Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

„Es werden Scheindebatten geführt“

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In manchen deutschen Blogs toben sich seit Jahren vermeintliche Revolutionäre monetären Denkens aus, die traditionellen Ökonomen unterstellen, diese hätten keine Ahnung von Geld, Banken und Geldpolitik. Der Makroökonom Rüdiger Bachmann ist der Auffassung, dass sich der ökonomische Mainstream  gegen diese „Neigung zu Obskurem und zur Scharlatanerie“ stellen sollte, anstatt sie zu ignorieren oder zu verlachen.

 

 

Herr Bachmann, in der „Ökonomenstimme“ sind in den vergangenen Wochen mehrere Beiträge, unter anderem von Dirk Ehnts, erschienen, in denen harte Kritik an der Mainstreamökonomik geübt wird. Konkret geht es um den mit Hilfe von Erkenntnissen aus der Buchhaltung geführten Vorwurf, dass der Mainstream nicht verstehe, wie Geschäftsbanken und Zentralbanken funktionierten. Was sagen Sie dazu?

Ich habe zwei Vorbehalte: Zum einen werden Scheindebatten geführt, zum Teil über unwichtige und semantische Probleme, wie etwa ob Buchungsakte autonom und sozusagen ex nihilo erfolgen. In einem gewissen Sinne: natürlich, ja. Zum anderen reden wir über sehr alte Hüte.

© privatRüdiger Bachmann

Welche alten Hüte meinen Sie?

Da wird behauptet, Greg Mankiw und andere moderne Lehrbuchautoren wüssten nicht, dass wir in einer Welt mit Fiat-Money und zweitstufigem Banksystem leben, in der erstens die Zentralbanken nichts mehr gegen Geld einlösen müssen wie früher beim Goldstandard, und andererseits Geld eben von Geschäftsbanken durch Kreditvergaben geschaffen wird. Natürlich ist das den Ökonomen bekannt. Genau so ist den Ökonomen bekannt, dass Zentralbanken wie die Fed oder die EZB Zinspolitik und keine Geldmengenpolitik betreiben. Und wenn man Zinspolitik betreibt, muss man die Geldmenge akkommodieren. Insofern stimmt es natürlich, dass die Geschäftsbanken in normalen Zeiten immer an Zentralbankgeld kommen, wenn sie es für Mindestreserven, Bargeldabhebungen oder Überweisungen zu anderen Geschäftsbanken, also alles Dinge, über die eine einzelne Geschäftsbank eben nicht autonom verfügt, brauchen. Die entscheidende Frage ist: Zu welchen Konditionen? Diese Konditionen werden von der Geldpolitik beeinflusst. Deshalb ist die These einer „Geldschöpfung aus dem Nichts“ abwegig bzw. ungebührlich sensationsheischend: Das ist den Ökonomen alles bekannt. Und in der Realität kommen sowieso Kreditvergaberegulierungen und Kreditvergabefriktionen als Einschränkungen für das durch Kredit geschaffene Geld hinzu.

 

Sie sind Makroökonom. Manche Kritiker argumentieren mit der Buchführung. Lässt sich aus Ihrer Sicht aus dieser Buchführungsdiskussion überhaupt eine Erkenntnis ziehen?

Es ist schon richtig, dass alles, was ein Ökonom über Zentralbanken und Geldpolitik sagt, den Regeln der Buchführung genügen muss. Insofern kann man die Buchführung als eine Art Instrument zur Selbstdisziplinierung ansehen. Aber es wäre absurd anzunehmen, Ökonomen könnten keine Buchführung. Und sowieso kann die Buchführung die ökonomische Analyse nicht ersetzen, die etwa mit den verschiedenen Erwartungen bei den Geschäftsbanken ansetzen muss.

 

Manche Kritiker des Mainstreams behaupten, dort werde ein unrealistisches Modell des Geldmultiplikators gelehrt, in dem die Zentralbank über die Zuteilung von Zentralbankengeld die Menge des Geschäftsbankengeldes eng und mechanistisch steuern kann. Was sagen Sie dazu?

Ich will nicht bestreiten, dass in manchen Einführungsvorlesungen ein solches Modell noch gelehrt wird. Wenn die Studenten nur dieses Modell kennenlernen sollten, gäbe es tatsächlich ein Problem. Aber die Modelle in Einführungsvorlesungen sind aus pädagogischen Gründen sehr einfach; später lernen die Studenten dann realistischere Modelle kennen.

 

Das ist nicht überraschend, denn schon vor Jahrzehnten fanden sich in Lehrbüchern realistischere Ansätze zur Theorie des Geldmultiplikators.  Wie lehren Sie und andere moderne Makroökonomen heute Geldpolitik?

Man geht am Anfang häufig von einem ISLM-Modell aus, in dem die Zentralbank die Geldmenge bestimmt. Dies geschieht aus Gründen der Vereinfachung. In einem nächsten Schritt werden realistischere Modelle behandelt, indem die Zentralbank zum Beispiel mit einer Taylor-Regel den Zinssatz setzt.

 

Dem würden die Kritiker entgegenhalten, dass in den Mainstreammodellen mit der Taylor-Regel die Geldschöpfung der Geschäftsbanken nicht explizit betrachtet wird.

Der Widerspruch bei den Anhängern dieser heterodoxen Geldtheorie ist doch: Einerseits sagen sie, dass die Geldschöpfung der Geldbanken wichtig ist. Gleichzeitig behaupten sie, die Geschäftsbanken erhielten immer so viel Zentralbankgeld, wie sie wollten. Wenn dem aber so ist, braucht man keine separate Analyse von Geschäfts- und Zentralbanken, sondern man kann nur  mit einer Zentralbank im Modell arbeiten. Dann ist die Frage, zu welchen Konditionen entsteht Geld. Und hier spielt der Zins der Zentralbank eine entscheidende Rolle, und damit sind wir im Standardmodell mit der Taylor-Regel. Die Heterodoxen widersprechen sich aber noch in einer anderen Hinsicht.

 

In welcher?

