Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Trifft Inflation vor allem die Ärmeren?

| 28 Lesermeinungen

Die offiziellen Inflationsraten sind seit Jahren sehr niedrig. Aber stimmen sie auch?

Viele Menschen halten ihre persönliche „gefühlte“ Inflationsrate für weitaus höher als die offiziell ausgewiesene. So  wurde in der Wahrnehmung vieler Menschen der Euro zum „Teuro“, obgleich die offizielle Inflationsrate seit Einführung des Euros niedriger liegt als die Inflationsrate in der D-Mark-Ära. Manche Ökonomen springen auf diesen populären Zug auf und raunen über angeblich in Wirklichkeit viel höhere Inflationsraten bis 8 Prozent, ohne allerdings nachvollziehbare Berechnungen zu präsentieren. (Wenn es welche gäbe, würden sie diese sehr wahrscheinlich präsentieren…)

Man kann das Thema seriös anpacken. Eine bekannte These lautet beispielsweise, die Inflation treffe vor allem die Ärmeren stärker, als es die offizielle Inflationsrate zeige. Zwei Frankfurter Ökonomen, Alfons Weichenrieder und Eren Gürer, haben in einer neuen Arbeit diese These für europäische Länder getestet. Das Ergebnis: Sie stimmt für die meisten Länder – aber nur eingeschränkt für Deutschland. Überprüft haben sie die Entwicklung von Verbraucherpreisen für die Zeit von 2001 bis 2015 in 25 Ländern der Europäischen Union. Das sind ihre wichtigsten Ergebnisse:

  1. Die Entwicklung der Verbraucherpreise ist sehr ungleich. So sind im Zeitraum von 2001 bis 2015 die Verbraucherpreise in den 25 Ländern im Durchschnitt um 44,7 Prozent gestiegen. Bricht man diesen Anstieg über 15 Jahre auf einzelne Jahre herunter, ergibt sich eine jährliche Inflationsrate von 2,7 Prozent.
  2. Hinter dem durchschnittlichen Anstieg der Verbraucherpreise verbergen sich überdurchschnittliche Preisanstiege für Güter und Dienstleistungen, die im Konsum ärmerer Menschen eine große Rolle spielen. Hierzu zählen Tabak (188 Prozent), Wasser (138 Prozent), Postdienste (107 Prozent), Strom und Gas (106 Prozent) sowie Mietausgaben ( 70 Prozent).
  3. Hingegen lassen für Güter und Dienstleistungen, die für Reiche eine größere Rolle als für Arme spielen, unterdurchschnittliche Preisanstiege erkennen: Dies gilt beispielsweise für Reisen oder teure Haushaltsgegenstände.
  4. Nicht erstaunlich ist daher, dass im europäischen Durchschnitt eine für den typischen Warenkorb von armen Menschen errechnete Inflationsrate ueber der Inflationsrate liegt, die sich für einen Warenkorb errechnet, der die Konsumgewohnheiten reicher Menschen abbildet. Die Differenz macht für den europäischen Durchschnitt 0,7 Prozent aus – und das ist gar nicht so wenig.
  5. Der europäische Durchschnittswert sagt aber nichts über die Situation in den einzelnen Ländern aus. Sie zeigt zum Teil erhebliche Unterschiede.
  6. Es gibt zwei Länder, in denen die Inflationsrate für Arme und für Reiche identisch ist und daher keine Benachteiligung von Ärmeren konstatiert werden kann: Italien und Portugal.
  7. Es gibt mehrere Länder, in denen die Inflationsraten für Arme und Reiche sich nur geringfügig unterscheiden. Hierzu zählt Deutschland, aber auch Belgien, Spanien und Frankreich.
  8. Es gibt mehrere Länder, in denen die Inflationsraten für Arme und Reiche weit zuungunsten der Armen auseinandergehen: Hierzu zählen Großbritannien, Tschechien, Ungarn, Lettland, Slowenien und die Slowakei.

