Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Gibt es Parallelen zwischen 1931 und der Eurokrise?

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Ohne die Analyse von Banken und Finanzmärkten lässt sich die Eurokrise nicht vernünftig erklären. Ähnliches gilt auch für die Ereignisse des Jahres 1931 in Deutschland. Es gibt Parallelen – aber auch Unterschiede.

Die Finanzgeschichte ist reich an Beispielen, wo zunächst viel kurzfristiges Geld in ein fremdes Land floss, das dort langfristig und nicht immer profitabel investiert wurde. Ein scheinbar nebensächliches Ereignis kann genügen, um das Vertrauen der ausländischen Kapitalgeber zu erschüttern. Ziehen sie ihre kurzfristigen Mittel schlagartig ab, gerät das Bankensystem im Empfängerland in große Schwierigkeiten, und mit dem Banksystem auch die Gesamtwirtschaft. Wir haben diese sogenannten Sudden-Stop-Krisen kürzlich für die Eurokrise und davor für Schwellenländer behandelt. Ein bekanntes historisches Beispiel ist die deutsche Krise des Jahres 1931.

Die Analyse der Vorgänge in Deutschland lässt sich in drei Phasen unterscheiden:

  • In der ersten Phase, die von den dreißiger Jahren bis in die Mitte der siebziger Jahre reichte, verstand man die Ereignisse des Jahres 1931 in erster Linie als eine Bankenkrise. Verbreitet wurde diese These, in der die Kredit- und Liquiditätspolitik eine wichtige Rolle spielten, unter anderem in einem früher viel gelesenen Buch von Karl Erich Born. Aus heutiger Sicht ist ein Problem dieser alten Literatur neben der einseitigen Interpretation eine unbefriedigende Theorie der Bank.
  • In der zweiten Phase, die mit einer Arbeit von Gerd Hardach (1976) begann, wurde die Krise in erster Linie als eine Währungskrise betrachtet. Das war lehrreich, aber auf andere Weise etwas einseitig.
  • In den neunziger Jahren begann, ausgehend von den Vereinigten Staaten, die theoretische und empirische Analyse sogenannter „Zwillingskrisen“, in denen Währungs- und Bankenkrisen als sich gegenseitig beeinflussende Faktoren wahrgenommen werden. (Wichtige frühe Arbeiten sind hier und hier.) Dabei finden wichtige Aspekte der modernen Theorie der Bank Berücksichtigung. Dieser Ansatz wurde vor allem von Isabel Schnabel (zum Beispiel hier und hier) auf die deutsche Krise des Jahres 1931 angewandt.

Was geschah 1931?

Schnabel vertritt die These, dass der Verweis auf die währungspolitischen Folgen der Kapitalabzüge, so wichtig sie sein mögen, nicht reichen, um die Vorgänge von 1931 zu erklären:

