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Welche Ökonomen sind in der Krise nützlich?

14.07.2012, 06:43 Uhr  ·  Michael Hüther, der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, hat den Universitätsökonomen vorgeworfen, im Unterschied zu Ökonomen aus Banken und Instituten wenig brauchbare Vorschläge in der Euro-Krise unterbreitet zu haben. Eine Antwort von Gerald Braunberger.

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Michael Hüther, der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, hat den Universitätsökonomen vorgeworfen, im Unterschied zu Ökonomen aus Banken und Instituten wenig brauchbare Vorschläge in der Euro-Krise unterbreitet zu haben. Hüther macht hierfür eine zu theoretische Ausrichtung der modernen Volkswirtschaftslehre verantwortlich. Darauf aufbauend kritisiert er die Geringschätzung, die junge Ökonomen gegenüber den Altvorderen empfinden. Hüthers These ist kaum haltbar – vor allem, wenn man die Euro-Krise als eine Ausprägung einer größeren Krise versteht, die im Jahre 2007 ausgebrochen ist. Vielmehr arbeiten Ökonomen unterschiedlicher Provenienz häufig fruchtbar zusammen.

Von Gerald Braunberger

Als Wirtschafts- und Finanzjournalist betreibe ich weder ökonomische Forschung noch verfasse oder unterschreibe ich Manifeste von Ökonomen. Aber ich bin permanenter “Konsument” ökonomischen Wissens, das ich in meinen Beiträgen in F.A.Z.,F.A.S. und hier in FAZIT verwende. Selbstverständlich ist es mir unmöglich, alle Arbeiten von Ökonomen zu lesen. Im Nachfolgenden sei eine keineswegs vollständige Auswahl der von mir verwendeten Arbeiten angeführt, die unterschiedliche Aspekte der im Jahre 2007 ausgebrochenen Krise behandeln. Ich fasse den Begriff “Krise” somit weiter als Hüther – insofern ist dieser Beitrag weniger als eine explizite Widerlegung von Hüther gedacht, sondern eher als eine Ergänzung.

1. Regulierungsfragen

Mit dem Ausbruch der Krise hat die Frage an Bedeutung gewonnen, wie Finanzmärkte und ihre Teilnehmer besser zu regulieren seien. Aus der Fülle der Vorschläge wenige Beispiele mit einer kurzen Erwähnung ihrer Verfasser:

- Der Hyun Song Shin Geneva Report von 2009. Von den Verfassern sind Markus Brunnermeier und Hyun Song Shin (Foto: Archiv) Professoren in Princeton, Charles Goodhart in London. Brunnermeier ist ein junger Ökonom, Shin in mittleren Jahren und Goodhart – mit allem gebührenden Respekt – ein “Veteran”. Hat ihre zweifellos vorhandene theoretische Kompetenz diese Professoren davon abgehalten, diskussionswürdige Vorschläge zu politischen Fragen zu entwickeln? Zu den Autoren zählten ferner Andrew Crockett von der amerikanischen Großbank JP Morgan Chase (früher war er bei der BIZ) und Avinash D. Persaud von der Londoner Beratungsfirma Intelligence Capital Limited (außerdem ist Persaud Professor emeritus). In dieser Studie erwähnte Regulierungsthemen sind auch heute noch relevant.

- Die Issing-Kommission. Otmar Issing ist Berater von Goldman Sachs, war Chefvolkswirt der Bundesbank und der EZB und zuvor Professor in Würzburg und Mitglied des Sachverständigenrats. Jan Krahnen ist Professor am House of Finance der Goethe-Universität. William White war Chefvolkswirt der BIZ, Klaus Regling leitet den EFSF.

- Martin Hellwig und Beatrice Weder di Mauro. Martin Hellwig leitet das Max Planck Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn; zuvor war er viele Jahre Professor; zudem Vorsitzender der Monopolkommission. Beatrice Weder di Mauro ist Professorin in Mainz; sie gehörte früher dem Sachverständigenrat an. Beide haben ausgiebig zu Regulierungsfragen publiziert. Hellwig hat zudem für seine Forschungen zur Regulierung von Finanzmärkten gerade erst einen sehr hochrangigen und hochdotierten Preis erhalten.

2. Geldpolitik und Makroökonomik

Die Krise hat Zweifel an der ehemals domierenden Theorie der direkten Inflationssteuerung in der Geldpolitik aufkommen lassen; zudem wird eine Makroökonomik kritisiert, in der der Finanzsektor nur eine geringe Rolle spielt.

