02.03.2013, 22:25 Uhr · Google, Facebook, Amazon - es ist Zeit, über die Monopole im Internet nachzudenken. Ein Kommentar hat einige Reaktionen ausgelöst. Hier diskutieren wir weiter.
Von Patrick BernauEs ist Zeit, über die Monopole im Internet nachzudenken, war mein erster Satz in einem Kommentar aus Anlass des Leistungsschutzrechts – über die von Google, Facebook, Amazon und so weiter. Inzwischen sind einige Reaktionen auf diesen Kommentar gekommen; ein wunderbarer Anlass, weiter nachzudenken.

Dieser Beitrag antwortet auf die diversen Reaktionen. Die Gedanken hier erheben nicht den Anspruch, der Weisheit letzter Schluss zu sein. Sie erheben im Gegenteil den Anspruch, unstrukturiert und vorläufig zu sein und sich jederzeit ändern zu dürfen.
Das liegt daran, dass Monopole im Netz mit einer unglaublichen Geschwindigkeit wieder abgelöst werden. Wir haben uns daran gewöhnt.
Früher diskutierten alle über Microsoft, doch dessen Marktmacht macht heute kaum noch jemandem Angst. Das liegt aber nicht daran, dass wir viel Konkurrenz unter den PC-Betriebssystemen hätten. Sondern nur daran, dass dieses Monopol inzwischen viel unwichtiger ist. Stattdessen wurde Microsoft von einem neuen Monopolisten abgelöst: Google.
Im nächsten In-Feld, den Social Networks, hat sich ebenfalls ein Monopolist ergeben: Facebook. Wer das Internet nutzt (ob privat oder für die Arbeit), der steht immer Monopolen gegenüber. Nur die Namen wechseln.
Googles Sprecher Kay Oberbeck twittert:
@PatrickBernau Schon erstaunlich, dass noch nicht einmal Sie die Definition eines Monopols kennen. Oder nicht kennen wollen.
Das lässt sich klären. Google hat ein “natürliches Monopol“. Das entsteht, wenn die Einmalkosten in einem Geschäft hoch sind, aber der einzelne Kunde danach kaum noch Kosten verursacht (“positiver Skaleneffekt“). Lehrbuch-Beispiel ist der Betrieb von Wasserleitungen. In Googles Fall ist es teuer, den Index der Webseiten anzulegen und Serverfarmen aufzubauen. Es ist auch teuer, eine hervorragende Such-Software zu entwickeln. Darüber muss man nachdenken.
In einem neuen Tweet weist mich Kay Oberbeck auf einen Beitrag von Hal Varian hin, in dem er seine Sicht auf die Monopolfrage erläutert. Auch Hal Varian landet dabei: Google hat die Such-Software als entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Anders als Hal Varian würde ich allerdings darüber nachdenken, das zu den “economies of scale” zu zählen oder zu den “Markteintrittsbarrieren”, die anderen Firmen die Konkurrenz erschweren. Justus Haucap, der Chef der Monopolkommission, weist darauf hin, dass in der theoretischen Literatur ein Streit über genau diese Markteintrittsbarrieren herrscht und über die Frage, ob die Datenbestände solche Markteintrittsbarrieren sind.
(Facebooks Monopol ist theoretisch stärker, Facebook hat einen Netzwerkeffekt.)
Das fiese an natürlichen Monopolen ist, dass sie ganz von selbst entstehen, weil sie im ersten Moment so kundenfreundlich sind. In den Leserkommentaren auf FAZ.NET schreibt Tom Wagner:
Google, Amazon und Facebook sind deshalb so beliebt, weil sehr viele Menschen der Meinung sind, daß diese Unternehmen etwas tun, was ihnen dient.
Das ist wahr. So entstehen natürliche Monopole. Im Lehrbuch-Beispiel von den Wasserleitungen gibt es einen Anbieter, der zuerst ein großes Leitungsnetz hat und darum die Preise aller anderen unterbieten kann. So hat auch Google, das als erste Suchmaschine einen guten Algorithmus hatte, den Markt erobert. Jetzt hat Google die Gewinne und die Kapazitäten, seine Seiten mit enormer Geschwindigkeit auszuliefern und die Suchmaschine immer weiter zu entwickeln. Konkurrenten probieren immer wieder, dagegen anzukommen, aber Google hat bisher den technischen Vorsprung behalten und so die Kunden an sich gebunden.
