Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Exportweltmeister

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Was soll daran schlecht sein, wenn alle Welt unsere Waren kaufen will? Fast nichts. Von Winand von Petersdorff

© Alfons Holtgreve 

Ausgerechnet jetzt hat Deutschland einen neuen Rekord in der Handelsbilanz erreicht: Im September übertrafen die Exporte die Importe um 20,4 Milliarden Euro. Das gab es noch nie. Diese Rekordmeldung stößt hinein in eine Welle von Verbalattacken gegen die deutsche Exportstärke.

Das amerikanische Finanzministerium verbreitet, Deutschland verhindere die Gesundung der Eurozone (Bericht als PDF). Die EU-Kommission droht Deutschland eine Untersuchung des Handelsbilanzüberschusses an, die sogar theoretisch mit einem Bußgeld in Milliardenhöhe enden kann. Nobelpreisträger, Chefökonomen internationaler Institutionen und bekannte Kolumnisten nennen uns unsolidarisch, wenn sie noch wohlwollend gestimmt sind. Im Kern werfen sie Deutschland vor, ihre Nachbarn auszuplündern, Europa in Armut zu stürzen und die Gefahr einer weltweiten Deflation mit daraus folgender Massenarbeitslosigkeit heraufzubeschwören.

An so etwas will man eigentlich nicht gerne schuld sein. Aber wie kommen diese anerkannt klugen Leute überhaupt auf den Gedanken? Vielen Deutschen kommt er deshalb abstrus vor. Sie sind sogar ziemlich empfindlich, weil sie für etwas angegriffen werden, was der Quell des nationalen Stolzes ist, besonders, wenn gerade keine Fußballweltmeisterschaft anliegt, spottet der Ökonom Martin Hellwig. Die Deutschen finden, dass er ein Ausdruck unserer unter Kanzler Gerhard Schröder zurückeroberten internationalen Wettbewerbsfähigkeit ist. Die anderen lieben unsere Autos und Maschinen nun einmal.
Der umstrittene Handelsbilanzüberschuss entsteht, weil Deutschland seit 2001 wieder mehr produziert als wegkonsumiert. Vereinfacht gesagt, wird der Produktionsüberschuss dann ins Ausland verkauft. Das Land praktiziert dieses Modell seit vielen, vielen Jahren, eigentlich nur unterbrochen durch eine Phase nach der Wiedervereinigung.

Die Kritik rührt aber nicht nur am Selbstgefühl, sondern einem ehernen Gesetz der Marktwirtschaft. Sie ist ein System, das Bedürfnisse und Präferenzen der Leute grundsätzlich respektiert und damit den Handel als zentrale Möglichkeit, die individuellen Wünsche zu erfüllen. Es ist ihr egal, ob ein Grieche oder ein Kasache den Mercedes erwirbt, solange souveräne Akteure sich darüber einigen. Leistungsbilanzüberschüsse und Leistungsbilanzdefizite sind das Ergebnis individueller souveräner Entscheidungen von Wirtschaftsakteuren.
Im Gegensatz dazu spielt im Denken der oft keynesianischen Kritiker nicht das Individuum, sondern Wirtschaftspolitik eine große Rolle. Sie sehen Handelsüberschüsse als Ergebnis staatlicher Steuerung, die vor allem die Binnennachfrage beeinflussen könnte. Sie würden sich auch gar nicht lange mit deutscher Exportstärke aufhalten, wenn diese nicht mit einer notorischen Importschwäche gepaart wäre.

Das Problem ist in den Augen des amerikanischen Nobelpreisträgers Paul Krugman und seiner Mitstreiter der Überschuss: Deutschland verkauft seit längerem viel ins Ausland und kauft wenig aus dem Ausland. Das heißt, Deutschland spart.

Exportieren gleich sparen? Das muss kurz erklärt werden mit einem Beispiel: Wenn in einer klitzekleinen Volkswirtschaft in einem Jahr nur zwei Autos im Wert von je 20000 Euro produziert und verkauft werden, dann beläuft sich das Volkseinkommen auf 40000 Euro. Wenn diese Volkswirtschaft aber nur eines dieser beiden Autos selbst kauft, dann hat sie gleichzeitig 20000 Euro gespart. Diese 20000 Euro kommen aus den Exporterlösen. Unser Exportüberschuss entspricht unserer Ersparnis.

Auch hier geht es letztlich um souveräne Entscheidungen: Jedes Land hat theoretisch die Wahl, was es mit den Einkünften aus seiner Jahreswirtschaftsleistung, dem Volkseinkommen, anfängt: verkonsumieren oder sparen.