- Rethinking Central Banking. Eine Studi Beatrice Weder di Mauro - Foto: dpae von einem guten Dutzend Autoren. Die Mehrheit sind Professoren, darunter Barry Eichengreen, Raghuram Rajan, Dani Rodrik, Kenneth Rogoff und Beatrice Weder di Mauro (Foto: dpa). Mohamed El-Erian ist einer der Leiter der Fondsgesellschaft Pimco. Die internationalen Folgen der Geldpolitik in großen Währungsräumen wie Europa und Amerika müssen beobachtet und analysiert werden. Ökonomen müssen auch in der Krise über den Tellerrand hinausblicken: Eurozentrisches Denken ist vielleicht nachvollziehbar, aber unvollständig.

- Die Wiederkehr von Geld und Kredit. Die Analyse monetärer Größen im Zusammenspiel von Geldpolitik, Banken und Finanzmärkten wird wieder intensiv studiert, darunter von Hyun Song Shin und Tobias Adrian. Shin ist Professor in Princeton, Adrian Ökonom bei der Federal Reserve Bank of New York. Ist die Zwei-Säulen-Strategie der EZB vielleicht doch brauchbarer, als viele Kritiker meinen?

- NGDP-Targeting. Das alte Konzept der Steuerung des nominalen BIP durch die Zentralbank wurde wiederentdeckt und vor allem über Blogs verbreitet durch akademische Ökonomen wie Scott Sumner.

- Geldpolitik an der Nullzinsgrenze. Mit diesem Thema befassen sich jede Menge akademischer Ökonomen; mittlerweile gibt es empirische Arbeiten der Wirkungen von “Quantitative Easing” aus mehreren Zentralbanken. Das Thema ist auch für die EZB relevant.

- Die Wiederkehr der Finanzpolitik (hier und hier). Ob expansive Finanzpolitik in Krisen helfen kann, wird kontrovers diskutiert. Aus der reichen Literatur zwei Beispiele: Während Taylor, Wieland & Co. eher skeptisch sind, sind de Long und Summers optimistisch. In der Eurozone wird Finanzpolitik derzeit vor allem unter dem Gesichtspunkt der Austerität diskutiert (siehe unten).

3. Euro-Krise

Auch hierzu ist eine unübersehbare Menge an Papier beschrieben worden.

- Austeritätspolitik in Krisenländern. Gerade hierzu haben sich akademische Ökonomen ausgiebig geäußert; ein aus diesen Debatten erschienenes E-Book habe ich kürzlich in diesem Blog vorgestellt.

- Vergemeinschaftung von Staatsschulden/Eurobonds. Ein Modethema mit sehr unterschiedlichen Beiträgern. Das Grundkonzept der “roten” und “blauen” Bonds geht wohl auf das Bruegel-Institut in Brüssel zurück. Das Konzept eines Europäischen Währungsfonds wurde von Thomas Mayer (damals Chefvolkswirt der Deutschen Bank) und Daniel Gros (CEPS Brüssel) entwickelt. Markus Brunnermeier, Professor in Princeton, hat die ESBies beigesteuert. Christian Hellwig (Toulouse School of Economics) und Thomas Phillipon (New York University) empfehlen “Euro-Bills”. Last not least stammt vom deutschen Sachverständigenrat der Vorschlag eines Schuldentilgungspakts. Inwieweit diese Vorschläge “brauchbar” im Sinne Hüthers sind, ist sicherlich umstritten. Aber es kann nicht schlecht sein, wenn kompetente Ökonomen sich mit solchen Ideen und ihren Vor-und Nachteilen befassen – auch wenn man sie danach als “unbrauchbar” verwerfen sollte.

- Die Target-Debatte sei auch erwähnt: Das Thema der Bundesbanksalden wurde entdeckt von Helmut Schlesinger, dem Ex-Präsidenten der Bundesbank, der Hans-Werner Sinn (Ifo-Institut und Universität München) um Rat fragte. Sinn arbeitete das Thema aus, wobei sich an der Debatte zahlreiche Ökonomen aus Banken, Zentralbanken, Universitäten und Instituten beteiligten.

