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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wie viel Ungleichheit wollen wir?

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Arme Kinder haben schlechtere Chancen als reiche. Das schließt Erfolg nicht aus.

Wer ist reich? Wer ist arm?© Frank RöthWer ist reich? Wer ist arm?

Geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auf oder nicht? Wer in den vergangenen zwei Wochen auf die Nachrichten geachtet hat, konnte ziemlich verwirrt sein. Dabei ist die Datenlage gar nicht so unübersichtlich.

In vielen Ländern der Welt entfernen sich Arm und Reich tatsächlich voneinander. Auch in Deutschland war das lange Zeit so. Wer Umverteilung und hohe Steuern mag, betont oft, dass Einkommen und Vermögen heute ungleicher verteilt sind als zur Jahrtausendwende. Doch in der Zwischenzeit gab es eine Trendwende. Um das Jahr 2006 herum, kurz nach Einführung der Schröderschen Agenda-Reformen, fand die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in Deutschland einen vorläufigen Höhepunkt. Mehr und mehr Menschen fanden seitdem Arbeit, vor allem Geringqualifizierte. Deshalb haben viele arme Leute ihre finanzielle Lage verbessert, die Einkommen und Vermögen von Arm und Reich näherten sich einige Jahre lang wieder an. Das betonen tendenziell die Leute, die eher geringe Steuern und wenig Umverteilung bevorzugen.

Jetzt ist spannend, wie es weitergeht: Kehrt Deutschland auf den Pfad zu höherer Ungleichheit zurück? Oder können die Arbeitnehmer solche Lohnerhöhungen erzielen, dass die Ungleichheit weiter schrumpft? So weit die Fakten. Viel komplizierter wird es bei der Bewertung: Wie viel Ungleichheit wollen wir haben?

Senkt Ungleichheit das Wirtschaftswachstum?

Da gibt es das technische Argument. Der Internationale Währungsfonds hat vor einiger Zeit ausgerechnet: Je größer die Ungleichheit in einem Land ist, desto langsamer wächst die Wirtschaft. Andere sagen: Je größer die Ungleichheit, desto unglücklicher sind die Bewohner eines Landes. Wenn das stimmt, wäre mit geringerer Ungleichheit jedem gedient. Doch diese Studien sind nicht über jeden Zweifel erhaben. Erstens gibt es einen gewissen Unterschied zwischen korrupten Entwicklungsländern einerseits, in denen sich reiche Oligarchen Macht kaufen und so die Entwicklung behindern können, und Industriestaaten andererseits, in denen die Macht durch Regeln verteilt ist. In den Industriestaaten hat die Ungleichheit kaum Einfluss auf das Wirtschaftswachstum. Zweitens ist noch längst nicht klar, ob es wirklich die Ungleichheit ist, die in den Entwicklungsländern das Wachstum drückt – oder ob es einen ganz anderen Grund gibt. Zum Beispiel könnte ein Mangel an Bildung sowohl das Wirtschaftswachstum senken als auch die Ungleichheit vergrößern.

Es bleibt die Frage: Wie viel Unterschied wollen wir? Dass jeder genau das Gleiche hat, finden die meisten Leute nicht gut. Wer mehr leistet, soll auch mehr haben – das scheint zumindest in Deutschland Mehrheitsmeinung zu sein. Aber was ist Leistung überhaupt? Robert Lewandowski war im vergangenen Jahr mit 20 Millionen Euro der bestbezahlte Spieler der Fußballbundesliga. In einem Spiel läuft er rund zehn Kilometer. Ein Lagerarbeiter bei Amazon läuft täglich, und zwar oft mehr als zwanzig Kilometer. Er verdient aber nur ungefähr ein Tausendstel des Jahresgehalts von Lewandowski. Der Unterschied kommt daher, dass Lewandowskis Arbeit mehr Menschen betrifft: Er begeistert mit seinem Spiel Tausende und hat viele Fans. Jeder, der ein Lewandowski-Trikot kauft, trägt zu seinem Gehalt bei. Welche Art der Leistung soll zählen: die Laufleistung – oder die von Toren und Siegen ausgelöste Begeisterung?

