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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Hans-Werner Sinn: Deutschland muss mehr Inflation akzeptieren

| 15 Lesermeinungen

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn diskutiert mit Nobelpreisträger Joseph Stiglitz über die Euro-Krise und das Weltfinanzsystem. Die beiden entdecken überraschend viele Gemeinsamkeiten.

© Union-InvestmentHans-Werner Sinn in Mainz

Hans-Werner Sinn ist dafür bekannt, dass er seinen Zuhörern nicht den Bauch pinselt. Hart geht der Ifo-Präsident regelmäßig mit der deutschen Wirtschaftspolitik ins Gericht. In der Euro-Krise weist er seit Monaten darauf hin, dass die Probleme der Währungsunion seiner Ansicht nach nicht so gelöst werden können, wie das die Mitgliedsländer gerade versuchen (Target ist nur ein Stichwort). Eine ganze Generation junger Menschen in den Krisenländern werde um ihre Zukunft gebracht, mahnte er nun auch auf einer Investorenkonferenz der Fondsgsellschaft Union-Investment in Mainz.

Dort zeichnete er nicht nur nach, wie die Krise entstand, sondern auch, was jetzt zu tun sei. Sein Vorschlag besteht aus einer Serie schmerzhafter Maßnahmen:

1. Eine europäische Schuldenkonferenz: Die Staatsschulden vieler Euroländer sind nach Ansicht Sinns so hoch, dass sie nicht zurückgezahlt werden können. Deswegen sollen sich die Länder zusammensetzen und Schulden restrukturieren und im Endeffekt teilweise streichen. Auf Kosten der Gläubiger.

2. Euro-Austritt einiger Länder: Mindestens Griechenland und Portugal und womöglich auch Spanien sollten aus der Währungsunion austreten (mit dem Recht, später wieder einzutreten), um wettbewerbsfähiger zu werden. Alle Schulden, auch die Auslandsschulden, dieser Länder könnten beispielsweise in die jeweils neuen heimischen Währungen umgeschrieben werden – der Schuldenschnitt entstünde dann in Höhe der zu erwartenden Abwertung gegenüber dem Euro.

3. Mehr Inflation in Deutschland: Um die großen Unterschiede in der preislichen Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Währungsunion abzubauen, müsse Deutschland höhere Teuerungsraten akzeptieren. Sinn verlangte, dass sich die Krisenländer weiter anpassen. Angesichts der schweren Rezession in Form hoher Arbeitslosigkeit besonders unter jungen Menschen hält er gesellschaftlich aber für unmöglich, dass nur dort Löhne und Preise sinken und dies die gesamte Anpassung leiste. Aber auch Deutschland könne die Anpassung nicht alleine stemmen. Sinn zeigte anhand einer Rechnung der Bank Goldman Sachs, dass dafür jährliche Inflationsraten von mehr als 5 Prozent über einen Zeitraum von zehn Jahren notwendig wären – schlicht undenkbar. Also müssten sowohl die Krisenländer wie auch Deutschland einen Teil der Anpassung leisten. Sinn stellte dabei heraus, wegen des frei schwanken Euro-Wechselkurses sei ökonomisch ohnehin nicht entscheidend, ob Deutschland gegenüber anderen Euroländern real aufwerte oder diese abwerteten. In diesem Zusammenhang sagte Sinn auch, dass Deutschland zurecht für seinen hohen Leistungsbilanzüberschuss (in Höhe von derzeit beinahe 7 Prozent des BIP) kritisiert werde.

Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz pflichtete dem deutschen Top-Ökonomen in nahezu allen Punkten bei. Auch Stiglitz sagte, er halte einen Schuldenschnitt, beziehungsweise eine Schuldenumstrukturierung für unumgänglich. Auch er kritisierte die teils großen Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen auf der ganzen Welt als ein Grund für das vergleichsweise mäßige Wirtschaftswachstum.

Stiglitz stellte allerdings – so wie das viele amerikanische Ökonomen tun – stärker als Sinn auch darauf ab, dass sich die Euro-Krise ohne umfangreiche Änderungen am institutionellen Rahmen der Währungsunion nicht überwinden lasse. Als unabdingbar nannte er die derzeit viel diskutierte Bankenunion. Und betonte, dass sie nicht nur aus einer gemeinsamen Bankenaufsicht bestehen dürfe, sondern auch aus einem Abwicklungsmechanismus und nicht zuletzt einer gemeinsamen Einlagensicherung.

Sinn entgegnete dem, dass auch er sich mit einer Einlagensicherung anfreunden könne – besonders wenn sie von den Banken aufgebaut und finanziert werde. Der Knackpunkt sei aber, ob dieses Sicherungsnetz nur künftig gilt – oder ob es auch rückwirkend greift etwa für alle womöglich noch auftretenden Folgen der aktuellen Finanzkrise. Die Krisenländern dringen tendenziell auf Letzteres, Deutschland und andere Gläubigernationen wollen das naturgemäß nicht.

