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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Des Reiches Gold- und Silberloch

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Zwischen Politik und Realwirtschaft: Eine kleine Geschichte des Finanzplatzes Frankfurt

© Alfons HoltgreveFinanzplatz Frankfurt

Am Anfang waren die Messen. Wer das Auf und Ab des Finanzplatzes Frankfurt in der Geschichte studieren will, muss mit dem beginnen, was Ökonomen so uncharmant als „Realwirtschaft“ bezeichnen: mit Gütern wie Wein und Textilien. Bevor Frankfurt ein bedeutender Finanzplatz wurde, war es ein bedeutender Messeort, Lager und Umschlagplatz im Zentrum des europäischen Warenhandels.

Die geographischen Bedingungen begünstigten diese Entwicklung, wie der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe *) kürzlich auf einem Kolloquium über die Geschichte der Frankfurter Privatbanken vorgetragen hat. „Gelegen am Kreuzungspunkt wesentlicher Ost-West- und Nord-Süd-Verbindungen, an einer leicht erreichbaren Mainquerung, bot sich Frankfurt seit jeher als Umschlagplatz an“, erläuterte Plumpe auf der Veranstaltung des Museums für Stadtgeschichte.

Vorteilhaft war auch das von der Politik geschaffene Umfeld. Während die französische Krone das lange Zeit sehr erfolgreiche Messegeschäft in der Champagne behinderte, verfügte Frankfurt über politische Trümpfe. Die Stadt besaß zwar mit dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einen Herrn, regierte sich aber eigentlich selbst. „Bevölkerungsverdichtung und kommunale Selbstbehauptung lagen daher in Frankfurt nahe“, schreibt Plumpe. „Zumal ein direkter Zugriff des Königs auf den Ort auch für diesen vorteilhaft war: Eine wirtschaftlich erfolgreiche, alleine dem König abgabepflichtige Stadt war für diesen zweifellos ein Gewinn, freilich auch für die Stadt, weil diese dem ständig von Finanznöten gepeinigten König nach und nach alle Vorbehalts- und Hoheitsrechte regelrecht abkaufen konnte.“

Das Finanzgeschäft begleitete den Messehandel und wuchs aus ihm allmählich heraus. Damals bestand Geld aus Bargeld. Die während der Frankfurter Messen umgesetzten Beträge waren so groß, dass Martin Luther die Stadt am Main als „des Reiches Gold- und Silberloch“ bezeichnete. Im Laufe der Zeit etablierte sich in Frankfurt der Warenhandel nicht nur zu Messezeiten, sondern über das ganze Jahr. In riesigen Gewölben lagerten unter anderem große Mengen Wein.

Bankiersfamilien wie Hauck und Metzler, die heute noch am Main leben, entstammen diesem Warenhandel, der im Laufe der Jahre um Finanzgeschäfte ergänzt wurde. Erst später wurden diese Familien zu regelrechten Bankiers, wie Plumpe aufzählt: „Im Jahre 1773 bezeichneten sich 47 Kaufleute als Bankiers, 1834 waren es 178 und im Jahre 1868 bereits 1675. Das konnte sich sehen lassen.“

Der Aufstieg Frankfurts als Finanzzentrum wurde lange Zeit von der Stadtpolitik begünstigt. Sie war mit Blick auf die Interessen der Handels- und Bankhäuser eher weltoffen und liberal. Zugunsten der Handwerkerschaft, die diese Entwicklung kritisch sah, setzte sie aber auch protektionistische Maßnahmen ein. Die zum Teil auch international verflochtenen Bankhäuser verband Innovationsfreude und gelegentlicher Standortprovinzialismus.

Dem in Amsterdam entwickelten Geschäft mit handelbaren Staatsanleihen öffnete man sich am Main recht früh und mit Macht (darüber hatten wir hier berichtet) – Bankhäuser wie Rothschild (hier ein Beitrag über Mayer Amschel Rothschild) und Bethmann verdankten ihren steilen Aufstieg unter anderem der Plazierung von Wertpapieren und dem Handel mit ihnen. Es ist vielleicht nicht ganz ohne Ironie, dass die größte Blütezeit des Frankfurter Bankgewerbes vor den Weltkriegen nicht unwesentlich durch die Beteiligung an der Staatsfinanzierung zustande gekommen ist.