Viele dieser Fragen lassen sich nicht einfach beantworten. Aber auf einen Satz können sich viele Leute einigen: Die Chancen eines Kindes sollten nicht vom Elternhaus abhängen. Historische Studien zeigen zwar, dass sich die Oberschicht in den meisten Ländern immer wieder aus den gleichen Dynastien rekrutiert, selbst Chinas Kulturrevolution konnte daran nichts ändern. Doch die Chancengleichheit sollte trotzdem so groß wie möglich sein. So zumindest läuft die öffentliche Diskussion.

Wie groß ist die Chancengleichheit?

Und wie groß ist nun die Chancengleichheit? In einer spannenden neuen Studie haben Ökonomen aus dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim und von der amerikanischen Universität Yale um Paul Hufe und Andreas Peichl probiert, den Einfluss des Elternhauses auf die Chancen von Kindern zu beziffern, und zwar mit Daten aus zwei Ländern, die nicht für egalitäre Gesellschaften bekannt sind: den Vereinigten Staaten und Großbritannien.

Es gibt viele Möglichkeiten, wie die Startchancen der Kinder von den Eltern beeinflusst werden. Eigenschaften werden biologisch vererbt. Wichtig ist auch, wie die Eltern ihre Kinder erziehen. Geht es auch ums Geld? Spielt das überhaupt eine große Rolle? Welcher Einzelfaktor welchen Anteil hat, das haben die Ökonomen nicht ausgerechnet. Sie haben einfach möglichst viele Dinge zusammengetragen, die Einfluss auf die Chancen der Kinder haben können. Die Forschergruppe wählte für die Studie einen Ansatz, der im politischen Spektrum weit links stünde. Sie nahmen an: Für alles, was vor dem 16. Geburtstag passiert, ist das Kind nicht selbst verantwortlich. Schulleistungen, Verhaltensstörungen – all das zählten sie für diese Untersuchung noch zum Einfluss des Elternhauses.

Dann teilten sie die Kinder in Gruppen aus ähnlichen Elternhäusern ein. Die Idee: Wenn am Ende die Kinder einer Gruppe alle gleich viel Geld verdienen, hängt der Erfolg stark vom Elternhaus ab. Wenn sich aber die Kinder aus den unterschiedlichen Gruppen durchmischen, hat das Elternhaus mit dem Erfolg der Kinder nichts zu tun. Dann ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. So wollten die Forscher Untergrenzen für den Einfluss der Eltern finden. Frühere Untersuchungen hatten Untergrenzen für den Einfluss der eigenen Anstrengung gezeigt: Damals waren das mindestens 30 Prozent der Einkommensunterschiede.

Das Ergebnis der neuen Studie ist überraschend. Obwohl die Forscher den Einfluss des Elternhauses sehr weitreichend definierten und in Amerika die Kluft zwischen Arm und Reich besonders groß ist, ließ sich nicht einmal die Hälfte des Einkommens sicher auf das Elternhaus zurückführen. In Großbritannien brachte es der Eltern-Einfluss sogar nur auf ein Drittel des Einkommens. Dadurch wird deutlich: Das Elternhaus hat zwar Einfluss auf den Erfolg eines Kindes, aber nur begrenzt. Für einen großen Teil ist jeder selbst verantwortlich.

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2 Lesermeinungen

  1. Pingback: Vererbung und Schulerfolg | Basedow1764's Weblog

  2. Wie viel soziale Mobilität wollen die Amerikaner?
    In einer jüngeren Umfrage wurden die Amerikaner gefragt, wie viel soziale Mobilität sie wollen. Interessant ist: Sie wollten gar keine perfekte Mobilität. Perfekte Mobilität würde bedeuten, dass jedes Kind gleiche Chancen hat, als Erwachsener arm oder reich zu werden. Tatsächlich wollten die Amerikaner, dass zwar arme Kinder alle Chancen haben und gleichmäßig überall in der Gesellschaft landen, aber die Kinder aus reichem Haus sollen laut Umfrage nicht so viel an Status verlieren. Das allerdings kann so nicht funktionieren. Schließlich ist die relative Position in der Gesellschaft immer ein Nullsummenspiel.

    h/t Brookings: http://www.brookings.edu/blogs/social-mobility-memos/posts/2016/01/11-how-much-social-mobility-people-want-reeves

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