Das Standardmodell gilt für normale Zeiten, aber wir haben gelernt, dass es in einer Finanzkrise zu Spannungen am Interbankenmarkt kommen kann. Deshalb arbeiten moderne Mainstreamökonomen an Modellen, die sich mit der Interaktion zwischen Zentralbank und Geschäftsbanken bei solchen Friktionen beschäftigen. Viele Heterodoxe haben dem  Mainstream erst vorgeworfen, seine Standardmodelle taugten nicht für eine Krise. Und wenn dann eine Krise da ist, sagen sie: Jetzt müssen wir aber Modelle verwenden, die darauf hinauslaufen, dass sich die Salden der Geschäftsbanken über den Geldmarkt immer ausgleichen. Das ist aber gerade das Modell für die guten Zeiten.

 

Haben die Heterodoxen Modelle für eine Krise?

Ehnts hat kein Modell. Ehnts hat einen Buchungssatz entdeckt. Am Ende läuft seine Erkenntnis darauf hinaus, dass Zentralbanken keine Geldmengenpolitik betreiben. Das wissen die Zentralbanken und die Mainstreamökonomen seit Jahrzehnten. Grundsätzlich stellen sich für mich aber ganz andere Fragen.

 

Welche?

Erstens: Warum finden solche Scharlatane überhaupt Gehör? Und zweitens: Warum verteidigen sie sich nicht gegen Kritik? Herr Ehnts ließ sich auf keine Debatten ein weder per Email noch auf „Ökonomenstimme“, sondern empfiehlt, man solle sein Buch kaufen. Für einen Ökonomen, der Professor werden will, ist die Verweigerung einer Diskussion seiner Thesen ein merkwürdiges Verhalten. So etwas kann eigentlich nicht sein. Manche seiner Unterstützer in Blogs führen semantische Diskussionen oder wollen ökonomische Fragen über Buchungssätze klären, mit denen sich die Fragen aber nicht klären lassen. In meiner Erfahrung ist das ein fast typisches Verhalten in der Auseinandersetzung zwischen Mainstreamökonomen und Heterodoxen: Die Heterodoxen wollen oft Scheinprobleme diskutieren. Für mich gehört das zu dem Thema „Fake-News“.

 

Ist das nicht übertrieben?

Man kann das belächeln, aber nicht nur in Deutschland gibt es die Neigung zum Obskurem und zur Scharlatanerie, sondern auch in den Vereinigten Staaten. Die Kritik am Establishment ist ein Zug unserer Zeit. Die Mainstreamökonomen haben in der Vergangenheit weiß Gott nicht alles richtig gemacht, aber es kann doch nicht sein, dass man heute sein Heil bei irgendwelchen Gurus sucht, die vermeintlich revolutionäre Erkenntnisse verbreiten.

 

Und was kann der Mainstream tun?

Bisher werden die Gurus vom Mainstream entweder ignoriert oder ausgelacht. Ich finde: Das reicht nicht. Wir müssen dagegenhalten.

 

Das Gespräch führte Gerald Braunberger.

 

 

 

 

 

 

 

 

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44 Lesermeinungen

  1. @ Gerald Braunerer
    „Die moderne Makro ist voll mit Modellen, in denen solche Friktionen berücksichtigt werden.“

    Die moderne Makro berücksichtigt in ihren Teilmodellen mittlerweile einige ökonomische Realitäten. Das ist richtig. Sie ist aber nicht in der Lage, sämtliche Realitäten und Interdependenzen zu einem realistischen Bild der Weltwirtschaft zusammenzufügen. Vor allem fehlt eine realistische Gewichtung der hauptsächlichen Einflussgrößen auf die realwirtschaftliche Entwicklung wie z.B. die Zinspolitik der Zentralbanken in Verbindung mit den Finanz- und Anleihemärkten. Warum kann das allgemeine Zinsniveau nicht mehr als 1 bis 1,5 Prozent steigen? Der technische Fortschritt wird in den Modellen vollkommen falsch gewichtet und eingeschätzt!!! Ein großes Dilemma der modernen Makroökonomie ist zudem die Tatsache, dass sie nicht mit die ökonomische Realität abbildenden Makrodaten arbeitet. Stichwort: Ermittlung US-PIB, US-Arbeitsmarktdaten etc. Warum entsteht trotz eines angeblich so tollen US Arbeitsmarktes kaum Inflation?

    • Prognosen, dass die amerikanische Wirtschaft bald in die Rezession fallen wird, habe ich in den vergangenen Jahren zur Genüge gehört, zum Beispiel von Austrians. Bisher waren die Prognosen falsch. So viel ich weiß, besitzt kein Ökonom eine zuverlässige Glaskugel.

      Daten in Zweifel zu ziehen, die einem nicht ins Weltbild passen, ist auch keine neue Praxis.

      „Sie ist aber nicht in der Lage, sämtliche Realitäten und Interdependenzen zu einem realistischen Bild der Weltwirtschaft zusammenzufügen.“
      Ein vollständiges Modell der Wirtschaft wäre so nützlich wie eine Landkarte im Maßstab 1 zu 1. (Joan Robinson).

      „Warum entsteht trotz eines angeblich so tollen US Arbeitsmarktes kaum Inflation?“
      Wie wäre es mit der Globalisierung? https://www.bis.org/speeches/sp170625a.htm

