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AEA Meeting (4): Das Schweigen der Ökonomen

05.01.2013, 12:36 Uhr  ·  Wann äußert Kenneth Rogoff sich klar zur Schuldenlage der Vereinigten Staaten? Und wann gibt Nobelpreisträger Thomas Sargent seine politische Zurückhaltung auf? Auf der Jahrestagung der American Economic Association bleiben Fragen offen.

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Angesichts der in allen Industriestaaten drastisch gestiegenen Staatsschuld und der Euro-Schuldenkrise sollte man meinen, dass Ökonomen dazu neutrale und klare Worte an alle Regierungen finden. Auf der Jahrestagung der American Economics Association im kalifornischen San Diego war das Interesse des Publikums auf jeden Fall riesig. Der Saal war bei einer Sitzung über die staatliche Schuldenkrise dicht besetzt – ganz im Gegenteil zu dem mageren Interesse, dass eine Debatte über die Unabhängigkeit von Zentralbanken auf sich zog. Dennoch war am Schluss die Enttäuschung unter den Zuhörern weit verbreitet. Ein Grund: Das Schweigen von Ökonomen.

Rogoff erwartet größere Defaults in Europa

Kenneth Rogoff von der Harvard Universität präsentierte ein Standardprogramm mit vielen Grafiken und Details aus dem hoch gelobten, aber mittlerweile drei Jahre altem Buch „This time is different” (zusammen mit Carmen Reinhart) und Folgestudien. Die Kernelemente dieser Erzählungen aber sind mittlerweile bekannt. Staaten gehen viel öfter in Default und schulden um, als man denkt. Ab einer Staatsschuld von 90 Prozent leidet in den Industriestaaten, den sogenannten entwickelten Volkswirtschaften, das Wachstum. Auch die scharfe Aussage, dass er das Ende der Schuldenkrise in Europa noch lange nicht sieht und weitere und größere Defaults als in Griechenland erwartet, ist nicht wirklich mehr überraschend.

Eine Erwähnung wert ist Rogoffs Hinweis, dass Schulden in ausländischer Währung sich nicht durch Inflationierung verringern lassen. Diese Konstellation gebe es in Europa noch in einigen Ländern. Eine Konkursordnung für souveräne Staaten auf internationaler Ebene, den der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard wieder in die Diskussion brachte, sieht Rogoff nicht als Lösung der wiederkehrenden Staatsschuldenkrisen. Er riet vielmehr als Teillösung dazu, Staatsanleihen an die Inflation zu indexieren.

Auffällig dabei war aber wie schon so oft, dass Rogoff die Euro-Schuldenkrise scharf im Blick hat, aber klare Worte über den Schuldner Vereinigte Staaten vermeidet. Der Frage aus dem Publikum weicht er aus. Wissenschaftliche Modelle prognostizierten vor allem, dass Schuldenkrisen schwer zu prognostizieren seien, sagte Rogoff.

Ein zumindest historisch positives Bild des amerikanischen Schuldners zeichnet Simon Johnson vom Massachusetts Institute of Technology in Boston. Seit 1789 hätten die Vereinigten Staaten ihre Schulden immer bezahlt – wobei Johnson wie Rogoff die Neuadjustierung des Dollar zum Gold in den dreißiger Jahren als faktischen default sieht und auch die finanzielle Repression nach dem Zweiten Weltkrieg zum Zwecke des Schuldenabbaus wohl nicht als ganz koscher betrachtet. Die gute Leistung als Schuldner führt Johnson unter anderem auf die Überzeugungen von Alexander Hamilton, den ersten Finanzminister, und auf James Madison, den vierten Präsidenten, zurück.

Der Nutzen des Dollar-Privilegs

Schneller Sprung in die Neuzeit: Die drastische Ausdehnung der Schulden nach der Finanzkrise sei – was häufig übersehen werde – zum Großteil Folge der schweren wirtschaftlichen Rezession, sagt Johnson. Historisch dagegen waren Kriege die Ursache für zeitweise Anstiege der Schuldenlast. Johnson betont, dass der Schuldner Vereinigte Staaten vom Privileg profitieren, den Dollar emittieren zu dürfen. Doch sei es „dumm”, auf Sicht von zwanzig Jahren auf den Dollar zu wetten. Europa und der Euro werden zurückkommen, sagt Johnson. Und China dringe darauf, international den Renminbi zu etablieren. Schaffen die Vereinigten Staaten unter diesen Bedingungen, ihren Schuldenstand auf eine dauerhaft tragfähige Basis zu stellen und den Staatshauhalt zu sanieren? „Ich weiß es nicht”, sagt Johnson.

