Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Bachmanns Konferenzgeflüster (3): Was Sie schon immer über Makro wissen wollten

| 3 Lesermeinungen

Rüdiger Bachmann© privatRüdiger Bachmann

Gesamtwirtschaftliche Analysen sind von erheblicher Bedeutung für die Wirtschaftspolitik. Der Makroökonom Rüdiger Bachmann (University of Notre Dame) spricht mit Johannes Pennekamp über die Arbeit am neuen Handbook of Macroeconomics, die Leidtragenden von Rezessionen und blinde Flecken in der Forschung.

 

Herr Bachmann, dieses Mal berichten Sie von einer Konferenz, die es so in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich nicht mehr geben wird. Worum geht es?

Im Herbst 2014 wurde bekannt, dass ein neues Handbook of Macroeconomics herausgegeben werden soll, und zwar von einem der ursprünglichen Herausgeber, John Taylor aus Stanford, und dem deutschen Makroökonomen Harald Uhlig, der seit 2007 an der University of Chicago lehrt und forscht. Wie bei solchen Anlässen üblich wurden zwei wissenschaftliche Konferenzen angesetzt, eine in Stanford , eine in Chicago , um die bestellten Beiträge auch in der wissenschaftlichen Gemeinschaft vor der Drucklegung diskutieren zu können. Ich war zu der Chicagoer Konferenz als Diskutant eingeladen.

Das erste Handbuch erschien 1999, seitdem ist in Wissenschaft und Praxis viel passiert…

Ja, die Idee war, dass nach 15 Jahren – nach dem Ende der sogenannten Großen Moderation, der Finanzkrise, der Großen Rezession, der Eurokrise und der nur sehr langsamen Erholung des wirtschaftlichen Geschehens in jedenfalls den entwickelten Volkswirtschaften, die von der Wissenschaft mit vielen neuen Ideen und Papieren begleitet wurden -, es doch an der Zeit sei, diese neueren Entwicklungen zusammenzufassen und sowohl Bilanz zu ziehen, als auch die bestehenden Lücken des ökonomischen Wissens aufzuzeigen.

Wie unterscheiden sich die beiden Ausgaben?

Wenn man sich die Inhaltsverzeichnisse der beiden 15 Jahre auseinanderliegenden  Handbücher anschaut, so ergeben sich doch interessante Tendenzen und Trends, die übrigens wieder einmal belegen, wie innovationsfreudig und plural und gar nicht monolithisch und starr die sogenannte akademische Mainstreamforschung in der Volkswirtschaftslehre ist. Natürlich bleiben die Klassiker: Die Makroökonomik denkt nach wie vor über aggregierte Fluktuationen und die Determinanten des langfristigen Trendwachstums nach. Auch der Arbeitsmarkt sowie Preis- und Lohnrigiditäten spielen in beiden Handbüchern eine wichtige Rolle. Die Politische Ökonomik bekommt in beiden Büchern ein Kapitel. Aber Dinge wie die Lagerhaltung und ihre Fluktuationen, die in der traditionellen Konjunkturforschung eine große Rolle spielten und denen im alten Handbuch noch ein ganzes Kapitel gewidmet waren, spielen heute keine Rolle mehr. Dafür wird dem ganzen Komplex des Immobilienmarktes und seiner makroökonomischen Bedeutung jetzt breit Raum gegeben.

Und was ist mit dem Einfluss des Finanzmarktes, der ja in den vergangenen Jahren stark in den Fokus gerückt ist?

Der ganze Bereich der Verbindung zwischen realwirtschaftlichem und finanzwirtschaftlichem Sektor wurde natürlich aufgewertet. Diesem Bereich sind jetzt gleich mehrere Kapitel gewidmet, es gibt auch eines mit historischen Betrachtungen.  Man sollte aber durchaus betonen, dass über Finance auch schon 1999 nachgedacht wurde, was aber damals in der Makroökonomik noch eher in den Kinderschuhen steckte. Was auch deutlich stärker hervortritt. sind die Berücksichtigung  von Mikrodaten und von mikroökonomischer Heterogeneität, Themen, deren Bedeutung für die Makroökonomik auch ich hier auf FAZIT immer wieder betont habe .

Haben es auch völlig neue Themen in das Handbuch geschafft?

