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Wenn Ökonomen streiten: Wie entsteht Wohlstand? Acemoglu/Robinson gegen Jeffrey Sachs

13.01.2013, 21:58 Uhr  ·  Lässt sich die Entstehung und Verbreitung wirtschaftlichen Wohlstands in der Welt monokausal erklären? Daron Acemoglu und James Robinson sagen "ja": Die richtigen politischen Institutionen sind entscheidend. Andere Ökonomen, darunter Jeffrey Sachs, halten eine monokausale Erklärung für unbefriedigend. Kürzlich wurde eine Kontroverse darüber ausgetragen.

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Wir haben uns in den vergangenen Monaten in FAZIT ausgiebig mit dem Buch “Why Nations Fail” von Daron Acemoglu und James Robinson befasst. (Eine Übersicht unserer Beiträge ist am Ende dieses Artikels aufgeführt). Die Kernthese des Buches lautet: Die Gestaltung der politischen Institutionen beeinflusst maßgeblich die Gestaltung der wirtschaftlichen Institutionen. Diese wiederum beeinflussen das Niveau des technischen Fortschritts, der wiederum eine entscheidende Einflussgröße für das wirtschaftliche Wachstum darstellt. Acemoglu/Robinson betreiben ein sehr interessantes Blog, in dem sie die Debatte um ihr Buch sowie neue  Erkenntnisse fortschreiben.

“This tale sounds good, but it is simplistic”, schrieb im Herbst 2012 der bekannte Columbia-Ökonom Jeffrey Sachs in einer Rezension für die Zeitschrift “Foreign Affairs”; also einer Publikation, die sich nicht speziell an Ökonomen richtet. Dann legte Sachs richtig los: “Although domestic politics can encourage or impede economic growth, so can many other factors, such as geopolitics, technological discoveries, and natural resources, to name a few. In their single-minded quest to prove that political institutions are the prime driver or inhibitor of growth, Acemoglu and Robinson systematically ignore these other causes. Their theory mischaracterizes the relationship among politics, technological innovation, and growth. But what is most problematic is that it does not accurately explain why certain countries have experienced growth while others have not and cannot reliably predict which economies will expand and which will stagnate in the future.” Sachs stellt unter anderem die Geografie als einen wesentlichen Einflussfaktor für das langfristige Wirtschaftswachstum eines Landes heraus – eine These, die er in seiner eigenen Forschung oft betont hat, die von Acemoglu/Robinson aber abgelehnt wird.

Daron Acemoglu (Foto: privat)

Daron Acemoglu (Foto privat) und James Robinson ließen einige Zeit ins Land gehen, ehe sie in ihrem Blog eine Replik verfassten, an deren Beginn sie Sachs im übertragenen Sinne erst einmal ziemlich rüde mit dem Knüppel auf den Kopf schlugen: “Several people asked us why we haven’t responded to Jeffrey Sachs’s review of Why Nations Fail in Foreign Affairs… We said that thoughtful reviews deserve thoughtful answers. What about not-so-thoughtful ones? Be that as it may. We cave in to pressure. Sachs charges that we are ‘simplistic’ and our argument ‘contains a number of conceptual shortcomings’. But in each case, these are either just stated (and are wrong) or he is criticizing something we haven’t said. The Sachs strategy seems to be to throw a lot of mud, hoping that some of it would stick – did we say that we didn’t think it was quite thoughtful?” Danach befassen sich Acemoglu/Robinson mit einzelnen Kritikpunkten Sachs’, die sie zurückweisen – garniert mit weiteren persönlichen Attacken an die Adresse ihres Gegenspielers.

Dies konnte Sachs natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Auf seine Homepage stellte er eine längere Ausarbeitung, in der er nicht nur an seiner ursprünglichen Kritik festhält, sondern zahlreiche Einwände gegen das wissenschaftliche Grundmodell von Acemoglu/ Robinson. Die Debatte hat eine Reihe interessanter Teilaspekte wie die Frage nach der Bedeutung der Verbreitung von Technologie für den Wachstumsprozess, insgesamt aber geht es um folgende grundsätzliche Diskrepanz:

“We think, and perhaps Sachs disagrees, a framework that says there are 17 factors, each of them hugely important, is no framework at all. The power of a framework comes from its ability to focus on the most important elements at the exclusion of the rest and in doing so in providing a way of thinking about these elements, how they function, how they have come about, and how they change. For us, those elements were related to institutions and politics, and we have focused on them.”
Daron Acemoglu/James Robinson

Das Duell hat Reaktionen in Blogs und auf Twitter (hier nahm Sachs teil) hervor gerufen. Recht interessant ist auch diese Darstellung der Ansätze von Acemoglu/Robinson und Sachs.

