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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Warum werden die Reichen reicher?

| 19 Lesermeinungen

In vielen Ländern wächst der Abstand zwischen Arm und Reich. Und die Superstars sahnen besonders kräftig ab.

Yachten für die Superstars.© AFPYachten für die Superstars.

Es passiert nicht oft, dass ein Trend sich überall auf der Welt so gleichmäßig niederschlägt wie der zur wachsenden Einkommensungleichheit. Die Einkommen von Reichen und Armen laufen auseinander, die hohen Einkommen wachsen schneller als die niedrigen, und zwar seit den achtziger Jahren, in den meisten Ländern der Erde. Nicht überall ist die Entwicklung gleich deutlich. In Frankreich begann sie erst in den neunziger Jahren, Deutschland wiederum hat den Trend seit den Hartz-Reformen des Jahres 2005 gebrochen. Aber es lässt sich kaum übersehen, dass sich in den vergangenen Jahren ein weltweiter Trend gebildet hat.

Ist das schlimm? Und wenn ja, kann man etwas dagegen tun? Diese Fragen sind hochgradig umstritten, und das liegt auch daran, dass noch niemand vollständig verstanden hat, woher der Trend kommt. Doch auf der Suche nach den Gründen sind die Wirtschaftsforscher inzwischen einen großen Schritt weitergekommen.
Auf die Suche gemacht hat sich auch François Bourguignon. Er war früher Chefökonom der Weltbank, die sich besonders um die Entwicklung in armen Staaten kümmert. Er hat die Ungleichheit auf der ganzen Welt angeguckt und stellt fest: Zwar wächst der Unterschied zwischen Arm und Reich in vielen Ländern der Welt, trotzdem schrumpft der Unterschied zwischen Arm und Reich auf der Welt. Dieser Satz klingt erst ein bisschen absurd, aber er ist der Schlüssel zum wichtigsten Grund für den Trend zur Ungleichheit.

Betrachtet man alle Weltbürger, dann schrumpft der Abstand

Es stellt sich heraus: Ungleichheit ist eine Frage der Betrachtung. Innerhalb der Staaten wächst der Unterschied zwischen Arm und Reich. Zwischen den Staaten schrumpft der Unterschied aber: Viele arme Länder haben in den vergangenen Jahren gegenüber den Industriestaaten aufgeholt. China ist nur ein Beispiel: Mag das Land gerade in der Krise stecken, der Wohlstand ist trotzdem viel größer als vor 30 Jahren. In Summe ist die Ungleichheit nicht gewachsen. Betrachtet man alle Weltbürger auf einmal, dann schrumpft der Unterschied zwischen den Einkommen von Arm und Reich schon seit 1990.

Die Folgerung ist einfach: Die Welt ist zusammengewachsen. Ländergrenzen werden durchlässiger, entsprechend können Menschen in Schwellenländern Arbeit übernehmen, die früher in Industrieländern gemacht worden wäre. All das bringt der Welt einen enormen Wohlstandsgewinn. Aber dieser Gewinn wird nicht entlang der Ländergrenzen verteilt. In reichen Ländern profitieren die gut ausgebildeten Leute überproportional, also steigen ihre Einkommen schneller. Die schlechter ausgebildeten wiederum konkurrieren mit den ehemals armen Menschen aus den Schwellenländern, die jetzt mehr Geld verdienen. Und diese setzen sich wiederum von den Leuten in den Schwellenländern ab, die von der Globalisierung nicht profitieren.

Welche Ungleichheit ist wichtiger: die innerhalb der Staaten oder die allgemeine auf der ganzen Welt? Bourguignon argumentiert: Beide sind wichtig. Die Ungleichheit auf der Welt ist wichtig dafür, dass es der Menschheit bessergeht und Menschen aus bitterer Armut kommen. Aber der gesellschaftliche Zusammenhalt bildet sich eher innerhalb eines Landes als auf der ganzen Welt. Und: Gewählt wird immer noch innerhalb der einzelnen Länder.

Und warum werden die Superstars reicher?

Doch es gibt ein Ungleichheitsphänomen, das sich so noch nicht erklären lässt. In vielen reichen Ländern steigen die Einkommen sehr reicher Menschen besonders schnell: die des obersten Prozents. Und innerhalb des obersten Prozents steigen wieder die Einkommen des obersten Prozents viel schneller als alle anderen.

