Fazit – das Wirtschaftsblog

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Mehr Kirchgeld – dank Verhaltensökonomik

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Manipuliert der Staat seine Bürger? So jedenfalls könnte es gehen: Wenn die Bayern andere Briefe bekommen, zahlen sie mehr Kirchgeld.

© dapdEine Kirche in Bayern

Sie sollen helfen, „wirksamer zu regieren“: drei Verhaltensforscher, die im Kanzleramt laut Stellenausschreibung eingestellt werden sollen. Ende August wurde die Ausschreibung bekannt, und schnell kam die Kritik: Das Kanzleramt solle die Bürger nicht manipulieren, sondern lieber überzeugen.

Jetzt gibt ein Experiment aus Bayern einen Einblick darin, wie solche Maßnahmen aussehen könnten. Dort hat die evangelische Kirche mit Hilfe von vier Verhaltensforschern ausprobiert, wie sie mehr Kirchenmitglieder dazu bringen kann, ihr Kirchgeld ehrlich zu zahlen. Die Forscher haben dafür kürzlich einen Ökonomenpreis bekommen.

Das Experiment fand schon weit vor den aktuellen Debatten um die Kirchensteuer auf Kapitalerträge und die folgenden Kirchenaustritte statt. Das Kirchgeld ist eine Steuer, die offiziell – wie die Kirchensteuer – auch vom Einkommen abhängt, aber von den Kirchenbezirken vor Ort selbst eingetrieben wird. Dabei verlässt sich mancher Kirchenbezirk bisher darauf, dass die Mitglieder ihr Einkommen richtig angeben, ohne das beim Finanzamt nachzuprüfen. Diese Mühe machen sich viele Kirchenbezirke nicht. Dafür bitten sie ausdrücklich darum, dass die Mitglieder mehr Kirchgeld bezahlen, als sie müssen – das werten sie dann wie eine Spende.

Einfach den Kirchgeld-Brief neu formulieren

Die Forscher haben nun doch einmal geguckt, wie es um die Zahlungsmoral der Kirchgeld-Zahler steht. Und die war gar nicht gut. Nur jeder fünfte zahlte freiwillig den richtigen Betrag an Kirchgeld, fast drei Viertel zahlten überhaupt nichts. Doch das war noch ohne die Ideen der Verhaltensforscher. Ein Forscherteam dachte sich zwölf verschiedene Kirchgeld-Erinnerungsbriefe aus und schickten die zufällig verteilt an die Kirchenmitglieder. Das Team bestand aus Nadja Dwenger vom Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, Henrik Kleven von der London School of Economics, Imran Rasul vom University College London und Johannes Rincke von der Universität Erlangen-Nürnberg. Mal drohten sie mit Kontrollen in unterschiedlichem Ausmaß, mal versprachen sie Geldpreise oder öffentlichen Dank für die Kirchgeld-Zahler, und mal informierten sie dir Kirchenmitglieder nur darüber, wie viel Kirchgeld im Durchschnitt gezahlt wird.

Das Ergebnis war deutlich: Das meiste Kirchgeld brachten weder die Kontrollen noch die Preise oder das öffentliche Lob, sondern schon eine einfache Umformulierung des Erinnerungsbriefs, der die Kirchgeld-Zahler daran erinnert, dass die Zahlung nicht freiwillig, sondern gesetzlich vorgeschrieben ist. Viele Leute, die sonst nichts gezahlt hätten, hatten plötzlich eine deutlich bessere Steuermoral.

Preise für gute Steuermoral können dagegen kontraproduktiv sein. Zwar überweisen die treuen Zahler dann gelegentlich noch ein bisschen mehr. Doch es gibt auch die Leute, die vorher schon zu wenig überwiesen haben. Die scheinen sich in dem Gefühl bestätigt zu sehen, dass das Kirchgeld sowieso nicht richtig verpflichtend ist – und zahlen manchmal gar nichts mehr.

Die Kirchengemeinde jedenfalls hat aus dem Experiment gelernt und inzwischen ihren Brief umformuliert.

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1 Lesermeinung

  1. Kirchensteuer
    Verhaltensökonomie, falsch angewandt, führt zu kontraproduktiven Ergebnissen. Das zeigt die Kirchensteuer auf Kapitalerträge. Da dachten die kirchlichen Oberschlaumeier, es sei besser, wenn die Steuer automatisch von den Banken an die Bistümer abgeführt wird – Der Gedanke war: machen wir es also wie in den amerikanischen Pensionsplänen bei Case/Sunstein mit opting-out, das ist unmerklicher, also besser, als wenn jeder jedes Jahr die Steuer von seinen Kapitalerträgen abziehen muss. er Gedanke ist richtig. Was Kirchens nicht bedacht haben war die Umstellung auf das unmerkliche Verfahren. Da haben die Leute erst gemerkt, dass die Kirche auch auf die Spekulanten scharf ist – und wurden ziemlich bockig.

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