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Zu viele Schulden machen arm

19.05.2012, 06:31 Uhr  ·  Es gibt eine magische Grenze: Ab 90 Prozent Verschuldung wird es für Staaten gefährlich. Jetzt wird klar: Die Staaten bekommen dann oft jahrzehntelang Probleme. Der Sonntagsökonom von Patrick Bernau

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Es gibt eine magische Grenze: Ab 90 Prozent Verschuldung wird es für Staaten gefährlich. Jetzt wird klar: Die Staaten bekommen dann oft jahrzehntelang Probleme

Von Patrick Bernau

Soll es in Europa lieber mehr Sparpakete geben oder mehr Wachstumspakete? So geht die Diskussion in der Euro-Krise dieser Tage – seit in Frankreich der Sozialist François Hollande zum neuen Staatspräsidenten gewählt worden ist. Schnell haben die anderen Regierungschefs einen Weg gesucht, wie sie Investitionsprogramme anschieben können, um Hollande entgegenzukommen.

Doch vie Illustration: Alfons Holtgrevelleicht ist die Diskussion gar nicht richtig geführt. Vielleicht sind Sparen und Wachstum gar keine Gegensätze. Jedenfalls scheinen hohe Staatsschulden das Wachstum enorm zu beeinträchtigen – das legt eine neue Untersuchung der amerikanischen Ökonomen Carmen Reinhart, Vincent Reinhart und Kenneth Rogoff nahe.

Zwei der drei, Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, haben einst beim Internationalen Währungsfonds zusammengearbeitet, wo Rogoff Chefökonom war. Dort begannen sie, Finanzkrisen der vergangenen 800 Jahre zu erforschen, und brachten einige Jahre später ein großes Buch über die Geschichte der Krisen heraus – gerade rechtzeitig zur Hypothekenkrise der vergangenen Jahre. Aus ihrem großen Datenbestand haben sie noch weitere Erkenntnisse gezogen – unter anderem die, dass für Industrieländer Staatsschulden über 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gefährlich werden. Irgendwo oberhalb dieser Schwelle leidet das Wirtschaftswachstum, und zwar deutlich.

Wuchs die Wirtschaft in den untersuchten Ländern durchschnittlich um mindestens drei Prozent, solange die Staatsschuld unter 90 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt blieb, so erreichten die Länder in den Phasen mit höheren Schulden im Durchschnitt nicht mal mehr die Nulllinie beim Wachstum, sondern schrumpften. Das Problem: Viele Länder liegen heute schon ungefähr bei 90 Prozent, zum Beispiel die Vereinigten Staaten. Deutschland hat noch etwas Abstand, laut Statistischem Bundesamt kamen die öffentlichen Haushalte im vergangenen Jahr auf 81 Prozent.

Das Ergebnis von Reinhart und Rogoff kann Keynesianern nicht gefallen. Denn Keynesianer argumentieren oft wie Hollande: Lieber sollten Staaten mehr Geld ausgeben, um das Wachstum anzukurbeln. Da ist es ungünstig, wenn Staatsschulden dem Wachstum schaden. Also griff Nobelpreisträger Paul Krugman, der wohl öffentlich lauteste Keynesianer der Welt, seinen alten Gegner Rogoff scharf an: “Ich glaube, wir können sagen, dass Ihre Studie vollständig diskreditiert ist”, tönte er und verwies auf ein Gegengutachten aus der den amerikanischen Demokraten nahestehenden Denkfabrik “Economic Policy Institute”. Dessen Autoren sagten: Es sei doch gut möglich, dass ein Land erst in die Rezession sinke und daraufhin die Schulden stiegen. Andere Forscher fanden allerdings bald heraus, dass typischerweise zuerst die Schulden steigen und dann das Wachstum nachlässt.

Jetzt legen auch Reinhart und Rogoff nach. In einer neuen Untersuchung betrachten sie – gemeinsam mit Carmen Reinharts Mann Vincent – Phasen hoher Staatsverschuldung, in denen die 90-Prozent-Marke fünf Jahre in Folge überschritten wird. In den vergangenen 200 Jahren haben sie davon 26 gefunden, die meisten davon in Europa, aber auch in Neuseeland und Japan. In fast allen dieser Fälle war das Wachstum während der Schuldenjahre deutlich geringer als während der Jahre, in denen die Schulden unter der 90-Prozent-Marke blieben. Noch erschreckender: In Zeiten hoher Schulden bleibt das Wachstum nicht nur für ein paar Jahre beeinträchtigt. Wenn ein Land einmal stabil eine hohe Staatsverschuldung hat, kommt es so schnell nicht wieder heraus. Im Durchschnitt vergingen 23 Jahre, bis die Schuldenquote wieder unter 90 Prozent gesunken war – das ist deutlich länger als ein herkömmlicher Konjunkturzyklus. In dieser langen Zeit verlieren die Länder enorm an Wohlstand. Insgesamt sind die verschuldeten Länder am Ende dieser 23 Jahre um ein Viertel ärmer, als sie es ohne Schulden mutmaßlich gewesen wären. Übrigens sind nicht nur Staatsschulden gefährlich, sondern auch private Schulden. Die können nämlich schnell zu Staatsschulden werden, wie die Bankenkrise in Irland und Island gezeigt hat.