  1. Zum einen waren die Gefahren der kurzfristigen Auslandsfinanzierung der deutschen Banken damals sehr wohl bekannt, denn schon 1924 und 1927 war es zu bedeutenden Rückzügen von Auslandskapital gekommen.
  2. Zweitens verzeichneten viele Großbanken in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre einen deutlichen Rückgang der Eigenkapitalquoten, während sie andererseits viel Geld an einzelne Kreditnehmer vergaben und damit hohe Klumpenrisiken aufbauten. Mit anderen Worten: Auf beiden Seiten der Bilanz waren die Banken unvorsichtig. „Angesichts der hohen Auslandsverschuldung bei geringer Liquiditätshaltung und der hohen Kreditrisiken bei geringem Eigenkapital muss man folgern, dass das schlechte Abschneiden der Großbanken in der Krise von 1931 nicht zuletzt das Ergebnis einer hochriskanten Geschäftspolitik war“, schreibt Schnabel. Dazu muss man sehen, dass erst nach der Bankenkrise eine Bankaufsicht in Deutschland eingeführt wurde – die Banken agierten vorher freihändig und die Großen zudem wohl unter der Annahme, dass sie im Zweifel vom Staat gerettet würden. Ein weiterer Aspekt war ein erstaunliches Maß an Inkompetenz. Der Bankier Albert Hahn traf in den späten dreißiger Jahren im New Yorker Exil den früheren Vorstandsvorsitzenden der in der Krise untergegangenen Großbank Danat, der das Debakel von 1931 als eine Art persönlicher Beleidigung auffasste und im Grunde keine Ahnung hatte, was damals geschehen war.
  3. Drittens ist bemerkenswert, dass trotz der Vorläufer von 1924 und 1927 die Banken 1931 keine hohe Liquiditätsreserven hielten, um auf allfällige Abzüge von Auslandskapital vorbereitet zu sein. Zudem hielten die Banken damals einen großen Teil der Liquidität in Form von Wechseln, die als Folge der Bemühungen der Reichsbank, den Wechselkurs zum Gold stabil zu halten, plötzlich gar nicht mehr so liquide waren. „Bereits 1924 hatte die Reichsbank Kreditrestriktionen einführen müssen, um eine Währungskrise abzuwenden. Wechsel waren demnach hinsichtlich ihres Liquiditätsgrades anders zu beurteilen als Bargeld oder Einlagen bei anderen Banken“, konstatiert Schnabel.
  4. Schließlich war die Reichsbank auch in anderer Hinsicht wenig hilfreich. Einerseits befand sie sich im klassischen Konflikt einer Notenbank in einem System fester Wechselkurse, die sich zwischen der externen Stabilität (Wechselkurs) und binnenwirtschaftlichen Notwendigkeiten entscheiden muss. Die Reichsbank optierte für die externe Stabilität und garnierte ihre Maßnahmen mit einer Diskriminierung kleinerer und potentiell gesünderer Banken. Wir zitieren wieder Schnabel: „Als die Golddeckung der Währung sich der vorgeschriebenen Grenze von 40 Prozent näherte, sah sich die Reichsbank gezwungen, Kreditrestriktionen einzuführen, so dass eine freie Rediskontierung von Wechseln nicht mehr möglich war. Die Stadt Berlin, Sitz der Großbanken, wurde von diesen Restriktionen ausgenommen, so dass die Großbanken weiterhin in großem Umfang Rediskontierungen von Wechseln durchführen konnten. Dies ging so weit, dass Banken wie die Danatbank reine Finanzwechsel diskontieren konnten, die den Standards der Reichsbank eigentlich nicht genügten. Den Provinzbanken war es hingegen sogar verwehrt, gute Handelswechsel bei der Reichsbank zu rediskontieren.“

Die gesamtwirtschaftlichen Folgen

Welche gesamtwirtschaftlichen Folgen hatten diese Verwerfungen vor allem im Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland? Das Auslandskapital in Deutschland stammte überwiegend aus den Vereinigten Staaten und auch in Nordamerika gab es eine schwere Bankenkrise. Eine interessante empirische Untersuchung stammt von Albrecht Ritschl und Samad Sarferaz. Die wichtigsten Ergebnisse sind:

  1. Entgegen einer verbreiteten Sicht wurde die Krise in Deutschland kaum aus den Vereinigten Staaten, – wo 1929, also vor der Bankenkrise von 1931, der berühmte Börsenkrach stattgefunden hatte –  befeuert. Dessen Wirkung wird von den Autoren als „insignificant and quantitatively negligible“ bezeichnet.
  2. In beiden Ländern war der Einfluss der heimischen Geldpolitik auf die Wirtschaft gering.
  3. Ganz anders sieht es mit den Wirkungen der Zustände in der Bankbranche aus. Sie wirkten zum einen auf die jeweilige nationale Wirtschaft, aber zusätzlich wirkte die deutsche Bankenkrise stark auf die amerikanische Wirtschaft, während die amerikanische Bankenkrise kaum auf die deutsche Wirtschaft wirkte. Und für den Zustand der Banken spielte die Geldpolitik keine besondere Rolle: „We find that banking conditions cannot be explained by monetary conditions but themselves have marked real effects.“

Und heute?

Wir können keinen vollständigen Vergleich vornehmen, aber auf einzelne Punkte hinweisen. Es existieren Parallelen in der Vorgeschichte der Krise. Ein wesentlicher Unterschied besteht in einer angemesseneren Reaktion der Geldpolitik heute im Vergleich zu früher. Aber auch wenn die Regulierung heute besser ist als damals, lassen auch für unsere Zeit regulatorische Ineffizienzen konstatieren.

