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Das Faszinierendste aus Wirtschaft und Finanzen. Prägnant beschrieben und kenntnisreich analysiert von Autoren der F.A.Z. und der Sonntagszeitung.

Zu viel Glück ist auch nicht gut

| 23 Lesermeinungen

Wer zu glücklich ist, findet weniger Arbeit. Und verdient weniger Geld. Plötzlich müssen wir überlegen: Wie glücklich wollen wir sein?

 

Das Zwei Tennisbälle mit aufgemalten Smileys. Foto: dpa Streben nach Glück ist in den vergangenen Jahren heftig in Mode gekommen. Ganze Expertenräte sind eingesetzt worden, um den Weg vom reinen Reichtum weg und hin zum Glück zu suchen. Die deutsche Kommission hat sich an einer Weggabelung heftig zerstritten, aber schon mal einige neue Maße für den Fortschritt auf dem Weg gesucht. Bisher hat aber kaum jemand darüber nachgedacht, wie die Welt am Ziel aussieht.

Wie glücklich sollten wir überhaupt werden? Einige jüngere Studien deuten darauf hin, dass diese Frage gar nicht so leicht zu beantworten ist. So glücklich wie nur eben möglich zu werden, ist gar nicht unbedingt das beste Ziel – zumindest ist die Frage eine Diskussion wert. Denn was schon die Buddhisten wussten und den heutigen Psychologen nicht verborgen geblieben ist, das kommt jetzt auch bei den Glücksforschern an: Dass zu viel Glück den Menschen lähmen kann.

Psychologen wie Shighehiro Oshi, Ed Diener und Richard Lucas hatten schon vor einiger Zeit aufgeschrieben: Die glücklichsten Leute arbeiten nicht viel und erzielen kein hohes Einkommen. Sondern sie haben mehr Kontakte zu engen Freunden und Familienmitgliedern, außerdem engagieren sie sich eher ehrenamtlich. Und schon kommt man zur Frage: Sind diese Leute so glücklich, weil sie so wenig arbeiten? Oder arbeiten sie so wenig, weil sie so glücklich sind?

Am Institut zur Zukunft der Arbeit hat die Doktorandin Annabelle Krause jetzt untersucht, ob glückliche Menschen kürzer arbeitslos sind. Bekannt ist ja: Wer Arbeit hat, ist mit seinem Leben meist deutlich zufriedener als ein Arbeitsloser. Krause hat die Frage umgedreht: Finden glückliche Menschen leichter wieder Arbeit? Und das gilt nicht immer.

Krause hat 18.000 Menschen untersucht, die zwischen Juni 2007 und Mai 2008 arbeitslos geworden sind. Die Leute wurden gefragt, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind, und zwar auf einer Skala von 0 bis 10. Dann hat Krause abgeschätzt, was für eine Lebenszufriedenheit die Leute durchschnittlich haben könnten – abhängig von ihrer Bildung, ihrem Familienstand und anderen Lebensumständen. Natürlich ist jeder einzelne mit seinem Leben mehr oder weniger zufrieden. Dieser Unterschied zum Durchschnitt gibt an, wie zufrieden die Leute aus sich heraus sind (oder zumindest, wie viel Zufriedenheit die Forscher nicht erklären können. Darum nennen sie das “Rest-Zufriedenheit”). Diese innere Zufriedenheit hat offenbar einen deutlichen Einfluss darauf, ob die Menschen schnell wieder Arbeit finden.

Wahr ist: Zufriedenere Menschen bewerben sich zwar seltener, aber sie bekommen leichter wieder einen Job und verdienen mehr. Der Unterschied zwischen glücklichen und unglücklichen Leuten kommt offenbar weniger daher, dass sich glückliche Leute im Vorstellungsgespräch besser verkauften. Aber zufriedenere Menschen machten sich öfter selbständig. Das war der wichtigere Effekt. Wie erfolgreich diese neuen Unternehmen langfristig waren, ließ sich nach einem Jahr allerdings noch nicht beantworten.

Wahr ist aber auch: Zu glücklich zu sein, bringt auch keinen Job. Dann nämlich nahmen die Beschäftigungschancen wieder ab. Der beste Punkt auf der Zufriedenheitsskala von 0 bis 10 war im Durchschnitt 1,4 Punkte über anderen Menschen in ähnlichen Lebensumständen. Danach sank die Wahrscheinlichkeit einer Beschäftigung sogar rapide. So weit, dass die glücklichsten Leute sogar seltener Arbeit hatten als die unglücklichsten.

Was das langfristig für Folgen hat, ist bisher unklar. Klar ist: Unfreiwillige Arbeitslosigkeit macht Menschen unglücklich. Bleibt das Glück dauerhaft erhalten, wenn Menschen freiwillig arbeitslos sind? Das ist nach dieser Studie die nächste wichtige Frage. Autorin Annabelle Krause schätzt in einem ersten Resümee: “Wer zu glücklich ist, könnte die Motivation und Ausdauer verlieren, um das Leben bewusst und gesund zu leben.” Und sie folgert: “Das Glück zu maximieren, ist nicht unbedingt das richtige Ziel für künftige Politiker. Es scheint besser zu sein, das Glück zu optimieren.”

Wir müssen also noch mal neu darüber nachdenken, wie glücklich wir überhaupt sein wollen.