Christoph Kappes twittert:
@KayOberbeck Der @PatrickBernau verwechselt wohl den Marktanteil beim Suchprodukt mit dem Werbemarkt? Klassiker.
Nein, das ist keine Verwechslung. Werbung und Suche sind unterschiedliche Perspektiven, die man auseinanderhalten muss. Das verkompliziert die Sache.
Medien, so sagt man, arbeiten auf einem “zweiseitigen Markt“, weil Erfolg auf Leser- und Werbemarkt miteinander zusammenhängen. Ich würde die Betrachtung hier noch um eine dritte Seite erweitern. Wir haben dann:
Ist es das, was du als Plattform bezeichnest, Torsten Kleinz?
Noch mal komplizierter wird es übrigens, weil Google als Nachfrager von Werbeplätzen (“Adsense”) eine wichtige Rolle für kleinere Webseiten spielt.
Rainer Großmann merkt in zwei Tweets an:
Unfassbar, wie Google uns Suchende durch die hohen Preise pro Suchbegriff ausbeutet!
@PatrickBernau @ChristophKappes @KayOberbeck Und wo sehen Sie den Schaden für die Verbraucher?
Auch natürliche Monopole können dem Nutzer schaden. Bleiben wir beim Beispiel Google, und nehmen wir mal an, es gäbe ähnlich beliebte Wettbewerber. Dann würde möglicherweise …
Das waren nur die direkten Effekte im Verhältnis zum Nutzer. Doch es gibt auch indirekte Effekte, die aus dem Verhältnis zum Seitenbetreiber stammen. Gäbe es mehrere Suchmaschinen, dann könnten wir auch auf zusätzliche (oder bessere) Suchergebnisse hoffen, also zusätzliche oder bessere Blog-Beiträge und Online-Artikel. Dafür gäbe es folgende Wege:
Justus Haucap, der ehemalige Chef der Monopolkommission, twittert:
@PatrickBernau Ja, stimmt,
#Google ist mächtig, aber dafür gibt es#Kartellrecht. Googles Marktmacht ist kein Problem des Urheberrechts.
Über das Recht müssen wir nachdenken. Auf der Höhe der Zeit ist es wahrscheinlich nicht. Aber bisher habe ich noch keine Idee, wie das Recht aussehen sollte, das sich mit den Ursachen all dieser Diskussionen befasst: dem natürlichen Monopol.
Ein altes – und durchaus richtiges – Argument ist: Die Konkurrenz lauert gleich um die Ecke. Wenn Google oder Facebook sich zu weit zurücklehnen, kommt schnell ein Konkurrent auf. Die Ökonomik kennt dieses Argument als “Theorie bestreitbarer Märkte” (“Contestable Markets”). Mein Kollege Till Neuscheler hat mich in einer privaten Mail noch mal auf die Bedeutung dieser Frage hingewiesen. Ich sehe im Moment drei Teilfragen:
Das Blog finden Sie unter http://www.faz.net/fazit und auf:
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[...] “Es ist Zeit, über die Monopole...
[...] “Es ist Zeit, über die Monopole im Internet nachzudenken” schreibt FAZ-Redakteur Patrick Bernau in einer recht losen Gedankensammlung auf seinem Blog und scheint damit zurzeit ein ziemlich deutliches Alleinstellungsmerkmal unter deutschen Journalisten zu haben. Wie recht er hat: es ist Zeit. Und natürlich ist es auch Zeit, den Fokus meiner kleinen Reihe zum Marktwirtschaftsversagen endlich mal auf Google zu richten. [...]
Antworten (1) auf diese Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 16.03.2013, 14:28 UhrDanke noch mal für alle Beiträge. Ich habe einiges daraus gelernt und auch selber noch einige Fragen weiterrecherchiert. Das Ergebnis habe ich in einem Leitartikel zusammengefasst: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/analyse-gefaehrliche-internet-monopole-12109725.html
[...] Bernau, verantwortlicher...
