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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Griechenland zeigt: Auf die Auslandsverschuldung kommt es an

| 13 Lesermeinungen

In 200 Jahren hat Griechenland vier schwere Schuldenkrisen erlebt. Wer auf diese Schuldenkrisen schaut, erkennt erstaunliche Parallelen über einen langen Zeitraum. Eine wichtige Botschaft lautet: Nicht so sehr die absolute Höhe der Staatsverschuldung ist wichtig, sondern ihre Zusammensetzung – Auslandsschulden sind oft viel gefährlicher als Inlandsschulden. Vielleicht sollten moderne Politiker und Ökonomen mehr Zeit in Wirtschaftsgeschichte investieren.

The fact that the ongoing crisis is very much an external debt crisis has been largely overlooked… The events since 2010 are neither new nor unique in Greek history… The history of Greece is a narrative of debt, default and external dependence…Most surprising are the close similarities in the crisis resolution process.“ (Reinhart/Trebisch)

Die griechische Krise wird in Deutschland gerne vor allem als eine Geschichte einer zu hohen Staatsverschuldung im Verein mit einer wettbewerbsschwachen Volkswirtschaft und einem ineffizienten politischen System geschildert. Diese Wahrnehmung ist natürlich nicht falsch, aber sie ist unvollständig. Die griechische Krise – wie auch die gesamte Eurokrise – ist auch und nicht zuletzt ein aus der Finanzgeschichte bekannter Krisentyp, bei dem zunächst ein starker Zustrom ausländischen Kapitals, der sich plötzlich in sein Gegenteil verkehrt, für erhebliche Instabilitäten sorgt. Schon im Jahre 2011 bezeichnete der heutige Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), Hyun Song Shin, die Eurokrise als Ausprägung einer schon oft erlebten „Zwillingskrise“, in der als Folge der internationalen Kapitalverflechtungen erste eine Banken- und dann eine Staatsschuldenkrise auftritt.

Ein in der F.A.Z und FAZIT erschienener Beitrag von Brunnermeier/Reis/Braunberger hat diesen Gedankengang auf die Eurokrise angewendet („Ein Crashkurs für die Eurokrise“). Von den in Deutschland ansässigen Ökonomen hat vor allem Hans-Werner Sinn häufig die Bedeutung des grenzüberschreitenden Kapitalverkehrs für die Eurokrise erwähnt. Aus Theorie und Praxis ist bekannt, dass eine externe Schuldenkrise häufig mit rückläufigem Wirtschaftswachstum, nachlassenden Investitionen, einem zumindest  vorübergehenden Ausschluss von den internationalen Kapitalmärkten und hoher Inflation begleitet ist.

Auf die erhebliche Bedeutung internationaler Kapitalströme für die wiederkehrenden Krisen Griechenlands weisen jetzt Carmen Reinhart und Chirstoph Trebesch in einer interessanten Arbeit hin. Ihre Studie zeigt zunächst, dass Griechenland in den vergangenen 200 Jahren sehr häufig Geld im Ausland aufgenommen hat – häufig über internationale Finanzplätze wie London und New York bei privaten Kapitalgebern, gerade in Krisen aber auch bei öffentlichen Geldgebern wie Regierungen fremder Länder. Bedeutsam dabei ist, dass Griechenland diese Kredite in ausländischer Währung bekam – also in Dollar oder Pfund -, was ein besonderes Problem werden kann in Krisen; in einer eigenen Währung könnte ein Land mit eigener Notenbank zumindest nicht gegen seinen Willen pleitegehen (die Alternative zu einer Pleite wäre möglicherweise einen substantielle Inflationsrate).

