Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Globalisierung hat auch in Schwellenländern Feinde

| 14 Lesermeinungen

Nach einem simplen Muster profitieren die Schwellenländer von der Globalisierung. Dies gilt generell, aber nicht für alle Menschen dort. Weil die Politik oft nicht weiß, wie sie handeln soll, entsteht auch in Schwellenländern Kritik an der Globalisierung. Und das ist gefährlich. (Jackson Hole Teil 4).

 

Die diesjährige geldpolitische Konferenz von Jackson Hole hat sich nicht unmittelbar mit Geldpolitik befasst, sondern mit dem aktuellen wirtschaftlichen und politischen Umfeld. Nachdem wir in den ersten Beiträgen unserer kleinen Reihe die Innovationen in der amerikanischen Wirtschaft, die mögliche Rolle expansiver Finanzpolitik in einer künftigen Rezession sowie die Bedeutung von Leistungsbilanzen behandelt haben, beschäftigen wir uns heute mit dem Thema „Globalisierung und Verteilung“. Zu diesem Thema hat in Jackson Hole Nina Pavcnik vorgetragen, eine ausgewiesene Spezialistin auf diesem Gebiet. Heute geht es nicht um Verteilungsfragen in Industrienationen, sondern in Schwellenländern.

Ein Zitat zur Einstimmung:

„Es gibt eine wirkliche Invasion importierter Produkte, die meisten aus China. Das hat zur Folge, dass wir Tausende Jobs ins Ausland exportieren.“

Solche Sätze kann man häufig in Industrieländern, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten oder auch in europäischen Staaten, vernehmen, wo man sich Sorgen um die heimischen Arbeistplätze macht. Tatsächlich aber stammen die Sätze von einem Arbeitgebervertreter aus Brasilien. Das mag auf den ersten Blick erstaunen, denn Brasilien exportiert viele Güter nach China – aber auch dort hat man Angst vor den Importen aus China. In den Industrieländern stellt man sich häufig vor, wie aufstrebende Schwellenländer wie China generell von ihren Exporten in die reichen Länder profitieren. Und zahlreiche Untersuchungen belegen, dass vor allem Industriearbeitsplätze aus Industrienationen in Schwellenländer abgewandert sind. Was aber häufig nicht gesehen wird: Auch in den Schwellenländern gibt es Widerstand gegen die Globalisierung, selbst wenn eine deutliche Mehrheit der Bevölkerungen internationalen Handel für nützlich hält.

Warum gibt es auch Benachteiligte in Schwellenländern? Eine wesentliche Begründung zeigt auf eine zu geringe Arbeitsmobilität. In vielen einfachen ökonomischen Modellen wird angenommen, dass Arbeitskräfte dorthin wandern, wo sich die attraktivsten Arbeitsmöglichkeiten bieten. Aber dennoch unterbleiben in Schwellen- und Entwicklungsländern solche Wanderungen, was im schlimmsten Fall zur Verelendung führen kann. Ein Grund ist ein Mangel an fachlicher Kompetenz – nicht jeder Arbeitnehmer sieht sich in der Lage, einen Job in der prosperierenden Exportindustrie zu suchen, weil er keine ausreichende Qualifikation hat und sich vielleicht auch nicht ausbilden lassen will. In anderen Fällen sorgt internationaler Handel für starken Wettbewerbsdruck auf heimische Unternehmen auch in ärmeren Ländern, die mit sinkenden Löhnen reagieren, von denen vor allem die weniger ausgebildeten Mitarbeiter betroffen sind. Andere Unternehmen gehen als Folge des Wettbewerbs unter, worauf es gerade den weniger gut Ausgebildeten schwer fällt, einen neuen Job zu finden.

Im Nachhinein ist man bekanntlich immer schlauer. Im Nachhinein kann man sich wundern, dass die Verteilungseffekte internationalen Handels nicht früher gesehen worden sind. Denn: In der ökonomischen Theorie sind solche Verteilungseffekte seit Jahrzehnten bekannt und sie ergeben sich aus Modellen, die zum Standardstoff in der Außenhandelstheorie zählen. Wer nur das Ricardo-Theorem aus dem frühen 19. Jahrhundert kennt, wonach internationaler Handel generell vorteilhaft ist, wird von den Verteilungsfragen noch nichts gehört haben. Wer aber auch nur eine einführende Vorlesung in Außenhandelstheorie gehört hat, wird dem Jahrzehnte alten Heckscher-Ohlin-Theorem (hier von meinem Kollegen Alexander Armbruster auch für Laien beschrieben) begegnet sein. Aus vielen empirischen Untersuchungen ist allerdings auch bekannt, dass der Außenhandel üblicherweise nicht der größte Treiber der Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen ist. Das scheint auch kein Geheimnis zu sein: In den Schwellenländern wird die Globalisierung insgesamt deutlich positiver gesehen als in den Industrienationen, auch wenn sich die Kritik heute lauter artikuliert als früher.