 

Eine Überbetonung der Bedeutung politischer Institutionen durch Acemoglu/Robinson thematisiert auch Andrei Shleifer (Harvard) in einer Präsentation auf einem Kongress in Stockholm vor wenigen Monaten. Shleifers Einschätzung lautet zusammengefasst:

“Daron has been pushing forward a critical research agenda
- I am skeptical of over-emphasis on historical determinants of institutions.
- Change is extremely rapid, especially today
- Human Capital is not the only determinant of development and institutions, but it goes a long way in explaining the data.
- Perhaps it is not a coincidence that the enormous institutional improvement we have seen in the last 40 years has coincided with rapid improvement in education.
- Understanding at both macro and micro levels exactly how institutions improve is an open – but totally manageable – problem.”

 

Als Ergänzung ein Video von einer Präsentation Acemoglus Ende November 2012 beim IWF mit anschließender Diskussion. Die besonders interessante Diskussion beginnt bei Minute 42.


Noch eine Ergänzung: Wie moderne Institutionenökonomik am MIT gelehrt wird

Für Professoren und Studenten in Deutschland sowie für all jene, die sich Gedanken darüber machen, ob und wie deutsche Ordnungsökonomik eine Zukunft haben könnte, folgen hier der Plan und das Material für eine Vorlesung über Political Economy of Institutions and Development, die im Frühjahr 2012 von Daron Acemoglu und Benjamin Olken am MIT angeboten wurde. (Dieser Link gibt eine Übersicht.) Institutionen- und Wachstumsökonomik sind eng miteinander verzahnt; wer keine Ahnung von ökonomischer Theoriebildung, Mathematik und Empirie hat, bleibt völlig chancenlos. Im Detail:

- Der Plan der Vorlesung und die Literatur

- Die Vorlesungsunterlagen (569 Seiten !!!)

 

———————————–

“Why Nations Fail” in FAZIT:

1. Eine Rezension (Das Buch erscheint im Frühjahr 2013 im Verlag S. Fischer in deutscher Übersetzung.)

2. Wie die Französische Revolution Teile Deutschlands wirtschaftlich nach vorne brachte

3. Ein Interview mit Daron Acemoglu

4. Henne oder Ei? Hat die alte Modernisierungsthese doch recht?

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (6)
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0 FAZ-gb 05.02.2013, 19:47 Uhr

Nun gibt es eine Debatte...

Nun gibt es eine Debatte zwischen Acemoglu/Robinson und Tyler Cowen über die Bestimmungsgründe von Innovationen und die Folgen für das Wirtschaftswachstum: http://whynationsfail.com/blog/2013/2/5/the-end-of-low-hanging-fruit.html http://marginalrevolution.com/marginalrevolution/2013/02/acemoglu-and-robinson-on-the-great-stagnation.html?utm_source=twitterfeed&utm_medium=twitter&utm_campaign=Feed%3A+marginalrevolution%2Ffeed+%28Marginal+Revolution%29

0 FAZ-gb 02.02.2013, 19:17 Uhr

Der "Bretterblog" hat...

Der "Bretterblog" hat anhand der Kontroverse AR gegen S über "Rezensionen als Prozess" geschrieben. Es ist sicher wert, darüber einmal nachzudenken:
bretterblog.wordpress.com/.../rezensieren-als-prozess-und-die-acemoglurobinson-sachs-debatte-neu-und-gut

0 Traumschau 15.01.2013, 23:33 Uhr

Ich gebe zu, ich habe nicht...