[...] Bernau, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online bei der FAZ hat sich in seim FAZ-Blog mit Netzmonopolen auseinander gesetzt. Seine These: Google, Facebook und Co. sind [...]
[...] nun aktuelle Diskussion hat ein...
[...] nun aktuelle Diskussion hat ein Kommentar von Patrick Bernau ausgelöst, den er glücklicherweise präzisierte. Aber wie das eigentlich immer so ist: ich sehe das anders. Wobei wir im Fazit dann wieder einer [...]
Zu schön, dass es täglich etwas Neues gibt, um uns zu ängstigen. Pferdefleisch, vergiftete Erdbeeren, verschimmelter Mais, etc etc sind leider immer nur Momentereignisse. Kollisionen mit Meteoren sind besser, aber über Lichtjahre hinaus doch etwas eintönig. Politik ist mehr von Dauer, denn da gibt's jede Menge Krisen, Bösewichte und Schurkenstaaten. Doch am einfallsreichsten bleibt immer noch die Börse -- da kann man sich wirklich jeden Tag vor etwas anderem ängstigen.
Google - der freundliche Monopolist?
... ist der Titel eines Beitrags von Torsten Kleinz: http://notes.computernotizen.de/2013/03/03/google-der-freundliche-monopolist/
Das Internet wird (noch) viel stärker als die Realwirtschaft zu Monopolen oder zumindest stabilen Oligopolen tendieren, weil den Skaleneffekt nur diejenigen heben können, die es schaffen eine starke Marke auszuformen. Denn nur eine starke Marke wird von einer signifikanten Menge an Menschen (im Netz) wahrgenommen und deren Dienstleistung hinreichend oft in Anspruch genommen werden. Der so erzielbare Effizienzvorsprung ermöglicht dann, die potentiellen Konkurrenten über die Kosten an die Wand zu drücken. Ggf. werden leistungsfähige Konkurrenten in einer frühen Entwicklungsphase aufgekauft.
Solange die Dynamik der technischen Innovation so hoch ist, wie aktuell, kann sich keiner der Monopolisten ganz sicher sein und die Auswirkungen für den Kunden halten sich in Grenzen. Schwierig wird es in gesättigten Märkten. Dann werden die Möglichkeiten eines Monopols sicher ausgespielt werden. Wie man dem (internationalen) Monopolen aufsichtsrechtlich entgegentritt, darauf müssen die Staaten wohl oder über in den kommenden Jahren eine Antwort finden.
Justus Haucap denkt ausführlicher über das Thema nach und hat einige seiner Vorüberlegungen in diesem Paper aufgeschrieben: http://econstor.eu/bitstream/10419/68229/1/73435858X.pdf
Hier:
http://denktagebuch.de/google-ist-ein-staat-google-ist-bose/
Wettbewerb nicht unterschätzen
Gerade die rasante Innovationsgeschwindigkeit bei Google zeigt doch, dass der Wettbewerb funktioniert (und eine Konkurrenzsituation existiert). In einer klassischen Industrie hatten wir über viele Jahre Intel als dominanten CPU Hersteller, der sich geradezu mit AMD einen Konkurrenten gehalten hat, um nicht träge zu werden (und wahrscheinlich auch, um vom Kartellamt unbehelligt zu bleiben).
Die Basisfunktionen einer rein internetbasierten Dienstleistung sind letztendlich immer noch so preiswert, dass sich weder Google ncoh Facebook jemals zurücklehnen können (knock, knock, knock). Bei Amazon sieht es aufgrund der Logistikfähigkeiten schon anders aus.
http://nagelstiche.de/2013/03/faz-gegen-internet-monopole/
Patrick Bernau Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.
PatrickBernau: Read this book - I am starting to understand why our brain desperately needs to make some sense of what it's doing http://t.co/5J7OzjiQiK
http://twitter.com/P...21.05.2013 | 11:21 Uhr