Home
Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Was, wenn Roboter uns das Denken abnehmen?

| 18 Lesermeinungen

Müssen wir bald nicht mal mehr selber Geige spielen?© AFPMüssen wir bald nicht mal mehr selber Geige spielen?

Wird das Denken bald wertlos? Können Menschen sich bald nicht mehr für die Leistung ihres Gehirns bezahlen lassen? Ein Roboterkenner hält das für eine realistische Entwicklung, und zwar bald.

Früher habe Technik die menschliche Muskelkraft ersetzt und deren wirtschaftlichen Wert verringert. Doch demnächst könnte das auch mit dem Denkvermögen so kommen. „Wenn es mit den Gehirnen so weitergeht wie mit den Körpern, welcher Wert wird den Menschen dann bleiben?“, fragt der Roboter-Entwickler Gill A. Pratt in einem Beitrag für das „Journal of Economic Perspectives“.

Diesmal könnte es anders sein

Pratt ist nicht irgendjemand. Kaum jemand auf der Erde kennt den Stand der Roboter-Entwicklung besser als er. Seit fünf Jahren leitet Pratt das Roboter-Programm im amerikanischen Militärforschungszentrum „Darpa“, in dem einst der Vorläufer des Internets entstand. Pratt hat einen der wichtigsten Roboter-Wettbewerbe der vergangenen Jahre organisiert. Demnächst gibt er seinen Posten auf, doch vorher betont er: Die Entwicklung der Roboter geht deutlich schneller als gedacht. Niemand könne genau sagen, wann Roboter den kritischen Punkt überschreiten. Aber: „Die Fortschritte gehen sehr schnell und haben sogar Experten überrascht.“

Das kann auf dem Arbeitsmarkt noch große Probleme bringen, warnt Pratt. Auch er glaubt nicht an dauerhafte Massenarbeitslosigkeit. Pratt verweist darauf, dass die Wünsche der Menschen schon in früheren technischen Revolutionen nicht gestillt werden konnten – die Menschen hätten schon immer unterschätzt, wie unersättlich sie sind. Wenn neue Technik Produkte billiger und Menschen arbeitslos macht, fänden sich bald neue Wünsche, für die gearbeitet werden müsse. „Doch dieses Mal könnte es anders sein“, schreibt er in einer Anleihe an den alten Spruch, der schon die eine oder andere Spekulationsblase ausgelöst hat.

Der Informatiker sieht zwei Unterschiede zu früheren Entwicklungen:

Erstens könnten die Roboter schneller eingeführt werden, als sich die Menschen umstellen können. Die Folge wäre Massenarbeitslosigkeit in der Zwischenzeit – und eine polarisierte Verteilung des Arbeitseinkommens: In Pratts Überlegungen verdient eine Minderheit sehr viel, während die Mehrheit kaum noch Verdienstchancen hat.

Zweitens könnte es dieses Mal passieren, dass Roboter anschließend für fast alle Aufgaben besser sind als Menschen.

Warum sich Roboter so schnell entwickeln

Acht Techniken sind laut Pratt gleichzeitig zusammengekommen und haben die Roboter bis heute schon überraschend schnell verbessert. Dazu gehören nicht nur schnellere Computerchips, sondern auch Fortschritte in der Elektromechanik und in der Batterie-Entwicklung. Auch das Internet hilft: Roboter sind inzwischen fast überall mit der ganzen Welt verbunden. Wenn ihr Speicherplatz oder ihre Rechenleistung nicht reicht, bekommen sie Hilfe im Netz.

Bisher haben Roboter laut Pratt noch Schwierigkeiten damit, Dinge zu lernen, die ihnen ihre Erbauer nicht auf einem strukturierten Weg beigebracht haben. Doch das ändert sich gerade. Tatsächlich gibt es schon Roboter, die sich selbständig Computerspiele beibringen, indem sie ausprobieren, wie sie am meisten Punkte bekommen. In nächster Zeit werden die Roboter noch viel lernfähiger, glaubt Pratt. Dabei könnten sich die Roboter zunutze machen, dass sie über das Internet miteinander verbunden sind und von den Erfahrungen der anderen lernen können – nicht nur von den anderen Robotern, sondern auch von den Menschen, die täglich Millionen Minuten an Videos ins Internet stellen.

Was wird dann aus dem Menschen?

Pratt ist kein Ökonom. Doch auch er denkt darüber nach, wie sich der Arbeitsmarkt wieder stärken lässt. Er hofft auf zwei Wege, auf denen Menschen auch in der Konkurrenz zu Robotern Geld verdienen können. Auf dem ersten dient die Musik als Vorbild. Das einzelne Lied ist wegen der Digitalisierung schon ziemlich billig geworden, aber für Konzerte geben die Menschen nach wie vor Geld aus. Das nimmt er als Beispiel dafür, dass Dienstleistungen von Menschen auch in Zukunft beliebt bleiben können.