Die Deutschen sparen. Das ist eine gute Sache, lehrt die schwäbische Hausfrau: Denn sparst du in der Zeit, so hast du in der Not. Übersetzt heißt das, deutsche Sparer geben sich der Hoffnung hin, durch aktuellen Konsumverzicht den späteren Konsum bezahlen zu können. Tatsächlich mögen sich gerade die deutschen Babyboomer denken, die schließlich von 2020 an in Rente gehen, dass Sparen als Konsumverzicht in Form privater Vorsorge dringend nötig ist, weil die Zahl der dann aktiven Werktätigen, die die gesetzliche Rente zu schultern haben, dramatisch schrumpft. Dieses Problem trifft Deutschland wegen seiner demographischen Struktur stärker als viele andere Länder. Damit ist die Sparentscheidung aber nicht, wie die Kritiker gerne verbreiten, dem deutschen Nationalcharakteristikum Geiz zu verdanken, sondern Folge ziemlich vernünftiger Überlegungen.

Gleichwohl bleibt das Modell Sparen nicht unproblematisch, wegen der schlichten Arithmetik. Länder wie Deutschland müssen immer Länder finden, die ihrerseits Leistungsbilanzdefizite in Kauf nehmen. Ein Defizit bedeutet, dass ein Land mehr kauft, als es selbst an Wert produziert hat. Dieses Defizit erzwingt, dass es sich im Ausland Geld leiht. Und Deutschland ist wahrlich kein kleiner Gegenüber gemessen am Handelsbilanzüberschuss. Voriges Jahr hat das Land China abgelöst, im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt ist der Handelsüberschuss sogar doppelt so groß wie in China.

Ein Handelsdefizit muss nicht schädlich sein

Nun muss ein Handelsdefizit nicht schädlich sein. Wenn die Länder mit den Auslandskrediten Investitionen finanzieren, die in Zukunft Erträge abwerfen, ist das sogar wünschenswert und ein probater Weg zum Aufstieg eines Landes. Wenn es aber auf Dauer Defizite produziert, türmen sich die Auslandsschulden zu einer Höhe, die die Finanziers dieser Schulden, die Kapitalmärkte, irgendwann nicht mehr hinnehmen. Dann kann eine Schuldenkrise entstehen, wie sie die Eurozone gerade erlebt, für die zunehmend Deutschland verantwortlich gemacht wird.

Wenn man der Kritik folgte, wären nicht Defizitländer mit ihren strukturellen Problemen ursächlich für die Schuldenkrise, sondern der Gegenüber. Tatsächlich generierten die von der Regierung Schröder angestoßenen Reformen im öffentlichen und Unternehmenssektor große Sparüberschüsse, die der deutsche Finanzsektor unter anderem nach Südeuropa transferierte. Großer Profiteur dieser Entwicklung war, wie der Leipziger Ökonom Gunther Schnabl notiert, die deutsche Industrie, deren Exporte seit 2001 auch deshalb stark angestiegen sind, weil die Kapitalexporte den Kauf deutscher Produkte ermöglichten. Nur: Aufgezwungen wurde den Defizitländern weder Geld noch Gut.

Für das Jahr 2008 konnte man noch sagen, Deutschland führte viele Güter an die Peripherieländer aus und finanzierte auch diese Deals selbst. Für das Jahr 2013 aber stimmt selbst das nicht mehr. Der Leistungsbilanzsaldo gegenüber den Peripherieländern ist in den vergangenen fünf Jahren kräftig geschrumpft. Die deutsche Wirtschaft profitiert nicht mehr von den Einkäufen aus Südeuropa.

Unabhängig von der Schuldfrage gibt es aber noch die Forderung, dass Deutschland im Sinne einer europäischen Gesamtverantwortung trotzdem mehr tun müsste, um seinen europäischen Freunden zu helfen. Schließlich habe es nicht nur womöglich als einziges Land vom Euro profitiert, es habe den Ländern auch ein Austeritätsprogramm aufgezwungen, das den Gesellschaften die Luft abschnürt.

Vehement gefordert wird ein Programm zur Stärkung der Binnennachfrage mit dem Ziel, Importe zu stimulieren und den Überschuss schrumpfen zu lassen.
Nun gibt es zweifelsohne Politiken, die das leisten könnten. Deutschland könnte (die Schuldengrenze außer Acht gelassen) die Staatsausgaben deutlich erhöhen, etwa in großem Stil Brücken, Straßen und Wasserwege ausbauen. Es könnte auch in großem Stil Steuern senken für Privatleute und Unternehmen, damit die Leute mehr Geld in der Tasche haben, um es dann auszugeben. Die Folge wäre in beiden Fällen vermutlich eine höhere Verschuldung, eine zentrale Ursache für die aktuelle Krise.