Auftritt von Thomas Sargent, dem Träger des halben Nobelgedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften von 2011. Sargent geht in die Details der theoretischen Analyse und stellt einige Modelle anderer Wissenschaftler vor, die sich darum drehen, ob die Staatsverschuldung langfristig überhaupt Einfluss auf das Wirtschaftsleben hat. Angesichts der Modellannahmen erscheint das direkt als seine sehr hypothetische Vermutung.

Noch 2010 hatte Sargent in einem Interview darüber räsoniert, ob man nicht zu goldgedeckten Währungen zurückkehren müsse, um die Zentralbanken in ihrem unheilvollem Lauf zu bremsen, sich als Erfüllungsgehilfen der Finanzpolitik anzusehen und das Aufblühen der Staatsschuld zu begünstigen. Seit der Erteilung der Nobelpreiswürde aber ist er wirtschaftspolitisch verstummt. Das ist sympathisch, als Sargent nicht wie andere der Preisträger hausieren geht und sich plötzlich zu allen wirtschaftlichen Themen als Experte berufen fühlt. Klare Aussagen zur Wirtschaftspolitik aber gibt es von ihm nicht. Verquast beendet er seine Ausführungen mit dem Satz: „Das soll nicht bedeuten, dass ich den Aussagen von Ken (Rogoff) zu Europa nicht zustimme.” Und was ist mit Amerika?

Weitere Berichte vom AEA Meeting:

Hat die Unabhängigkeit einer Zentralbank noch einen Sinn?

Ein Überblick über interessante Studien (englisch)

Verstärkt die Globalisierung die Ungleichheit? Ja, aber nicht auf lange Sicht.

 

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Veröffentlicht unter: AEA Meeting, Kenneth Rogoff, Thomas Sargent

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (5)
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0 Stefan Wehmeier 22.01.2013, 19:25 Uhr

„Man sollte alles so einfach...

„Man sollte alles so einfach wie möglich sehen – aber auch nicht einfacher.“ Albert Einstein Der folgende Text des Freiwirtschaftlers Hermann Bartels ist wie kein zweiter geeignet, die Funktion des Geldes als in einer arbeitsteiligen Wirtschaft unverzichtbares, gesetzliches Zwischentauschmittel allgemeinverständlich und wissenschaftlich korrekt zu erklären. Ich habe den Text vollständig überarbeitet, auf das Wesentliche gekürzt und dabei einige Formulierungen geändert und kleinere Fehler korrigiert, um Missverständnisse auszuschließen. Lediglich an staatlichen Hochschulen indoktrinierte „Wirtschaftsexperten“ sowie vom kollektiv Unbewussten gewählte „Spitzenpolitiker“ (Vorurteilsträger) können auf gewisse Verständnisschwierigkeiten stoßen: http://www.swupload.com//data/Geldtheorie.pdf

0 Carberg 08.01.2013, 13:02 Uhr

Abgehobene Darlegungen...

Abgehobene Darlegungen interessieren nur den "engen Konfirmandenkreis". Die Leute wollen eine Erklärung für die sie irritierenden Erscheinungen der Zeit. Das ist das mindeste, was Wissenschaft mit klaren Worten leisten muss.
Wann geht ein Staat pleite? Wozu nach Grie. schauen, wenn das Beispiel doch so nahe liegt? Zum Beispiel: Die DDR war '89 mit 82 Mrd. DEM hoffnungslos verschuldet. Bei rund 2000 Privatbanken der Welt. Obwohl eine qualifizierte, breite Schicht Werktätiger (viele Frauen) existierte, inkl. Wissenschaftler und Ingenieure. Seit 1982 hat die UdSSR die Satelliten gezwungen Rohstoffe und Energie zu Welt- marktpreisen in Dollar zu kaufen. Der Riese SU warselbst wirtsch. ins Wanken geraten.
Welche Folgen standen in der DDR bevor: Halbierung der Sozialaus-gaben, Verlängerung der Wochenarbeitszeit um 5 Stunden, Verlängerung des Rechteneintrittsalters... und das für den Mindestzeitraum von 14 (!) Jahren. Ein politisch undurchstehbares Projekt! Die Demonstrationen entstanden aus dem gesunden Volksempfinden: Der Sozialismus ist beendet...und die Rettung liegt in der DEM. Die DDR-Staatsführung war längst auf dem Weg, einsichtsvoll aufzu-geben. Ihr lagen die eigene Zukunft, Sicherheit durch GG und Wohlstand viel näher als ein Bürgerkrieg, ohne Russenbeteiligung. Das widerspiegelt sich im Einigungsvertrag von 1990 (Fischer, Schäuble).
Ergo: Die Schuldenstaaten brauchen eine Wende, um soziale Marktwirtschaft zu installieren. Auch, wenn das mancher Tradition entgegen steht. Es geht um sozialen Frieden. Geldtrans- fers sind erfolglos, weil sie lfd. zur Konsumtion führen, nicht zu Investitionen.