Die Frage ist: Was kann man tun? Eine alte Forderung von Ökonomen ist es, die durch den Außenhandel Benachteiligten in irgendeiner Weise zu kompensieren. Auch das Prinzip ist aus der ökonomischen Theorie seit Jahrzehnten bekannt, zum Beispiel in Gestalt des Kaldor-Hicks-Kriteriums, das in vielen Lehrbüchern behandelt wird. Das praktische Problem in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern ist, dass dort entweder die notwendigen politischen Mechanismen oder aber der politische Wille nicht ausreichend vorhanden ist – ein Sachverhalt, auf den der Entwicklungsökonom Dani Rodrik schon seit vielen Jahren hinweist. Denn es geht dar nicht einmal darum, die von der Globalisierung Benachteiligten einfach finanziell zu entschädigen; hilfreich könnten staatliche Aktivitäten sein, die eine bessere berufliche Ausbildung ermöglichen oder die Abwanderung aus wirtschaftliche benachteiligten Regionen zu erleichtern. Da wartet viel Arbeit, zumal eine Rückkehr zum Protektionismus die wirtschaftlich nachteiligere Alternative wäre.

 

 

5

14 Lesermeinungen

  1. Globalisierung-Hierarchiestufen-Quantifizierung:Gemeinsamkeit ,Vergleichbarkeit...
    und Ausschalten,oder wie die sogenannte topographische wirtschaft-räumen immer wieder radikal überschrieben ,damit die Wirtschaftsräten.
    Und wenn vollständig bewahrheitet,wie das Artikel von Niels Werber :Willkommen in der Numerokratie,F.A.Z.,11.07.2017[ Steffen Mau’s buch,
    Das metrische Wir,Suhrkamp],ja denn lassen sich die wirtschaftswissenschaftliche Theorien vielleicht noch einstufen wie „“
    matres lectiones““,politisch fazilitiert.
    Wie die Lektion Jackson Hole sein könnte.
    Vor alles sollte die verheerende Simplifizierung und Pedanterie der vorgetäuschte Kenntnis und Erkenntnisse der verschiedene Disziplinen jedesmal entlarvt werden von sachgerechte Berichterstattung .
    Nicht leicht,doch gibt es!
    Dieses Wirtschaft – Blog stellt das immer wieder unter Beweis und Bewusstsein.

  2. Heckscher Ohlin Ergänzung
    Noch eine Anmerkung zu Heckscher-Ohlin: Ich sehe nicht, wie sich mit diesem Theorem die Warenströme auf den Weltmärkten erklären lassen.

    Der Welthandel findet heute ganz überwiegend zwischen Industrienationen statt, wo es keine nennenswerten Unterschiede bei der Ausstattung mit Kapital und Arbeit gibt.

    So sind die wichtigsten Handelspartner Deutschlands – mit Ausnahme Chinas – allesamt hochentwickelte Industriestaaten wie die USA, Frankreich oder Großbritannien. Diese Länder haben weitgehend identische Faktorproportionen; auch die relativen Faktorpreise sind annähernd gleich.

    Die am stärksten wachsenden Wirtschaftszweige sind in den Industrieländern Software, E-Commerce, Social Media, Entertainment und andere, sehr arbeitsintensive Dienstleistungen. Nach Heckscher-Ohlin dürfte dies nicht der Fall sein.

  3. Heckscher-Ohlin-Theorem ...
    … „seit langem widerlegt.“
    korrekt. und keine aussenwirtschaftliche theorie in sicht, um die interationale arbeits- (pardon: KAPITAL-teilung) uns zu verklickern. beispielsweise die aktivitaeten von LINDE, deren verschwindend geringer deutsch-anteil letzthin so praegnant und spannend in der FAZ beschrieben wurde.
    alles andere: duerre theorie!
    b. behrendt

    • Das Heckscher-Ohlin-Theorem ist nicht „seit langem widerlegt“. Es hat nach Leontief viele weiter empirische Untersuchungen gegeben und die sind zum Teil ganz anders ausgefallen. Ein Blick in die Literatur könnte für Erleuchtung sorgen.

      Tatsache ist, dass man mit Heckscher-Ohlin nicht den gesamten Außenhandel erklären kann. Das wird man mit einem einfachen Faktorproportionentheorem auch nicht beanspruchen wollen und ich kenne auch niemanden, der eine solche Behauptung aufgestellt hat.