  1. Vor der Krise von 2008 hatten sich viele europäische Banken kurzfristig in Dollar verschuldet und diese Dollars zum Teil langfristig in den Vereinigten Staaten und über den Globus verteilt. Als nach dem Fall von Lehman Brothers die europäischen Banken Schwierigkeiten bekamen, ihre kurzfristigen Dollar-Verbindlichkeiten am Markt zu erneuern (ein weiterer Fall von „Sudden Stop“), sprangen die Zentralbanken für eine Übergangszeit in Form von Swap-Geschäften zwischen der Fed und anderen Zentralbanken ein. Damit wurde verhindert, dass wie 1931 europäische Banken wieder Probleme mit ihren Dollar-Finanzierungen bekamen. Die Fehler der großen Zentralbanken in den zwanziger Jahren wurden vor einigen Jahren sehr einprägsam von Liaquat Ahamed beschrieben. Im Herbst 1931 sabotierte die Reichsbank dann den Lautenbach-Plan.
  2. Da kein Goldstandard existierte, waren die Zentralbanken nach 2008 nicht zur Aufrechterhaltung von Wechselkursen verpflichtet. Sie konnten daher ohne Probleme die jederzeitige Zahlungsfähigkeit der Banken in ihrem Zuständigkeitsbereich sichern – das trifft auch für die EZB zu. Es gab vorübergehende Liquiditätsprobleme einzelner Banken, aber kein Liquiditätsproblem des europäischen Bankensystems. Das gilt auch für die Jahre seit dem Ausbruch der Eurokrise 2010 – einem weiteren Fall eines „Sudden Stops“. In dieser Hinsicht hat die moderne Geldpolitik von den Fehlern ihrer Vorgänger in der Zwischenkriegszeit gelernt.
  3. Aber die Regulierungen waren und sind ineffizient. Auch in unserer Zeit konnte nicht verhindert werden, dass sich Banken mit wenig Eigenkapital in riskante Projekte stützten. Und die für die Zukunft gedachten neuen Regulierungen – Eigenkapitalregeln, Liquiditätsregeln und Regeln für die Abwicklung maroder Banken – werden von Fachleuten kritisiert. Insofern ist man heute weiter als vor 85 Jahren, aber ein befriedigender Zustand ist immer noch nicht erreicht.
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22 Lesermeinungen

  1. Nebenbei: Schnabels These ist falsch
    Mit allem, was ich hier schrieb, sollte klar sein, dass die Reichsbank nicht für die externe Stabilität optierte: sie hatte keine Option. Die Diskontpolitik wirkte sich als ihr Gegenteil: wegen des vagabundierenden Auslandsgeldes bedeutete Senkung des Diskonts Restriktion bis zur Deflation, Erhöhung Lockerung (noch mehr Auslandskredite). Wechsel waren nicht liquid, weil die Reichsbank gehindert war. Die übermäßige Kündigung kurzfristiger Auslandskrediten, was die Folge der Diskontsenkung wäre, konnte man sich wegen der politischen und wirtschaftlichen Verpflichtungen zum Ausland nicht leisten. Nett, dass Herr Braunberger die Swaps Geschäfte nach 2008 erwähnt, aber das setzt Kooperation voraus: mit jenen, die auf die Reparationszahlungen sogar mit Gold und Devisen aus Auslandskrediten (gegen Dawesplan) bestanden? Die ganze Währungslage nach dem Krieg von 1914 war krank. Heute ist vielleicht besser. Vielleicht. Vielleicht hat man etwas gelernt. Was hätte man laut Schnabel 1931 machen sollen?

    • Leider korrektur, ich wollte sagen: Wechsel waren nicht so liquid
      Entschuldigung für die Korrektur. Ich dachte an Herrn Braunbergers Ausführungen über Schnabels These. Aber selbst mit der Korrektur ist meine Aussage nicht ganz richtig: die Geldmärkte waren flüssig, was nicht die Reichsbank machte, geschah auf dem Markt mit den Geldern aus Auslandskrediten. Die Reichsbank konnte ihr Diskont bis zu den Marktsätzen nicht senken („verlor die Fühlung mit dem Markt“), aber das heißt nicht, dass die Geldpolitik zu restriktiv war. Gerade die Kreditüberspannung (und plötzliche Kontraktion) als Ursache der Krise ist hier das, was jene Krise vergleichbar mit allen anderen macht (Parallelen). Zu Herrn Braunbergers Bemerkung, dass der Text über „forcierte Aktivierung der Handelsbilanz“ irrelevant sei: wie löst man das Problem der Ungleichgewichte bei der Euro Krise? Selbstverständlich nicht mit brutaler Staatsgewalt, aber wie? Haben Sie, Herr Braunberger, einen Vorschlag?