- Unterschiedliche Ansichten gibt es zu Anleihekäufen durch die EZB. Befürworter findet man unter Bankökonomen wie Joachim Fels (Morgan Stanley) und Holger Schmieding (Berenberg-Bank). Jörg Krämer (Commerzbank) und Michael Heise (Allianz) sind eher dagegen.Thomas Mayer hat sich abwechselnd für solche Käufe durch die EZB ausgesprochen, bei anderer Gelegenheit aber gegen solche Käufe durch die EZB optiert. Stattdessen soll der ESM die Käufe vornehmen und sich dafür bei der EZB refinanzieren können. Gerade bei Bankökonomen findet man in dieser wichtigen Frage die unterschiedlichsten Ansichten. Kritische Stellungnahmen habe ich unter anderem auch von dem Vorsitzenden des Sachverständigenrats Wolfgang Franz und von Ansgar Belke (Universität Duisburg-Essen) gefunden. Zu diesem Thema haben sich mit Sicherheit auch viele andere Ökonomen geäußert, aber gibt es dazu neben Stellungnahmen auch wissenschaftliche Papiere? Übrigens hat sich Hüther kritisch gegenüber den Käufen geäußert.

 

Wie gesagt: Die Auswahl ist notwendigerweise unvollständig – unbedingt erwähnt werden sollten noch die Studien und Konferenzberichte aus der BIZ, für die  BIZ-Ökonomen und akademische Ökonomen schreiben. Es scheint aber eindeutig, dass in dieser Krise Ökonomen sehr unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen Generationen an relevanten Themen arbeiten – zum Teil gemeinsam und sicherlich nicht immer ohne nachprüfbare Resultate.

Michael Hüther schreibt: “Ich würde meinem Sohn nie empfehlen, heute noch VWL zu studieren.” Meine Tochter möchte nach ihrem gerade mit Bravour bestandenen Abitur an der Goethe Universität in Frankfurt Ökonomie studieren. Ich habe ihr zugeraten.

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (14)
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0 FAZ-gb 16.07.2012, 23:07 Uhr

@ Dozoern "Auch die...

@ Dozoern
"Auch die Kanzlerin lässt ja verkünden, sie mag nicht mehr auf die Ökonomen hören, aber auf Herrn Ackermann schon, gell! Da mag sich jeder doch seinen Teil denken..."
Nach meiner bescheidenen journalistischen Kenntnis konsultiert die Kanzlerin Ökonomen sehr unterschiedlicher Provenienz - das sind aber nicht unbedingt jene, die besonders laut in den Medien erscheinen oder Manifeste unterschreiben. Generell findet sehr viel mehr diskrete Beratung von Politikern durch Ökonomen statt als man in der Öffentlichkeit denkt. Aber das hängt keiner an die große Glocke. Sie wären vermutlich sehr erstaunt zu erfahren, wer alles für das Schreiben von Reden von Politikern über Euro-Themen eingebunden wird. Das sind oft sehr sachkundige Ökonomen, die sich mit dem großen Auftritt in der Öffentlichkeit aber ganz bewusst zurückhalten.
Gruß
gb.

0 FAZ-gb 16.07.2012, 18:38 Uhr

@ ThorHa "Herr...

@ ThorHa
"Herr Braunberger ist natürlich völlig frei, Ökonomen auch in Zukunft für nützlich zu halten. Erfahrungsbasiert ist diese Zuversicht nicht. Momentan stehen Ökonomen exakt auf derselben Stufe wie Astrologen - beiden fehlt eine empirisch überprüfte oder empirisch überprüfbare Basis für irgendeine Art wissenschaftlicher Analyse, Prognose oder Handlungsempfehlung."
Dieser Tage fand eine Diskussionsveranstaltung an der Uni Frankfurt statt, in deren Verlauf auch die höheren Eigenkapitalanforderungen an Banken zur Sprache kamen, mit denen die Banken sicherer gemacht werden sollen. Ein Banker meldete sich und brachte ein Argument vor, das von Banken seit rund 2 Jahren immer wieder zu hören ist: Das höhere Eigenkapital habe einen hohen Preis, weil die Banken deshalb weniger Kredite verleihen. Damit werde das Wirtschaftswachstum beschädigt.
Hätten Sie eine ökonomisch fundierte Gegenantwort auf den Banker?
Ich vermute, viele Leute ohne Fachkenntnisse könnten dem Banker nur mit Blabla antworten. Wer sich jedoch mit herkömmlicher Finanzierungstheorie auskennt, unter anderem das 54 Jahre alte Modigliani/Miller-Theorem, kann den Banker argumentativ auseinandernehmen. Einprägsam beschrieben hat dies der oben mehrfach rühmlich erwähnte Martin Hellwig mit ein paar Co-Autoren:
www.coll.mpg.de/.../2010_42online.pdf
(Nachdem ich das Paper in einem längeren Artikel in der F.A.Z. zusammengefasst hatte, kamen prompt unleidliche Reaktionen aus Frankfurter Bürotürmen.)
Der Kollege Olaf Storbeck zitiert im Handelsblatt eine empirische Studie, die die Argumentation von Hellwig & Co. stützt:
http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/nachrichten/kreditvergabe-eigenkapital-macht-finanzsystem-sicherer/6869344.html
Mit der traditionellen Ökonomik stimmt manches nicht. Aber so einiges ist gar nicht schlecht.
Gruß
gb.