      Gruß
      gb

  2. Warum die Mainstreamökonomen in der Kritik stehen?
    Der Herr Prof. Bachmann weiss natürlich, dass wir in einem auf dem Zins basierenden Giralgeldsystem (oder Schuldgeldsystem) leben, welches die Grundlage unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems ist. Dies sollten alle wissen, die Ökonomie studiert haben, sonst haben sie ihr Studium nicht verstanden. Er hat offensichtlich auch die Rolle des Zinses verstanden. Versteht er aber auch die Implikationen für die Finanzkapital- und Anleihemärkte? Versteht er die Implikationen für Aktien- und Geldkapitalmärkte? Ich gehe davon aus, dass er weiss, was passiert, wenn die Zinsen in den USA und Europa mehr als 1 bis 1,5 Prozentpunkte steigen?! Ich unterscheide bewusst zwischen Geldkapital und Kapital für Maschinen und Anlagen, für Realkapital. Dies bezweifele ich… Denn sonst wären viel mehr Ökonomen in der Lage, Wirtschaftskrisen zu prognostizieren und vor allem fiskal- und wirtschaftspolitische Strukturreformen zu empfehlen, die nach Möglichkeit auch umgesetzt werden.
    Die US Wirtschaft befindet sich auf dem Weg in eine tiefe Rezession. Die Mainstreamökonomen sehen diese nicht. Warum? Weil sie von falschen, geschönten Makrodaten ausgehen. Beleg sind die nicht die ökonomische Realität wiederspiegelnden Daten zum US-Arbeistmarkt. Das sind FAKE-NEWS Herr Bachmann! Gleiches gilt für die BIP Daten der US. Das BIP wird aufs Jahr hochgerechnet und weicht deutlich von internationalen Standards an (Ausgaben für Software und Militär werden als Investitionen gerechnet). Die Mainstream-Ökonomen nehmen dies alles kritiklos hin. Ende 2017, spätestens Anfang 2018 wird die USA in einer Rezession stecken. China’s Wirtschaft wird sich ebenfalls deutlich abkühlen.
    Die Mainstream-Ökonomen erklären wunderbar IM NACHHINEIN, wie es zur Banken- und Finanzkrise kam. 99 Prozent der Mainstreamökonomen haben sie aber nicht im Ansatz erkannt. Herr Bachmann, wo bleibt hier die kritische Auseinandersetzung?
    Die Modelle sind eben nur Modelle, auch und gerade das IS-LM-Modell mit all seinen Schwächen und falschen Annahmen trägt nicht zur umfassenden Erklärung und Verbesserung der Ökonomie bei.
    Man kann Ökonomie viel besser erklären, wenn man aufhört sich mit vereinfachenden Modellen zu beschäftigen, sondern die Komplexität und die Interdependenzen in der Ökonomie und Weltwirtschaft einfach hinnimmt und mit ihnen arbeitet und rechnet (simuliert). Vor allem sollte man aufhören, sich mit falschen (makro-)ökonomischen Daten in die Taschen zu lügen.

    • Wenn Sie die die Komplexitäten und Interdependenzen der Weltwirtschaft kennen und simulieren könnt
      dann wäre ihnen sicher der Nobelpreis sicher. Erst recht, wenn Sie auch noch die richtigen Daten wüßten oder zumindest eine Methode zu entscheiden, wann Daten wirklich „richtig“ sind.

  3. Echte Scheindiskussion
    Die Scheindiskussion besteht doch darin, so zu tun, als sei Ehnts der Vertreter einer wie auch immer gearteten Heterodoxie. Nur weil er (wahrscheinlich) noch nie ein DSGE-Modell gelöst hat, ist Ehnts doch kein Heterodoxer oder gar ein relevanter Vertreter der Heterodoxen. Diese Haltung, einen offensichtlichen Unsinn des Spätlerners Ehnts als Beweis für das Irren einer unorthodoxen Lehrmeinung zu nehmen, ist doch die eigentliche Scheindiskussion.
    Diese Masche ist übrigens noch älter als die Schriften von Friedman, Hicks und Mill: man stelle eine absurde Behauptung eines Einzelnen in den Raum, erkläre den Einzelfall zur Generalmeinung und diskreditiere damit alle, mit denen man sich inhaltlich nicht auseinandersetzen möchte. So funktionieren sowohl Fremdenfeindlichkeit als auch Selbstimmunisierung in der „Wissenschaft a la Bachmann“.

    • Irgendwelche Bezüge zu Fremdenfeindlichkeit sind absolut deplaziert in dieser Diskussion!
      Und Bachmann gehört nun wirklich nicht zu den Mainstream-Ökonomen, die Diskussionen mit Heterodoxen verweigern.
      Vielleicht versuchen Sie mal, erst die Füße auf den Boden zu bekommen, bevor Sie Ihren nächsten Kommentar schreiben.

      Gruß
      gb

  4. Die "Igelstellung" oder die immanenter "Koerzitivkraft" einer geistreichen sich selber
    immer kritischen Wissenschaftler.
    So alles lesende ,Artikel und response,macht ja tief traurig.
    Nichtsdestotrotz sollte es nie so sein dürfen,das unweigerlich im Sinne kommt die famöse Satz:“…ist das alles ,was Ihr zu meiner Nase zu sagen habt,dass sie sehr groß ist?…“CYRANO DE BERGERAC.

    So “ en marche“ mit das letzt erschienen Dossier von Le Canard Enchainé,
    mit ein ultimativer geistreicher Titel :“Comme des Bêtes!“[de plus en plus d’espèces en voie de disparition/die wahrhaftige Wirtschaftswissenschaftler
    nicht ausgeschlossen…..!].

  5. "Scheinproblem" heißt nicht, daß es kein Problem gäbe...
    Man sollte bei der ganzen Geschichte die unrühmliche Rolle, welche die Bundesbank spielt, nicht ganz verdrängen. Denn auch die Bundesbank schafft es nicht herauszustellen, daß das, was sie als „GeldmengeXYZ“ bezeichnet überhaupt nicht das ist, was man als Normal-Sterblicher unter Geld verstehen würde. Das schreibt sie sogar selbst indem sie erklärt, daß das Zentralbankgeld bei den Banken nicht zur Geldmenge zu zählen sei. Das heißt, daß die „Geldmengen“ letzten Endes aus Schuldverhältnissen bestehen und lediglich das Bargeld in den Portemonnaies der Nicht-Banken einen (kleinen) Teil der „Geldmenge“ bildet.

    Sobald man sich das einmal klar gemacht hat platzt die ganze Geschichte von der „Geldschöpfung der Banken aus dem Nichts“ in 1000 Metern Höhe, denn dann reduziert sich das Ganze darauf, daß Banken, indem sie ein Schuldanerkenntnis geben zu einer Erhöhung der „Geldmenge“ aka Schuldenvolumen beitragen. Nun ja, daß sich Banken verschulden dürfen sollte nicht wirklich spektakulär sein, eher die Tatsache daß das, womit sie dann ihre Schulden bezahlen nicht zur „Geldmenge“ gehört. Diese Differenz, daß der größte Teil der Zentralbankgeldmenge nicht zur „GeldmengeXYZ“ gehört scheint aber irgendwie in der Diskussion nicht wirklich anzukommen, denn sonst würde man eine „Kreditschöpfung der Banken aus dem Nichts“ als das ansehen, was sie eigentlich ist: eine zweiseitige Absichtserklärung auf Anforderung bzw. nach Tilgungsplan Zahlungen zu leisten – auch als Darlehensvertrag bekannt. Das ist auch das was Ehnts „erkannt“ hat: daß eine Darlehensvereinbarung zu einer Schuld der Bank führt – wer hätte das gedacht?

