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AEA Meeting (5): Nützliche Umverteilung – Wie die Industrielle Revolution in England entstand und was man daraus heute lernen kann

06.01.2013, 14:18 Uhr  ·  Langfristiges Wirtschaftswachstum lebt von Innovationen, die wiederum eines günstigen institutionellen Umfelds bedürfen. Die Rolle, die kulturelle Faktoren für unterschiedliche Wachstumspfade zwischen Ländern spielen, ist in der Fachwelt umstritten. Wir präsentieren ein Papier von der Jahrestagung der American Economic Association in San Diego, das in kulturellen Faktoren einen wichtigen Einfluss sieht.

Von

Avner Greif/Murat Iyigun: Warum die Industrielle Revolution in England und nicht in China ausbrach – Öffentliche Produktion von Sicherheit und freie Bahn für die Jungen (“Social Institutions, Violence, and Innovations: Did the Old Poor Law Matter?”)

Der Stanford-Ökonom Avner Greif (einer jener Institutionenökonomen, die tiefe Blicke in die Vergangenheit werfen) hat mit anderen Autoren in den vergangenen Jahren mehrere Papiere (zum Beispiel hier und hier) verfasst, in denen er die Lage in England und in China in der frühen Neuzeit vergleicht. In der vorliegenden Studie geht es um die Rolle des “Alten Armengesetzes” (Old Poor Law) in England, das etwa von Beginn des 17. Jahrhunderts bis 1834 in Kraft war. Es handelt sich um die Einführung einer staatlichen, dezentral organisierten Armenfürsorge, nachdem die Armenfürsorge durch Gilden, Zünfte und die Kirche sich als immer weniger leistungsfähig erwiesen hatte. (Ähnliche Beobachtungen lassen sich auch auf dem europäischen Kontinent machen.)

Greif & Co. geht es um die Überprüfung der folgenden, prinzipiell überzeitlichen These: Innovationen erfordern wagemutige Unternehmer. Wagemutige Unternehmer bewegen sich nicht im luftleeren Raum; sie werden durch stabile politische und gesellschaftliche Verhältnisse ebenso ermutigt wie durch die Fähigkeit, die mit ihren Innovationsversuchen verbunden Risiken zu streuen – nur die wenigsten tatendurstigen Jungunternehmer werden in der Lage sein, ihre Projekte alleine zu finanzieren.

Hierzu untersuchen die Autoren die Folgen der Einführung des Old Poor Law in 39 englischen Distrikten zwischen den Jahren 1650 und 1830. Ihr Ergebnis lautet: Dort, wo die Armenfürsorge gut funktionierte, nahmen durch Hungersnot bedingte Unruhen ab. Dort ließ sich im Zuge der Industriellen Revolution eine Zunahme der Innovationstätigkeit beobachten: “These findings further support the hypothesis, advanced in Greif, Iyigun and Sasson (2011, 2012), that distinct social institutions have had a first order effect on historical trajectories of innovations and growth in general. Social institutions determine the extent of risk sharing and its impact on risk taking, innovations, and social disorder. Growthpromoting social institutions limit the individual-level downside risk associated with developing, implementing and responding to new useful knowledge, thereby mitigating the threat of violent social responses to labor-saving innovations. A stabler and more tranquil social environment then aided and spurred more entrepreneurial risk-taking that resulted in new technological innovations.”

Freilich muss man auch die Grenzen solcher Analysen sehen. Eindimensionale Erklärungen taugen nicht viel: “Our analysis also highlights the multiple and changing roles of social institutions in the process of growth. On the one hand, the favorable impact of the Poor Law on growth critically depended on other factors. Among these were good political institutions, large markets, developments in mechanical techniques and belief in progress (Mokyr 2010).”

Außerdem  müssen Institutionen im Zeitablauf beurteilt werden. Was einmal positiv wirkte, kann auch Nebenwirkungen besitzen: “On the other hand, the impact of socially beneficial institutions are historically contingent: The Poor Law helped to spur English economic growth in the run-up to the First Industrial Revolution. But it also fostered population growth and a culture of dependence that, in the long-run, threatened sustained economic growth, while growth reduced the need for, and the benefits of, the Old Poor Law.” In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass berühmte Ökonomen wie David Ricardo und Thomas Malthus das Armengesetz im frühen 19. Jahrhundert negativ bewertet hatten.

Warum aber brach die Industrielle Revolution in England aus und nicht in China, obgleich China nach Schätzungen von Wirtschaftshistorikern mindestens bis ins späte Mittelalter reicher gewesen sein dürfte als Europa? Ein bekannter Erklärungsversuch lautet, Europa habe von einem Wettbewerb seiner Kleinstaaten profitiert. Aber die Industrielle Revolution brach in England aus, das nun gerade kein Kleinstaat war, sondern im 17. und 18. Jahrhundert sein erstes Empire aufbaute und als Insel vom Rest Europas ein gutes Stück weit abgeschottet war - während ausgerechnet Deutschland und Italien, wo es lange Zeit Kleinstaaten gab, mit Verspätung in die Industrielle Revolution eintraten.