28 Lesermeinungen

  1. Steigen die Löhne, so steigen die Preise
    besonders in dienstleistungsnahen Sektoren. Das ist nicht weiter verwunderlich. Je weniger man eine Leistung automatisieren kann, desto teurer wird das Produkt. Der Anstieg der Löhne wird aber von den Sektoren vorgegeben, wo man mit immer weniger Personaleinsatz immer mehr Leistung erzeugen kann. Dies trifft vor allem auf Güter (Fernseher, Auto u. Co) und weniger bei reinen Dienstleistern zu. Hier werden gestiegene Personalkosten oft nur eins zu eins durchgereicht.
    Der Mensch muss sein Verhalten verändern, wenn er in den Genuss niedriger Preise kommen will. Der Feinkostladen um die Ecke, hat einen sehr viel höheren Personalkostenanteil als eine Aldifiliale. Wer also darauf beharrt weiterhin sein Milch bei Tante Emma zu kaufen, wird heute sehr viel als vor zwanzig Jahren ausgeben. Wer zu Aldi geht weniger.

    • Der Mensch muss sein Verhalten ändern?
      Bis zu diesem Satz bin ich bei Ihnen. Es gilt der reallohntechnische Ansatz wonach Reallöhne bei unveränderten Produktionsfaktoren (Produktivität) sich faktisch nie ändern können (siehe u.a. Kalecki).
      Im Makro betrachtet ist es eben so dass – ohne Löhne zu betrachten – der Gesamtwohlstand nur steigen kann, wenn eine gegebene Menschenmenge mehr reale Leistungen produzieren kann. Was daraus folgt, ist für mich z.B., dass irgendwie alle davon profitieren, wenn z.B. 40% aller Leute in richtigen Wertschöpfungsketten beschäftigt sind. Das ist die Rechtfertigung für Steigerungen von Reallöhnen auch bei Dienstleistungen.

      Was Sie aber sagen ist: Vergisst Tante Emma, geh‘ zu Aldi. Wenn derlei Rat generelle Befolgung fände, ist die Folge, dass der Dienstleistungssektor in Reallohnsteigerungen nicht mithalten kann. Das ist doch nicht Ihre Absicht, oder?

  2. Die ärmeren müssen immer die Preise
    bezahlen, die aufgerufen werden. Sie haben nicht die Möglichkeit,
    sich Sachwerte wie Gold, Immobilien oder Aktien oder andere Ertragsbringer und mit der Inflation mitwachsenden Vermögensanteile zu kaufen,zu halten oder zu vermehren. Reiche Leute können sich strategisch vor der Inflation schützen. Arme nicht. Insofern ist Inflation ihrem Wesen nach unsozial und immer ein Verdrängungsinstrument mit dem Zweck der Umverteilung. Statistiken hierzu wurden immer von jemandem beauftragt und von jemandem bezahlt.

  3. Und Schulden und Vermögen?
    Da sieht dann die Rechnung genau umgekehrt aus. Wer sich aufgrund seiner prekären Finanzsituation verschulden mußte, der profitiert massiv von der Inflation, da die Zins- und Tilgungslast einfacher zu stemmen ist, bzw. die Schulden schneller abgebaut werden können, denn Löhne, Gehälter, Renten, Pensionen und die Transferleistungen werden an die Inflation angepasst. Wer allerdings über erhebliche Geldmengen verfügt und diese ggf. nur festverzinslich investiert hat, der verliert dabei. Da wird Leistung belohnt und risikoarmes Investment weniger lukrativ.

    • Sie vergessen, ...
      dass eine wirklich prekäre Finanzsituation eher in eine Abwärtsspirale führt – und kaum ein Mensch in einer prekären Situation wird seine Schulden los, nur weil die Zinsen niedrig sind (Schuldzinsen liegen bekanntlich nicht im Null oder sogar Minus-Bereich). Toll dran ist der Vermögende, der kontrolliert und steuermindernd Schulden macht – es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, dass es so etwas geben soll (aber nicht in einer prekären Lage). Erhebliche Geldmengen werden in aller Regel nicht festverzinslich angelegt – bzw. höchstens zu einem niedrigen Anteil. Hier werden ganz andere Anlagemöglichkeiten genutzt, die in einer prekären Situation eben gerade nicht praktikabel sind. So einfach ist das!

  4. Eine Erkenntnis, eine Selbstmaßname
    Zitat: „So sind im Zeitraum von 2001 bis 2015 die Verbraucherpreise in den 25 Ländern im Durchschnitt um 44,7 Prozent gestiegen.“ Der durchschnittliche Brutto Jahresarbeitslohn lag 2001 bei knapp 26 T Euro, 2015 bei knapp 32,5 T Euro. Also sind die Löhne nicht der Inflation angepasst gestiegen. Wer sich die Mühe macht und das gute alte Haushaltsbuch führt, weiß schon lange, dass die offiziellen Zahlen zur Inflation hinten und vorne nicht stimmen.