0 Dozoern 16.07.2012, 15:55 Uhr

Dass die Politiker den...

Dass die Politiker den Schwarzen Peter den Ökonomen zuschiebt, ist für mich nur ein Schutzmechanismus, mit dem sie von ihrem eigenen Toatversagen ablenken wollen. Ich habe mein VWL Examen vor fast 40 Jahren gemacht und danach promoviert. Was ich damals gelernt habe, reicht völlig aus, um die Ursachen der Krise und auch deren Lösungswege zu beurteilen. Im übrigen: Es gibt halt zu viele "Ökonomen" a la Hüther, die doch nichts Andres sind als die Stimmen ihrer Herren. Auch die Kanzlerin lässt ja verkünden, sie mag nicht mehr auf die Ökonomen hören, aber auf Herrn Ackermann schon, gell! Da mag sich jeder doch seinen Teil denken...

1 ThorHa 16.07.2012, 13:03 Uhr

Offenkundig, das macht der...

Offenkundig, das macht der Blogeintrag überdeutlich, hat die Krise Ökonomen gezwungen, vieleThemen neu zu beleuchten. Womit der Autor selbst, ohne es sehen zu wollen, ihre Verzichtbarkeit belegt hat. Offenkundig war das gesamte Instrumentarium der akademischen Volkswirtschaftslehre - Theorien, Methoden, Indikatoren - vollkommen ausserstande, die seit 2007 virulente, grösste Wirtschaftskrise seit 1929 kommen zu sehen, in ihren Ausmassen richtig einzuschätzen und wirksame Gegenmassnahmen zu empfehlen. Darüber hinaus ist die traditionell gelehrte Ökonomie (egal, welcher Richtung) offenbar ebenso ausserstande, nichtrationale aber wirkungsmächtige Motive in ihre Prophezeihungen und Empfehlungen mit einzubeziehen. Ein geradezu klassisches Beispiel ist das Schuldenmachen durch Staaten. Da ökonomisch den Schulden ein ebenso grosses Vermögen gegenüberstehen muss und Staaten theoretisch in der Lage sind, vollständig auf das Volksvermögen zuzugreifen, ist jeder beliebig hohe Schuldenstand kein Problem. Nicht beachtet wurde bei dieser Betrachtung, dass Staaten "kurzfristig", also für einige Jahre, zu Geiseln eines nach volkswirtschaftlicher Betrachtung "irrationalen" Marktes werden. Es gab vor Beginn der Finanzkrise 2007/2008 genau eine Handvoll ökonomischer Theoretiker, die zumindest die kommende Krise vorhersagten. Weltweit (!). Mehr muss man nicht wissen, um seine eigenen Schlussfolgerungen zur prinzipiellen Nützlichkeit von Ökonomen ziehen zu können. So nützlich wie Sterndeuter ... Und diese freundliche Wertung berücksichtigt noch nicht, dass es (auch) die Empfehlungen vieler führender Ökonomen über 3 Jahrzehnte waren, die zur Verschärfung der Krise erheblich beigetragen haben: Deregulierung, Deregulierung, Deregulierung. Märkte korrigieren sich ja bekanntlich selbst ... Herr Braunberger ist natürlich völlig frei, Ökonomen auch in Zukunft für nützlich zu halten. Erfahrungsbasiert ist diese Zuversicht nicht. Momentan stehen Ökonomen exakt auf derselben Stufe wie Astrologen - beiden fehlt eine empirisch überprüfte oder empirisch überprüfbare Basis für irgendeine Art wissenschaftlicher Analyse, Prognose oder Handlungsempfehlung. Gruss, Thorsten Haupts

0 FAZ-gb 15.07.2012, 19:31 Uhr

@ germon Ich kann...