Zunächst erhielt Griechenland in den Jahren 1824 und 1825 erhebliche Auslandsgelder, die der Finanzierung des Unabhängigkeitskrieges dienten. 1826 war man erstmals zahlungsunfähig. Die zweite Welle fand zwischen 1878 und 1893 statt, als Hellas im Ausland Kredite über mehr als 100 Prozent seines BIP erhielt. Prompt folgte 1893 die zweite Zahlungsunfähigkeit.  Zum dritten Mal zahlungsunfähig wurde Hellas im Jahre 1932; damals verließ das Land auch den Goldstandard. Seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ließen sich die alten Muster wieder erkennen und nach der Einführung des Euros kam eine erhebliche Zunahme der privaten Verschuldung im Ausland hinzu. 2010 wurde ein Rettungsprogramm für Griechenland beschlossen; 2012 kam es zu einem Schuldenschnitt.Schuldengrafik

Reinhart/Trebesch zeigen weitere Parallelen auf. In der Vergangenheit dauerte es oft viele Jahre, bis die Gläubiger einer Lösung der Schuldenkrisen zustimmten, die Griechenland zumindest für einige Zeit wieder Luft zum Atmen gab. So dauerte es nach dem Zahlungsausfall des Jahres 1932 bis zum Jahre 1964, ehe es zu einer Neustrukturierung der Schulden in Verbindung mit einem neuen Zugang zum internationalen Kapitalmarkt kam. Der erste Zahlungsausfall wirkte noch viel länger nach: „In sum, it took Greece more than 100 years to recover from the legacy of its first external loans.“

Eine Kontinuität lässt sich auch beim Verhalten der Gläubiger beobachten: Sie stellten Griechenland in allen vier Fällen „Rettungsgelder“ gegen wirtschaftspolitische Auflagen zur Verfügung. Im Mittelpunkt ihres Interesses stand, Griechenland zu einem Primärüberschuss in seinem Haushalt zu bringen, mit dessen Hilfe sich die Schuldenlast verringern ließ. Die Geschichte hat allerdings eine ernüchternde Lektion parat: „The success of these interventions was often limited.“

 

 

 

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13 Lesermeinungen

  1. Pingback: Blogoscope November 2015 « LGT Finanzblog

  2. Pingback: Auslandskredite als Brandbeschleuniger

  3. Privatbankenschulden und Staatsverschuldung
    Was haben Schulden von Privatbanken in der Staatsverschuldung zu suchen? Ist der griechische Staat ein Staat von Privatbanken? Es ist nicht neu, dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden! Wenn sich Privatbanken verschulden, sollen sie selbst dafür aufkommen.

  4. Auf die Gefahr hin, daß mein Kommentar belächelt wird.
    Ein System, das auf „Schulden(-Zwang)“, in diesem Fall Geldsystem,
    also auf „Geldschulden(zwang)“, aufgebaut ist und ohne Schulden
    zusammenbrechen würde, ist ein Kartenhaus-Glück-Spiel-Lotto-System.
    Quasi ein Schulden-Chancen-System, das, bezogen auf den
    humanen Lebenbasisgedanken mit humanen Leben-Gleichheit-„Berechtigungen-“ (Evolutiongedankenweg mit Erfüllungsberechtigung!)
    und nicht Leben-Gleichheit-„Schuldenchancenberechtigungen-“ Leveln…weil diese 2, vermeintlichen parallel, Wege,
    als „Vernunftparadoxum“ kollidieren…
    s. (Geld-Wirtschaft-)Weltgegenwartgeschehen,
    als Ergebnis dieses „Paradox(-Schizophrenie-)System-Gebildes“.
    Es ist dem Human möglich, auf Basis der humanen Vernunftfähigkeit,
    ein Schuldenzwangsystem, das mit zum derzeitigen Weltgegenwartgeschehen beigetragen hat, SCHULD IST, zu vermeiden. Humane Vernunft(-reife-)bildung-Fähigkeit nutzen kann zu humanen
    Schulden-Zwang-Freien = Reifen-Human-Leben-Systemen führen.
    Schwarze, statt rote, Zahlen…Erleben-Berechtigung…nicht Spiel-Chance.