    Von daher müßte die ganze Diskussion unter der Überschrift „Geldmengenschöpfung aus dem Nichts“ stehen, denn dann wäre die Differenz zu dem, was eigentlich als Zahlungsmittel fungiert endlich mal sichtbar. Denn daß Banken kein Zentralbankgeld schöpfen können wird ja von den ganzen „Experten“ schon zugegeben, wobei diese Differenz dann wieder dadurch verwischt wird, daß unterstellt wird, man könne ja mit „Guthaben bezahlen“ – eine Auffassung, die auch durch die Bundesbank angedeutet wird, die sich damit leider auch nicht als analytischer Vorreiter etabliert.

    Eigentlich wäre ja mal ein professorales Wort dazu fällig, woraus die ganze Geschichte entstanden ist: letzten Endes ist die Geldtheorie als Appendix der Theoriefamilie „Allgemeine Gleichgewichtstheorie“ entstanden, weil die Ableitung des gleichgewichtigen Preisvektors ohne Einbeziehung von Geld, sondern lediglich aus Technologie und Präferenzen erfolgt. Der nachträgliche Einbau von Geld als Schmiermittel der Tauschbeziehungen führt dazu, daß – statt Geld wie es ökonomisch wäre aus Preis/Mengen-Beziehungen abzuleiten – Geld nur noch als Menge in Relation zu einer Gütermenge interpretiert wurde. Dies und die Tatsache, daß die Stabilität der Kreditmenge im Verhältnis zur Zahlungsmittelmenge nicht von Dauer war hat dann letztlich dazu geführt, als Politikvariable das Kreditvolumen zu etablieren, welches dann terminologisch zu einer „Geldmenge“ umgerubelt wurde, womit das schönste Durcheinander entstand was man in derartigen Diskussionen immer wieder bewundern kann.

    Eine solche Klärung wäre vielleicht ganz hilfreich dabei die Grundaxiome der Geldtheorie darauf zu überprüfen, inwieweit sie den Modalitäten einer Geldwirtschaft standhalten. Möglicherweise entsteht daraus ja auch eine eher sattelfeste Theorie als die gegenwärtige, die ja schon Mühe hat sich gegen solche kruden Theorieversatzstücke wie dem Chartalismus zu behaupten.

    • „Das ist auch das was Ehnts „erkannt“ hat: daß eine Darlehensvereinbarung zu einer Schuld der Bank führt – wer hätte das gedacht?“

      Diese grundstürzende Erkenntnis findet sich schon in angestaubten Klassikern der Bankliteratur wie „Phillips: Bank Credit“ aus dem Jahre 1920. Und man wird es kaum glauben: Damals sahen die T-Konten nicht anders aus als bei Ehnts. Das ist ja einer von Bachmanns Punkten: Aus der heterodoxen Ecke werden Sachverhalte als revolutionäre Neuheiten verklärt, die in Wirklichkeit uralt sind.

      „Der nachträgliche Einbau von Geld als Schmiermittel der Tauschbeziehungen führt dazu, daß – statt Geld wie es ökonomisch wäre aus Preis/Mengen-Beziehungen abzuleiten – Geld nur noch als Menge in Relation zu einer Gütermenge interpretiert wurde.“

      Das stimmt so nicht: Die Quantitätstheorie des Geldes ist deutlich älter als die Allgemeine Gleichgewichtstheorie. Schon in seinem berühmten Aufsatz von 1935 „A Suggestion for Simplifying the Theory of Money“ hatte Hicks herausgestellt, dass die Quantitätstheorie ohne mikroökonomische Fundierung ein Fremdkörper in der ökonomischen Theorie ist. Hicks hatte in diesem Aufsatz dann einen Beitrag dazu geleistet, eine mikroökonomische Fundierung der Geldhaltung zu erarbeiten. Milton Friedman hatte ebenso portfoliotheoretisch versucht, Geldhaltung mikroökonomisch zu unterlegen.

      Auch das sind uralte Geschichten.

      Gruß
      gb

    • „Schein“ Debatten
      Schon richtig, Herr Braunberger; alles olle Kamellen. Daraus allerdings zu schlussfolgern, wie dies Herr Bachmann macht „Natürlich ist das den Ökonomen bekannt“, scheint mir dann doch etwas gewagt zu sein. Ich verweise hier auf die einschlägige Frage der Queen. Mir scheint es immer noch eine Minderheit zu sein. Oder aber manche lügen in aller Dreistigkeit. Die Frage ist nun allerdings, was schlimmer ist: Die Unwissenheit eines CEO oder aber (s)eine Lüge: https://www.youtube.com/watch?v=5m5ifQV4aIg&t=7s (Und nein, ich bin kein Vollgeldbefürworter). Ich schließe mich dann doch eher der „angestaubten“ Einschätzung des deutschen Ökonomen Hans Gestrich an, der bereits 1936 geschrieben hatte:

      „Es ist kaum etwas geschehen, was in seinen Voraussetzungen und Konsequenzen nicht schon von den modernen Kredittheoretikern durchdacht und auseinandergesetzt war. Jedoch die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit standen so lange abseits der praktischen Bankpolitik, als man in der Praxis mit den alten Vorstellungen glaubt auskommen zu können. Diese in der natürlichen Geistesträgheit der Menschen an sich schon hinreichend fest begründete Haltung wurde dadurch, daß die neue Anschauungsweise nicht allgemein, besonders nicht in der Wirtschaftspresse, anerkannt wurde, erheblich bestärkt. Obwohl längst vor der Kreditkrise des Jahres 1931 das Geld- und Kreditsystem de facto eine Gestalt angenommen hatte, auf die die hergebrachten Meinungen und Lehrsätze zu einem großen Teil nicht mehr anwendbar waren, hielt man an ihnen fest. Erst als die Krisis ein Eingreifen erforderte, wurde dieser Widerspruch zwischen Wirklichkeit und Lehrsätzen offenbar.“ http://www.saldenmechanik.info/files/saldenmechanik/Hans%20GESTRICH%20(1936)%20Neue%20Kreditpolitik%20(Adapt.%20C.G.BRANDSTETTER%202014).pdf