Das nennt Bourguignon den „Superstar-Effekt“. Globalisierung und Technik machen es den besten Leuten einer Zunft leichter, überall auf der Welt Geld zu verdienen. Erfolgreiche Bands touren um die ganze Welt. Sie müssen sich nicht länger auf Europa und Amerika beschränken, sie finden auch in China und in Südamerika ein zahlungskräftiges Publikum. Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling verdient rund 300 Millionen Dollar im Jahr, weil Übersetzungen und Filmrechte viel mehr Geld bringen, als Autoren früher erwarten konnten. Dafür musste sie sich beim Schreiben nicht zusätzlich anstrengen.

Ähnlich ist es mit Topmanagern und Unternehmern. Hochspezialisierte Juristen und Banker können auf der ganzen Welt Geld verdienen. Wenn die Nachfrage nach ihren Diensten hoch ist, können sie ihre Gebühren und ihre Gehälter erhöhen. Dann kann der Chef ja nicht weniger verdienen als die Stars im Unternehmen. Doch auch für den Chef gilt, dass seine Entscheidungen wertvoller werden. Die Unternehmen wachsen, sie haben Fabriken und verkaufen ihre Produkte auf der ganzen Welt. Entsprechend hängt an den Entscheidungen viel mehr Geld als früher. Kein Wunder, dass es den Aufsichtsräten da in den Gehaltsverhandlungen nicht unbedingt auf Euro und Cent ankommt, wenn sie glauben, den Richtigen für die Stelle gefunden zu haben.
Diese theoretischen Überlegungen zum „Superstar“-Effekt, die Bourguignon in seinem Buch wiedergibt, sind fast gleichzeitig überprüft worden. Ein Forscherteam aus Frankreich und den Vereinigten Staaten hat mehrere ökonomische Modelle darauf getestet, ob sie zur tatsächlichen Entwicklung der Ungleichheit passen. Die Modelle, die die Unterschiede zwischen Arm und Reich am besten erklären konnten, waren die „Superstar“-Modelle.

Die Technik stört die Superstars nicht

Und was ist mit der Technik? Haben nicht auch Computer die Arbeit von vielen schlecht ausgebildeten Menschen ersetzt und so den Armen zusätzliche Schwierigkeiten gemacht? So einfach ist die Sache nicht. Ersten sind neue Stellen entstanden. Und zweitens gefährdet die Technik längst auch schon Berufe aus der Mittelschicht, sogar aus der Oberschicht. Inzwischen geht es vor allem darum, ob ein Mensch viel mit leicht automatisierbarer Routine beschäftigt ist – und solche Stellen gibt es in allen Einkommensschichten.

Trotzdem kann die Technik noch zu Superstar-Effekten führen. Immerhin gibt es Leute, die mit der neuen Technik ganz besonders gut umgehen können oder ihre Chancen besonders gut nutzen. SAP-Mitarbeiter verdienen ziemlich gut, und Mark Zuckerberg ist dank der Gründung von Facebook zum Milliardär geworden. Es wird ganz deutlich: Die Technik-Superstars sind wahrscheinlich auch noch in ein paar Jahren gut dabei.

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19 Lesermeinungen

  1. Pingback: Anti-Bullshit-Studium, Anleihemärkte, Reiche und evidenzbasierte Politik | Wirtschaftswurm

  2. Ganz im Gegenteil, Patrick Bernau, die Gewinner seit der industriellen
    Revolution sind die Faulen und die diejenigen mit begrenzter Intelligenz (TH). Dieses hat Gregory Clark in seinem Buch ,A Farewell to Alms, anhand von Daten aus UK, Holland und Frankreich klar bewiesen. Grüße, HP

    • Thema verfehlt!
      Ja, es regnet Manna für alle. Auch für diejenigen, die nicht das Glück hatten, gesund, intelligent und wohlhabend geboren zu sein. Aber das war hier nicht das Thema und der Matthäus-Effekt ist doch wohl keine Fiktion.