      Gruß
      gb

  4. Heckscher-Ohlin-Theorem
    Das Heckscher-Ohlin-Theorem, das im Text von Herrn Braunberger erwähnt wird, ist seit langem widerlegt. Es besagt in seiner ursprünglichen Form, dass hochentwickelte Länder (wie die USA) sich auf die Produktion kapitalintensiver Güter konzentrieren, während weniger entwickelte Nationen (China) arbeitsintensive Waren produzieren und exportieren.

    Der spätere Nobelpreisträger Wassily Leontief stellte bereits in den 1950er Jahren in empirischen Untersuchungen fest, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Die USA exportierten seinerzeit arbeitsintensive Güter und importierten kapitalintensive.

    Das Heckscher-Ohlin-Theorem funktioniert ohnehin nur, wenn lediglich zwei Güter, zwei Länder und zwei Produktionsfaktoren betrachtet werden. Steigt die Anzahl in jeder Kategorie auf drei oder mehr, wird das Modell inkonsistent und es lassen sich nicht einmal mehr in der Theorie eindeutige Ergebnisse herleiten.

    Im Übrigen beruht das Heckscher-Ohlin-Modell auf ziemlich realitätsfremden Annahmen: perfekte Konkurrenz, unbegrenzte Mobilität von Kapital und Arbeit, identische lineare Produktionsfunktionen in allen Ländern, identische Präferenzen der Konsumenten etc. pp.

    Aus all diesen Gründen kann das Heckscher-Ohlin-Theorem m. E. heute keine in irgendeiner Hinsicht bedeutsamen Erkenntnisse zur internationalen Arbeitsteilung liefern.

  5. Sicher kann man von DER Globalisierung (der Wirtschaft) sprechen, aber sie wirkt halt
    in den unterschiedlichen Regionen, Ländern, Branchen unterschiedlich. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Die undiferrenzierte Rede von DEM Weltmarkt, DEM europäischen Markt macht offenbar blind für die differierenden Probleme vor Ort. Gibt es DEN Weltmarkt, DEN europäischen Markt überhaupt? Gibt man die Attitüde des weltwirtschaftlichen Überfliegers auf, sieht man regionale Märkte, nationale Märkte, Branchenmärkte …

  6. Roadkill
    Solange in den alten Industrieländern die ‚überflüssigen‘ Arbeiter wie roadkill (Warren Buffet) am Strassenrand liegen bleiben, solange wird die Globalisierung als Bedrohung gesehen werden. Es ist kein Trost für die Betroffenen, wenn Millionen billigere Produkte haben, die Betroffenen aber keine Wohnung, keine Krankenversicherung und keine soziale Existenz mehr haben können. Die Millionen Konsumenten, und die Aktionäre der Firmen, müssen in einem ganzheitlichen System, das es noch nicht gibt, für die soziale Neustrukturierung mit bezahlen. Und, die

  7. noch einmals das Gleiche, nur anders formuliert
    „Denn es geht dar nicht einmal darum, die von der Globalisierung Benachteiligten einfach finanziell zu entschädigen; hilfreich könnten staatliche Aktivitäten sein, die eine bessere berufliche Ausbildung ermöglichen oder die Abwanderung aus wirtschaftliche benachteiligten Regionen zu erleichtern.“
    1) einfach finanziell zu entschädigen – Entwicklunshilfe war ja bisher ein voller Erfolg. Aber das hier ist noch stärker, es tönt nach Harz IV global
    2) besser berufliche Ausbildung vor Ort ist sicher besser als die geplanten Lager in der Sahelzone.
    3) Spitäler unterstützen. Es ist sehr schwer einem jungen, gesunden Mann Geld zu geben ohne ihn zu erniedrigen. Mit Kranken geht es. Beschissen wird dann natürlich auch.
    4) Abwanderung erleichtern, JA. Aber geordnet, nicht lawinenartig wie 2015
    5) Ganz wenige Mitteleuropäer (aber recht viele Chinesen) gehen nach Afrika, um dort zu arbeiten oder ein Geschäft aufzubauen. Wer sicher hingehen wird sind die Rückwanderer, die in Europa etwas Erfahrung und etwas Erspartes erworben haben.
    Ich als vermögender „Business Imigrant“ bin in vielen Ländern willkommen. Den arbeitwilligen Jungen baut man Mauern über den Weg. Man sollte die globale Niederlassungsfreihet zumindest als fernes Ziel sehen.