      Fakt ist, die Bundesbank hat nach der „Krisis“ 2007 einen bemerkenswerten Wandel vollzogen, wenn man sich die Änderungen in der Darstellung des Geldschöpfungsprozesses genauer anschaut. Martin Feldstein hatte diesen Wandel allerdings selbst im Jahre 2013 noch nicht vollzogen: http://www.wiwo.de/politik/konjunktur/harvard-oekonom-feldstein-fuerchtet-rueckkehr-der-inflation/8588764.html. David Glasner hatte hierzu seine ungeschminkte Meinung geäußert: https://uneasymoney.com/2016/07/05/how-martin-feldstein-learned-to-stop-worrying-and-love-inflation/.

      Hier habe ich mal drei ältere Ausgaben der Bundesbank aufgelistet, mit der das „Wissen“ über das Thema Geld und Geldpolitik durch die Bundesbank ganz offiziell verbreitet wurde:

      2007: https://zinsfehler.files.wordpress.com/2017/07/geld-und-geldpolitik-2007.pdf Seite 59 ff.
      2009: https://zinsfehler.files.wordpress.com/2017/07/geld-und-geldpolitik-2009.pdf Kapitel 4.4
      2010: https://zinsfehler.files.wordpress.com/2017/07/geld-und-geldpolitik-2010.pdf Kapitel 3.5
      Die aktuelle Ausgabe Stand 2015 findet sich hier: http://www.bundesbank.de/Navigation/DE/Service/Schule_und_Bildung/Unterrichtsmaterialien/Sekundarstufe_2/sekundarstufe_2.html.

      Interessant ist in diesem Kontext auch das „Geständnis“ von Ottmar Issing von vor 4 Wochen, in dem er den monetaristischen Ansatz der Bundesbank als „This is a totally wrong approach, but the result is good; the result is good“ klassifizierte: http://www.bundesbank.de/Redaktion/EN/Termine/Research_centre/2017/2017_06_14_frankfurt.html (nach unten scrollen: Concluding Remarks ab Minute 21:30).

      Woher kommen diese Irrtümer/wrong approach? Ich habe hier lediglich eine vage Vermutung, die ich vor wenigen Tagen schon auf Ökonomenstimme geäußert habe. Für die monetaristischen Irrlehren scheint mir insbesondere Milton Friedman verantwortlich zu sein, der als Mitglied der libertären Mont Pèlerin Society den Spagat hinbekommen musste zwischen den Staatshassern auf der einen Seite sowie der Einsicht in die Notwendigkeit einer Zentralbank, die von den Free-Banking Apologeten rund um die Fraktion der libertären Austrians stets als zentrales Übel gebrandmarkt wurde. In diesem Kontext trat Friedman für eine stetige (Zentralbank)Geldmengenerhöhung ein, die er letztlich über ein 100 % Reservesystem realisieren wollte. Bis dahin musste eben der Multiplikator herhalten, um eine Begrenzung der „Geldschöpfung“ zu begründen. Von Hayek hatte allerdings in diesem Punkt den richtigen Einwand gebracht, als er in einem Interview sagte: „One of my main difficulties is that nobody knows what the total quantity of money is. Money has so many different meanings.” https://www.youtube.com/watch?v=fXqc-yyoVKg.

      Die Monetaristen um Meltzer & Co. haben sich jedenfalls alle mächtig geirrt. So warnte Jürgen Stark noch 2012 „Es droht die Gefahr hoher Inflation“. Dieser Irrtum hat mAn eine wesentliche Ursache in dem von Ehnts et. al. kritisierten Multiplikatormodell. Insofern ist selbstverständlich alles irgendwo schon mal gesagt und/oder geschrieben worden, aber eben nicht von allen gehört und/oder gelesen, geschweige denn verstanden worden.

      Die Quantitätstheorie geht meines Wissens bis auf Nikolaus Kopernikus zurück.

      Apropos Scharlatan: Ist diese Erkenntnis nun Scharlatanerie oder doch eine „grundstürzende Erkenntnis“ aus „angestaubten Klassikern“?

      LG Michael Stöcker

    • @ Stöcker Bundesbank und Geldschöpfung: 2017 und 1971
      Scharlatanerie besteht unter anderem darin, permanent Fakten zu ignorieren und das Gegenteil zu behaupten. Dazu gehört die immer wiederkehrende Behauptung, die Bundesbank habe erst in den vergangenen Jahren verstanden, wie Geld entsteht, und sie habe eine dramatische Wende vollzogen.

      Hier ein Auszug aus einem im Jahre 1971 erschienenen Monatsbericht der Deutschen Bundesbank:

      „Geld stellt in modernen Volkswirtschaften Verbindlichkeiten von Banken dar, oder von der Zentralnotenbank oder von solchen Kreditinstituten, die das kurzfristige Einlagengeschäft betreiben…Verschiedentlich wird, vor allem in anderen Ländern, die Geldvolumensveränderung in einer bestimmten Periode in Beziehung gesetzt zur Veränderung der Zentralbankgeldmenge in der gleichen Periode, denn diese sei als die wichtigste Determinante der monetären Entwicklung zu betrachten. Dabei wird unterstellt und gefordert, dass die Zentralbankgeldmenge von der Notenbank unmittelbar kontrolliert werden kann und dass das Verhältnis von Zentralbankgeld und Geldmenge nur in relativ engen Grenzen schwankt…Danach könnte es scheinen, als ob – da die über die erforderlichen Mindestreserven hinaus von den Banken gehaltenen Zentralbankguthaben in der Regel ganz gering sind – die Zentralbank unmittelbar das Ausmaß der Geldschöpfung steuern könnte. Das ist jedoch ein zu vereinfachtes Bild der Beziehungen zwischen der Zentralbank und den Banken… Eine strikte Kontrolle über die Geldschöpfung des Bankensystems haben diese Instrumente der Bundesbank indes in der Vergangenheit nicht ermöglicht, so wirksam die Liquiditätspolitik auch in vielerlei Hinsicht gewesen ist. Dies braucht allerdings insofern nicht als Nachteil angesehen zu werden, als es für die Steuerung der Gesamtnachfrage in der Volkswirtschaft keineswegs nur auf die Steuerung der Geldschöpfung als solche ankommt, sondern auch – und vielleicht sogar vorwiegend – auf die Steuerung des Zinses, denn dieser beeinflusst die Kalkulationen der kreditnehmenden Wirtschaftssubjekte und von dorther die Kreditnachfrage…. Die tatsächliche Geldvolumensentwicklung in den letzten beiden Jahrzehnten war somit das komplexe Ergebnis einer Vielzahl von Einflüssen; die Rolle der Kreditpolitik ist nicht stark genug gewesen, stets den Vorstellungen der Notenbank über ein angemessenes Geldvolumenswachstum Geltung zu verschaffen.“