In der Tat: Family Macroeconomics, das von den beiden deutschen Makroökonomen Michele Tertilt (Mannheim) und Matthias Doepke (Northwestern University) vorgestellt wird – dort geht es unter anderem um die Frage, wie sich ändernde Familienstrukturen uns dabei helfen können, makroökonomische Phänomene wie den Konjunkturzyklus, Wachstum oder Verteilung besser zu verstehen. Ein Beispiel: Wenn es wahr ist, dass immer stärker sozioökonomisch ähnliche Partner heiraten, dann wird das fast mechanisch die Ungleichheit einer Gesellschaft erhöhen. Andere neue Themen sind Environmental Macroeconomics und Uncertainty and Macro, letzteres ein Thema, mit dem auch ich mich sehr beschäftigt habe. Interessant ist auch das Kapitel Natural Experiments in Macroeconomics von ebenfalls zwei deutschen Ökonomen Nicola Fuchs-Schündeln (Frankfurt) und Tarek Hassan (University of Chicago), in dem es letztlich darum geht, unvorhergesehene und unvorhersagbare geschichtliche, politische oder auch natürliche Ereignisse dazu auszunutzen, die Wirkungen von bestimmten Veränderungen im wirtschaftlichen Umfeld genau zu studieren; die deutsche Wiedervereinigung ist hier ein klassisches Beispiel.

Sie haben eingangs die Lücken selbst erwähnt, die im ökonomischen Wissen existieren. Werden solche „blinden Flecken“ offensiv angegangen und Versäumnisse der Vergangenheit auch klar benannt?

Ersteres ja, wie gesagt Finance ist jetzt überall drin, es gibt auch in den USA jetzt neue Versuche, bessere Konsumdaten zu generieren, etc. Letzteres ist halt einfach nicht der Stil der Oekonomen – bei uns ist man akademisch eher dadurch erfolgreich, dass man aktiv, positiv und zukunftsgerichtet etwas besser zu machen versucht, als dass man negativ und vergangenheitsbezogen nur noelt. For better or for worse: Das ist die Fachkultur.

Und was war Ihre Rolle in Chicago?   

In meiner Diskussion ging es um das Papier “Who Bears the Cost of Recessions? – The Role of House Prices and Household Debt” von Atif Mian (Princeton) und Amir Sufi (University of Chicago) unter der Rubrik “Household and Firm Credit Flows”. Wie oft bei einem Handbuch-Artikel wurde von den beiden Autoren eine Mischung aus Literaturüberblick und Vorstellung eigener Forschungsergebnisse gewählt. Was Einkommen angeht, ist die Datenlage recht gut und zumindest für die Vereinigten Staaten lässt sich ziemlich sicher zeigen, dass einkommensschwache Personen tendenziell stärker unter einer Rezession leiden, jedenfalls wenn man deren Einkommen vor Steuern und Transfers betrachtet. Allerdings zeigt sich auch für die letzten beiden Rezessionen in den Vereinigten Staaten, die um 2001 und die Große Rezession, dass besonders hohe Einkommen auch sehr stark prozentual sinken in einer Rezession.

Und die Sorgen der Mittelschicht?

Dass die Mittelklasse angeblich besonders stark von Konjunktureinbrüchen betroffen ist, sieht man in den Daten nicht. Das muss allerdings nicht heißen, dass es in der langen Frist keine Erodierungsphänomene bei der Mittelschicht gibt. Es ist aber eine interessante offene Forschungsfrage, wie beide Befunde zusammenpassen.

Und was passiert mit dem Konsum und dessen Verteilung in  starken Rezessionen?

Hier ist die Datenlage leider schwächer, obwohl Konsum natürlich die wichtigere Kenngröße im Vergleich zur Größe Einkommen ist. Das ist auch der Grund, aus dem die Autoren dazu aufrufen, für eine bessere Mikrodatenlage beim Konsum zu sorgen. Hier scheint es so zu sein, dass besonders Personen mit hohem Konsum vor der Rezession einen prozentual hohen Konsumeinbruch haben während der Rezession, es also mitnichten so klar ist, dass besonders die Ärmsten in der Bevölkerung auch konsummäßig die größte Last tragen. Als weiterhin gut etabliert gilt die Tatsache, dass Massenentlassungen in einer Rezession zu besonders negativen und lang andauernden Effekten für die Betroffenen auf dem Arbeitsmarkt führen; ebenso weiß man ziemlich gesichert, dass ein Uniabschluss während eine Rezession selbst Jahre nach Beendigung dieser Rezession zu negativen Folgen für die Beteiligten führt, verglichen mit einem Uniabschluss in wirtschaftlichen Normalzeiten.

Der erwähnte Beitrag von Mian und Sufis hat sicherlich einen aktuellen Bezug?