      LG Michael Stöcker

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 26. August 2015 | Die Börsenblogger

  4. Jenseits der Neiddebatte - wer Zugang zur Kreditfinanzierung hat, gewinnt, wenn die Zinsen
    niedrig sind. Ich wuerde gerne einen Faktor zur Diskussion stellen, der weder im Artikel, noch in den Kommentaren erwaehnt wird: die Moeglichkeit der 1%, durch Kreditfinanzierung auch in einer anderweitig zinslosen Situation zu profitieren. Dies ist nicht als Alleinerklaerungsargument gedacht, sondern als ein Faktor, der in die Debatte einfliessen sollte. Die Welt hat sich global entschlossen, Verluste fuer „Investoren“ nicht hinzunehmen, und diese ganzheitlich bei den lokalen Steuerzahlern abzuladen. Denn diese hohen Hebel, auch „leverage“ genannt, werden von den Akteuren, ob Banken, HedgeFonds und reichen Individuen nur eingegangen, solange die Zentralbanken diese riskanten Wetten wg. „too big to fail“ vor schmerzhaften Verlusten schuetzen. Und an diesen Maerkten, die eigentlich eher plansozialistische Steuerungsinstrumente sind, profitieren die o.g. Teilnehmer zu Lasten der „Normalos“. Diese Entwicklung wird von den Zentralbanken und von den lokalen Regulatoren – siehe Hill, der die hoeheren Kapitalanforderungen von Basel III – abschaffen will, sicher auch auf Druck der sehr gut geschmierten (Pun intended) Lobbymaschine, die auf Politiker trifft, die sich mit dem Argument „wir brauchen mehr Kredite zur Ankurbelung der Wirtschaft“ zu leicht einwickeln lassen. Und weil die Verluste weitraeumig sozialisiert werden, wird die Verteilung ungleicher.

  5. Auch wenn es vielen nicht gefallen mag, aber die Ursachen liegen auf der Hand
    Wenn die Bevölkerungen weiterhin so stark wachsen, egal ob über eine Geburtenrate oder über Zuwanderung, dann nimmt besonders auch der Anteil der Bevölkerung zu, die einen Beruf ausüben müssen, der weniger attraktiv ist und somit geringer entlohnt wird, weil eben auch der Arbeitsmarkt Marktgesetzen unterliegt. Diese Tatsache gilt sowohl für angestellte als auch für selbstständige Berufe. Und auch das vermittelte Bildungsniveau hat seinen Einfluss auf die Einkommensentwicklung, genauso übrigens wie auch auf die Verwendung des jeweiligen Einkommens. Aber schon die hier angeregte Diskussion zeigt, dass auch Entwicklungen wie Unzufriedenheit mit Einkommen bis hin zu blankem Neid immer mehr um sich greifen. Übrigens haben die angesprochenen Entwicklungen auch etwas mit Wettbewerb zu tun, wobei darauf zu achten wäre, dass der fair bleibt. Nur eine Gesellschaft, die auf Zuwanderung setzt, muss wissen, dass u.U. Zuwanderer auch wettbewerbsfähiger und auch leistungswilliger sein können, besonders dann, wenn diese Gesellschaft in Selbstzufriedenheit erstarrt ist und ihr Bildungssystem Leistungen brandmarkt und sich nur noch an vermeintlichen Ergebnissen ergötzt.

    • Ist das so, lieber R.D. Mähler? Es ist ja doch so: Wenn es (weltweit) mehr Menschen gibt, gibt es auch insgesamt mehr Nachfrage. Es gibt mehr Unternehmensgründer, die mit neuen Ideen Arbeitsplätze schaffen. Undsoweiter. Aus meiner Sicht spricht nichts dafür, dass Bevölkerungswachstum an sich zu einer Verschiebung der Qualifikationsstruktur führt.

    • Patrick Bernau sagt: Nichts gegen Ihre Meinung, aber haben Sie auch bedacht, dass...
      …der Standpunkt, dass eine größere Nachfrage immer mehr Menschen zu deren Befriedigung bedarf, nicht mehr zutrifft. Dieser Standpunkt lässt nämlich die Automation außer Acht. Als ich ein junger Mann war, war ich in einer Fabrik mit rd. 5000 Arbeitern angestellt. 20 Jahre später waren dort nur noch weniger als 2000 Menschen beschäftigt, aber die Produkte betrug ein Vielfaches. Und das ist kein Einzelfall. Und es ist auch zu bedenken, dass wir in dieser Frage noch nicht am Ende sind. Intelligente Roboter werden alle Bereiche erobern. Die Bevölkerungszahlen sollten sich an diesen Fragen ausrichten und natürlich auch am Verbrauch von Ressourcen und letztlich am Umweltschutz. Überbevölkerung ist für viele der derzeitigen Probleme verantwortlich: Luftverschmutzung, Völkerwanderungen und letztlich auch Kriege. Der Kampf um die Ressourcen hat schon begonnen. Und Lösungen sind unwahrscheinlich, wenn man bedenkt wie viele ungelöste Probleme die Menschheit vor sich herschiebt.