      Das ist ziemlich genau das, was die Bundesbank in ihrem famosen Artikel im Monatsbericht 2017 geschrieben hat. Es ist auch nicht erstaunlich, dass die Bundesbank so etwas schon 1971 geschrieben hat – das stand nämlich schon damals und noch lange danach in Lehrbüchern.

      Am Ende des Tages besteht die vermeintliche „kopernikanische Revolution“ in der Geldtheorie in der Erkenntnis, dass monetaristische Geldpolitik nicht funktioniert. Nur sagt Bachmann zurecht: Das weiß der Mainstream seit Jahrzehnten. Was manche Heterodoxe aber vielleicht nicht wissen: Dass der Monetarismus nicht funktionierte, hat rein gar nichts mit Buchungssätzen zu tun.

      Gruß
      gb

    • 36 Jahre Tiefschlaf
      Vielen Dank für diesen Hinweis, Herr Braunberger. Dann stellt sich natürlich die Frage, wer in der Bildungsabteilung der Bundesbank 36 Jahre lang gepennt hat, so dass bis zum Jahre 2007 das monetaristische Märchen der multiplen Geldschöpfung unter die Bevölkerung gebracht wurde.

      Die „kopernikanische Revolution“ steht schon noch aus. Sie besteht darin zu erkennen, dass ein Kreditgeldsystem ohne eine kontinuierliche Kreditexpansion nicht funktioniert, weil ansonsten die alten Kreditketten reißen. Das gilt umso mehr, weil sich die Politik dank Rürup, Maschmeyer & Co. für eine „private“ Altersvorsorge „entschieden“ hat, die ohne Staatsverschuldung aber gar nicht die (mündel)sicheren Anlagemöglichkeiten bietet. Insofern ist eine Schuldenbremse so ziemlich das Dümmste, was man auf politischer Ebene beschließen konnte. Es gibt nicht nur ein zu viel an Schulden, sondern es gibt auch ein zu wenig. Wer mit dem mikroökonomischen Auge isoliert auf die einzelnen sektoralen Aggregate schaut, der verirrt sich sehr schnell in schwäbischen Binsen: https://zinsfehler.com/2016/12/01/das-kollektive-versagen/

      LG Michael Stöcker

    • @ Stöcker Bundesbank 1995
      Hier ist eine Veröffentichung der Bundesbank aus dem Jahre 1995, als sie offiziell Geldmengenpolitik betrieb und als – auch das sollte nicht vergessen werden – der Geldangebotsmultiplikator seit längerer Zeit recht stabil gewesen war:

      „Es wäre nicht nur aus diesem Grund verfehlt anzunehmen, die Bundesbank könnte ihr Monopol über die Schaffung von Zentralbankgeld unmittelbar dazu benutzen, das Wachstum der Geldmenge auf ganz kurze Sicht – also etwa von Woche zu Woche oder von Monat zu Monat – genau auf dem vom Geldmengenziel vorgezeichneten Pfad zu halten. Die Bundesbank kann weder die Expansion der Geldmenge in beliebiger Weise unmittelbar beschränken, indem sie
      überschießende Nachfrage der Banken nach Zentralbankguthaben einfach unbefriedigt läßt, noch ist sie in der Lage, eine zu schwache Nachfrage nach Zentralbankgeld durch die Schaffung von Überschußguthaben der Kreditinstitute so nahtlos auszugleichen, daß die Ausweitung der Geldmenge zu keinem Zeitpunkt hinter den gesteckten Zielen zurückbleibt. Vielmehr liegt es in der Natur des komplexen Geldschöpfungsprozesses, in dem Notenbank, Kreditinstitute und Nichtbanken zusammenwirken, daß die Bundesbank nur durch entsprechende Gestaltung der Zinskonditionen und sonstigen Bedingungen, zu denen sie laufend Zentralbankguthaben bereitstellt, mittelbar darauf hinwirken kann, daß die Geldmenge sich in dem angestrebten Rahmen entwickelt.“

      Und nun – ACHTUNG – kommt 1995 genau das, was Sie und andere als geldpolitische Wende der Bundesbank in jüngerer Zeit verkaufen wollen:

      „Eine einzelne Bank beurteilt ihren Liquiditätsstatus nicht einfach danach, wie hoch ihre tatsächlichen Guthaben bei der Notenbank sind, sondern bezieht auch ihre Geldmarktforderungen gegenüber anderen Banken sowie ihre unausgenutzten Verschuldungsmöglichkeiten bei der Notenbank und am Interbankengeldmarkt in ihr Kalkül ein. Überschüssige Zentralbankguthaben oder unausgenutzte Refinanzierungslinien bilden daher keinen unerläßlichen Ausgangspunkt der Geldschöpfung, solange ein funktionierender Geldmarkt unter Banken besteht. Entschließen sich die Banken aber erst einmal zur Expansion ihrer Aktiva oder nutzen die Bankkunden die von den Kreditinstituten verbindlich eingeräumten Darlehenszusagen aus, wird der Geldschöpfungsprozeß zunächst auch ohne Zutun der Notenbank in Gang gesetzt.“

      Die Bundesbank wusste auch damals und im Einklang mit der herrschenden Theorie, dass der Geldschöpfungsprozess in einer Wirtschaft das Ergebnis des Zusammenspiels unterschiedlicher Kräfte ist, wobei diese Kräfte auch Beschränkungen unterliegen.