Ich gebe zu, ich habe nicht alles gelesen ... Ich möchte nur folgendes zu bedenken geben bzw. Fragen stellen: 1. Wie ist der wirtschaftliche Aufbau in Deutschland und Japan gelungen? Was hat man unternommen? Antwort nach Richard Werner für Japan: a) Bankensystem entschuldet durch die ZB b) Kredite in produktive Investitionen gelenkt Das hat sich geändert seit der 1980! Nun ja, "man" lese und höre selbst ... 2. Faire Wettbewerbsbedingungen: a) Importzölle als Schutz vor Billigimporten aus Dumpinglohn-Länder (China!!!) b) eine unabhängige, virtuelle Leitwährung - nicht der US-Dollar, der durch einen regelrechten Weltwährungsbetrug die ganze Weltwirtschaft knebelt c) Aufhebung der Handelsbeschränkungen für Entwicklungsländer bzw. komplette Entschuldung derselben d) Ohne eine Zerschlagung des Finanz- und Wirtschaftskartelles wird sich NICHTS ändern, weil die Handelsabkommen im Prinzip m.E. eine neue Form des Imperialismus sind. Es gibt dafür sehr viele Beispiele. (bei Bedarf bitte melden oder besser: selbst recherchieren) 3. Regulierung der Finanzmärkte!! Erklärung: Aus meiner Sicht sind die Preise nicht marktgerecht sondern spekulationsgetrieben. Es gibt m.E. keine freien Märkte oder Gleichgewichte. Das ist Science Fiction oder ... Fantasy! Wir sitzen einer VWL auf, die totaler Schwachsinn ist, nur leider von der (noch) herrschenden Politik vollzogen wird. 4. Daraus folgt für mich: Staatliche und insbesondere überstaatliche Regularien sind notwendig, um eine bestmögliche Verteilung der Ressourcen sowie Kapital zu gewährleisten. Die Märkte leisten das offensichtlich nicht! 5. Die Ressourcen - ob Kapital oder Rohstoffe müssen unter der Prämisse der Nachhaltigkeit verwandt werden. Der Klimawandel und die Endlichkeit allen Irdischen sind hoffentlich nicht vergessen? 6. Wir werden uns mit einem bestimmten Maß an Wohlstand (in herkömmliche Sinn) zufrieden geben müssen, damit alle Menschen ihre Grundbedürfnisse sichern können. 7. Es geht nicht um Wohlstand, sondern um die Frage WAS ist Wohlstand? Die besten Dinge im Leben sind kostenlos!! Luft ist unbezahlbar, Wasser letztlich auch, Liebe kann man nicht ermessen ... und Geld nicht essen oder atmen... 8. W. Wachstum bis ans Ende unserer Tage ist nicht möglich! Was möglich ist und Not tut ist: Geistiges Wachstum! In einer fortgeschrittenen Gesellschaft ist es m.E. unvorstellbar, dass Menschen hungern, weil andere glauben, sie müssten durch Sinnlos-Shopping-Konsum ihre innere Leere füllen - was nicht geht, klar! Fazit: Es ist kein rein ökonomisches Problem, es ist ein Problem des Denkens, des Wortes und der Tat. Wenn alle diesbezüglichen oralen Bekenntnisse der "Eliten" zu Taten werden würden, hätten wir nur noch ein "Problem": ..................................................................................................................

0 muscat 15.01.2013, 09:56 Uhr

Asoziale Steuerpolitik zu...

Asoziale Steuerpolitik zu machen ist das eine, stolz darauf zu sein, das andere. http://www.woz.ch/1211/steuerparadies-zug/was-wir-tun-entspricht-den-geltenden-gesetzen

0 fionn 14.01.2013, 19:41 Uhr

I spent a lot of time one...

I spent a lot of time one year in the public library of Zug (the Swiss town in the canton of the same name) to try to find out why it had become so wealthy and well-known. Not unexpectedly, there were many reasons. The place was so poor in the 1920s that the politicians there took a risky decision in the late 1920s to reduce taxes, hoping to attract some firms to leave Zürich (26km away) and come to Zug and create jobs there. The Great Depression of the 1930s intervened, then WW2 and it was only in the 1950s that the strategy began to work. Oddly enough, American firms were the first the come to Zug. I found that there were many reasons for Zug's prosperity today:
political, geographic, social, economic, solidarity, stability, and not least - timing and luck.

0 Alexander 14.01.2013, 10:03 Uhr

Vielen Dank für den tollen...

Vielen Dank für den tollen Beitrag!

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.