    • Diese beiden Entwicklungen wirken ja zusammen. Die Automatisierung erlaubt es, eine gegebene Menge an Produkten mit weniger Arbeitseinsatz herzustellen. Die größere Nachfrage sorgt dafür, dass mehr Menge nachgefragt wird. In einer kleinen Bevölkerung ist auf jeden Fall weniger Arbeitskraft nötig als in einer großen.

      Die Automatisierung ist dann noch ein ganz eigenes Thema. Sie erleichtert manche Arbeit, schafft aber häufig an anderen Stellen neue Arbeitsplätze. Das betrachten wir gerade in einem eigenen Spezial. Teil davon war ein Fazit-Beitrag vor zwei Wochen.

  6. Superreichtum als ökonomisches Problem
    Es gibt ein wachsendes ökonomisches Problem mit Superreichen, eingeschlossen reiche Staaten wie Norwegen, die Geld im Billionenmaßstab bunkern. Die Reichen verdienen soviel, daß sie beim besten Willen nur einen Bruchteil konsumieren können, den Großteil also sparen müssen.

    Nun gilt in einer rundlaufenden Ökonomie: Investition = Ersparnis (I=S). Die Investition wiederum hängt vom (realen) Zinssatz ab: je niedriger der Zinssatz, umso mehr wird investiert. Wird also die Ersparnis übermäßig aufgebläht, muß der Zinssatz sinken, damit die Investition mit der Ersparnis mithalten kann. Wir erleben genau das seit vielen Jahren weltweit. Das Phänomen wird unter dem Begriff „säkulare Stagnation“ diskutiert.

    Es paßt ins Bild, daß alle großen Staaten sich übermäßig verschulden, um wenigstens einen Teil der überhandnehmenden Ersparnis in Konsum umzuleiten, indem sie es im Sozialhaushalt verbrennen. Dabei ist unklar, wie die Staaten die investiv gemeinten Kredite jemals zurückzahlen wollen.

    Das Problem wird in Deutschland zusätzlich verschärft, weil hierzulande die Einkommensschwachen nicht wie die Reichen durch Anlage in Sach- und Beteiligungsvermögen sparen, sondern in auf Geld lautenden Forderungen, deren Rendite gegen Null tendiert.

  7. Matthäus-Effekt
    Der „Superstar“-Effekt ist auch bekannt als Matthäus-Effekt. Er wirkt seit tausenden von Jahren und hat immer wieder zu den biblischen Jubeljahren geführt. In der sozialen Marktwirtschaft wurde so etwas einmal über fiskalische Redistribution mit hohen Grenz- und Erbschaftssteuersätzen abgemildert. Von der haben wir uns aber in den 80er Jahren verabschiedet. Sinkenden Steuern sollten zu höheren privaten Investitionen und somit höheren Steuereinnahmen führen (Laffer). Diese Idee basierte unter anderem auf der fehlerhaften Loanable-Funds-Theorie, die wiederum die Basis für die fehlerhafte Darstellung der Geldschöpfung durch die Bundesbank bis zum Jahre 2007 war: http://blogs.faz.net/fazit/2015/04/17/wenn-ungleichheit-zur-wachstumsbremse-wird-5696/#comments

    Besonders tückisch ist aber der Matthäus-Effekt in einem Kreditgeldsystem, bei dem die mangelnde fiskalische Redistribution durch öffentliche und private Verschuldung temporär kompensiert wurde. So konnten wir eine Weile durch immer höhere Aufschuldung den Wachstumsmotor am Laufen halten. Da der Matthäus-Effekt aber weiter wirkt (auch das Geld landet bei den 1 %), die 1 % aber kaum noch investieren oder konsumieren, sondern Geld als eigenständiges Asset halten, wird es den Schuldnern unmöglich, ihre fälligen Kredite zu bedienen; denn Schulden haben immer einen Rückzahlungstermin, Geld aber keinen Ausgabetermin. In diesem Punkt befindet sich die Weltwirtschaft aktuell und stranguliert sich gerade selber. Hätten die Zentralbanken nicht so beherzt reagiert, wären wir schon längst bei Verhältnissen wie 1929.

