    Die Ausgangsannahmen werden so gewählt, dass die politisch gewünschten Ergebnisse daraus auch wirklich resultieren! Nur kein ideologisches Risiko eingehen:
    (1) Die Finanzmarktkrise wird mit der „Krisenanfälligkeit des Finanzmarktkapitalismus“ erklärt. Originell!
    (2) Da der Wohlstand des globalen Nordens (auch) auf Machtunterschieden basiert, die dafür sorgen, dass Arbeit, Kapital und Ressourcen vom Süden in den Norden fließen wird er dadurch erklärt, dass er (auch) auf Machtunterschieden basiert, die dafür sorgen, dass Arbeit, Kapital und Ressourcen vom Süden in den Norden fließen. Da kann dann wirklich nichts mehr schiefgehen!
    (3) Die ökologische Ökonomik beweist, dass Wirtschaftswachstum nur in ökologischen Grenzen nachhaltig ist, die von der ökologischen Ökonomik als nachhaltig definiert werden. Endlich legt mal jemand fest, was genau „nachhaltig“ ist. Ich dachte schon, das sei genau so ein Wieselwort wie „gerecht“.

    Ganz klar die plural_Ine Öknomik unterscheidet sich in ihren Methoden ganz wesentlich von der Methodik der Naturwissenschaften. Ist doch super! Warum eigentlich?

    • Offenheit
      Ich habe einige der Veranstaltungen besucht, die in Verbindung mit dem Netzwerk Plurale Ökonomik stehen, zu denen einige der Autoren, wenn nicht sogar alle, gehören.
      Ich darf berichten, dass diese Forderung nach mehr Pluralität kein fadenscheiniges Geschwätz ist. Denn, obwohl es aus naheliegenden Gründen* eine gewisse ideologische Tendenz im Denken und in den verfolgten Ansätzen gibt, werden doch auch Beiträge gehört und diskutiert, die vom übergroßen Teil der Besucher sowie Ausrichter bestenfalls als „neoliberal“ kategorisiert werden, weil nicht dogmatisch davon ausgegangen wird, dass die persönlich präferierte Alternative im Besitz der letztgültigen Wahrheit ist.
      Man ist dort also durchaus offen für Argumente und Ansätze, die den eigenen liebgewonnen Vorstellungen spinnefeind sind.

      Das ist eine Haltung, die mir bei den Inhabern der quasi-monopolistischen Lehrmeinung überhaupt noch nicht begegnet ist. Ganz im Gegenteil, dort hat man ein sehr begrenztes Bild davon, welcher Ansatz und welche Methode in der Lage ist, Wissen zu schaffen bzw. wissenschaftlich zu sein, ironischerweise ohne überhaupt andere Ansätze zu kennen. Also zumindest meiner Erfahrung nach.

      *der Mikrokosmos Universität ist meines Wissens nach seit Jahrzehnten Sammelbecken und Rekrutierungsstelle für – sagen wie mal – „idealistische“ Weltbilder.

  9. Theorien wie Schautafeln mit
    Legenden oder die Dogmatik oder ein vermeidungssystem der alltägliche „Realität „,benötigt Sauerteig um neue Geleise zu schlagen.Die Metaphor einer Boxkampf sei ausgezeichnet ,aber nur denn bis zum K.O. .

    Im Wettbewerb genügt ein metaphorische K.O. selten oder nie.und dan meine ich nicht nur Automobil Hersteller.

    Ökonomische Modelle ohne zusätzliche „Staat und Recht“ Parameters schlagen immer fehl außer der Studien Zimmer.

    Daher gibt es eine Verknüpfung von Recht und Ökonomie in Frankreich:la Faculté de Droit et des Sciences Économiques .

  10. Ökonom_Innen
    Nichts gegen Pluralist_Innen mus in der Wissenschaft, auch in der ökonomischen. Vielfalt bedeutet aber noch nicht, dass die Heterodox_Innen über bessere Erklärungsansätze verfügen. Und Germanist_Innen werden sich mit Grausen abwenden.

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