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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Goethe, das Geld und die aktuelle Krise (2): Besuch einer Ausstellung

Die Suche nach dem sicheren Geld durchzieht die Jahrhunderte. Eine spannende Ausstellung im Goethe-Haus zeigt die Vergangenheit und streift die Gegenwart. Von Gerald Braunberger und Nicole Gutmann

Die Suche nach dem sicheren Geld durchzieht die Jahrhunderte. Eine spannende Ausstellung im Goethe-Haus zeigt die Vergangenheit und streift damit die Gegenwart. 

Von Gerald Braunberger und Nicole Gutmann

 

Der Mephistopheles in der Dichtung trägt im wirklichen Leben nach Ansicht vieler Kenner der Geldgeschichte den Namen John Law (1671 bis 1729). Der schottische Abenteurer hatte im Paris des frühen 18. Jahrhunderts mit der Genehmigung der Krone Papiergeld erschaffen. Was vielversprechend begann, endete in einer großen Inflation. Seitdem gilt Law als Bankrotteur. *)

Diesem John Law begegnet der Besucher in einer Ausstellung, die vom 14. September bis zum 30. Dezember im Frankfurter Goethe-Haus zu sehen sein wird und die einen Programmpunkt im Rahmen der diesjährigen Goethe-Festwoche, die „Goethe und das Geld“ thematisiert. 350 Exponate sind zu sehen, darunter echte und gefälschte Münzen aus dem 18. Jahrhundert („Laubthaler“), ein 20 Kilogramm schweres Kontobuch des Bankhauses Bethmann, ein penibel geführtes Haushaltsbuch von Goethes Vater und zahlreiche Raubdrucke des „Werther“.

Bis in das 19. Jahrhundert hinein besaßen Buchautoren keine Rechte an ihren Werken, was dafür sorgte, dass Raubkopien üblich waren und die Schriftsteller nicht viel verdienten und sich andere Broterwerbe suchen mussten. Der junge Goethe verdiente mit dem „Werther“ überhaupt kein Geld, während der alte Goethe in der Lage war, für eine Werkausgabe mehr Geld zu verlangen als alle anderen deutschen Schriftsteller bis dahin.

Ein Link zu einer Internetseite über die Ausstellung findet sich hier.

Was die Menschen des 18. und 19. Jahrhunderts bewegte, hat auch heute nichts von seiner Bedeutung verloren – das liebe Geld, dessen gelegentlicher Mangel und dessen gelegentlicher Überfluss. Die Sorge vor Inflation ist gerade in diesen Tagen, nach den jüngsten Entscheidungen der Europäischen Zentralbank und des Bundesverfassungsgerichts, wieder ein aktuelles Thema. Johann Wolfgang von Goethe ist vor allem als Dichterfürst bekannt. Doch Geld spielte für ihn zeitlebens ein wichtige Rolle; als Sohn eines wohlhabenden Elternhauses sah Goethe im Geld vor allem ein Mittel zum Zweck.

Das recht ansehnliche Vermögen der Familie geht im wesentlichen auf den Großvater des Dichterfürsten, Friedrich Georg Göthe, zurück. Er hatte zunächst als Schneidermeister bereits gutes Geld verdient und seine materielle Karriere gekrönt, indem er in den auf der Frankfurter Zeil gelegenen Weidenhof einheiratete. Der Weidenhof war damals eine florierende Gastwirtschaft mit Herbergsbetrieb. Wegen ihres Vermögens und der damit verbundenen sozialen Stellung war die Familie Goethe mit zahlreichen Frankfurter Bankiers bekannt. Gut befreundet war der Dichter mit dem gleichaltrigen Friedrich Metzler, dem damaligen Inhaber des noch heute existierenden Privatbankhauses Metzler. Unter anderem fuhren Goethe und Metzler im Winter auf dem vereisten Main Schlittschuh. Schlittschuhe, wie man sie im frühen 19. Jahrhundert verwendete, sind ein Bestandteil der Ausstellung im Goethe-Haus. (Das Foto stammt von Claus Setzer.)

Bild zu: Goethe, das Geld und die aktuelle Krise (2): Besuch einer Ausstellung

Auch war Goethe Zeuge bedeutender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen wie der in Deutschland damals aufkeimenden Industriellen Revolution. Auch dies wird in der Ausstellung behandelt. Der Dichter beobachtete mit Faszination die technischen Entwicklungen, erkannte gleichwohl ihre Ambivalenz. Der Einsatz von Maschinen ermöglichte die Massenproduktion von Gütern. Die spezialisierte Arbeitsteilung machte die breite Bevölkerung jedoch mehr und mehr abhängig vom Gelderwerb und stürzte viele Menschen ins Elend. Für viele Fabrikbesitzer der damaligen Zeit wurde es Selbstzweck – ein Mittel zu immer mehr Geld. Um den steigenden Kapitalbedarf zu decken, entwickelte sich parallel zur Industrialisierung das Bankwesen. Doch die kräftige Nachfrage förderte auch die Idee, auf einfache Weise schnell zusätzliches Geld zu schaffen – der Trend zum Papiergeld war nicht mehr aufzuhalten.

Dieser Trend hin zum Papiergeld hatte somit nichts Widernatürliches an sich, sondern war wirtschaftlich begründet. Beim damals üblichen Münzgeld bemaß sich der Wert am Materialwert, und gerade auch Goethe schätzte diese Stofflichkeit des Geldes.**) Die Münzen aus Kupfer, Silber und Gold mussten jedoch aufwendig produziert und transportiert werden; außerdem waren speziell Gold, aber auch Silber knapp und nicht leicht vermehrbar. Außerdem wurden Münzen oft manipuliert und gefälscht – der Begriff „Falschmünzer“ stammt nicht zufällig aus der Epoche des Münzgeldes. Papiergeld galt Goethe nicht als wirkliches Geld, sondern als eine Art soziale Konvention, und es wurde oft missbraucht. Aber es hat sich seinerzeit ebenso durchgesetzt, wie sich heute das elektronische Buchgeld durchgesetzt hat.

 

*) Als Ökonom ist Law günstiger beurteilt worden. Joseph Schumpeter schrieb: „John Law gehört meiner Ansicht nach in eine Klasse für sich. Er arbeitete die öko-nomischen Aspekte seines Projektes mit einer Schärfe und einer Gründlichkeit aus, die ihn in die erste Reihe der Geldtheoretiker aller Zeiten einreihen.“ Es gibt auch Einschätzungen, wonach Laws Papiergeldexperiment das reale Bruttoinlandsprodukt Frankreichs gesteigert haben könnte.

**) Insofern war Goethe Metallist. Goethe hat aber auch den Wert staatlicher Münzordnungen gesehen und selbst einmal an einer solchen Ordnung („Münzgutachten“) geschrieben.

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete und erweiterte Version eines Artikels, der am 13. September 2012 im Finanzmarkt der F.A.Z. erschienen ist.

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