Mian und Sufis eigener Beitrag besteht zunächst einmal darin, sauberere Konsumdaten als in den existierenden Surveys zu etablieren, in dem zum Beispiel Kreditkartendaten massenhaft ausgewertet werden. Ihr Interesse ist es dabei hauptsächlich nachzuvollziehen wie Hauspreisbooms vor der Großen Rezession zu einer Anhäufung von Schulden bei den privaten Haushalten geführt haben, und dieselben Haushalte dann auch von der Häuserkrise am stärksten betroffen waren und ihren Konsum am massivsten einschränken mussten. Mian und Sufi machen das, indem sie regionale Unterschiede in den USA in den Immobilienpreisverläufen ausnutzen und diese dann mit den regional unterschiedlichen Konsumeinbrüchen korrelieren.

Was ist der Befund?

Der Befund ist ganz klar: Die Regionen, die aufgrund von Hauspreisbooms am stärksten Schulden angehäuft hatten und die Regionen, deren Hauspreise am stärksten einbrachen, diese Regionen hatten auch den höchsten Konsumeinbruch.

Und, hatten Sie an dieser Analyse oder der Methode der Forscher etwas  zu meckern?

Die Leser dieser Kolumne wissen, dass ich ein großer Anhänger dieser Art von mikro-empirisch fundierten Makroökonomik bin. Dennoch muss ein Diskutant natürlich ein paar kritische Punkte machen. Für die deutschen Leser ist in diesem Zusammenhang interessant: Die internationale Dimension kommt in dem Artikel bisher noch zu kurz; sind die oben genannten Fakten tatsächlich auch in anderen Ländern zu sehen oder nicht? Hier gibt es noch jahrelange Arbeit zu tun und viele Dissertationen zu schreiben. Ich finde auch, dass man über den Konsum als nutzenstiftende Größe hinausdenken muss – wie sind Dinge wie Freizeit, Gesundheit, Bildung, politische Partizipation, etc. verteilt in einer Rezession? Hier ist die Datenlage natürlich noch dürftiger. Ein weiterer Kritikpunkt war, dass trotz des anders lautenden Überthemas Firmen und ihre Kreditbeziehungen gar nicht vorkommen. Ich würde wetten, dass man die Geschehnisse der letzten Jahre nicht verstehen wird ohne eine Betrachtung des Produktionssektors der Ökonomie und seiner Beziehungen zum Finanzsektor. Und zum Schluss noch eine etwas philosophische Perspektive – auch ich spreche mich wie gesagt sehr für eine mikro-empirisch fundierte Makroökonomik aus, aber es ist letztlich, wenn wir ehrlich sind, noch nicht abschließend geklärt, was man als Makroökonom und zum Beispiel als makroökonomischer Politikentscheider wirklich lernen kann, wenn man zum Beispiel in den Mikrodaten findet, dass Regionen mit hoher Verschuldung am stärksten vom Immobilienpreiseeinbruch betroffen sind – was lernt man daraus für eine Situation, wenn im ganzen Land die Immobilienpreise einbrechen und es dann allgemeine Gleichgewichtseffekte über Preisreaktionen und dann auch stabilisierungspolitische Reaktionen gleich mit gibt. Diese Frage ist noch nicht abschließend geklärt. Da wartet noch mehr Stoff zum Erforschen.

 

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Die ersten beiden Teile von „Bachmanns Konferenzgeflüster“ sind hier und hier erschienen.

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3 Lesermeinungen

  1. Ein Bericht von John Taylor mit Fotos
    John Taylor hat einen Bericht auf seiner Homepage mit Fotos der Teilnehmer an den beiden Konferenzen:

    http://economicsone.com/2015/05/06/surprising-findings-at-the-macro-handbook-conferences/

    Auf dem Foto aus Chicago steht unser Autor Rüdiger Bachmann etwas rechts von der Mitte. Rechts neben ihm (aus der Perspektive des Betrachters) ist Harald Uhlig, neben Uhlig Nobuhiro Kiyotaki. John Taylor steht ganz unten rechts, zwei Plätze links von ihm Amir Sufi. Links oberhalb von Bachmann befindet sich der Nobelpreisträger Lars Hansen, etwas weiter links Markus Brunnermeier. Zwei Reihen unter Brunnermeier findet sich Volker Wieland, ein wenig verdeckt durch Michele Tertilt.

  2. Was ich schon immer über Makro wissen wollte
    Haben sich die Wirtschaftswissenschaften mit dem paradigmatischen Wechsel der Deutschen Bundesbank auseinandergesetzt, der in Folge der Finanzkrise 2007 zu einer elementaren veränderten Darstellung des Geldschöpfungsprozesses führte? Zu den Details siehe hier: http://blogs.faz.net/fazit/2015/04/17/wenn-ungleichheit-zur-wachstumsbremse-wird-5696/#comments

    LG Michael Stöcker

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