  2. "Ausgleich der Zahlungsbilanz durch forcierte Aktivierung der Handelsbilanz"
    Dass Brünings Deflationspolitik in der Luft war und man vielleicht den richtigen Zeitpunkt suchte, ist nicht meine Erfindung. Wenigstens in diesem Text ist ihr Zweck deutlich: Reparationszahlungen.

    >>
    Berlin, den 9. Januar 1931.

    Statistische Abteilung der Reichsbank.

    […]

    Läßt sich nun die bisßherige Entwicklung der Zahlungsbilanz und insbesondere der Handelsbilanz in den nächsten Jahren ein weiteres Aussteigen des Ausführüberschüsses und damit einen Übergang zum echten Transfer möglich erscheinen? Dabei ist zu unterscheiden zwischen der Möglichkeit eines nur vorübergehenden und eines dauernden echten Transfer.

    III.

    Zur Untersuchung dieses Problems ist zunächst notwendig, sich eine Vorstellung von der Größe des Ausfuhrüberschüsses zu machen, der zum Ausgleich der Verpflichtungen aus Reparationsleistungen, Zins- und Tilgungszahlungen erforderlich wäre, ohne daß diese Zahlungen durch Inanspruchnahme neuer Auslandskredite bewerkstelligt würden. Die deutsche Zahlungsbilanz ist nach dem Stande von Ende 1930 etwa mit folgenden Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Ausland belastet:

    1. Reparationszahlungen 1) rd. 1800 Mill. RM
    2. Zinsensaldo 2) “ 1100 “ “
    3. Tilgungsbeträge
    (ca. 8 Milld.à 2%) “ 160 “ “
    _________________
    3060 Mill. RM oder
    rd. 3 Milld. RM.

    [fußnoten: 1) bis 1935/36 auf 2 Milld. ansteigend. 2) wegen Berechnung des Zinssaldos vgl. Anlage 2.]

    Danach müßte sich unter der Voraussetzung, daß zur Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Ausland keine neuen Auslandkredite aufgenommen werden, daß also der Trasfer aus echten Überschüssen der Wirtschaftsbilanz geleistet wird, vom Jahre 1931 an die Zahlungsbilanz etwa folgendes Aussehen haben:

    Gesamte Zahlungsverpflichtungen an das
    Ausland rd. 3 Md.RM

    echter Transfer durch
    a) Dienstleistungen 0,5 Md. RM
    b) Überschuß der Han-
    delsbilanz 2,5 “ “ rd. 3 Md. RM

    Ist mit einer Erhöhung des Ausführüberschüsses von c.a.1500 Mill. im Jahre 1930 auf 2,5 Md., im Jahre 1931 also um 1 Milliarde, bzw. in den darauf folgenden Jahren zu rechnen?

    Die Entwicklung des deutschen Außenhandels in den letzten Jahren hat mit zunehmender Depression zu einem fast automatischen Umschwung der Handelsbilanz geführt. Saldo der Handelsbilanz (einschl. Reparationssachlieferungen):

    1927 -3 Milliarden RM
    1928 -1,3 “ “
    1929 +-0 “ “
    1930 +1,5 “ “

    Würde die Entwicklung 1931 im Tempo der letzten 4 Jahre fortschreiten, so würde der zur Durchführung des echten Transfer erforderliche Ausführüberschuß von 2,5 Milld. RM sogar überschritten werden. Nach der überraschenden Aktivierung des Ausenhandels von 1 1/2 Milliarden im verflossenen Jahre scheint es – von den Größenverhältnissen aus gesehen – nicht völlig ausgeschlossen, daß 1931 bzw. in einem der nächsten Jahre der Ausführüberschuß um eine weitere Milliarde ansteigt.

    Als hauptsächslichste Vorbedingungen für das Eintreten dieser Entwicklung sind anzusehen:

    1) die Fortdauer bzw. Zunahme der Depression in Deutschland,

    2) die Fortdauer des für Deutschland 1930 günstig gewesenen Verhältnisse zwischen den Preisen der eingeführten Rohstoffe zu den Preisen der ausgeführten Fertigfabrikate,

    3) Bereitwilligkeit des Auslandes, zum mindesten in bisherigem Umfange von Deutschland Waren anzunehmen.

    […]

    Es ist durchaus möglich, daß durch einen Wiederanstieg der Weltkonjunktur auch die deutsche Binnenkonjunktur mitergriffen wird, und daß durch den vermehrten Binnenbedarf und einströmmendes Auslandskapital sowie durch die Auffüllung der augenblicklich teilweise stark gelichteten Lagervorräte der echte Transfer in Frage gestellt wird.