Zweitens, sagt Pratt, würden die Vorlieben der Menschen immer mehr wert. Wenn ihre Muskelkraft und ihre Denkleistung an Wert verliere, könnten sie vielleicht Geld bekommen, indem sie ihre Vorlieben den Werbekunden offenbaren.

Unabhängig davon, ob man das überhaupt will: Die Unternehmen werden überhaupt nur dann für die Information zahlen, wenn die betroffenen Leute Leute auch Geld zum Ausgeben haben. Und wo soll das herkommen? Pratt macht die Verteilungsfrage auf. Wenn jeder Mensch einen Roboter hätte, der für ihn zur Arbeit geht, müsse kein Mensch mehr arbeiten – und alle Probleme wären kleiner. Wie er das allerdings mit sinnvollen Mitteln erreichen will – diese Überlegung bleibt Pratt schuldig.

____________________________________

Das Blog finden Sie unter http://www.faz.net/fazit und auf:
Fazit-Blog auf Twitter Fazit-Blog auf Facebook

Der Autor auf:

40

18 Lesermeinungen

  1. Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen
    es wird bleiben so wie immer: Diejenigen, die noch etwas vom Denken halten, werden im Vorteil vor anderen sein. Diejenigen die sich NUR auf die Roboter verlassen, stehen ohne diese hilflos wie ein Unmünidger da. Sieht man ja heute schon bei Leuten, die ohne Navi sich nicht in ihrer eigenen Stadt auskennen.

  2. Johann Wolfgang von Goethe, Faust: Der Tragödie zweiter Teil
    Homunculus
    Laßt mich an eurer Seite gehn.
    Mir selbst gelüstet’s, zu entstehn!

    Nereus
    Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen
    Will unseren Augen sich offengebaren?
    Was flammt um die Muschel, um Galatees Füße?
    Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße,
    Als wär‘ es von Pulsen der Liebe gerührt.

    Thales
    Homunculus ist es, von Proteus verführt. . .
    Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,
    Mir ahnet das ächzen beängsteten Dröhnens;
    Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron;
    Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon.

  3. Morgen ist schneller da als gestern
    Wer die technische Entwicklung der letzten 150 Jahre einfach – ok, fragwürdig – extrapoliert, dürfte schnell Horrorvisionen bekommen. Über der Zeitachse sieht man eine Umsetzung der Naturwissenschaften in einer recht progessiven Form. Sicher wäre es zu sedierend, eine Art exponentieller Vergangenheit zu verharmlosen oder gar einen Abbruch für die Zukunft zu erwarten. Die Hoffnung besteht in der Entwicklung von Techniken, die sich auf unseren Planeten insgesamt konzentrieren. Die bestehen in Umweltschutz und Versorgung der Menschen. Luft,Wasser, Land – dort liegen die ganz großen Probleme einer immer noch heftig wachsenden Menscheit. Weiterhin in der Ernährung, Bekleidung, Bewohnung; und das eben auch in Bereichen, die derzeit nicht dafür genutzt werden können.

    Aber das ökonomische System ist dafür bei weitem nicht gerüstet. Malthus hilft da überhaupt nicht weiter. Die Ansätze von Marx und Engels allerdings ebensowenig. Und was nun? Ich sehe nur einen Weg: Wir werden alle Kapitalisten. Anteilseigner von Betriebsvermögen, welches uns Einkünfte sichert. Ohne persönlichen Arbeitseinsatz entsteht aus rein technischer Produktion über Roboter das, was an Konsum und Investition benötigt wird. Utopie? Wieviel Menschen sind denn heute noch an der Erzeugung von Kartoffeln und Bohnen und Autos wirklich beteiligt …

    Viel schwieriger wird das daraus folgende Dilemma – was fangen Menschen an, wenn sie nicht mehr arbeiten müssen/dürfen? Die „Rente“ mit 15 dürfte uns richtige Sorgen bereiten.

  4. Wenn ich an die vielen...
    … Gesetze denke, die unsere Parlamentarierer erlassen haben und sich zu Deppen oder Nichtdenkern machten, weil anschliessend das BVG die Gesetze kassierte, dann schreit es doch förmlich danach, dass denkende Roboter denen das, was sie nicht können abnehmen. Dann ist das Denkenabnehmen eine tolle Idee.

  5. Warum machen solche Artikel kurz vor dem Offensichtlichen Schluss?
    Das Offensichtliche ist doch die Frage, warum die Entwicklung gerade dann stehenbleiben sollte, wenn die „Roboter“ so gut wie Menschen denken können? Allerspätestens das Militär dürfte dafür sorgen, dass die Entwicklung der eigenen „Roboter“ im Konkurrenzkampf gegen die der anderen dann noch weiter geht…

    Und so schliesst sich in ganz natürlicher Weise die Frage an, warum diese „Roboter“ sich noch irgendeinem Menschen oder menschlichen System unterordnen sollen. Und genau diese Frage wird fast schon tabuisiert, denn anders kann ich das sich-Wegdrücken davor nicht nennen.

    Man muss gewiss kein Schwärmer für holzschnittartige Filme wie „Terminator“ sein, um beunruhigt zu sein. Der äusserst diesseitige Technologieunternehmer Elon Musk hat gesagt, dass er die KI als die grösste Bedrohung für die Menschliche Art ansieht, die es je gegeben hat. Und er sieht diese Bedrohung schon in den nächsten 50 Jahren kommen.

    Sind wir grosszügig, und machen reservehalber aus den 50 Jahren aus 200 Jahre, oder von mir aus auch noch mehr, um Mäklern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

    Und dann?

    Man mag hier wirklich nicht weiterdenken… Aber gedankliches Wegducken gelingt auch dann nur allenfalls mit der Klausel „nicht mehr zu meinen Lebzeiten“…

  6. "Das kann auf dem Arbeitsmarkt noch große Probleme bringen, warnt Pratt."
    Das ist dann allerdings eine politische, und keine technische Frage. Erwirtschaftet wird ja dann nicht weniger. Die Frage, wie man das dann verteilt, da wird’s erst richtig spannend.

  7. Wenn die Produktivkraefte dann so weit entwickelt sind,...
    … das eigentlich niemand mehr arbeiten muesste und es auch nicht kann, wird es wohl notwendig werden, wieder ueber eine Form der gesellschaftlichen Organisation nachzudenken, in der niemand mehr einen Arbeitgeber braucht. Der Kapitalismus ist dann jedenfalls vorbei. Und es ist nicht die Aufgabe der Robotik, dieses Problem zu loesen.

    • Der Kapitalismus vorbei?
      Das halte ich dann doch für eine realitätsferne Aussage. Was tatsächlich passieren könnte: Haushalte (Also wir) dominieren ja bisher die den Konsum und den Verkauf von Arbeitskraft (in der VWl „Faktoren“) in der Wirtschaft. Vor allem den Verkauf des Faktors arbeiten könnten wir einbüßen. Sprich ohne Arbeit wären wir dann ohne Einkommen und könnten nicht mehr konsumieren. Ein Zusammenbruch des Kapitalismus wie sie ihn sicherlich angedacht haben.

      Sie denken dabei ja aber nur im System wie es heute vorherrscht. Was wäre denn wenn die Mehrheit der Menschen jetzt Unternehmen, Genossenschaften gründet oder 3D-Drucker kauft. Sprich was wenn man sein Einkommen nicht mehr aus Arbeit bezieht sondern durch den Bseitz eines kleinen Unternehmens. Dann hat sich der Kapitalismus ganz flott gewandelt und existiert eben doch noch.

      Und nebenbei halte ich dieses Szenario für wahrscheinlicher als das Entstehen komplett neuer Wirtschaftsformen. Eben genau aus dem Grund weil die Mittel und Wege für diesen Kapitalismus ja schon da sind und auch begangen werden. Je mehr man dabei übrigens mit Menschen kooperiert desto schneller gehts.

      Sie können ja z.B. in einer dieser schicken neuen 4.0 Fabriken Ketschup herstellen lassen und in ihrer Stadt verkaufen, vielleicht zuerst an Bekannte, Freunde, später an mehr. Sie können irgendwann auch mit anderen Verkäufern gemeinsam die 4.0 Fabrik aufkaufen oder selbst eine Bauen. Oder sie machens per Genossenschaften oder was Ihnen gerade so in den Sinn kommt. Die Möglichkeiten sind da unerschöpflich. Das lässt sich übrigens auf nahezu jedes Produkt erweitern.

      Alles in Allem wäre das sogar ein Schritt den man vor 50 und mehr Jahren schon hätte gehen können. Denn er ist von der Technik relativ unabhängig.

  8. Automatisierungsdividende
    Die Technikphilosophen sollten über den Tellerrand schauen und außerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen denken.

    Zum Beispiel werden die Staaten glaube ich das ihrige tun wenn auf einmal die wichtigste und (oder vlt weil) am wenigsten mobile Steuerquelle – nämlich die Steuern auf Lohnarbeit – versiegt.

    Könnte in jedem Fall spannend werden…

  9. Pingback: Kleine Presseschau vom 14. August 2015 | Die Börsenblogger

  10. Was, wenn Roboter uns das Denken abnehmen?
    Das wäre doch wunderbar für Deutschland! Es bekäme endlich eine rationale Fiskalpolitik & wir könnten uns angenehmeren Dingen zuwenden als uns über Schäuble zu ärgern ;-)

    Ps: Ich würde dann nur noch die FAZ für Roboter lesen ;-)))

Kommentare sind deaktiviert.