 

Weitere Fazit-Artikel zum Glück:

Geld macht doch glücklich

Was Menschen glücklich macht (Die Politik ist’s nicht)

 

Foto: dpa

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Der Autor auf:
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23 Lesermeinungen

  1. Lieber Herr Bernau,
    die...

    Lieber Herr Bernau,
    die Politik hat das Glück ja nicht aus dem Nichts heraus entdeckt. In den 50er Jahren z.B. wäre sicher niemand auf diese Idee gekommen, da bedeutete mehr erwirtschaften mehr Glück.
    Scheinbar ist eine gewisse Sättigung erreicht, deshalb suchen die Leute ihr Glück nun in anderen Dingen, vielleicht bedeutet es ja mehr Qualität statt mehr Masse.
    Vielleicht sorgen Sie sich ja, dass zuviel Zufriedenheit träge macht? Aber das wäre etwas anderes als Glück.
    Aber wie sollte man das steuern?

  2. Es macht auf jeden Fall...
    Es macht auf jeden Fall sicherlich nicht glücklich, sich während seines Glücks schon Gedanken darüber zu machen, ob man es womöglich eines Tages bereuen könnte, dass man zu glücklich oder zu lange glücklich war. Ich finde das irgendwie absurd. Ganz grundsätzlich glaube ich, dass derjenige glücklich ist, der zum Leben nicht viel braucht, denn er muss sich nicht so stark den Zwängen unterwerfen, die die heutige Arbeitswelt mit sich bringt. Diejenigen Menschen, die zum Glücklichsein nicht viel brauchen, sind sicherlich auch nicht so abhängig davon, einen Job zu haben, mit dem sie viel Geld verdienen. Was für ein Glück!

  3. Lieber BrandX,

    ich glaube...
    Lieber BrandX,
    ich glaube nicht, dass die Politik auf ihrem Weg zum Glück vorankommt. Ich sage nur: Politiker haben das Glück als neues Ziel ausgegeben.
    Nicht die Abwägung zwischen Kurz- und Langfristbetrachtung macht aus meiner Sicht unglücklich. Ich glaube eher, dass wir beides getrennt voneinander betrachten müssen. Jeder weiß: Was mich heute glücklich macht, kann mir morgen heftige Kopfschmerzen verursachen. Diese Abwägung ist nicht leicht zu treffen.
    Und: Es geht nicht darum, wie viele Jobs es gäbe, sondern wie viele Jobs angenommen würden. Wenn alle unglücklicher wären, wäre das sicher auch nicht gut. Denn bei den unglücklichsten Leuten sieht es ja auch nicht richtig gut aus.

  4. Wer ohne jegliche Arbeit...
    Wer ohne jegliche Arbeit völlig glücklich ist, der wird ja auch keine Arbeit haben wollen. wozu soll er sie dann finden?
    Wer jedoch auch Arbeit zum Glück braucht, der ist eben nicht vollkommen glücklich, solange er sie nicht gefunden hat.
    Die ganze Argumentation dreht sich im Kreis und ist am Ende ziemlich banal.

  5. Herr Bernau, ich verstehe es...
    Herr Bernau, ich verstehe es nicht.
    Die Politik kommt auf ihrem Wege zum Glück voran? Woran messen Sie das?
    Die Abwägung zwischen Kurzfrist- und Langfristbetrachtung macht unglücklicher?
    Außerdem, stellen Sie sich vor, alle würden ihre Glücksgefühle um 1 Punkt runter drehen (wie geht das?), gäbe dann mehr Jobs?

  6. Na Leute, wie Sie, denen Geld...
    Na Leute, wie Sie, denen Geld wichtiger ist. Vielleicht müssen dann Unternehmen eben die Löhne erhöhen um die guten Arbeiter zu bekommen. Aber eine Predigt für die Begrenzung des Glücklichseins zum Wohle des Geldscheffelns wird keine Weltsicht verändern.

  7. Ich habe überhaupt nichts...
    Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn glückliche Leute nicht arbeiten. Die Frage ist: Wie lange hält dieser Zustand an, vor allem, wenn die Politik auf ihrem Weg zum Glück vorankommt und viele Leute nicht mehr arbeiten? Wer erledigt dann die Arbeit?
    Wo ist das Gleichgewicht, wo ist das Optimum aus Kurzfrist- und Langfristbetrachtung? Das ist aus meiner Sicht die interessante Frage.

  8. Ich sag es ja schon immer:...
    Ich sag es ja schon immer: Lieber reich UND gesund!
    Die Strategie ist doch ganz klar: Enge Kontakte zu Freunden und Familie pflegen, ehrenamtlich tätig sein, das Leben genießen und beim Bewerbungsgespräch ein bisschen die Leidensmiene aufsetzten. Na, geht doch.
    Leute, Leute, Eure Probleme möchte ich haben!

  9. Also aus dem Beitrag entnehme...
    Also aus dem Beitrag entnehme ich: Der Sinn des Lebens ist viel Geld zu verdienen?
    Der Sinn des Lebens ist gar nicht glücklich zu sein?
    Für was braucht jemand der glücklich ist überhaupt einen Job,wenn er auch ohne zurecht kommt?
    Und wieso sollte ich anstreben weniger glücklich zu sein, damit ich mehr Geld verdiene wie der letzte Satz anzudeuten scheint?
    Sehr merkwürdiges Weltbild.

  10. Verquere Weltsicht ...

    Wessen...
    Verquere Weltsicht …
    Wessen Zielen soll der Mensch denn nun dienen?
    Offensichtlich stellt der Autor die Faktoren Arbeit und Einkommen über das persönliche Glück.
    Es fällt ihm schwer zu akzeptieren, dass es wohl Menschen gibt, die ohne in beiden Aspekten besonders gut dazustehen trotzdem glücklich sind.
    Gönnen wir es ihnen doch einfach!
    Jetzt aus dieser Erkenntnis zu schließen, diesen Menschen irgendwie “helfen” zu müssen, damit sie etwas weniger glücklich, dafür aber reicher und beschäftigter sind halte ich schon für etwas bedenklich … passt aber zum Zeitgeist des “kümmernden” und “bemutternden” Staates.

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