    Aber selbst in diesem Fall wäre es vielleicht möglich, durch wirtschafts- und lohnpolitische Maßnahmen den echten Transfer in voller Höhe schon in den nächsten Jahren zu ermöglichen. Notwendige Maßnahmen zur Erreichung dieses Zieles bestehen in der Drosselung der Kapitaleinfuhr für die Zwecke der öffentlichen Hand, der Sanierung der öffentlichen Haushalte und vor allem in weiterer Verringerung der Gestehungskosten der Produktion durch Herabsetzung der Löhne und Gehälter, mit der Deutschland erst zögernd begonnen wurde. Sollte es auf diese Weise gelingen, in 1931 oder in einem der nächsten Jahre den echten Transfer durch Exportüberschüsse zu ermöglichen, so bietet dies natürlich durchaus keine Gewähr für eine dauernde Leistung der Reparationszahlungen aus eigener Kraft. Eine zu plötzliche gewaltsame Umstellung vom geborgtem auf den echten Transfer könnte, ohne den Transfermechanismus merklich zu stören, außerordentlich kostenspielige und gefährliche Reibungserscheinungen in der deutschen Wirtschaft erzeugen, die nichtnur die Kraft Deutschlands, Reparationen auf die Dauer weiter zu leisten, schwächen, sondern angesichts der hohen Zahl der Arbeitslosen und der zunehmenden Radikalisierung der Massen auch die Gefahren schwerer innenpolitischer und sozialer Kämpfe heraufbeschwören würden. Daher wird es sich also vom rein politischen und auch vom wirtschaftpolitischem Standpunkt kaum verantworten und ermöglichen lassen, durch rigorosen Transferdruck einen echten Transfer in den nächsten Jahren erzwingen zu wollen, sondern man wird nur tastend vorgehen können, zumal eine völlige Aufbringung der Reparationen pp. aus eigener Kraft in den nächsten Jahren durchaus unrichtige Vorstellungen über die deutsche Leistungsfähigkeit im Ausland erwecken könnte. Deutschland steht demnach bezüglich des Reparationstransfers vor zwei Möglichkeiten: entweder weitere mehr oder weniger umfangreiche Zuhilfenahme von ausländischem Kapital zwecks Ausgleichung der Zahlungsbilanz (Folge: immer stärkeres Anwachsen der aufzubrin

    • "Man kann daher wohl Professor Ritschl beipflichten"
      Das waren Gedanken vor der Krise. Nach der Krise fielen vielleicht die Hemmungen weg und fand man den richtigen Zeitpunkt. So wie so gab es damals die heutige Deflationshysterie nicht.

      Selbstverständlich würde niemand heute auf die Idee kommen, Ungleichgewichte oder sonstige wirtschaftliche Probleme mit solcher brutaler Staatsgewalt zu lösen, oder? Alternativen: eine Währungsunion und ein Draghi?

      So geht der Aufsatz weiter:

      >>
      Letzteres [forcierte Aktivierung der Handelsbilanz] würde für Deutschland, sofern nicht außerordentliche Faktoren, wie z.B. eine erhebliche Steigerung des gesamten Welthandelsvolumens und speziell des deutschen Anteils, eintreten, eine Dauerdepression mit all ihren schlimmen wirtschaftlichen und politischen Folgen bedeuten. Das Transferproblem ist eben nicht nur ein rein technisches, sondern darüber hinaus ein ungeheuer wichtiges wirtschaftliches und innerpolitisches Problem, das besonders vom Gesichtspunkt der Umstellungsschwierigkeiten vom unechten auf den echten Reparationstransfer von größter Bedeutung ist.

      Man könnte vielleicht der Meinung sein, daß die Fortsetzung des Reparationstransfer aus Krediten des Auslandes für Deutschlands Wirtschaft weniger schädigend ist als eine möglichst schnelle Umstellung auf den echten Transfer aus Außenhandelsüberschüssen. Diese Auffassung ist aber falsch; denn

      1) verwandeln sich die politischen Schulden Deutschlands in dem Maße, wie sie durch Auslandskredite abgedeckt werden in höher verzinsliche Schulden der deutschen Wirtschaft;