    Nichts bewahrt uns so gründlich vor Illusionen wie ein Blick in den „Spie(ge)l“.
    Aldous Huxley

    Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was sie lächerlich finden.
    Johann Wolfgang von Goethe

    • Nein, ich belächle Ihren Kommentar nicht.
      Dafür ist das Thema viel zu ernst und viel zu wenig in der öffentlichen Diskussion. Aber vielleicht sollten Sie Ihr Schuldverständnis doch noch einmal überdenken: https://zinsfehler.wordpress.com/2014/10/27/schuldmythen-und-das-dilemma-der-schwarzen-null/

      LG Michael Stöcker

    • Hallo Herr Stöcker
      „Sind Sie bereit“…“Sie sollten“ empfinde ich unhöflich…
      wahr-zu-nehmen…“Gegenwart=Gegen-Realität-Wahrheit“
      zu nehmen, um „Gegen-zu-begreifen“ und nicht nur Geldtheorie
      verstehend…
      wie allein das „Geld-Schulden-System“ in der Welt inhuman wirkt,
      als Lebenbasis-und auch Schulden(basis)-Zwang?
      Sehen Sie die „roten Zahlen“?
      Wenn nicht, dann sind unsere humanen Geld-Schulden-Auswirkung-Wahrnehmungen sehr verschieden.
      Als Nachgedanke zum Thema Schulden, nicht nur Geldschulden,
      fällt mir folgendes Zitat ein:

      Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.
      Christian Morgenstern…sieht, wahr-nimmt und begreift.

      Es lohnt sich darüber nachzudenken.

      LG
      W.Hennig

    • Lieber Herr Hennig,
      es ist nicht immer leicht, den richtigen Ton zu finden. Es war aber keinesfalls meine Absicht, unhöflich zu sein. Dies ist mir wohl bei Ihnen nicht gelungen. Sorry!

      Vielen Dank für die kleine/große Weisheit von Morgenstern, die ich nur unterstreichen kann. Denn auch mir ging es lange so im Geldsystemverständnis. Vermutlich haben Sie die weiteren Beiträge in meinem Blog noch nicht gelesen. Nur so kann ich Ihren Satz verstehen: „…und nicht nur Geldtheorie verstehend…“.

      Ich hoffe doch sehr, dass ich ein wenig über den Tellerrand der reinen Geldtheorie in die reale Welt hinausschaue und nach praktikablen Lösungen suche. Allerdings sehe ich in der Tat im Zentrum dieser Krise(n) die systemimmanente Problematik eines ausschließlichen Schuldgeldsystems. Es gab hierzu im FAZIT einen guten Beitrag von Gerald Braunberger, der auch die ungelöste Debatte um Currency vs. Banking School beinhaltete (http://blogs.faz.net/fazit/2012/02/10/immer-aerger-mit-der-geldmenge-238/). Tatsächlich haben wir in normalen Zeiten ein dominant endogenes Geldsystem (Banking) mit einem marginalen Rest an exogenem Zentralbankgeld aufgrund der Münzgeldseigniorage (Currency), dessen Pendel in Krisenzeiten (insbesondere in Kriegen) aber immer wieder zugunsten von exogenem Geld ausschlägt.

      Wie immer im Leben ist alles eine Frage der Dosis. Zuviel exogenes/schuldfreies Geld führt zu hoher Inflation, zu wenig exogenes Geld in gesättigten Märkten eher zu Deflation und Überschuldungskrisen. Die Problematik verschärft sich zudem durch ein fehlerhaftes Zinsverständnis (https://zinsfehler.wordpress.com/2013/08/21/zinsmythen/) sowie eine verfehlte Fiskalpolitik (https://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/30/tapering-liquidity-a-trap-yet-a-tapering-in-the-dark-of-economic-theory-2/). Alles zusammen wiederum bewirkt einen monetär induzierten realen Wachstumsdruck, der nicht nur für uns Menschen sondern auch für unsere Umwelt katastrophale Folgen hat (siehe hierzu Binswanger: http://www.postwachstumsoekonomie.de/wp-content/uploads/2008-11-12_Binswanger-Wachstumszwang-vs-Nachhaltigkeit.pdf und Schellnhuber: http://www.tagesspiegel.de/politik/klimaschutz-der-reichtum-zerstoert-die-umwelt/12524178.html ).