@ germon
Ich kann nur kurz meine eigenen Erfahrungen erwähnen:
- Die modernen Finanzmärkte sind sehr komplex. Hier sind Marktteilnehmer in aller Regel die besten Informationsquellen -allerdings muss man wissen, dass Marktteilnehmer nicht zwingend neutrale Beobachter sind. Aber an den Märkten ist nun einmal auch das größte Expertenwissen.
- Außerordentlich hilfreich sind zudem Informationen aus finanzmarktnahen Institutionen wie Zentralbanken, der BIZ oder spezialisierten Instituten, die durchaus auch mit Hochschulen verbunden sind. Ein Beispiel ist das Center for Financial Studies in Frankfurt.
- Ich habe diesen Beitrag geschrieben, um zu zeigen, dass eine Generalkritik an akademischen Ökonomen aus meiner bescheidenen journalistischen Sicht unsachgemäß ist. Da gibt es Leute - und ich habe oben einige zitiert auch aus dem deutschen Sprachraum wie Weder di Mauro, Hellwig oder Krahnen (es gäbe noch weitere) -, die eine hohe Kompetenz besitzen und an relevanten Themen arbeiten. Ich profitiere bei meiner Arbeit sehr von diesen Ökonomen, weil ich viel von ihnen lernen kann. Es gibt aber natürlich auch akademische Ökonomen, deren Wissen über Finanzmärkte, vorsichtig ausgedrückt, steigerungsfähig wäre - in der Internetwelt hin und wieder erkennbar an wunderlichen Blogbeiträgen. Dass akademische Ökonomen immer nur Erkenntnisinteresse leitet, ist eine idyllische Vorstellung. Da gibt es bei nicht wenigen auch den Wunsch, Politik zu beeinflussen.
Gruß
gb.
-

0 germon 15.07.2012, 15:37 Uhr

@gerald...

@gerald braunberger
"im Unterschied zu Ökonomen aus Banken und Instituten wenig brauchbare Vorschläge in der Euro-Krise unterbreitet zu haben"
- immerhin sollte es einen Unterschied zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse und Geschäftsinteresse geben, oder Distanz zum Gegenstand oder eben nicht. - Oder eben, "brauchbar" für wen?
"Wann sind Banken zu groß?"
- ich bin sehr gespannt, was Sie hierzu liefern werden, vor allem mit welcher erkenntnisleitenden Distanz. Zumal ich in Ihrer Aufstellung gerade die Ergänzung "Systemrelevanz" vermisse.
Aus meiner Sicht wird derzeit mit kaum einem anderen Begriff mehr interessengeleitete Täuschung produziert.

0 FAZ-gb 15.07.2012, 11:40 Uhr

Auf der Suche nach einem Thema...

Auf der Suche nach einem Thema für den kommenden "Sonntagsökonom" in der F.A.S., der anschließend auch hier in FAZIT erscheinen wird, sehe ich mir gerade aktuelle Literatur zum Thema "Wann sind Banken zu groß?" an, das ja auch für Europa nicht unwichtig ist. Auch hier sieht man Universitätsökonomen mit Ökonomen aus Banken und Institutíonen gemeinsam am Werk. Mehr dazu demnächst in diesem Theater ;-) Je intensiver man sich mit diesen Themen befasst, umso abwegiger erscheint einem die These Hüthers. Gruß gb.

0 EgonOne 15.07.2012, 00:52 Uhr

Practicioner of the "dismal...

Practicioner of the "dismal science" as some have called economics, are chiefly useful to the retail investor, like myself, to find a concensus about the direction of the global economy, or the economy of various states. For hard and reliable investment advice I rely on well established invstment advisors with a good track record over a number of years. We seem to be heading into an era where capital preservation is the most critical aspect of investing. As well we seek investments that pay dividends, while we wait for improving economic conditions. With everything said and done, the old adage remains "Buy Low sell High" ... and in these tough times, it's also well to remember "Cash is King" and a good way of benefitting from attractive investment opportunities. Pax vobiscum

0 FAZ-gb 14.07.2012, 12:29 Uhr

Aktualisierung: Carmen...

Aktualisierung: Carmen Reinhart ist an die Harvard Kennedy School gewechselt: http://www.hks.harvard.edu/news-events/news/press-releases/carmen-reinhart-announcement Dank an Volker Nitsch (TU Darmstadt) für den Hinweis. Gruß gb.

0 FAZ-gb 14.07.2012, 12:15 Uhr

Auch Rüdiger Bachmann...

Auch Rüdiger Bachmann (RWTH Aachen) beschäftigt sich kritisch mit Michael Hüthers Aussagen:
www.vwlmac.rwth-aachen.de/.../gerald-braunberger-antwortet-auf-michael-huther
Gruß
gb.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.