      2) hat das System der Kreditfinanzierung auch notwendigerweise seine Grenzen an dem Anwachsen der für Verzinsung und Tilgung aufzuwendenden Beträge, die heute bereits etwa 1 1/4 Milld. ausmachen, und ferner an der Kreditbereitschaft des Auslandes. Diese ist nicht nur in starkem Maße von der Kapitalmarktlage in den Gläubigerländern abhängig, sondern dürfte auch in Anbetracht des Anschwellens der kommerziellen deutschen Auslandsschulden und der dadurch bedingten Gefährdung der Kreditsicherheit Deutschlands nachlassen bzw. ganz aufhören. Man kann daher wohl Professor Ritschl [Aufsatz in „Sparkasse v.1.11.30] beipflichten, „daß Deutschland ein vitales Interesse hat, über jene Scheinlösung der Kreditfinanzierung der Reparationen hinwegzukommen und durch echten Transfer (Dumping) der Gegenweite die Zweischneidigkeit des Tributgenusses fühlbar werden zu lassen. Je später die Kreditfinanzierung der Reparationen überwunden wird, desto weniger würde uns eine selbst bedeutende Reduktion der politischen Schulden nützen; denn schon eine Verdoppelung der heutigen Auslandsverschuldung würde den jährlichen Zins- und Tilgungsdienst dieser privaten Schuld auf die Höhe der Jahresannuität der politischen Schulden heben.“
      <<

    • Krisenhafte Erschütterungen ohne Gefährdung der sozialen Ordnung?
      Krisenhafte Erschütterungen sollte man schon bei ihren Ursachen bekämpfen und unschädlich(er) machen, wenn sie nicht verhindert werden können. Der Aufsatz endet mit folgendem Zitat eines Enquete-Ausschusses, der selbstverständlich die nächste Zukunft nicht vorhersehen konnte (Könnte man es heute besser?):

      >>
      […]
      Wie der Enquete-Ausschuß die Umstellung der deutschen Handelsbilanz im Zusammenhang mit der inneren Wirtschaftsentwicklung Deutschlands beurteilt, geht aus folgenden vorsichtigen Bemerkungen hervor [Fußnote: vgl. „Die Zahlungsbilanz, Verhandlungen und Berichte des 1. Unterausschusses 1939“ S.163/64.]:

      „Es ist nicht vorauszusagen, unter welchen Reibungserscheinungen sich die Umstellung auf einen Ausfurüberschuß in Höhe der Reparations- und Zinszahlungen vollziehen wird. Je nach der Angebot- und Nachfragesituation im In- und Ausland wird sich eine Ausfuhrsteigerung oder Einfurminderung durchstetzen. Dieser Prozeß erfordert voraussichtlich größere oder geringere Preisumschichtungen, die ihrerseits wieder auf die Einkommensbildung, besonders auf den Unternehmergewinn und die Löhne, in Deutschland nicht ohne Rückwirkung bleiben werden. Von hier aus sind Einflüsse auf das Steueraufkommen und damit auf die Reparationsaufbringung denkbar. Das Ausmaß dieser Reibungen ist mitbedingt durch die Handelspolitik Deutschlands wie auch der auswärtigen Staaten. Auf der anderen Seite ist nicht voarauszusehen, inwieweit die Umstellungsschwierigkeiten dadurch vermindert werden, daß dieGläubigerländer den deutschen Warenstrom durch Kapitaltransaktionen in Länder mit günstigerer Nachfragelage für deutsche Erzeugnisse ablenken werden.

      Je weiter die Umstellung auf Grund eines Kapitaleinstroms hinausgeschoben wird, um so mehr wird die deutsche Wirtschaft inzwischen mutmaßlich gestärkt, um so günstiger werden voraussichtlich die Bedingungen für eine Umstellung werden. Denn je mehr Produktion und Absatz im Innern anwachsen, um so leichter wird es wahrscheinlich werden, die Produktionsspitzen im Auslande abzusetzen. Je höher sich die Einkommen in Deutschland entwickelt haben, um so eher werden auch krisenhafte Erschütterungen ohne Gefährdung der sozialen Ordnung und ohne Gefährdung des Steuersystems überstanden werden.