Stiglitz äußerte dafür Verständnis, machte aber noch einmal deutlich, dass er mehr Integration innerhalb der Währungsunion als notwendig für das Überleben der Gemeinschaftswährung erachte. Den Euro einzuführen sei ein Fehler gewesen, sagte er. „Aber da Sie ihn jetzt nun einmal haben, müssen Sie entscheiden, was damit passieren soll.“ Europa müsse nicht die Vereinigten Staaten von Amerika kopieren. Es gebe aber ein notwendiges Minimum an politisch-fiskalischer Integration, wenn man die Währungsunion erhalten wolle.

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15 Lesermeinungen

  1. Der große Durchblick
    Heute ist es schick, Probleme in so großem Rahmen zu definieren, das keiner das nachvollziehen kann, bzw. Gegenargumente hat. Genausowenig wie es EIN „Weltklima“ gibt, gibt es EINE „Weltökonomie“. Es hört sich aber schicker an, immer sehr global zu formulieren. Genausowenig wie es DIE Eurogurke gibt, sollte Brüssel oder IWF o.ä. ständig mit dem Rasenmäher um den Globus ziehen. Und unsere Politiker sind ja auch sehr „alternativlos“ bei jedem 2. Problemchen. Dieses ständige internationale Benchmarking (siehe aktuell PISA) entmündigt jeden lokalen Vernatwortlichen. Jeder kehr vor seiner eigenen Tür, all Business is local, der eine ist schneller der andere langsamer, dafür besser. So what? Vor 100 Jahren hatten die Engländer das größte Reich, weg sind sie. Dann die US, Chinesen sind jetzt am kommen; und alle werden auch wieder gehen.

  2. Vor allem Stieglitz
    als recht schlichter Keynes-Apologet weiß nicht so recht, wovon er hier wieder mal redet.
    Das liegt daran, daß sowohl ihm aber auch anderen der Zusammenhang in (verfassungs-)rechtlicher Hinsicht fehlt.

    So redet grade Stiglitz im Falle Euro eher wie der Blinde von der Farbe.

    Insgesamt betrachtet kommt niemand um die Rückabwicklung des Euro herum. Sinn benennt auch die (von mir etwa öffentlich vor Jahren schon vorgeschlagene) Methode.

    Nämlich die Umrechnung der Forderungen in die je nationalen Währungen. Dabei entstünden in der Tat die nötigen begleitenden Abwertungen.

    Es gäbe das seit Jahren zitierte Ende mit Schrecken.
    Dafür aber nicht den Schrecken ohne Ende, der teurer wäre – in jeder Hinsicht.

    Der vorgeschlagene Austritt und Wiedereintritt ist sinnlos, denn eine Währungsunion funktionierte historisch betrachtet noch nicht ein einziges Mal auf dieser Welt.

    Die erwogene Zusammenführung aller Nationen scheitert an Mentalität, Differenzen und Unwillen – vor allem an den verfassungsrechtlichen Hürden, die prinzipiell für alle gelten.
    Immerhin wollen die ersten Nationen den Euro schon wieder verlassen oder gar nicht mehr beitreten.

    Soweit das Volk zu entscheiden hätte – was am Ende unumgänglich ist – zerplatzte die Währungsgemeinschaft ohnedies wie eine Seifenblase am gesunden Menschenverstand.

  3. Reformen in Spanien und Portugal
    Wir hatten in FAZIT Beiträge über Reformen.
    Hier ist der Artikel über Portugal:
    http://blogs.faz.net/fazit/2013/02/12/lissaboner-langlauf-3-strukturreformen-und-privatisierungen-921/
    Und hier ist der Artikel über Spanien:
    http://blogs.faz.net/fazit/2013/04/03/das-spanische-paradoxon-3-reformen-im-uberblick-1333/

  4. Vorschlag 3
    Die Staatsverschuldung würde durch Inflation abgebaut. 50% würde bei den PIGS zu einer tragfähigen Schuldenlast führen. Treffen würde die Enteignung mit der Gelddruckerei die Mittelschicht. Die Verteilungsunterschiede würden noch zunehmen.
    Leistungsbilanzunterschiede sind jedoch immer ein Ergebnis des Wirtschaftens. Der Freihandel scheint aber in seiner platten Ricardo-Begründung seinen Reiz verloren zu haben, denn Protektionismus, z.B. Schutzzölle, dürften nach dem Scheitern der Globalisierung der bequemste Weg zu sein. So würde es den Leistungsunterschieden voll entsprechen, wenn die Kaufkraftparitäten zu Italien, Spanien, Griechenkand sich gegenüber einer neuen DM (oder einem Nord-Euro) mit dem Faktor 2 bis 4 verschieben. Derselbe Warenkorb in Berlin kann nicht in Athen in Euro teurer sein! Diese Verzerrungen abzubauen, dafür bedarf es den befristeten Austritts dieser Länder aus dem Euro, aber keiner Inflation in Deutschland.