    • Wenn die Löhne nicht der Inflation folgen, folgt daraus nicht zwingend, dass die Inflationsrate falsch berechnet wird.

      Gruß
      gb

  5. Richtig, Christian Borgelt!
    Ihren Ausführungen kann man nur zustimmen.
    Wobei dadurch die Aussagen des vorgehenden Artikels nicht widerlegt werden.
    Bei diesem geht es nämlich um die Teuerungsraten für Verbraucher, die tatsächlich häufig emotional falsch interpretiert werden.
    Die Inflation bezogen auf die Geldmengenausweitung und deren Wirkungen hat eher etwas mit den Auswirkungen auf Vermögen und Sparmöglichkeiten zu tun und somit mit der (gefühlt?) wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft.

  6. Vorteilhafte Armut
    Die Preise für Villen und Yachten sind wesentlich schneller gestiegen als die für Tabak und Schnaps! Das ist der Beweis. Den armen Rauchern und Trinkern geht es wesentlich besser, als sie zugeben. Eine Sternstunde der Wirtschaftswissenschaft und aller, die daran glauben.

  7. Sagen wir es mal so,
    den Milliardär interessiert es nicht, was Milch und Butter kosten…….

  8. Ein Punkt fehlt noch
    der bei Linkslastigen immer an der ersten Stelle steht: Welchen Teil vom Einkommen ein „Reicher“ und „Armer“ für einen einheitlichen Warenkorb aufwenden muss. Ein „armer“ muss so ganz zwangsweise sein karges Einkommen zum Lebensunterhalt ausgeben, ein „Reicher“ hingegen nur ein paar läppische Prozente. Das ist doch so was von ungerecht?!

    Zu den 0,7% die dann ja doch ganz schön viel sein sollen. Die Preisdifferenz für z.B. Lebensmittel beim Discounter (für die Armen) und Supermärkte bis Fachgeschäften (für die Reichen) ist sicher erheblich größer.

    Also ein ganz schwieriges Terrain das man nicht allgemeingültig beackern kann. Dazu auch noch das Thema Mehrwertsteuer das „Arme“ ja sehr viel stärker belasten soll. So lange es einem „Armen“ möglich ist, z.B. ein Auto für 10.000 Euro zu kaufen und ein „Reicher“ dafür 100.000 Euro aufwendet, ist auch das kein wirkliches Argument.

    • Warenkorb
      Sie missverstehen befürchte ich, wie so ein Warenkorb erstellt wird. Da wird eine Banane nicht einem Auto einfach nach Anzahl gleichgestellt, sondern natürlich der Wert genommen bzw. der Anteil an den Gesamtausgaben. Es ist also längst eingerechnet, dass Reiche eher qualitativer und teurer ihre Lebensmittel einkaufen. Und dennoch ist der dafür genutzte Anteil an ihren Gesamtausgaben weitaus geringer als beim Armen (was wenig verwundern sollte), weswegen die Preissteigerungen ihn tatsächlich weniger treffen. Mehr noch, würde ein Reicher beim Discounter einkaufen, würde er nicht nur noch mehr Geld für andere Güter ausgeben können, er wäre auch noch weniger von der Preissteigerung von Lebensmitteln betroffen als für seinen Warenkorb errechnet.

      Auch ihre Schlussfolgerung zur Mehrwertsteuer ist abwegig. Ein Reicher, der genauso wenig anspart, genauso wenig Geld anlegt oder investiert (und sei es „nur“ das Eigenheim) wie ein Armer und ebenfalls so gut wie alles direkt konsumiert, wäre natürlich ebenso von der MwSt-Steigerung betroffen. Ist nur eben selten der Fall. Er kann seine Überschüsse für sich arbeiten lassen, also weitere Renditen und Überschüsse erwirtschaften, oder die erwähnte Immobilie erwerben (wobei keine MwSt anfällt!). Er kann also durch seinen Reichtum seinen Reichtum weiter mehren ohne im gleichen Maße von einer Erhöhung der MwSt betroffen zu sein.

      So viel zur Annahme, dies wäre linkslastige Denke. Es ist Realität.

  9. ... und in keinem Land haben Arme eine niedrigere Inflationsrate als Reiche
    Sie können so lange tanzen wie Sie wollen:
    das Endresultat ist: die These ist richtig.