Die andere theoretische Möglichkeit wäre, den Binnenkonsum durch höhere Löhne auf breiter Front direkt zu stimulieren. Das senkte im Sinne der Deutschland-Kritiker die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Güter und würde gleichzeitig die reicheren Arbeitnehmer veranlassen, mehr zu konsumieren, etwa als Mallorca-Tourist. In der zweiten Runde drohten allerdings Arbeitslosigkeit und Konsumzurückhaltung. Krugman & Co. verlangen von Deutschland paradoxerweise eine Politik, die man auch auf internationalen Druck hin in der Schröder-Zeit hinter sich ließ. Das klingt wie eine ziemlich schlechte Idee.

Deutschland vernachlässigt die Finanzierung

Allerdings vernachlässigt auch Deutschland einen Aspekt, der Handelsbilanzüberschüsse fragwürdig erscheinen lassen muss. Es geht um die Finanzierung. Nach der bisherigen Lektion entspricht der Exportüberschuss der Ersparnis, die wir im Ausland anlegen. Sparen ist stets mit der Hoffnung auf Erträge und Rückzahlung verbunden.

Genau diese ist fraglich, sagt Ökonom Schnabl. Denn die Rückzahlung internationaler Kredite ist nur dann sichergestellt, wenn die Kapitalimporte der Schuldnerländer für Investitionen genutzt werden, die in Zukunft Renditen abwerfen. Genau das ist nicht passiert. „In den Krisenstaaten – und anderen wichtigen Kapitalimporteuren wie den Vereinigten Staaten – wurden die Kapitalimporte der Jahre 2001 bis 2007 dem Konsum und der Spekulation zugeführt“, weist Schnabl nach. Mit dem Platzen der Immobilien-, Finanzmarkt- und Konsumblasen in den Jahren 2007/08 seien damit die Forderungen deutscher Banken über den Deister gegangen.

Die deutschen Banken und ihre Sparer bekamen ihre Kredite zurück durch öffentliche Notkredite an die Krisenländer. Diese Kredite haben die Sparer in ihrer Eigenschaft als Steuerzahler selbst finanziert. Die Ausfallrisiken sind von den Bilanzen der Banken in die Bilanzen öffentlicher Institutionen gewandert, wie zum Beispiel des ESM und der Europäischen Zentralbank. Es steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kosten der Krise in Form von Inflation und geringer Verzinsung auf die europäischen Sparer überwälzt werden. Diese sind vor allem in Deutschland zu Hause.

Die Agenda-Setter der globalen Volkswirtschaft sind zunehmend die Zentralbanken, die mit ihrer Nullzinspolitik die Gefahr der Bildung spekulativer Blasen erhöhen. Und Blasen platzen! Damit gehen in der Regel Auslandsvermögen verloren, auch die der deutschen Banken.

In dieser Betrachtung ist Sparen plötzlich keine Tugend mehr, sondern riskant bis dumm. Handelsbilanzüberschüsse werden automatisch letztlich zu Transfers in andere Länder. Deutschland verschenkt Ersparnisse, damit das Ausland Nobelkarossen kaufen kann. Da wäre es vielleicht doch lustiger, wenn die Deutschen ihre Ersparnisse selbst auf den Kopf hauen könnten.

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3 Lesermeinungen

  1. Pingback: 5 vor 10: Mietpreise, Exporte, Inflation, USA, Öl | INSM Blog

  2. Früher "Gold und Forderungen an das Ausland" - heute nur noch Anspruch auf Papiergeld von EZB
    Darin sehe ich einen ganz erheblichen qualitativen Unterschied. Denn mit US-Dollar oder Schweizer Franken oder japanischen Yen konnten wir in aller Welt einkaufen. Heute muss die Bundesbank ldie von der deutschen Exportwirtschaft angeschafften „Devisen,“ also Drittlandswährungen, bei der EZB abliefern und bekommt dafür Forderungen in entsprechendem Umfang auf Euro, also Papiergeld. Im Ernstfall, nämlich der Abwicklung der EZB, dürften diese keinen Wert mehr haben, während für unsere früheren „Forderungen an das Ausland“ solches Risiko nicht bestand.

  3. Falls es zum weltweiten Finanzcrash kommt ...
    … und sich die Guthaben für die deutschen Exporte in Luft auflösen werden sich zweifellos diejenigen ins Fäustchen lachen, welche gekauft und konsumiert haben.

    Bis es soweit ist, würde es einem so langen Blogtext gut anstehen, wenn die Frage näher abgeklärt würde, welche Länder mit welchen Beträgen in der Kreide stehen. Ich vermute, dass das Risiko gar nicht so schlecht verteilt ist.

    Trotzdem wird man die Ungleichgewichte im Euroraum nicht beliebig lange so wie bisher akkumulieren können. Selbst wenn Deutschland den Exportüberschuss innerhalb der EU abbauen würde würde es dieses Problem nicht lösen. M.E. ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten PIGS(F?) wieder eine nationale Währung (parallel zum Euro) einführen werden.

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