  5. "Anpassung" - Rettung "Kleinstaaterei"?
    In dem Vorschlag von Professor Sinn vertritt er das herrschende Verständnis, mit „einer Serie schmerzhafter Maßnahmen“ könne die „europäische Kleinstaaterei“ aufrechterhalten werden.

    Dafür sei lediglich erforderlich: „Anpassung“ – „um die großen Unterschiede in der preislichen Wettbewerbsfähigkeit abzubauen“. Und zur Unterstützung der „Anpassung“ – was immer diese sein mag – „Schulden restrukturieren und im Endeffekt teilweise streichen. Auf Kosten der Gläubiger“ sowie (zeitweiliger) Austritt aus der Währungsunion, „um wettbewerbsfähiger zu werden“.

    Er folgt damit (sicher wider besseres Wissen) dem herrschenden Verständnis, alle „Kleinstaaten“, deren “Volkswirtschaften“, könnten „wettbewerbsfähig“ sein.

    • Reformen und Konditionalitäten
      Sie meinen wohl, dieses alte Programm würde irgendetwas verändern? Bisher fanden keine Reformen statt, gleichwohl gab es Frischgeld und Haircuts. Die Reichen haben sich bereichert und gerettet, weite Teile der Bevölkerung vezeichnen einen sinkenden Lebensstandard. Es gibt eine Lösung: Abgabe der nationalen Kompetenzen an Brüssel. Wenn nicht, soll jeder Staat sehen, wie er klarkommt.

    • Wo gab es keine Reformen?
      Was meinen Sie denn mit Reformen, wenn Sie sagen, es hätten bisher keine stattgefunden. Oder wo meinen Sie, dass es keine gab? Der öffentlicher Sektor wurde mindesten in Portugal und Spanien massiv umgebaut.

  6. Spanien - H. Prof. Sinn irrt
    Früher zur Zeiten der Pesete hätten Abwertungen, Schuldenerlaß weitergeholfen.
    Aber jetzt hat man es mit den neuen Wettbewerbern aus Osteuropa und Asien zu tun.
    Um bei deren Preisgefüge mitzuhalten, nützen die Vorschläge von Sinn wenig, möglicherweise
    gar nichts.
    Spaniens Fehler war nur auf den Immobilienboom zu setzen und tatenlos zuzusehen, wie
    ganze Industriezweige (Schuh-Textil-Spielzeug-Keramik etc) ins billige Ausland abgewandert
    sind, ohne daß man inzwischen auf Innovation (Made in Spain) gesetzt hätte, um neue Jobs
    zu schaffen.
    Nicht zu vergessen: Spanien hat ca. 6 Mio. Arbeitslose, davon sin ca.60 % ohne Berufsausbildung,
    viele ohne vernünftigen Schulabschluß (Quelle: El Pais).
    Wie will man diese Personen wieder in Arbeit bringen ?
    H. Sinn, dann machen Sie doch mal einen konkreten branchenbezogenen Vorschlag.

    • soso
      nun und 40 % sind mit berufsausbildung arbeitslos-jetzt bezahlt die eu den 60 % noch eine ausbildung und diese sind danach immer noch arbeitslos weil die jobs fehlen, daran kann herr sinn oder frau merkel auch nichts ändern. um in arenal zu kelnern braucht man keine berufsausbildung- so blödsinnige meinungen wie „man braucht nur bildung und die arbeitslosigkeit verschwindet von selbst“ sind völlig unrealistisch und kosten den steuerzahlern nur viel geld

  7. Sinn besinnt sich endlich!
    Welch ein „U-Turn“ eines Professors, der noch bis vor kurzem alle Weh-wehchen dieser Welt auf zu hohe Löhne auch in Deutschland zurückgeführt hat. Aber in einer Diskussion mit einem anerkannten Nobelpreisträger kann man wohl auch nicht mit Argumenten kommen, die man zuvor dem „Bild“-Leser aufgetischt hat, ohne sich lächerlich zu machen. Bleibt zu hoffen, dass der (vielleicht) geläuterte Prof. Sinn von der Versuchung, selber Politik zu machen, nun ablässt und sich wieder auf das besinnt, was er vor Jahren Studenten beigebracht hat.

  8. Überraschung
    Wenn Sinn eine höhere Inflation fordert, fordert er wohl höhere staatliche Ausgaben etwa für staatlich Investitionen (demand pull) bzw. höhere Einkommen von Schichten mit hoher Konsumquote (demand pull + cost push etwa durch Mindestlöhne). Zusammen mit dem Schuldenschnitt bedeutet dies eine höhere Staatsverschuldung und/oder höhere Steuern der Besserverdienende mit niedrigerer Konsumquote. Alles Forderungen der SPD;
    Welch ein „Sinn“eswandel

  9. Krisenländer müssen mehr Deflation akzeptieren, und nicht Deutschland Inflation
    Solange man aber denkt, Inflation sei gut für die Wirtschaft, wird es schwer sein. Mit Hilfe einer Parallelwährung oder eben eines vorübergehenden Austritts aus dem Euro, könnte man einschleichend die Löhne kürzen.

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