    Die niedrigeren Inflationsraten sie die Inflationsraten derer,
    die eine niedrige Inflationsrate am wenigsten brauchen.

    Das hätte aber die Seite nicht gefüllt.

    • Wir interessieren uns halt lieber für Fakten als für Sprüche, auch wenn die Beschreibung der Fakten Platz benötigt.

      Gruß
      gb

  10. Inflation und ihre Wirkungen
    Der Begriff „Inflation“ bezeichnete ursprünglich die Ausweitung der Geldmenge. Die Preissteigerung von Konsumgütern, die heute allgemein (und so auch in diesem Artikel) als Inflation bezeichnet wird, ist dagegen nur eine mögliche, aber keineswegs notwendige Folge einer Geldmengenausweitung, da auf das Preisniveau von Konsumgütern auch noch andere Einflüsse wirken. Z.B. können Produktivitätssteigerungen diese Preise auch senken, und zwar sogar dann, wenn gleichzeitig die Geldmenge ausgeweitet wird, oder Produktivitätssteigerungen können die Preissteigerung durch die Ausweitung der Geldmenge näherungsweise kompensieren. Die Geldmengenausweitung kann auch stärker die Preise anderer Güter treiben, z.B. die von Aktien oder anderen Investitionsgütern.

    Am besten macht man daher zur Bestimmung der Inflationsrate eine ganz einfache Rechnung auf, die sich allein auf die Geldmenge bezieht und daher diese anderen, möglicherweise kompensierenden Effekte ausblendet: Im Jahre 2001 betrug die Geldmenge M2 in Euro 4615.1 Milliarden Euro, im Jahre 2015 dann 10217.2 Milliarden Euro (Quelle: statista.com). Das ergibt eine Steigerung um einen Faktor von 2.214, was einem Faktor von Jahr zu Jahr von 1.0584 (14. Wurzel aus 2.214, da 14 Jahresschritte von 2001 bis 2015, oder 1.0584 hoch 14 = 2.214), also einer jährlichen Steigerungsrate von 5.84% entspricht (ups, gar nicht so weit weg von den oben erwähnten „Inflationsraten bis 8 Prozent“ …).

    Wenn man wissen will, wem diese Inflation (verstanden als Ausweitung der Geldmenge) genützt und wem sie geschadet hat, dann muß man den durch jede Geldmengenausweitung bewirkten Cantillon-Effekt (nach Richard Cantillon, 1680-1732) betrachten. Denn das neu geschöpfte Geld tritt an bestimmten Punkten in den Wirtschaftskreislauf ein, und folglich ist eine Geldmengenausweitung nie „neutral“. Insbesondere profitieren diejenigen, die das neu geschöpfte Geld zuerst erhalten, auf Kosten derjenigen, bei denen es erst später ankommt. Es fragt sich also, wer das in den Jahren 2001 bis 2015 neu geschöpfte Geld (immerhin über 5600 Milliarden Euro) zuerst erhalten hat. Ich stelle einmal ganz dreist folgende Vermutung auf: es waren nicht die Armen.

    • @Herr Borgelt
      Wie verhält es sich dann in der Schweiz im gleichen Zeitraum?
      Geldmenge M2 2001-01 381 Mrd. CHF und 2015-12 908 Mrd. CHF. Ihrer Darstellung zufolge wären dies 6,4% p.a. …

      Dabei ist zu bedenken, daß die offiziellen Daten besagen, es habe in diesem Zeitraum eine Preissteigerung von gerade einmal 5,7% insgesamt gegeben…

      Wie wirken sich auf diese Betrachtung Bevölkerungswachstum und neue Brücken, Straßen, Häuser, Fabrikhallen etc. aus?

      Ich bin in diesen Fragen nicht so firm, wie Sie es sind. Deswegen erlaube ich mir einmal diese Nachfrage.

    • So ist es, Herr Borgelt
      Die 5,6 Billionen Euro (s. auch EZB-Anleihenaufkäufe!) sind natürlich ’nur‘ Fiat-Geld. Sie schweben als Geldwolke im Orbit über dem Realsektor. Regnete diese Wolke in einem Gewitter vollständig aus, hätten wir die Sintflut, in der alle ersaufen. So dumm sind die ‚Eigentümer‘ der Geldwolke natürlich nicht. Ihnen genügt es, sich mit ihren Guthabensalden jederzeit jeden Wunsch erfüllen zu können. Was nun die ‚Inflation‘ betrifft – die kann, wie Sie richtig schreiben, auch bei einem sinkenden Preisniveau stattfinden. Entgegen allen Salvierungsversuchen geht sie selbstverständlich überall zu Lasten der ‚Armen‘. Ein Liter Benzin kostet nunmal für sie das gleiche wie für die ‚Reichen‘, denen die Preise für den Betrieb ihrer SUVs nur Peanuts sind.

    • Licht und Schatten , bzw. Schuster bleibe bei deine Leisten.
      Werter Herr Borgelt,
      ich laß zunächst Ihren, wahrlich großartigen Kommentar auf den Blogbeitrag zuvor. Man erkennt sofort, dass Erwartungswerte, Vairanz und die psychologischen Rückschlüsse hieraus, offensichtlich absolut Ihr Fachgebiet sind. Gute Arbeit.
      Allerdings zeigt Ihre Replik hier, dass Geld/Währung/Bankwesen/Inflation so gar nicht Ihr Fachgebiet sind. Geldmenge heißt zunächst einmal nur, dass Kaufkraft vorhanden ist. Der Bestand an Geldmenge sagt aber nichts darüber aus, ob diese Kaufkraft „in Aktion“ tritt oder nicht. Dazu gibt es z.B. so Begriffe wie „monetäre Gesamtnachfrage“ die aber eben nicht in einem direkten, zwingenden Zusammenhang zur Geldmenge steht.
      Ein weiteres Problem jeglichen „Geldmengenfetichismus“ ist das Abgrenzungsproblem. Die Tagesgeldanlage der 80 jährigen, die – im wahrsten Sinne des Wortes – Zeit Lebens nicht mehr ausgegeben wird, gilt automatisch als „inflationstreibend“ , aber der in einem Jahr fällig Sparbrief nicht. Aber auch mit diesem im Rücken kann der Inhaber schon heute ins Autohaus gehen, und sich einen Neuwagen bestellen ( und beim Kauf eines Tesla ist das Jahr Restlaufzeit auch dringend nötig ….. ).

    • „Der Begriff „Inflation“ bezeichnete ursprünglich die Ausweitung der Geldmenge.“
      Das ist richtig, aber das ist lange her und für heutige Betrachtungen irrelevant. Schon Walter Eucken wandte sich gegen eine „Begriffsnationalökonomie“.

      „Z.B. können Produktivitätssteigerungen diese Preise auch senken, und zwar sogar dann, wenn gleichzeitig die Geldmenge ausgeweitet wird, oder Produktivitätssteigerungen können die Preissteigerung durch die Ausweitung der Geldmenge näherungsweise kompensieren.“

      Das ist prinzipiell möglich. Diese prinzipielle Erkenntnis hilft für die konkrete Fragestellung aber überhaupt nichts, weil man wissen müsste, ob solche Effekte derzeit am Werk sind und wenn ja, in welchem Umfang.

      „Wenn man wissen will, wem diese Inflation (verstanden als Ausweitung der Geldmenge) genützt und wem sie geschadet hat, dann muß man den durch jede Geldmengenausweitung bewirkten Cantillon-Effekt (nach Richard Cantillon, 1680-1732) betrachten…“
      Es wäre in der Tat interessant, um die praktische Bedeutung des Cantillon-Effekts zu wissen. Persönliche Vermutungen helfen da gar nichts. Falls Ihnen empirische Untersuchungen zum Cantillon-Effekt vorliegen, wäre ich für einen Hinweis dankbar. Da ja speziell Ökonomen aus der Österreichischen Schule diesen Effekt betonen, könnten dort ja solche Untersuchungen vorgenommen worden sein.

      Gruß
      gb

    • Ursache und Wirkung
      Ich möchte gerne einmal insistieren. Aus der Aussage „Geldmengenwachstum sei Inflation“ und die Bestätigung durch Herrn Braunberger vermute ich, daß Sie auf die „Quantitätstheorie“ verweisen möchten. Aber auch bei der Quantitätstheorie ist die „Ausweitung der Geldmenge“ die Ausweitung der Geldmenge (sic) und damit Ursache von Inflation, sprich einer Veränderung (Erhöhung) des Preisniveaus, also der Wirkung, nicht zu verwechseln mit der Veränderung von Einzelpreisen. Es läuft jedoch immer darauf hinaus, daß die Zentralbank versucht, über die Geldmenge (Ursache) die Entwicklung (Wirkung) des Preisniveaus zu steuern, zzgl. anderer Steuerungsinstrument.

      Meines Erachtens wäre auch der Einfluß der hedonischen Methode und die Zusammensetzung des Warenkorbes auf die Indexentwicklung eher zu berücksichtigen als Cantillon, da es ja hier um die Warenkörbe und damit die offizielle Inflationsrate geht. Alles andere (Netto-Reallöhne, nominelle Schulden und Forderungen, etc.) wäre ja dann entsprechend zu bewerten und zu diskutieren.

      Welche politischen Interessen gäbe es an einer niedrigen offiziellen Inflationsrate? Entwicklung des BIP, Tariferverhandlungen, Rentenerhöhungen, sonst. Transferleistungen?

      Und dann die Frage: Wo bleibt das ganze Geld bzw. wo bleibt die Inflation?

      Dazu darf ich vielleicht folgendes verlinken, wo wir dann wieder bei der Wiener Schule wären:

      http://www.misesde.org/?p=4101

      Mit freundlichen Grüßen

      PS. Jetzt mußte ich doch tatsächlich meinen alten Issing und den Rudi Dornbusch wieder hervorkramen;-)

    • @Gerald Braunberger: Cantillon-Effekt
      Ihre Antwort hat mir wieder einmal klar gemacht, wie tief die Kontroverse zwischen der österreichischen Schule und anderen Schulen der Wirtschaftswissenschaften ist, insbesondere, daß sie bis zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften hinabreicht. Das ist eigentlich auch nicht verwunderlich, denn entsprechende Diskussionen lassen sich ja bereits bis zu Carl Menger zurückverfolgen (sogenannter älterer Methodenstreit der Nationalökonomie).

      Um diese Unterschiede zu klären, wäre ich Ihnen sehr verbunden, falls Sie die Zeit erübrigen können, ihre Position zum Cantillon-Effekt zu charakterisieren. Um die Sache etwas zu vereinfachen, habe ich unten einige mögliche Charakterisierungen von Positionen zusammengestellt. Aber dies sind alles nur Vorschläge; vielleicht paßt ja auch keine dieser Aussagen.

      „Einen Cantillon-Effekt gibt es nicht und kann es nicht geben, weil Geldmengenausweitung immer neutral ist, d.h., relative Preise nicht beeinflußt.“

      „Einen Cantillon-Effekt gibt es nicht. Ich bin erst bereit anzunehmen, daß es einen solchen Effekt gibt, wenn er empirisch nachgewiesen wurde.“

      „Einen Cantillon-Effekt gibt es, aber er ist vernachlässigbar gering. Daß er nicht vernachlässigbar ist, bin ich erst bereit zuzugegeben, wenn dies empirisch nachgewiesen wurde.“

      „Einen Cantillon-Effekt gibt es, und er ist nicht vernachlässigbar gering, aber es gibt keine Methode, um ihn (empirisch) zu messen.“

      „Einen Cantillon-Effekt gibt es, und er ist nicht vernachlässigbar gering, aber wir brauchen seine Wirkungen erst dann zu berücksichtigen, wenn er (empirisch) gemessen worden ist.“

      „Einen Cantillon-Effekt mag es geben, aber ohne empirischen Nachweis ist seine Betrachtung reine Spekulation und damit unwissenschaftlich.“

      „Einen Cantillon-Effekt gibt es und er läßt sich logisch-deduktiv aus offensichtlichen Grundtatsachen ableiten. Seine Größe zu messen, mag hilfreich sein, aber da sie stets von den besonderen historischen Umständen abhängt, liefert eine solche Messung keine (weitergehenden) allgemeingültigen Einsichten.“

      Die letzte Aussage ist, wenn auch vielleicht stark verkürzt und ggf. übertrieben, die Position der österreichischen Schule.

    • In meinem Beitrag geht es um empirische Ergebnisse zu unterschiedlichen Inflationsraten fuer Arme und Reiche in europäischen Laendern zwischen 2003 und 2015. Sie haben eine persoenliche Vermutung geaeussert, wie der Cantillon-Effekt auf diese Raten Einfluss wirkt. Auf meine Anregung, eine persoenliche Vermutung mit empirischen Ergebnissen zm Cantillon-Effekt anzureichern, moechten Sie eine erkentnistheoretische Debatte fuehren. Darum geht es hier aber ueberhaupt nicht.
      Gruss
      gb

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