      Gruß
      gb

    • Bundesbank 2007
      Wiederum vielen Dank, Herr Braunberger. Ich halte allerdings meine Kritik aufrecht: Warum hat die Bundesbank ihren bildungspolitischen Auftrag nicht schon viel früher erfüllt, sondern 36 Jahre lang ganz offiziell – ebenso wie die SNB – das naive Märchen vom „ Einsammeln und Weiterverleihen“ verbreitet (https://www.iconomix.ch/de/blog/1271-wie-wird-geld-geschaffen/), das bis heute – bis auf wenige Ausnahmen – unser aller Denken bestimmt?

      Das vergangene Märchen der multiplen Giralgeldschöpfung wurde noch im Jahre 2007 (Link siehe oben, Seite 62) wie folgt erzählt:

      „Die „Überschussreserve“ im Bankensystem wird immer kleiner. Der Prozess der Giralgeldschöpfung wird dadurch gebremst. Jede einzelne Bank kann immer nur einen Bruchteil ihres Liquiditätszuflusses ausleihen. Trotzdem sind am Ende die Einlagen im Bankensystem – das Giralgeld – um ein Mehrfaches derjenigen Einlage gestiegen, die durch die ursprüngliche Kreditgewährung entstanden ist. Man spricht deshalb auch von der „multiplen Giralgeldschöpfung“ (multipel = vielfach).“

      LG Michael Stöcker

    • Der von mir zitierte Text ist einer einführenden Publikation der Deutschen Bundesbank in die Grundlagen der Geldpolitik entnommen, die sich an ein breites Publikum richtet. So viel zum Bildungsauftrag.

      https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Bundesbank/die_geldpolitik_der_deutschen_bundesbank.pdf?__blob=publicationFile

      Ich habe auch in 30 Jahren Beschäftigung mit der Bundesbank aus diesem Haus niemals etwas andere gehört. Die wussten immer, wie Geld entsteht und sie wussten immer, dass Geldschöpfung in der Praxis ein komplizierter und von einer Notenbank nicht völlig eng steuerbarer Prozess ist.

      Gruß
      gb

    • Bundesbank vs. Bundesbank
      Ich denke, die Argumente sind hinreichend ausgetauscht, Herr Braunberger. Jeder kann sich in diesem speziellen Punkt sein eigenes Bild über die Konsistenz der Publikationen der Bundesbank machen, die ich ansonsten wegen ihrer durchweg hohen Qualität sehr schätze. Ebenso über die Konsistenz z. B. dieser Aussage von Andreas Dombret mit der „herrschenden Theorie“:

      „Dahinter steht der massive Anlagedruck der Banken. Weil die Zinsen so niedrig und bei der EZB sogar negativ sind, müssen sie irgendetwas mit ihrem Geld machen. Und deshalb vergeben sie so viele Immobilienkredite.“ https://zinsfehler.com/2014/04/01/geldmythen/.

      Vielen Dank nochmals für Ihre klärenden Hinweise.

      LG Michael Stöcker

  6. Modellierung der Budgetbeschränkung der Banken
    Ja, natürlich muss man vermuten, dass gute Ökonomen die Buchgeldschöpfung der Banken kennen. Gleichwohl zeigt die theoretische Modellierung der Bankkreditvergabe oft ein anderes Bild: Indem man hier von der intertemporalen Optimierung der Haushalte ausgeht, wird die Ersparnis ex ante zu einem Element der Budgetbeschränkung bei der Bankkreditvergabe. Am Ende der Periode kann es natürlich so sein, dass den von Banken finanzierten Investitionen Depositen in der Bilanz als Ersparnisse gegenüberstehen, wenn es z.B. keine anderen Geldvermögenstitel gibt. Die heutigen DSGE-Modelle (insbesondere RBC-orientierte reale Modelle, die schon konstruktionsbedingt Probleme mit Nominalgrößen haben) erfassen aber i.d.R. nicht die sprunghafte Bilanzverlängerung im Zuge der Kreditvergabe, die liquiditätsmäßig durch Inanspruchnahme von Zentralbankkredit finanziert wird. Das hat Konsequzenzen für die Simulierung von Schocks: Der Akzelerationseffekt durch nominal erweiterte Bankbilanzen wird ignoriert, der gesamte Prozess erscheint stabiler.
    (Literatur: Jakab/Kumhof, Working Paper 529, Bank of England 2015; Spahn in Credit and Capital Markets 2015).

  7. Lehrbuchtheorie
    Es existierten schon vor der Finanzkrise Lehrbücher, die hervorragend (etwas vereinfacht) die Funktionsweise der Geldschöpfung erklärt haben. Bspw. das Lehrbuch von Issing, das Lehrbuch von Rick Mishkin, das Lehrbuch von Spahn und ohne bilanzielle Darstellungen von Holtemöller oder die aktualisierte Auflage von Bofinger.

    Aber die Lehrbücher von Mankiw oder Blanchard / Illing machen einen deutlich Fehler und dieser trägt meines Erachtens zu diesen Scheindebatten bei. Bei Mankiw und B/I nimmt eine Bank erst Einlagen entgegen und legt diese zuerst auf ihr Zentralbankkonto an. Sobald ein Marktteilnehmer einen Bankkredit nachfragt, betreibt die Bank in diesem Lehrbuch einen Aktivtausch, indem aus der Forderung an Zentralbank eine illiquider Kredit wird.

    Wie obere Lehrbücher und das Papier von McLeay et al. (2014) und der Aufsatz der Bundesbank (2017) aufzeigen, geht ein Bankkredit mit einer Bilanzverlängerung einher. Die deutlich öfter genutzten Lehrbücher von Mankiw und B/I haben zumindest zu diesem Sachverhalt einen Nachholbedarf.