Andererseits verschlossen sich viele Bankhäuser im 19. Jahrhundert der in der Luft liegenden Idee einer eigenen Notenbank so hartnäckig, dass erst die drohende Gründung eines solchen Instituts in Darmstadt das Projekt in Frankfurt voran brachte. Das Ergebnis war die Frankfurter Bank (über die wir hier geschrieben hatten), ein seinerzeit sehr angesehenes Finanzhaus.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verlor der Finanzplatz Frankfurt erheblich an Bedeutung. Das hatte zum einen politische Ursachen. Frankfurt wurde unfreiwillig ein Bestandteil Preußens und die Herren in Berlin betrachteten die Stadt am Main bestenfalls als Provinzmetropole. In Berlin entwickelte sich das Geschäft der Banken und Börsen mächtig. Dort entstanden Großbanken wie die Deutsche Bank und die Dresdner Bank. In Frankfurt blieben vorwiegend kleine Privatbankhäuser beheimatet, die zur Finanzierung der Industriellen Revolution sehr viel weniger beitragen konnten als die großen Aktienbanken an der Spree.

Es ist viel darüber diskutiert worden, ob und warum der Finanzplatz Frankfurt die Industrielle Revolution verschlief. Neben politische Gründe traten wirtschaftlich-geografische: Frankfurt war traditionell nach Süddeutschland ausgerichtet, die Industrielle Revolution fand aber eher in preußischen Landen wie dem Ruhrgebiet oder Oberschlesien statt. Es ist zwar nicht zutreffend, dass die Frankfurter Banken das Aktiengeschäft völlig unbeachtet ließen. Aber auf dem Kurszettel an der Frankfurter Börse dominierten nun einmal Anleihen und nicht Aktien.

Dass Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg als Bank- und Finanzzentrum wieder aufstieg, hatte wiederum politische Gründe. Die Amerikaner setzten die Mainmetropole als Sitz der Bank deutscher Länder durch, der späteren Deutschen Bundesbank. Im Laufe der Zeit konzentrierten dann auch die privaten Großbanken, die ihre Hauptsitze vorübergehend auf mehrere Städte verteilt hatten, ihre Zentralen am Main. Schließlich erwies sich die Ansiedlung der Europäischen Zentralbank als vorteilhaft. Nicht nur werden hier wichtige geldpolitische Entscheidungen getroffen. Bankmanager aus anderen Ländern merken zudem an, dass mit der Ansiedung der Aufsicht für große Banken aus der Eurozone die Stadt als Entscheidungszentrum mit internationaler Ausrichtung stärker hervortreten werde.

Der Rang Frankfurts als führendes deutsches Finanzzentrum ist unbestritten, auch wenn München seinen Rang als Sitz bedeutender Versicherungen behält. Ehemals beachtliche regionale Bankenzentren wie Düsseldorf oder Hamburg haben erheblich an Bedeutung eingebüßt. Das lange durch die Teilung gehandicapte Berlin hat auch nach der Wiedervereinigung keinen rechten Anschluss gewonnen.

Die Konkurrenten Frankfurts sitzen heute außerhalb der Landesgrenzen. So wetteifern London, Luxemburg, Paris, Zürich und Frankfurt um eine Vormachtstellung im europäischen Geschäft mit der chinesischen Währung und chinesischen Finanzprodukten. Die Wirtschaftskraft Deutschlands sorgt dafür, dass viele internationale Banken am Main vertreten sind. Aber der europäische Handel mit Finanprodukten findet an erster Stelle in London statt und die wachsende Branche der Vermögensverwalter braucht nicht unbedingt ein großes Finanzzentrum. Sie kann auch in der Fläche arbeiten.

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*) Werner Plumpe: Die Kreuz-, Post- und Querstraße von Mitteleuropa und Mercurii beliebter Transit-Mittelpunkt. Vortragsmanuskript 2013.

Diesem Beitrag liegt ein Artikel zugrunde, der als „Sonntagsökonom“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht worden ist.

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2 Lesermeinungen

  1. Und der Buchdruck?
    Merkwürdig, dass es hier nicht erwähnt wird: Frankfurt als wichtiger Sitz von Verlagen ist älter als Leipzig.

  2. Ueber den Gotthard in die Zentralschweiz
    So wurden die Zuger im 13.Jh reich geworden: Güter aus Italien wurden transportiert über den Luzernersee und via Kussnacht über den Zugersee auf dem Weg nach Nordeuropa.
    Damals kontrollierten die Habsburger die Stadt Zug.

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