  8. Globalisierung
    Die Globalisierung hat mindestens folgende drei Aspekte:
    1) Freier Fluss der Informationen, das Internet. Behindert durch Sprachbarieren.
    2) Freier Fluss der Waren, behindert durch nicht_tarifäre Handelshemmnisse
    3) Freier Fluss der Menschen, globale Niederlassungsfreiheit.
    Wer die Globalisierung abschaffen will, der muss das Internet abschaffen (so dass ich hier keinen Kommentar mehr schreiben kann) und er muss dafür sorgen, dass eine Reise um die Welt 80 Tage dauert, wie Julius Verne träumte. Ich wünsche eher, dass der Punkt 3) berücksichtigt wird, allerdings nicht lawinenartig wie 2015 durch Erdogans Rache. Heute ist die globale Niederlassungsfreiheit eine Frage des Vermögens. Als „Business Imigrant“ bin ich in vielen Ländern willkommen und die Frauen fallen mir um den Hals. Wäre ich jung und würde ich Arbeit suchen dann würde ich aber schlecht behandelt.

  9. Alles Milchmädchenrechnungen
    Was bedeutet denn überhaupt Wohlstand im Bezug auf eine Gemeinschaft, wie einem Staat. Ist eine Gemeinschaft, in der einer 1000 Dollar verdient und 999 Andere nichts bekommen genauso wohlhaben, wie eine Gemeinschaft, in der jeder einen Dollar bekommt? Die fixe Idee hinter der Globalisierung ist, dass durch Rationalisierung die Produkte billiger und die freiwerdenden Arbeitskräfte in die Produktion neuer Produkte und Dienstleistungen gehen. Ein Schneeballsystem, das schon alleine daran krankt, das der Gewinn der Globalisierung überhaupt nicht gleichmäßig verteilt wird. Nebenbei verhindern auch marken- und patentrechtliche Vereinbarungen den Markteintritt neuer Akteure. Das Schwellenland Brasilien ist seinerseits schon für etliche Industrien viel zu teuer. Nein, für ein paar Cent Ersparnis nimmt man sogar eine massive Zerstörung der Umwelt in Kauf, denn das ganze Herumgejuckel um den Erdball erzeugt einen Haufen CO2.

  10. Trade in Value Added
    Das Heckscher-Ohlin-Theorem nach Ihrem Kollegen Alexander Armbruster:
    „In Land A (nennen wir es mal Amerika) gibt es vergleichsweise viele hochqualifizierte Arbeitnehmer, die zum Beispiel Studienabschlüsse in Informatik oder Investmentbanking erzielt haben. In Land B (nennen wir es mal China) gibt es demgegenüber relativ reichlich Menschen mit eher geringen Qualifikationen, zum Beispiel Arbeiter in der Großindustrie.
    Entscheiden sich die beiden Länder nun dafür, Handel miteinander aufzunehmen, geschieht Folgendes: Land A wird sich auf Hochtechnologieprodukte spezialisieren und diese auch exportieren. Denn dessen Unternehmen ist es aufgrund der reichlichen Ausstattung mit hochqualifizierten Arbeitnehmern möglich, diese Produkte vergleichsweise günstiger zu erfinden und herzustellen. Land B hingegen wird sich stärker auf „einfachere“ Güter fokussieren und diese auch ins Ausland verkaufen. Mit Blick auf die Wirtschaftswelt der Gegenwart schlägt diese Handelstheorie so zum Beispiel eine Brücke vom Arbeiter in einem chinesischen Foxconn-Werk zum Handy-Entwickler im Silicon Valley.“

    Die Realität (OECD: http://www.oecd.org/industry/ind/measuringtradeinvalue-addedanoecd-wtojointinitiative.htm): Apple (USA) kauft von Foxconn (China) das Smart Fon zum Produktionspreis von 100.- $. Wie setzt sich dieser Produktionspreis zusammen? Der Beitrag des weltweit größten Hersteller von Elektronik- und Computerteilen zu diesem Produktionspreis beträgt etwa 20.-$. Das von einem kalifornischen Studio gelieferte, grafische Design ist ein weiterer Teil des Produktionspreises. Dieser wird ergänzt durch den von einem französischen Unternehmen gelieferten Computer Code und wird dann vervollständigt durch den Silikonchip einer Fabrik aus Singapur und die von bolivianischen Bergbauunternehmen zugelieferten Edelmetalle. Der endgültige Produktionspreis von 100.-$ fungiert schließlich, entsprechend den Angebots- und Nachfragebedingungen, als Zentrum für den jeweiligen Marktpreis.
    Nach Heckscher-Ohlin-Theorem wäre das Resultat dieser Assemblierung ein „einfacheres Gut“! Bitte um Aufklärung.
    Guten Gruss
    B. Behrendt

Hinterlasse eine Lesermeinung