      Aber auf der anderen Seite wachsen die an das Ausland zu zahlenden Zinsverpflichtungen zu um so größeren Beträgen, je länger der Kapitaleinstrom anhält. Es wächst damit der Betrag, auf dessen Abdeckung sich der internationale Handels- und Dienstverkehr einstellen muß, es wächst damit unter Umständen das Ausmaß der Umstellungsschwierigkeit. Eine belegbare Aussage über den günstigsten Zeitpunkt für diese Umstellung läßt sich nicht machen, denn dieser Zeitpunkt hängt nach dem Gesagten nicht nur ab von dem gesamten wirtschaftlichen, fiskalischen und politischen Bedingungen Deutschlands, sondern ebenso auch von den Produktions- und Absatzverhältnissen im Ausland, von der ausländischen Handelspolitik und von der Konstellation der ausländischen Kapitalmärkte.“

      […]
      <<

    • Welt ohne Banken
      Mittlerweile kommentieren Sie Ihre eigenen Kommentare. Ich will Ihr Selbstgespräch ungern unterbrechen, aber doch auf eines hinweisen:

      In meinem Beitrag ging es wesentlich um Probleme der Banken. In den langen Zitaten, die Sie aus alten Texten bringen, kommen Banken nicht einmal vor. Vielleicht kennzeichnet dies die damalige Blindheit weitaus besser als das Einstellen weiterer, für das Beitragsthema irrelevanter Texte.

      Gruß
      gb

    • Es kommen Banken und Finanzmärkte doch vor
      Bei der Zahlungsbilanz geht es immer um Kredit. Immer.

      Es geht auch darum, dass Reparationen mit Gold und Devisen aus Auslandskrediten gezahlt wurden und man es ändern wollte: Banken traten als Gläubiger und Schuldner dieser Kredite vor. Das Geld liehen dann die hiesigen Banken weiter, die Devisen wurden der Reichsbank angeboten, und so entstand die scheinbare Transferfähigkeit. Was wurde mit dem Geld gemacht? Nicht die besten Investitionen. Irgendwann sollte es zum Vorschein kommen.

      Der erste Beitrag wurde nicht ganz vom Blog genommen, er endet mit:

      >>
      Deutschland steht demnach bezüglich des Reparationstransfers vor zwei Möglichkeiten: entweder weitere mehr oder weniger umfangreiche Zuhilfenahme von ausländischem Kapital zwecks Ausgleichung der Zahlungsbilanz (Folge: immer stärkeres Anwachsen der aufzubringenden Zinsen!), oder Ausgleich der Zahlungsbilanz durch forcierte Aktivierung der Handelsbilanz.
      <<

      Geht es nicht um Kredit? In solcher Größenordnung sicher nicht Privatkredit.

      Ich teilte den alten Text in drei, weil ich nur 6.000 Zeichen/Beitrag senden kann, nicht, um mich selbst zu kommentieren.

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  4. Dauerkrise?
    Otto Veit zählt in seinem Grundriss der Währungspolitik vier „Krisen“, man sollte es vielleicht Höhepunkte der damaligen Entwicklungen betrachten. 1926 endet der erste Konjunkturaufschwung mit zahlreichen Insolvenzen, der Geldmarkt verflüssigt sich unter Einwirkung ausländischer Devisenkredite zunehmend. Das Jahr hatte übrigens eine aktive Handelsbilanz (erst 1930 wieder). 1. Krise: Am 13.05.1927 kam es zu Kurzstürze und folgend Kreditabziehungen aus dem Ausland. 2. Krise: am 12.01.1929 sank die Reichsbank den Diskont und es kam zu einem übermäßigen Gold- und Devisenabfluss. 3. Krise: bei den Reichstagswahlen am 14.09.1930 gab es Stimmenzuwachs radikaler Parteien, Kreditabziehungen des Auslands und Kapitalabwanderung des Inlands folgten. 4. Krise: 13.07.1931. In einer Fußnote schreibt Veit: „Unter dem Gesichtspunkt der Binnenkonjunktur gibt es zwischen der dritten und der vierten Krise kaum eine Zäsur.“ In seinem Heft „Das Geheimnis des 13. Juli“ betrachtet H.E. Priester die 2. und 3. Krise als Vorboten der 4. Krise, erwähnt die erste nicht. Wir sind zu fixiert auf den 13.07.1931, die Zeit vorher und die Zeit danach bildet ein Kontinuum.

  5. Ist die "erfolgreiche" chinesische Wirtschaftspolitik vielleicht ...
    … etwas wie Brünings Deflationspolitik? Gibt es Vergleiche?

  6. Zum Wesen einer Krise gehört auch nicht, ...
    … dass Gläubiger und Schuldner sauber durch politischen Grenzen getrennt seien. Es geht zuerst lediglich um allgemeine Kreditüberspannung und plötzliche Kontraktion auf Grund allgemeinen Misstrauens. — Ohne die Analyse von Banken und Finanzmärkten lässt sich die Eurokrise nicht vernünftig erklären? Was heißt hier Eurokrise? Ist sie eine Finanzkrise oder nicht? Im ersten Fall man sich dann fragen, warum die Kreditüberspannung in diesem konkreten Fall.