Warum drücken hohe Schulden das Wachstum so? Die klassische Erklärung ist der Zins – so wie derzeit in Griechenland. Kreditgeber bekommen angesichts der hohen Schulden Angst um ihr Geld und wollen es dem Land nur noch zu hohen Zinsen verleihen. Diese Zinsen fehlen dem Land, die Staatsausgaben müssen sinken oder die Steuern steigen. Mit den Staatsschulden werden auch Hypotheken und andere Kredite teurer. Menschen werden arbeitslos und können weniger kaufen – so stürzt das Land in eine Rezession, aus der es nur schwer wieder herauskommt.

Diese Erklärung trifft auch in vielen Fällen zu. Doch längst nicht immer, wie die drei Forscher feststellen. In acht der 26 untersuchten Hochschuldenphasen sind die Zinsen gleich geblieben oder sogar gesunken. Dazu kommt: Das Wachstum hat nicht in den Ländern am meisten gelitten, die die höchsten Zinssteigerungen hinnehmen mussten. Es muss also noch andere Gründe für die Wachstumsschwäche verschuldeter Länder geben. Die Autoren allerdings nennen keine.

Carmen und Vincent Reinhart sowie ihr Ko-Autor Kenneth Rogoff beschränken sich auf eine andere wichtige Feststellung: Zwar beweist ihre Untersuchung nicht, dass ein Sparprogramm jetzt der richtige Weg für Griechenland ist – doch auf jeden Fall sollten Länder, die noch unterhalb der 90-Prozent-Marke liegen, auf ihre Staatsschulden achten. Und zwar auch dann, wenn die Märkte den Staaten noch zu niedrigen Zinsen Geld bereitstellen. Das Wachstum leidet wahrscheinlich trotzdem schon, schließen die Autoren. “Wer auf das Warnsignal von den Märkten wartet, könnte ziemlich lange warten.”

Der Beitrag ist als “Sonntagsökonom” in der F.A.S. vom 13. Mai erschienen. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (7)
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0 tricky1 23.05.2012, 08:31 Uhr

@luke123: Wenn Sie ihr...

@luke123: Wenn Sie ihr Gegenbeispiel auf heute übertragen, müssten Sie (leider) auch einen Weltkrieg mit Vernichtung der entsprechenden Zahl von Menschen und materiellen Gütern vorsehen. Dann gäbe es in der Tat für die Überlebenden mit dem Wiederaufbau für einige Zeit Vollbeschäftigung und Trümmerfrauen würden wiederum für Gottes Lohn das von den Herrschenden angerichtete Schlamassel aufräumen. Die anschliessende Hochkonjunktur wäre aber nur von kurzer Dauer weil die vollautomatisierte industrielle Fertigung sehr rasch jede Lücke füllen könnte.

0 luke123 21.05.2012, 16:12 Uhr

Es gibt ein gutes...

Es gibt ein gutes Gegenbeispiel: die USA. Kurz vor der Depression in den 30er Jahren haben die Wirtschaftsexperten wie heute einen Abbau der Staatsdefizite sowie höhere Zinsen zur Bekämpfung der Inflation gefordert. Die Folgen: 30 Prozent Arbeitslosigkeit, soziale Unruhen, Bankpleiten, Börsencrashs und eine Verdoppelung des Schuldenberges. Erst der Zweite Weltkrieg, so sinnlos und menschenverachtend er auch war, führte ungewollt aus der Großen Depression heraus. Die Regierung der USA war durch den Krieg gezwungen, ihre Staatsdefizite innerhalb von nur vier Jahren um heute nahezu unvorstellbare 300 Prozent vom BIP auszuweiten. Selbst diese riesigen Staatsdefizite verursachten in den Kriegsjahren und danach weder einen Staatsbankrott noch eine Währungsreform. Die Experten, die das damals behaupteten, haben sich vollkommen geirrt. Genauso werden sich die Ökonomen heute irren, wenn sie Staatsdefizite und größere Aufkäufe von Staatsanleihen ablehnen. In den USA sank die Staatsverschuldung von 1945 bis 2003 von 120 Prozent auf weniger als 40 Prozent des BIP. Inflation und Wachstum haben die USA in simpler Weise vor der Überschuldung gerettet. Der Grund ist einfach. Das gesamtwirtschaftliche Volkseinkommen ist im Verhältnis zu den Staatsschulden wesentlich stärker gestiegen. Die meisten Experten vergessen das, wenn sie heute vom Sparen reden und das Schuldenmachen verteufeln.

0 faz-bern 21.05.2012, 12:48 Uhr

Lieber Tricky1: Natürlich...

