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Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Mach mal Pause

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Es gibt eine Menge zu tun, aber für einen kleinen Abstecher in die Kaffeeküche ist schon noch Zeit. Neben den alltäglichen Pflichten mal ein paar Internetseiten abzuklappern muss drin sein, die Kollegen schieben ja auch gerne mal eine Zigarettenpause ein. Es gibt viele schöne Dinge, mit denen man sich die Arbeitszeit vertreiben kann, ohne produktiv zu sein.

Kein Arbeitnehmer kommt ohne solchen Pausen aus, darum interessieren sich seit vielen Jahren Arbeitsmarktforscher und Makroökonomen für das Bummeln am Arbeitsplatz. Weil harte Daten zu dem Thema rar sind, sind vor allem theoretische Arbeiten entstanden. Wovon es tatsächlich abhängt, ob Arbeitnehmer die Beine hochlegen und wie häufig sie das an einem normalen Arbeitstag tun, war bislang weitgehend ein Rätsel. Eine neue Untersuchung des Berliner Arbeitsmarktökonomen Michael Burda (Humboldt-Universität) sowie Katie Genadek (University of Minnesota) und Daniel Hammermesh (Royal Holloway University of London) bringt jetzt Licht ins Dunkel – zumindest ein wenig. Das Forscher-Trio hat empirisch untersucht, ob der Hang zum Müßiggang von der Wirtschaftslage beeinflusst wird. Macht die Angst, bei schlechter Konjunktur arbeitslos zu werden, den Arbeitnehmern Beine? Oder ist es andersherum und in Boomphasen wird das Bummeln weniger, weil dann so viel zu tun ist, dass sich niemand Zeit zum Verschnaufen erlauben kann?

Es gibt zwei etablierte Theorien zu diesem Thema. Die erste ist mehr als dreißig Jahre alt und stammt von Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und seinem Ko-Autor Carl Shapiro. Die beiden Forscher haben die Effizienzlohntheorie mitentwickelt. Dahinter steckt die Idee, dass Arbeitgeber gute Gründe haben, ihren Beschäftigten etwas mehr Lohn zu zahlen als eigentlich nötig wäre, um genügend Beschäftigte zu finden. Der Clou für die Arbeitgeber dabei ist: Weil der Lohn etwas über dem Gleichgewichtslohn liegt, der Angebot und Nachfrage zusammenbringt, entsteht Arbeitslosigkeit – und die wirkt disziplinierend. Arbeitnehmer müssen fürchten, ihren Job zu verlieren, falls sie als Drückeberger auffliegen. Genügend Ersatz steht ja bereit. Schon Karl Marx schrieb 1867 in „Das Kapital“ von einer „industriellen Reservearmee“, auf die Unternehmer jederzeit zugreifen können. Aus diesen Überlegungen folgerten Stiglitz und Shapiro, dass Arbeitnehmer fleißiger sind, wenn die Arbeitslosigkeit in ihrer Umgebung besonders hoch ist. Läuft der Arbeitsmarkt dagegen rund, ist in der Kaffeeküche mehr Betrieb, denn selbst bei einer Entlassung wegen Bummelei findet der Angestellte schnell bei der Konkurrenz eine neue Stelle. Zu dieser Theorie passt die Beobachtung, dass sich in Krisenzeiten weniger Menschen krank melden als in konjunkturell besseren Phasen.

Es gibt aber auch eine nicht weniger plausible Theorie, aus der sich gegensätzliche Schlüsse ziehen lassen. Demnach schrecken Arbeitgeber selbst in einem Konjunkturabschwung davor zurück, ihre Angestellten auf die Straße zu setzen. Der Grund: Die Unternehmen haben viele Jahre in ihre Arbeitskräfte investiert. Die Arbeiter haben sich spezialisiert, sie wissen, wie die Maschinen in der Fabrik bedient werden müssen, wie die Abläufe in dem Unternehmen funktionieren und welche Vorlieben bestimmte Stammkunden haben. Werden solche Fachkräfte entlassen, kann man sie im nächsten Aufschwung nicht einfach wieder einstellen, da sie möglicherweise schon anderswo untergekommen sind. In den Krisenzeiten fehlen allerdings genügend Aufträge, und nicht alle Angestellten können dann sinnvoll beschäftigt werden. Die Folge: Die Produktivität sinkt, der Bummelfaktor steigt.

Die Studie „Not working at work“ liefert als eine der wenigen harte Daten zu dem Thema. Burda und seine Ko-Autoren hatten Zugriff auf eine Datenbank (American Time Use Survey), die so etwas wie ein kollektives Tagebuch amerikanischer Arbeitnehmer ist. Sie enthält auf Grundlage von Befragungen genaue Angaben dazu, was die Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz tun. Die Forscher konnten mehr als 35 000 Angaben aus der Zeit von 2003 bis 2012 auswerten. Durchschnittlich arbeiteten die Amerikaner rund acht Stunden je Arbeitstag. Davon verbrachten sie im Schnitt 34 Minuten mit anderen Dingen als mit ihrer Arbeit. Die Forscher halten das für nicht gerade wenig – denn regulär zustehende Pausen, also zum Beispiel für das Mittagessen in der Kantine, wurden nicht eingerechnet. Es geht also ausschließlich um Pausen während der eigentlichen Arbeitsphase, zum Beispiel der private Plausch mit den Kollegen oder die Pause in der Kaffeeküche. Befragungen zu solch heiklen Themen sind mit Vorsicht zu genießen: Jeder dritte Befragte behauptetet, überhaupt nie zu bummeln. Zählt man nur die Antworten derjenigen, die das Bummeln eingestehen, steigt die tägliche Auszeit auf durchschnittliche 50 Minuten am Tag an – was immerhin etwa 10 Prozent der Arbeitszeit entspricht.

Weil die Arbeitslosenquote wegen der Folgen der Finanzkrise stark schwankte, konnten die Forscher dies nutzen, um den Zusammenhang zu den Auszeiten zu analysieren. Sie stießen dabei auf zweierlei. Zum einen steigt in wirtschaftlichen Boomphasen der Anteil der Beschäftigten, die ab und zu die Beine hochlegen. Das spricht für einen zyklischen Zusammenhang, wie Stiglitz ihn beschrieben hat. Allerdings gibt es auch einen entgegengesetzten Effekt, was die Dauer der Pausen angeht. In den Boomzeiten gibt es zwar mehr bummelnde Beschäftigte, sie machen aber kürzere Pausen. Oder spiegelbildlich: In einer Krisenphase bummeln weniger Menschen, sie machen dafür aber ausgedehntere Pausen. „Unter dem Strich dominiert der Intensitätseffekt, so dass Nichtarbeiten insgesamt als Anteil der Gesamtarbeitszeit antizyklisch ist“, erklärt Burda. Im Aufschwung nehme das Bummeln also ab, zumindest, wenn man die verbummelten Minuten addiert. Die Forscher erklären das unter anderem damit, dass die Arbeitnehmer heterogen sind, also unterschiedliche Bummel-Neigungen hätten, die sie je nach Wirtschaftslage unterschiedlich auslebten. Das Rätsel ist damit nicht vollständig gelöst, keine der vorherrschenden Theorien wird vollständig bestätigt oder widerlegt. Was die Kollegen wohl dazu sagen – in der nächsten Kaffeepause?

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