    Diese Einsichten setzen sich erst sehr langsam durch, da wir 30 Jahre lang das Gegenteil von dem gepredigt haben, was wir eigentlich hätten tun müssen. Aber selbst bei der Börsenzeitung gibt es mittlerweile kritische Stimmen. So schreibt Karl Happe, Chief Investment Officer, Insurance Related Strategies, Allianz Global Investors: “Gott schuf das Wort, und dann den Ordoliberalismus“ die 10 Gebote der deutschen Volkswirtschaftslehre: https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2015158020

    LG Michael Stöcker

  8. Viel Unsinn auf einem Haufen
    Zuerst sollte man mal festhalten, dass jemand dessen leistungsloses Einkommen (Zinsen, Mieteinnahmen, Gewinne etc.) höher ist, als Lohn aus Erwerbsarbeit zwangsläufig immer reicher wird, als ein Lohnsklave. Da seit den 70’ern auch konsequent das unternehmerische Risiko minimiert wird (bis zur „Bankenrettung“), gibt es eigentlich nur einen Weg: Nach Oben.
    Vermarktungs-, Patent- und Urheberrechte bewirken bei der Globalisierung ungeahnte Skaleneffekte. Konnte früher ein Komponist, Schauspieler, Fußballer oder Autor von seinen Einnahmen einigermaßen gut über die Runden kommen, fallen heute Beträge an, die weit jenseits von Gut und Böse sind.
    Juristen gehören zu den Spitzenverdienern. Nicht weil deren Leistung so besonders wäre, sondern hier spielen auch längst überholte und nicht marktkonforme, dafür aber gesetzliche verankerte Sonderlocken die Hauptrolle: Von garantierten Mindestsätzen und Gewinnbeteiligung (Streitwert), kann der Rest der Bevölkerung nur träumen. Daher drängt es auch so viele Juristen in die Politik: Die dadurch gewonnen Kontakte zu Firmen und Verbänden sind Gold wert. Anders als im Artikel dargestellt, sind Juristen keine Kosmopoliten. Ihr Wert beschränkt sich in der Regel auf das Land ihres Studiums/Zulassung. Dafür sind die Rechtssystem viel zu unterschiedlich, um z.B. als amerikanischer oder englischer Anwalt vor einem deutschen oder italienischen Gericht aufzutreten.

    Die Hartz Gesetzgebung hat in Deutschland zu einem Einbruch der Mittelschicht geführt. Spätestens im Jahr 2030 ist das Rentenniveau so niedrig, dass die Mittelschicht sehr dünn wird. Entsprechende Vermögen für die Alterssicherung können kaum aufgebaut werden. Hinzu kommt die Prekarisierung des Arbeitsmarkts. Das scheinbare Zusammenwachsen der Lebensverhältnisse in den Ländern hängt mit dem fortschreitenden Niedergang des Westens zusammen. Die USA sind schon auf einem 3.te Weltniveau und auch bei uns ist der Einbruch absehbar. Wir importieren die Konflikte der 3.ten Welt, sind unfähig geworden den hier lebenden Menschen Perspektiven zu geben, exportieren massiv Technologien und Arbeitsplätze und verschulden uns trotz der schlechten demographischen Entwicklung. Das kann nur daneben gehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis alles kollabieren wird. Aber wer eine Kanzlerin wählt, die nur „auf Sicht“ fahren kann und dabei von zwei völlig heruntergekommen „Volksparteien“ sekundiert wird, deren „Leistungsträger“ mit der Lösung schon kleinster Probleme überfordert sind, der hat wohl nichts besseres verdient.

    Vielleicht sollten wir es mal so machen, wie seinerzeit die Engländer: Da gibt es ein Standardwerk „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“, das damals kräftig gelesen wurde. Der Niedergang eines Weltreichs durch pure Dekadenz.

    Ja auch bei uns wird man irgendwann feststellen dürfen, dass der Staat kein unendliches Füllhorn an Geld für jedes Unterfangen sein kann und die westliche Ideologie weder das Maß der Dinge noch der „natürliche Entwicklungsschritt“ aller Völker der Menschheit sein muß. Auch Gesetze, Rechte und Besitzstände immer nur sowie wert sind, wie die Leute die dafür einzustehen bereit sind. Aber dann ist der Karren schon ganz tief in den Dreck gefahren worden. Viel tiefer, als es der Kaiser oder Hitler je vermocht hätten.