Lieber Tricky1: Natürlich macht eine zeitliche Korrelation noch kein Ursache-Wirkung-Verhältnis. Genau darum tobt ja der Streit, und genau deshalb legen Reinhart/Rogoff die neuen Zahlen nach - um näher an die offene Ursache-Wirkungs-Frage heranzukommen. . Lieber Gerald: Ich finde, da hat Shiller völlig Recht. Ich glaube, man kann nicht sagen, dass 90 Prozent immer sofort problematisch sind - nur, dass irgendwo oberhalb von 90 Prozent das Wachstum leidet und dass es ab 90 Prozent gefährlich wird. Deshalb formuliere ich das immer so.

0 tricky1 21.05.2012, 08:21 Uhr

@Gerald Braunberger Die...

@Gerald Braunberger Die Argumentation von Shiller scheint mir zwiespältig. "The lesson is simple: We should worry less about debt ratios and thresholds, and more about our inability to see these indicators for the artificial – and often irrelevant – constructs that they are." Genau dieses Argument würde ich gegen viele ökonomische Modelle vorbringen, aber der Verschuldungsgrad ist nun mal unbestrittenerweise ein geeignetes Mass auch für die zu leistenden Zinsen, welche nicht beliebig lang tief gehalten werden können. Shillers Argumentation, dass bei Betrachtung eines 10-jährigen Intervalls alles harmlos aussehen würde ist fauler rhetorischer Trick: Würde nämlich Griechenland so fortfahren wie bisher wäre das Ergebnis auch für das längere Intervall katastrophal!

0 FAZ-gb 20.05.2012, 18:42 Uhr

Der bekannte Yale-Ökonom...

Der bekannte Yale-Ökonom Robert Shiller hat sich im vergangenen Jahr kritisch zu Reinhart/Rogoff geäußert: http://economistsview.typepad.com/economistsview/2011/07/shiller-debt-and-delusion.html Gruß gb.

0 tricky1 19.05.2012, 16:40 Uhr

Dass die zeitliche Korrelation...

Dass die zeitliche Korrelation einen ursächlichen Zusammenhang hätte ist unbewiesen. Auf der Hand liegt, dass hohe Schuldzinsen von Staaten und Privaten deren Investitionsfähigkeit und Ausgabenbereitschaft vermindern und damit die Konjunktur dämpfen. . Dies stützt aber nicht die falsch wiedergegebene Theorie von Kaynes, dass man in USA und Europa jetzt munter noch mehr Schulden machen müsste um die Konjunktur anzukurbeln. . Wer Kaynes im Original liest, weiss dass er immer als Voraussetzung genannt hat, dass Staaten das Geld für Ankurbelungen vorher gespart hätten oder das Anspringen der Konjunktur so gesichert ist, dass der dauerhafte Aufschwung mit Sicherheit ausgelöst wird. . Beide Voraussetzungen sind derzeit weder in USA noch Europa gegeben und man kann somit seine Theorie aktuell gar nicht vernünftig anwenden. . Für Griechenland ist die Situation insofern doppelt schwierig, als die historisch entstandenen Konjunkturbremsen noch überhaupt nicht beseitigt wurden und man mit Sparen allein dort niemals bessere Verhältnisse erreichen wird. Und dies ist unabhängig davon ob dort der Euro oder eine Drachme offizielles Zahlungsmittel ist.

0 AlexM3 19.05.2012, 14:45 Uhr

Guter Artikel - aber er geht...

Guter Artikel - aber er geht nicht weit genug und ist wie die meisten Überlegungen entweder zu vereinfachend oder eben schon zu kompliziert, da es sehr viel mehr Faktoren und auch Meinungen, wie überhaupt der Begriff "Problem" zu definieren sei, gibt. Zu "Vielleicht sind Sparen und Wachstum gar keine Gegensätze. Jedenfalls scheinen hohe Staatsschulden das Wachstum enorm zu beeinträchtigen.." kann man zwar zustimmen, aber viel wichtiger wäre wohl ein betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise der Staatsfinanzen - und da kommt man leicht in Anbetracht der besonderen Machtstruktur eines Staates auf interessantere Lösungen. Wenn ein Staat viel Geld ausgibt (bzw. sich dafür verschuldet), etwas zu finanzieren, das von der überwältigenden Mehrheit seiner Kunden etc. gewünscht wird, dann wir das BIP angekurbelt und es entsteht Wachstum. Wenn aber ein Staat nur einfach Geld druckt, um "umzuverteilen": also wie heute üblich viele nicht erwünschte Bürokratiedienstleistungen zwangsweise bei gleichzeitig durch sie entstehenden höheren Steuern/Gebühren zur Verminderung der sichtbarebn Arbeitslosigkeit zu verwenden, dann wir dadurch kein echtes Wachstum erzeugt. Auch eine Firma erzeugt nicht dadurch Wachstum, das sie Geld ausgibt, um ein von niemandem erwünschtes umweltfreundliches und familienfreundliches Getränk auf den Markt zu bringen. Beamte und Politiker wissen eben nicht besser, was eine Bevölkerung braucht oder will - Wahlergebnisse mit ideologischen Programmen helfen da gar nichts.

Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.