  8. bereits alles gesagt worden
    @Guenter Heismann
    Wenn Sie die Debatten auf Oekonomenstimme unter http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2017/05/die-bundesbank-erklaert-den-geldmultiplikator-fuer-falsch-und-das-geld-aus-dem-nichts-fuer-richtig/, http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2017/05/von-nichts-kommt-nichts–auch-nicht-geld/ usw. angeschaut hätten, hätten Sie bemerken können, dass sehr viele von diesen „Möchtegern-Chefvolkswirten“ faktisch eins-zu-eins so argumentieren wie Sie.

  9. Grenzen für die Geldschöpfung
    Die Debatten um die „Geldschöpfung aus dem Nichts“, die die Banken angeblich mit der Kreditvergabe betreiben, sind schon recht seltsam. Mich wundert doch sehr, dass hierbei nahezu stets die regulatorischen Restriktionen unterschlagen werden, die die Kreditvergabe der Banken heute zum Teil sehr stark einschränken.

    Die heterodoxen Ökonomen und die bloggenden Möchtegern-Chefvolkswirte gehen auf diese limitierenden Faktoren fast nie ein. Die Mainstream-Ökonomen erwähnen sie meist nur am Rande.

    Seit Ausbruch der Finanzkrise hat der Baseler Ausschuss eine ganze Reihe von Regeln beschlossen, mit denen die Banken und das Finanzsystem sicherer werden sollen. Ich darf kurz drei Stichworte erwähnen:

    Erstens: Eigenkapital-Unterlegung. Mit Basel III wurden die Anforderungen an die Kapitalausstattung nochmals verschärft. Vereinfacht formuliert: Die Banken müssen Kredite mit ungefähr neun bis zehn Prozent Eigenkapital unterlegen.

    Spricht man mit Bankern, wird schnell klar: So manches Geldhaus hat Probleme, diese Anforderungen zu erfüllen. Eine Ausweitung der Neukredite kommt für diese Institute kaum in Frage.

    Zweitens: Mindestliquiditätsreserve (Liquidity Coverage Ratio). Kreditinstitute müssen jederzeit genügend Liquidität aufweisen, um alle in den kommenden 30 Tagen fälligen Zahlungen leisten zu können. Eine Bank kann also nicht einfach in großem Stil Kredite ausreichen und sich dann irgendwann darum kümmern, wie das alles refinanziert werden soll.

    Die deutschen Großbanken haben derzeit meist keine Probleme, die Liquidity Coverage Ratio in ihrer Rechnungslegung darzustellen. Bei manchen Sparkassen und Volksbanken sieht dies allerdings etwas anders aus. Die Bundesbank geht auf dieses Problem in einem Bricht ein, der im Herbst veröffentlicht werden soll.

    Drittens: Stabile Refinanzierung (Net Stable Funding Ratio). Es kommt nicht allein auf das Volumen der Refinanzierung an. Auch die Struktur muss stimmen. Vereinfacht gesagt: Langfristige Kredite müssen mit langfristigen Refinanzierungen gedeckt sein. Nur kurzfristige Aktiva dürfen kurzfristig refinanziert werden. Diese Anforderung war früher als „Goldene Bankenregel“ bekannt.

    Es geht also nicht an, dass eine Bank Kredite ausschließlich oder überwiegend mit Krediten der Zentralbank oder am Interbankenmarkt finanziert. Diese Kredite haben in der Regel sehr kurze Laufzeiten bis zu drei Monaten. Investitions- und Immobilienkredite werden jedoch üblicherweise mit Zinsbindungsfristen bis zu zehn Jahren vergeben.

    Wer dies für reine Theorie hält, den darf ich auf eine aktuelle Pressemitteilung der Frankfurter KfW-Bank verweisen (die wohl auch in der FAZ erschien). Bei dieser staatlichen Förderbank hat das Kreditneugeschäft seit Jahresbeginn kräftig zugelegt. Aus diesem Grunde ist die KfW gezwungen, die geplante Refinanzierung um einen zweistelligen Milliardenbetrag zu erhöhen. Die Bank läuft aber nicht zur EZB, sondern begibt neue Anleihen am Kapitalmarkt.

    Die erwähnten Regelwerke haben überdies Effekte, die über die rein quantitativen Limits hinausgehen: Die Baseler Vorschriften sind so kompliziert, dass die Banken für die Compliance große Stäbe von Experten benötigen. Kleine Sparkassen und Volksbanken klagen, dass sie sich diese Spezialisten nicht leisten können.

    Angesichts all dessen davon zu sprechen, dass Banken „Geldschöpfung aus dem Nichts“ betreiben können, ist schon ein ziemlicher Schmarrn.

    • Friktionen
      Die makroökonomische Zusammenfassung Ihrer Darlegungen findet sich in Bachmanns Satz: „Und in der Realität kommen sowieso Kreditvergaberegulierungen und Kreditvergabefriktionen als Einschränkungen für das durch Kredit geschaffene Geld hinzu.“

      Die moderne Makro ist voll mit Modellen, in denen solche Friktionen berücksichtigt werden.

      Gruß
      gb

  10. Diskussionskultur der Orthodoxie am Beispiel Bachmanns
    Ist die „Diskussionskultur“ der „Orthodoxie“ wirklich so viel besser, wie es Herr Bachmann behauptet? Herr Bachmann liefert auf der Oekonomenstimme folgendes eindrückliches Beispiel.

    oikoslogos: „…Die Herausforderung bestünde darin, die Verarbeitung von Erwartungen in der Wirtschaft abzubilden, ohne das Ergebnis a priori vorzugeben. DSGE-Modelle sind dazu weder in der Lage und die A-Journals unserer Zunft derzeit nicht des Willens. Bachmann legt von diesem Mangel wieder mal beredtes Zeugnis ab.
    (Post-)Keynesians versuchen es immerhin.“

    rudib: „Ich wusste es. Die Anti DSGE Trolle kommen natuerlich sofort raus, wenn sie auch noch so verduenntes Blut riechen. Was das angeht, ist meine Vorhersagekraft doch groesser als bei Finanzkrisen und Rezessionen. Ich sattle um: Trollvorhersager. Braucht das jemand?“

    Wenn die Alternative zum Schweigen (Ehnts) Diffamierung (Bachmann) ist, wer wollte dann nicht das Schweigen vorziehen?

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