0 Vult 06.01.2013, 15:14 Uhr

Si tacuisses, philosophum...

Si tacuisses, philosophum mansisses, müsste man im Gegenteil bei den Ausführungen einiger Ökonomen schreiben. So z.B. bei den von Ihnen gelobten Bullard, Präsident der Federal Reserve Bank St. Louis.
Als finanzpolitischer Falke warnt Bullard schon seit Jahren davor, dass das Quantitative Easing (QE)
a) zu steigenden Inflationsraten
b) zu einem Anstieg der Zinsen der amerik. Staatsanleihen führen.
Interessante Prognosen (ganz auf der Linie vieler republikanischer Ökonomen, die ja bekanntlich als erste Amtshandlung einer Präsidentschaft Romney bernanke absägen wollten), die aber nur einen HAKEN haben : seit vier Jahren sehen wir das Gegenteil : Inflationsraten bleiben niedrig bzw. sanken noch einmal, Zinsen fielen beständig.
Aus diesem Grund dürfte die Verdammung der Politik der EZB durch Bullard z.B. uns (und Herrn Draghi) dazu aufmuntern, weiterzumachen, wie bisher, oder besser das bisher Unternommene zu verstärken. Und nach der Eintrübung der wirtschaftlichen Aussichten in Deutschland ist die Zeit für eine restriktive Geldpolitik erst recht nicht gekommen.
Das bedröppelte Schweigen vieler Ökonomen mag wohl daher kommen, dass viele von Ihnen jahrelang nicht gesehen haben, dass wir es mit einem liquidity trap zu tun haben; sie sind dabei umzudenken, wollen aber keine allzu scharfen Volten vollziehen. Erfrischend ist allerdings das sture Beharren auf falschen Positionen eines Bullard und aller ähnlich argumentierender Defizit- und Zinsfalken: sie wenigstens sind keine Wendehälse. Auch von offensichtlichen Irrtümern mögen sie nicht abrücken. Eine wahrlich heroische Standhaftigkeit.

0 ErnstLudwig 05.01.2013, 15:42 Uhr

Glücklicherweise gibt es noch...

Glücklicherweise gibt es noch Ökonomen, die die VWL nicht bloß unter dem Aspekt der Geldtheorie und der Geldpolitik sehen. Aber die schweigen, weil sie alles schon mehrfach erzählt haben und keiner ihnen zuhört. Der Schlüssel zu Problemlösungen liegt in der Realwirtschaft. Da liegen auch die Probleme, die wesentlich auch durch externe Faktoren bedingt sind. Aber das will keiner wissen, weil dahinter Schwerstarbeit für die Wirtschaftspolitik lauert. Nur ein kleines Beispiel soll das erhellen: Man vergleiche die Anzahl der arbeitenden Menschen in der Landwirtschaft von heute mit der Anzahl von vor 100 Jahren. Bei gleichem Output.

0 bhayes 05.01.2013, 13:28 Uhr

Ca. 98% aller...

Ca. 98% aller wirtschaftspolitischen und min. 99,9% aller geldpolitischen Veröffentlichungen sind reine Propaganda im Dienste der Parteikader und der Finanzbranche. Auch der "Wirtschaftsnobelpreis" gehört in diese Kategorie, er ist nämlich gar kein Nobelpreis, sondern ein Preis der von Politkadern abhängigen schwedischen Staatsmonopolnotenbank. Von dieser Veranstaltung sollte man also nicht gutes oder gar Bürger-orientiertes erwarten, da dort eben alle diese Leute dieser Ausbeutungssyndikate versammelt sind, von denen sich ein sehr großer Teil als reine Schergen versteht. Wir werden dementsprechend jede Menge Lügen und Demagogie zu hören bekommen, alles immer mit dem Ziel, dass den Bürgern auf perfide, indirekte Weise Arbeitsfrüchte weggestohlen werden sollen, zugunsten der Ausbeutungssyndikate.

Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington