Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Alter Wein in neuen Schläuchen: Geld entsteht aus Kredit

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Für manche Zeitgenossen ist die (Buch-)Geldproduktion von Geschäftsbanken durch Kreditvergabe ein skandalöser Aspekt unseres Geldsystems. Tatsächlich ist das Thema theoretisch wie praktisch sehr alt. Wir erinnern an frühe Ökonomen, darunter an Joseph Schumpeter, der von der „Kredittheorie des Geldes“ sprach.

 

Unsere unvollständige Spurensuche beschränkt sich auf vier Namen.


Alexander Hamilton (1755 bis 1804)

Alexander Hamilton zählt zu den Verfassungsvätern der Vereinigten Staaten von Amerika. Er amtierte auch als Finanzminister. Hamilton hat sich als Buchautor mit politischen und ökonomischen Fragen befasst: von ihm stammt keine theoretische Behandlung der Buchgeldschöpfung durch Kredite, wohl aber eine konkrete Beschreibung des Vorgangs. Das nachfolgende Zitat findet sich in seinem 1790 erschienenen „Report on a National Bank“: „Every loan which a bank makes, is, in its first shape, a credit given to the borrower on its books, the amount of which it stands ready to pay, either in its own notes, or in gold or silver, at his option. But in a gerat number of cases, no actual payment is made in either. The borrower frequently, by a check or order, transfers his credit to some other person, to whom he has a payment to make; who, in his turn, is as often content with a similar credit, because he is satisfied that he can, whenever he pleases, either convert it into cash, or pass it to some other hand, as an equivalent for it. And in this manner the credit keeps circulating, performing in every stage the office of money, till it is extinguished by a discount to some person who has a payment to make to the bank, to an equal or greater amount.“

 

Henry Dunning Macleod (1821 bis 1902)

„A bank, therefore, is not an office for borrowing an lending money: but it is a manufactury of credit“, schrieb der schottische Ökonom Henry Dunning Macleod in seinem Buch „The Theory and Practise of Banking“ (1883). Und er gelangte zu dem Schluss: „Deposits are nothing but banknotes in disguise.“ Macleod wird mit mehreren Schriften als Urvater der „Kredittheorie des Geldes“ betrachtet, wie Schumpeter sie nannte. In seiner posthum veröffentlichten Theoriegeschichte urteilte Schumpeter über den Schotten: „Trotzdem hat aber der erste – wenn auch nicht ganz erfolgreiche – Versuch zur Ausarbeitung einer systematischen Theorie, die den Fakten des Bankgeschäfts gerecht wird, nur wenig Beachtung gefunden, die kaum als wohlwollend bezeichnet werden kann; er wurde von Macleod unternommen … Macleod war ein Ökonom, der sich viele Verdienste erworben hat, der jedoch nicht anerkannt, ja sogar nicht ganz ernst genommen wurde, weil er nicht in der Lage war, seine vielen guten Ideen in eine fachlich akzeptable Form zu kleiden.“

 

Joseph Schumpeter (1883 bis 1950)

Banken, die durch Kreditvergabe Buchgeld schöpfen, spielen eine wesentliche Rolle in Joseph Schumpeters „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ (1912). Schumpeter ging aus von einer stationären Wirtschaft, wie sie Léon Walras beschrieben hatte, in der alle Ressourcen voll beschäftigt sind. In dieses Modell führte er seinen Helden, den innovativen Unternehmer ein, der für eine dynamische Entwicklung der Wirtschaft sorgt. Allerdings muss der Unternehmer seine Innovationen finanzieren und hierfür kamen nach Ansicht Schumpeters nur Banken auf dem Wege der Geldschöpfung für Kredite an die Unternehmen in Frage: „Kredit ist wesentlich Kaufkraftschaffung zum Zwecke ihrer Überlassung an den Unternehmer, nicht aber einfach Überlassung von vorhandener Kaufkraft … an ihn.“

Die Tätigkeit des innovativen Unternehmers besteht darin, Produktionsfaktoren neu zu kombinieren. Da annahmegemäß in der Ausgangssituation alle Produktionsfaktoren beschäftigt sind, müssen sie vom innovativen Unternehmer mit finanziellen Anreizen aus ihrer bisherigen Verwendung gelockt werden. Schumpeter hielt diese Investitionskredite der Banken für unproblematisch, da mit dem zusätzlichen Geld künftige zusätzliche Produktion finanziert wird. Der Verkauf dieser Produktion wird es den innovativen Unternehmern ermöglichen, die zur Tilgung der Kredite notwendigen Ersparnisse zu bilden.

In seinem Buch von 1912 beschreibt Schumpeter einen aus der Kreditvergabe der Banken und der Produktionsaufnahme innovativen Unternehmer sich ableitenden zweistufigen Konjunkturzyklus, den er in seinem Buch über Konjunkturzyklen (1939) zu einem vierstufigen Zyklus weiter entwickelt hat. Unternehmer und Banken sind miteinander verschränkt: Ohne die kreditgebenden Banken können die Unternehmer die Wirtschaft nicht aus ihrem stationären Zustand reißen, aber ohne die dynamischen Unternehmer bedürfte es überhaupt keiner kreditgebenden Banken.

 

L. Albert Hahn (1889 bis 1968)

Der Frankfurter Bankier und Ökonom L. Albert Hahn sorgte mit seiner 1920 erstmals erschienenen „Volkswirtschaftlichen Theorie des Bankkredits“ im deutschsprachigen Raum für erhebliches Aufsehen. Hahn hatte in der familieneigenen Bank erlebt, dass dort Kredite vergeben wurden, ohne dass die Kreditabteilung intern nachfragte, ob überhaupt Geld für die Kreditvergabe vorhanden sei. Damit hielt Hahn die alte Theorie, wonach eine Bank als Vermittler vorhandene Ersparnisse ausleihe, für untauglich. Vielmehr kam er zum entgegengesetzten Schluss: „Jede Geldschöpfung hat also die Wirkung einer Krediteinräumung.“ Und: „Wir behaupten, dass nicht das Passivgeschäft der Banken, insbesondere das Depositengeschäft das Primäre ist, sondern dass allgemein und in jedem einzelnen Falle ein Aktivgeschäft einer Bank vorangegangen sein muss, um erst das Passivgeschäft einer Bank möglich zu machen und es hervorzurufen.“ Hahn verband seine „Volkswirtschaftliche Theorie des Bankkredits“ mit der These einer immerwährenden Prosperität. Nach der Inflation von 1923 distanzierte sich Hahn zumindest zum Teil von seinen Ansichten; nach Ansicht Schumpeters hatte er sich mit seiner These einer immerwährenden Prosperität verrannt. Aus der neueren Literatur zu Hahn seien ein von Michael Hauck herausgegebenes Buch sowie ein Arbeitspapier von Harald Hagemann empfohlen.

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1) Der Hinweis auf Alexander Hamilton ebenso wie das Zitat entstammen einem alten dogmengeschichtlichen Werk – Valentin Fritz Wagner: Geschichte der Kredittheorien (Nachdruck 1966).

 

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5 Lesermeinungen

  1. Nun auch Steve Keen bei Forbes:
    „Mainstream economists will already be screaming at this point, because they believe in a fallacious model of money called “Loanable Funds” in which banks are just intermediaries and lending is a transfer of money between savers and lenders. They continue to believe this model even though the Bank of England has said very loudly that it is wrong.” http://www.forbes.com/sites/stevekeen/2015/08/26/why-china-had-to-crash-part-1/

    LG Michael Stöcker

  2. Titel eingeben
    Laß dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: »Lieber Freund, das mache ich schon seit zwanzig Jahren so!« – Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen. (Kurt Tucholsky)
    Leider keine Antwort auf die Frage, warum es so sein _muss_, sondern nur die Feststellung, dass es “ schon immer so war“.

    • Schon „immer“ war es natürlich nicht so
      In der Urgesellschaft und der Robinsonade, in der am Flussufer getauscht wurde, brauchte man kein Geld. Es war eine Tauschwirtschaft, in der unmittelbar Ware gegen Ware und/oder Arbeitskraft getauscht wurde. Das Geschäft war mit dem Tausch abgeschlossen. Aber irgendwann wurde dann doch die Anzahl der Tauschwilligen größer und auch die Gesellschaften wurden größer und komplexer. Aus einer primitiven Tauschwirtschaft wurde so im Laufe der Jahrhunderte eine hochproduktive Geldwirtschaft, in der bilaterale Kreditkontrakte mit individueller Schuld für kollektive Zahlungsvorgänge genutzt werden können.

      Warum hat sich das durchgesetzt? Weil Geld als soziale Verpflichtungsrelation (der Kreditkontrakt) in der Lage ist, Schuldverhältnisse endgültig zu beenden, obwohl man nicht das passende Tauschmittel hat. Geld basiert also auf einem Schuldverhältnis, ohne in der Hand des Besitzers selbst eine Schuld zu sein (ähnlich wie bei einem Wechsel). Es ist letztlich das Kreditverhältnis (=Schuldverhältnis), das dem Geld seine Kaufkraft verleiht, sofern der Schuldner in der Lage ist, diese Schuld in der Zukunft auch zu erfüllen (Leistungsdruck). Die Zeit ist eben auch beim Geld die wichtigste Dimension und verbindet die Gegenwart (heutiger Kreditkontrakt) mit der Zukunft (zukünftige Leistungserbringung). Für die formelle Durchsetzung solcher Schuldverhältnisse bedarf es allerdings einer rechtsstaatlichen Ordnung. Ist diese nicht existent, wird mit anderen Währungen (insbesondere USD) und/oder Gold bezahlt. Gibt es weder ausreichend Devisen noch Gold, dann kommen wieder umständliche Bartergeschäfte ins Spiel.

      Es muss also nicht so sein, wie Sie schreiben, es ist aber doch sehr nützlich, sofern man dieses kollektive Gut nicht missbraucht (parasitäre Finanzinnovationen, Kreditvergabe auf Basis zu laxer Bonitätsnormen etc.)

      LG Michael Stöcker

  3. Kredittheorie des Geldes + Griechenland
    „Die Deutschen haben gespart, waehrend die Griechen Schulden aufgenommen und in Saus und Braus gelebt haben. Die Griechen sollen ihre Schulden also zurueckzahlen — das ist nur fair!“ Diese platte These zieht nicht mehr, wenn Geld ex nihilo entstehen kann. Dem griechischen Konsum steht nicht mehr notwendigerweise deutscher Verzicht gegenueber, denn die Bilanzverlaengerung der deutschen Banken haette auch ohne deutsche Konsumflaute stattfinden koennen. Wenn Geld aus dem Nichts entsteht, wird das moralische Argument fuer die Rueckzahlung der Schulden schwaecher, darauf werden die Oekonomen der FAZ ihre Leser sicherlich aufmerksam machen.

    • Errare humanum est
      Sie unterliegen hier einem großen Irrtum. Es entsteht kein Geld aus dem Nichts. Es entsteht Giralgeld auf der Basis eines Kreditkontrakts. Und solche Kontrakte haben einen Erfüllungsgegenstand. Und dieser Erfüllungsgegenstand wird und kann durch einen Kreditvertrag nicht mitgeschöpft werden, denn dies wäre der Tatbestand der Geldfälschung! Vielleicht noch mal hier nachlesen: https://zinsfehler.wordpress.com/2014/04/01/geldmythen/ oder auch hier: https://zinsfehler.wordpress.com/2014/09/04/bankmythen/. Glauben und verbreiten Sie bitte nicht den Unsinn irregeleiteter Möchtegern-Aufklärungsseiten (Hörmann, Popp & Co.).

      Es gibt keine kollektive monetäre Ersparnis, da die Summe aller Nettogeldvermögen näherungsweise Null ist. Denn Geld entsteht auf Basis eines Kreditkontrakts. Eine monetäre Ersparnis kann es immer nur auf individueller Ebene geben. Der große Irrtum besteht eben darin, dass Banken Geld ‚verleihen‘. Dies ist und war aber schon immer falsch! Hans Gestrich schrieb hierzu bereits 1936 resignierend:

      „Es ist kaum etwas geschehen, was in seinen Voraussetzungen und Konsequenzen nicht schon von den modernen Kredittheoretikern durchdacht und auseinandergesetzt war. Jedoch die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit standen so lange abseits der praktischen Bankpolitik, als man in der Praxis mit den alten Vorstellungen glaubt auskommen zu können. Diese in der natürlichen Geistesträgheit der Menschen an sich schon hinreichend fest begründete Haltung wurde dadurch, daß die neue Anschauungsweise nicht allgemein, besonders nicht in der Wirtschaftspresse, anerkannt wurde, erheblich bestärkt. Obwohl längst vor der Kreditkrise des Jahres 1931 das Geld- und Kreditsystem de facto eine Gestalt angenommen hatte, auf die die hergebrachten Meinungen und Lehrsätze zu einem großen Teil nicht mehr anwendbar waren, hielt man an ihnen fest. Erst als die Krisis ein Eingreifen erforderte, wurde dieser Widerspruch zwischen Wirklichkeit und Lehrsätzen offenbar.“

      LG Michael Stöcker

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