      Insofern haben Sie völlig recht: „Es lohnt sich darüber nachzudenken.“

      LG Michael Stöcker

    • Schuldfreies Geld?
      Hallo Hr. Stöcker,
      was genau verstehen Sie unter „schuldfreiem Geld“? Exogenes Geld bzw. Zentralbankgeld entsteht, wenn die Zentralbank Anleihen kauft oder Refinanzierungskredite an Banken vergibt, beides Transaktionen mit Schuldverhältnis. Die einzigen Vermögensklassen ohne Schuldverhältnis sind Edelmetalle und Eigenkapitalbeteiligungen (Aktien), die es bei Zentralbanken nur mehr in geringem Umfang bzw. gar nicht gibt.
      Mit freundlichen Grüßen, Paul Ziegler

    • Ja, schuldfreies Geld!
      Auch im aktuellen System gibt es dieses Geld und entspricht dem, was man eigentlich unter Seigniorage zu verstehen hat. Es existiert in Form des Münzgeldes. Hier können sie die Details nachlesen: http://insideparadeplatz.ch/videos/vollgeldler-habe-ihre-idee-beim-ober-sozialisten-karl-marx-abgekupfert/#comment-95385

      Dies gilt übrigens im gegenwärtigen System nur für die Münzen nicht aber für das Papiergeld.

      LG Michael Stöcker

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  7. "...und was ich vermisse die Lage Chilis, mit dem Architekt Friedman" .
    Chile mag viele Probleme haben, das Problem der Staatsverschuldung gehört aber seit mindestens 25 Jahren nicht dazu (vgl. Wikipedia-Tab. „Staatsverschuldung“).
    Näher am Text läge wohl ein Vergleich mit Japans extrem hoher Staatsverschuldung (fast doppelt so hoch wie die griechische, gemessen als Bruttoinlandsanteil: 245 %) bei minimaler Auslandsverschuldung; eine Bankenkrise gab es allerdings auch hier.

  8. Who is in command in wirtschaftsgeschichtliche Perspektive
    Die griechische Seele ist seit Generationen an Erschütterungen gewöhnt,ich meine zerrissen zwischen Unterwerfung und Widerstand.
    Da gibt es unvorstellbare Ähnlichkeiten mit dem Kolonialgeschichte der Niederlanden ,insbesondere Nederlands – Indien ,und die N.H.M.[nederlandse handelmaatschappij] ,1824,vorerst möglich nach dem Traktat von 1814[ britisch-niederländische Aufteilung],in 1825 der sogenannte Java krieg :Dipo Negoro versus die niederländische besetzungsarmee,beendet in 1830 mit penibel indische Finanzen ,daher wiederum die Einführung von das Cultuurstelsel [Willem I],kurzgefasst die Niederlanden und die N.H.M. ,dass bedeutete Bereicherung der kolonial macht und Armut der Bevölkerung Javas und Hungersnot .Was folgt daraus? Das Volk mußte büßen für die Finanzielle Politik der Kolonialmacht .
    Wie in der working paper Reinhart und Trebesch Argentinia’s finanzielle Zerfall ,dazu kommt eine politische Lage beherrscht von ausländische neue kolonialherren [bis heute nicht geklärt die Gräueltaten ],und was ich vermisse die Lage Chilis,mit dem Architekt Friedman .
    Der Kern der Sache bleibt :who is in command ,und wieviel Grausamkeit lässt sich kalkulieren als kollateral kosten zum Wiederherstellung erwünschte Ziffern wie G.N.P.

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