Greif & Co. haben eine andere Erklärung, die aus ihren Forschungen folgt. Die chinesische Gesellschaft war gekennzeichnet durch ein Clan-System, in dem Armenfürsorge durch einen breit gefassten Familienverbund garantiert wurde. Da dieses Fürsorgesystem effizienter war als die wesentlich durch die Kirche bereitgestellte Armenfürsorge in Europa vor dem englischen “Old Poor Law”, war China bis dahin in der wesentlich agrarisch geprägten Welt wirtschaftlich effizienter als Europa.

Die staatliche Armenfürsorge in England änderte das Bild: Die größere gesellschaftliche Sicherheit erleichterte das Eingehen und die Verbreitung unternehmerischer Risiken, wie sie nun gerade für die beginnende Industrialisierung unumgänglich waren. In dieser Hinsicht versagte die für eine mehr oder wenige statische Agrargesellschaft geeignete private Clan-Struktur der Chinesen: Da die Clans von alten Familienmitgliedern kontrolliert wurden und alte Menschen risikoscheuer sind als junge, konnte sich der Tatendrang der potentiell erfinderischen jüngeren Clan-Mitglieder nicht entfalten.

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In dem hier vorgestellten Paper ist Umverteilung, die für Sicherheit sorgt, ökonomisch sinnvoll. In einem in FAZIT vor Wochen vorgestellten und sehr kontroversen Paper (hier und hier) haben Acemoglu/Robinson/Verdier in einem Vergleich des heutigen amerikanischen und europäischen Modells argumentiert, die größere Ungleichheit in Amerika befördere den Innovationsprozess.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (4)
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0 Carberg 08.01.2013, 12:21 Uhr

Ich möchte meine Zweifel...

Ich möchte meine Zweifel anmelden. Die, die Geschichte schreiben, waren selten
oder nie dabei. Der amerk. Bürgerkrieg 1861-65 diente nicht der Befreiung der gequälten Seelen der schwarzen Sklaven, sondern dem Transfer von menpower in die nordamerikanische, entstehende Schwerindustrie (Kohle und Stahl). Alles andere ist Aufbau einer (pseudo-)demokratischen Legende. Bekanntlich hat sich die USA noch 1941 schwer getan, Regimenter aus Schwarzen aufzustellen, Gleichberechtigung war bis 1960 kaum die Regel. In England wurde etwa um 1820 der doppelfreie Lohnarbeiter erfunden: Frei vom Landbesitz, frei sich in der entstehenden Industrie auf eigenes Risiko zu verdingen. Dasselbe auch in Mitteleuropa, zeitversetzt um 20-30 Jahre. Die Wissenschaft und die gesell-schaftliche Wirklichkeit gehen oft getrennte Wege! Diese Veränderungen haben
erst Massenelend geschaffen, das bis zum permanenten Hunger reichte. Erst
später (Bismarck) wurde durch Sozialgesetzgebung gegengesteuert. Auch, um
die Wehrdienstverweigerung d.d. Armen zu begrenzen und die Loyalität ggü. dem Staat zu fördern.

0 G. Schönbauer 07.01.2013, 06:55 Uhr

Dass sozialstaatliche...

Dass sozialstaatliche Arrangements Voraussetzung und Folge der einzelnen Industrialisierungsschübe waren, ist unbestritten; nicht unwesentlich waren in diesem Zusammenhang die Stärke von Gewerkschaften und Arbeiterparteien.
Was den Industrialisierungsbeginn in England anlangt, habe ich das in etwa so in Erinnerung:
Zwei Branchen: Eisen- u. Textilindustrie.
Eisenverhüttung auf Holzkohlenbasis stößt aufgrund von Holzmangel an Grenzen; Innovation: Verhüttung auf Steinkohlebasis; Verbesserung der Newcomen-Dampfmaschine, um aus den Schächten Grundwasser abzupumpen und die Kohle abzutransportieren, Verbesserung der Hochofentechnik.
Textilindustrie: Erfindung des mechanischen Webstuhls, zunächst eher folgenlos, da der davorliegende Produktionsgang, die Spinnerei, herkömmlich erfolgt; nach Auslobung von Preisen u.ä. Erfindung der "Spinning Jenny" u.a. Spinnmaschinen
Lasse mich ja gern eines anderen belehren, aber die Argumentation mit der Armengesetzgebung kommt mir arg spanisch vor, und noch spanischer die Begründung des Ausbleibens der Industrialisierung in China; dann lieber gleich Max Webers "Konfuzianismusstudie", in der das Ganze weit differenzierter, wenn ebenfalls nicht unproblematisch angegangen wird.
G. Schönbauer

0 vcaspari 06.01.2013, 17:57 Uhr

@fionn Gute Idee. Ist aber...

@fionn Gute Idee. Ist aber schon gedacht und geprüft worden. Resultat: negativ. Made in America? The New World, the Old, and the Industrial Revolution Gregory Clark, Kevin H. O’Rourke, and Alan M. Taylor* For the session “New Comparative Economic History,” ASSA, New Orleans, January 5, 2008 Beste Grüße VC

0 fionn 06.01.2013, 14:39 Uhr

It was DEMAND in the USA for...

It was DEMAND in the USA for industrial products which imo boosted the Industrial Revolution in the UK. Glasgow, for example, was a key port for exports to North America (English-speaking) - thanks to Scottish coalfields there was plenty of fuel to supply factories in Scotland and England which made the industrial products to satisfy the demand in North America.

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.