Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Glauben Europäer mehr an Milton Friedman als die Amerikaner?

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Dieser Befund überrascht. Auf Europas Märkten herrsche mehr Wettbewerb als in Amerika, zeigt eine Studie aus New York. Früher war das genau umgekehrt. Erliegt Europa dem Charme der freien Märkte?

Amerika versus Europa. Im wirtschaftlichen Vergleich ist das der Stoff, der die Phantasie anregt. Wildwestkapitalismus gegen soziale Marktwirtschaft. Wettbewerb gegen regulierte Märkte. Wachstum gegen Stagnation. Reich versus weniger reich. Mit diesen zugespitzten Gegensätzen verbinden sich Geschichten, die die historische Entwicklung sortieren. Das Aufholen Deutschlands und Europas im Wirtschaftswunder in den fünfziger und sechziger Jahren. Die Eurosklerose, die der deutsche Ökonom Herbert Giersch in den achtziger Jahren beschrieb. Während die Vereinigten Staaten schon seit den siebziger Jahren mit einer Deregulierung der Märkte zu einem neuen Wachstumsschub ansetzten, erstickten damals in Europa Regulierungseifer, gewerkschaftliche Macht und hohe Steuern das Wachstum.

Vor rund 20 Jahren tauchte im transatlantischen Vergleich ein neuer Erzählstrang auf. Bis Mitte der neunziger Jahre hatten die Europäer in der Arbeitsproduktivität gegenüber den Vereinigten Staaten aufgeholt und sie teils überholt. Dann drehte sich das Bild. Gemessen an der Wirtschaftsleistung je Arbeitsstunde, fielen die Europäer gegenüber den Amerikanern wieder deutlich zurück.

Europa verzichtet auf Computer und Walmart

Die bekannteste Erklärung dafür kombiniert die Entfesselung der Wachstumskräfte in Amerika unter Ronald Reagan mit der Eurosklerose und dem Computer. Amerika habe die massenweise Verbreitung der Informations- und Kommunikationstechnik benutzt, um gerade im Dienstleistungsbereich Produktivitätsreserven zu heben, lautete das Argument. Ökonomen analysierten, wie stark die Produktivität sich im amerikanischen Einzelhandel verbesserte und wie schwer die Europäer sich taten, dem Beispiel zu folgen.

Dabei ging es nicht nur um zu wenig Investitionen in die neue Technik. Wichtiger schien, dass den Europäern die Flexibilität an den Märkten fehlte, um Computer zur Steigerung der Produktivität einzusetzen. Platt gesagt: Wenn gewerkschaftliche Macht die Aushilfsjobs in den Supermärkten schützt, wenn lokale Ratsherren und Öko-Bedenken nicht zulassen, dass ein europäischer Walmart gewaltige Einkaufspaläste auf der grünen Wiese bauen darf, dann können auch Computer keine großen Einsparungen im Dienstleistungsbereich bringen.

In Europa bleiben Arbeitslose auf der Strecke

Eine andere Argumentation sieht den Fall der Produktivität im Vergleich zu Amerika nicht negativ, sondern als ersten Schritt zur Heilung. Das Aufholen der Produktivität gegenüber Amerika sei vorgetäuscht gewesen, analysierte der Ökonom Robert Gordon. Die Europäer hätten die Aufholjagd mit drastischen Verzerrungen am Arbeitsmarkt ausgelöst. Mindestlöhne, überproportionale Lohnerhöhungen in den unteren Lohngruppen und der Produktivität vorauseilende Lohnerhöhungen über alle Lohngruppen hinweg führten demnach im Nachkriegseuropa dazu, dass die Arbeitsproduktivität der Beschäftigten stieg. Die Probleme am Arbeitsmarkt aber wurden nicht kleiner, und die Arbeitslosigkeit blieb hoch. Was Gewerkschafter positiv als Produktivitätspeitsche beschreiben, wertet Gordon als unecht oder im heutigen Sprachgebrauch als „fake“. Im Gegensatz zu Amerikas offenen Arbeitsmärkten blieben in Europa die Arbeitslosen auf der Strecke.

Der Fall der europäischen Arbeitsproduktivität im transatlantischen Vergleich ist für Gordon ein erstes Symptom einer Genesung. Die Europäer hätten die Hochlohnpolitik moderater gehandhabt und den Arbeitsmarkt etwas geöffnet. Damit fanden mehr gering qualifizierte Arbeitslose in Beschäftigung und die Arbeitsproduktivität sank oder wuchs langsamer. Was Gordon mit anderen Ökonomen eint, ist die Annahme, dass Europa Deregulierung und Wettbewerb fehle, um wirtschaftlich zu Amerika aufzuholen.

Mit einer provokanten Frage bürsten zwei Ökonomen von der New York University gegen den Strich dieser vorherrschenden Meinung: „Glauben Europäer mehr an Milton Friedman als die Amerikaner? Glauben Sie mehr an freie Märkte?“ In umfangreicher Datenarbeit haben Germán Gutiérrez und Thomas Philippon etwas Überraschendes herausgefunden. Danach sind die Märkte in Europa mittlerweile wettbewerblicher als die Märkte in Amerika. Die Konzentration der Unternehmen, die Gewinnquoten und die regulatorischen Markteintrittshemmnisse seien in Europa niedriger als in Amerika. Wo früher die Vereinigten Staaten eindeutig wettbewerbsfreundlicher gewesen seien, habe das Bild sich seit den neunziger Jahren gedreht: Die Unternehmenskonzentration und die Gewinnraten in Amerika stiegen, während sie in Europa konstant blieben oder fielen.

Europas Wettbewerbshüter sind schärfer

Dieser Befund gilt nach der Studie nicht nur für die Gesamtwirtschaft, sondern auch in fast allen Branchen. Fast quer durch die Bank ist die Konzentration der Unternehmen und damit die Vermachtung der Produktmärkte mittlerweile in Amerika stärker als in Europa. Eine wichtige Ausnahme ist überraschenderweise die Technologiebranche. Mit Apple und Amazon, Facebook, Google und Microsoft gilt diese Branche eigentlich als Paradebeispiel wirtschaftlicher Macht. Doch ist in diesem Sektor die Konzentration in Amerika seit den neunziger Jahren nicht gestiegen, sondern in der Tendenz gesunken. Sie liegt sogar weit niedriger als in Europa. Dieser Sektor kann die Diskrepanz zwischen Amerika und Europa also nicht erklären. Den neuen Trend zu mehr Wettbewerb in Europa führen die beiden Ökonomen darauf zurück, dass die Europäische Union sich zentral eine unabhängigere Wettbewerbsaufsicht als die Vereinigten Staaten gegeben habe. Die Wettbewerbshüter in Brüssel gingen schärfer als ihre amerikanischen Kollegen gegen Machtmissbrauch und Großfusionen vor.

Mehr Konkurrenz bietet Europa so die Chance, im Vergleich zu Amerika wirtschaftlich Boden gutzumachen. Das geht nicht von heute auf morgen, der Erfolg dürfte sich erst nach vielen Jahren zeigen. Die Statistik zeigt: Noch hat Europa den seit Mitte der neunziger Jahre im Vergleich mit Amerika zu beobachtenden Rückfall  in der Produktivität nicht aufgeholt.

Zwei Punkte mahnen freilich zur Vorsicht vor zu viel Optimismus: Erstens könnte der gelassenere Umgang der Amerikaner mit wirtschaftlicher Konzentration hilfreicher sein als die strengere europäische Wettbewerbsaufsicht und letztlich mehr Innovation und Wachstum auslösen. Schließlich ist der Wettbewerbsdruck in einem engen Oligopol weniger Anbieter am höchsten. Der höhere Wettbewerbsgrad und Europa, den die Autoren messen, wäre dann ein Trugschluss. Zweitens bedeutet mehr Wettbewerb zwischen Unternehmen noch lange nicht mehr Wettbewerb am Arbeitsmarkt. Das aber ist nötig, damit Europa in der Produktivität wirklich gegenüber Amerika aufholen kann.

 

Herbert Giersch (1985): Eurosclerosis. Kieler Diskussionsbeiträge, Nr. 2, Institut für Weltwirtschaft, Kiel.
Robert J. Gordon und Ian Dew-Becker (2005): Why Did Europe’s Productivity Catch-up Sputter Out? A Tale of Tigers and Tortoises. Paper Presented at FRBSF/CSIP Conference „Productivity Growth: Causes and Consequences“, San Francisco Fed, November 18, 2005.
Germán Gutiérrez, Thomas Philippon (2018): How EU Markets became more competitive than US Markets: A Study of institutional Drift. NBER Working Paper, Nr. 24700.

 

Dies ist eine ergänzte Fassung des „Sonntagsökonoms”, der am 7. Oktober in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschien.

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1 Lesermeinung

  1. Titel eingeben
    Der Titel ist schrecklich. Wie der hollaendische Oekonometriker schon vor Jahrzehnten schrieb, Modelle und Theorien sollen benuetzt werden, aber an sie glauben sollte man nicht.

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