  9. Dann haben wir ja eine weitere wissenschaftliche Begründung dafür gefunden,
    warum „populistische“ Parteien in Europa, die sich häufig aus von anderen Parteien ignorierten Gruppen der unteren sozialen Schichten speisen, so häufig gegen Gloalisierung oder ihren kleinen Bruder Europäisierung sind: Beide fressen die Zukunftschancen und die Einkommen ihrer Wählerklientel.

    Also nix „Populismus“, sondern am Ende des Tages ganz rationale eigene Interessenvertretung. Wann hört also die FAZ-Redaktion auf, solche Parteien in Europa wahlweise rechts- oder linkspopulistisch zu nennen? Deren Analyse – Globalisierung schadet – trifft zumindest auf ihre Wähler offenbar gut begründbar zu. Und das ist mitnichten eine neue Erkenntnis, die „economist“ Autoren verzichten u a. deshalb auf das beliebte Populistenbashing.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Die Frage, was da Nutzen und was Schaden ist, ist ja noch eine ganz andere.
      Selbst wenn wir mit John Rawls argumentieren, ist es ein Nutzen, wenn Arme profitieren, auch wenn dabei die Ungleichheit wächst.

      (Das Wort „Populist“ lese ich übrigens auch bei den Kollegen vom Economist nach wie vor :)

    • Nicht zurückrudern bitte :-).
      Ihre Beobachtung „Die schlechter ausgebildeten wiederum konkurrieren mit den ehemals armen Menschen aus den Schwellenländern, die jetzt mehr Geld verdienen.“ aus dem Blogbeitrag entspricht ziemlich präzise dem, was der economist zum Freihandel vor 1 Jahr in einem seiner Schwerpunkte veröffentlichte. Inklusive der Beobachtung, dass die Haltung verschiedener Schichten zum Freihandel historisch in etwa ihren ökonomischen Interessen entspricht – so war die deutsche Arbeiterschicht vor 1914 einmal pro Freihandel, wegen der für sie überlebenswichtigen Lebensmittelpreise.

      Und dass Teile der Unterschicht, insbesondere diejenigen mit begrenzter Intelligenz, die Verlierer von Freihandel und Globalisierung sind, steht für mich nach allen Erfahrungen der letzten 25 Jahre fest. Für sie gibt es nur noch schlecht bezahlte Dienstbotenjobs ohne jede Perspektive. Für die Angehörigen der oberen Mittelschicht mit hinreichender Intelligenz – zu denen sowohl Sie als auch ich nach Ausbildung und Einkommen gehören dürften – verhält es sich grosso modo umgekhrt.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Vorsicht, lieber Thorsten Haupts: Dass jemand in Konkurrenz steht, macht das Leben nicht automatisch schlechter. Auf Einnahmenseite kann es bedeuten, dass das Einkommen langsamer wächst. Auf Ausgabenseite kann das auch die Preise klein halten.

    • Oh, ich habe keinen Zeifel daran, dass Freihandel die Preise niedrig hält ...
      Nur nützt auch das eben eher den Menschen, bei denen nicht ein Grossteil ihres Einkommens durch lokal bestimmte Lebenshaltungskosten gebunden ist (Warmmiete, Krankenversicherung etc.). Natürlich profitiert auch der Niedriglöhner von niedrigen Preisen – nur eben deutlich weniger, als andere. Und ob die Kosten/Nutzen-Rechnung für ihn am Ende aufgeht, ist eine Frage, auf die es bisher keine ökonomisch belastbare Antwort gibt. Sicher scheint nur zu sein, dass sein verfügbares Einkommen in den letzten 20 Jahren inflationsbereinigt im Schnitt leicht gesunken ist.

      Psychosoziale Kosten sind dabei noch gar nicht eingerechnet, da nicht belastbar zu quantifizieren. Ebensowenig der konstant hohe Druck auf Unternehmen, niedrigschwellige Menschenarbeit durch Maschinenarbeit zu ersetzen.

      Bisher sieht die mir bekannte Evidenz für mich im Ergebnis so aus, dass von Freihandel und Globalisierung die oberen 30% Einkommensbezieher klar profitieren, für die nächsten 40 ist die Bilanz durchwachsen, für die letzten 30% unter dem Strich wahrscheinlich negativ. Wäre ich Lagerarbeiter, könnte ich eine Gegnerschaft zu Freihandel/Globalisierung (das sind letztlich Synonyme) egoistisch-rational begründen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

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