  7. Pingback: Kleine Presseschau vom 12. April 2016 | Die Börsenblogger

  8. Wirkung des Börsencrashs von 1929 in U.S.A. auf die Krise von 1931
    „Dessen Wirkung wird von den Autoren [Ritschl und Sarferaz.] als ‚insignificant and quantitatively negligible‘ bezeichnet.“ — Früher dachte ich das auch, weil in den zeitgenössischen Quellen keine große Rolle spielt. Mittlerweile bezweifle ich es. Nach dem Crash in den U.S.A. freute man sich wahrscheinlich, wenigstens in Deutschland das Geld in Sicherheit zu haben, bis 1931 die Enttäuschung kam. Es ist aber nicht mit „empirischen Untersuchungen“ nachweisbar.

  9. Damals und heute
    Als ergänzende Darstellung eines historischen Vergleichs erwähnen wir eine Arbeit von James/Shin/Borio:

    http://www.bis.org/publ/work457.pdf

    Wir hatten sie auch in FAZIT erwähnt:

    http://blogs.faz.net/fazit/2015/03/27/wir-muessen-die-spieler-an-den-kapitalmaerkten-kennen-5525/

    Gruß
    gb

  10. "Ohne die Analyse von Banken und Finanzmärkten lässt sich die Eurokrise nicht vernünftig erklär
    Genau. Und warum? Weil eine Finanzkrise eine reine Sache von Kredit ist. Selbstverständlich gibt es Unterschiede und Gemeinsamkeiten, aber wir wollen ja verstehen, was eine Krise ist, und suchen das Allgemeine, die Grundsätze, nicht die Nebensächlichkeiten, nicht die konkrete Erscheinung. Das ist allerdings schwer, wenn man alles nur „empirisch“ im Sinne von Statistiken betrachtet. Es war so eine Sache von Kredit, dass selbst das Ziehen von Wechseln litt, weil man den potentiellen Bezogenen misstraute. Und auch 1931 wusste die Reichsbank zwar schnell, aber leider nicht schnell genug, wie zu reagieren war: Die Einlösbarkeit der Noten in Gold und die Kreditrestriktion wurden eingestellt (Sinn der Restriktion, Rationierung von Kredit, war übrigens, nicht eine Währungskrise abzuwenden, sondern niedrige Zinsen nach der Inflation bieten zu können). Bei Einbruch der Krise brauchten die Banken Devisen, sie reichten Wechsel der Reichsbank in großem Stil zum Diskont, um die Noten in Gold einzulösen: Das hat mit der Art und Weise der Verbreitung der Krise, wie die „Lehrbuch These“ über die Euro Krise, aber so oder so hätte die Krise ihren Weg gefunden. 1931 ging daher der Diskont in die Höhe, auch 2008 gingen die Zinsen in die Höhe: das ist das Allgemeine. Das Problem war die Fristentransformation, die falsch eingeschätzten Risiken, auch für die Allgemeinheit, es wurden private und öffentliche Kredite im Ausland aufgenommen, um das Geld/Gold auch hier auszugeben (ein vom System der Goldwährung ermöglichte Unsinn). Dass Banken Liquiditätsreserven nicht hielten, ist nicht vorzuwerfen: das bedeutete im damaligen System Sterilisierung von Kapital. Übrigens, warum war der Einfluss der Geldpolitik gering? Weil so zu sagen die Banken sich mit diesen Auslandskrediten refinanzierten. Was tut eigentlich die BuBa zur Zeit?

    • Ein Unterschied?
      Woher sollten jährlich die Devisen für Reparationen (1800 Millionen RM), Zinsen und Tilgung in Höhe von insgesamt etwa 3 Milliarden RM kommen? 1930 war der Exportüberschuss etwa 1,5 Milliarden, 1929 etwa Null, vorher Defizit. Die Devisen kamen eben aus diesen Auslandskrediten. Die Reparationszahlungen, die der Staat schuldete, wurden damit in höherverzinsliche Schulden der Wirtschaft umgewandelt.

    • Ein interessanter Aspekt
      Die Konjunktur kühlte schon vor der Krise ab, die Handelsbilanz aktivierte sich. Die Reichsbank erkannte hier eine Kausalfolge. Hatte diese Beobachtung vielleicht etwas mit der späteren Deflationspolitik (Politik, nicht Geldpolitik) zu tun?

    • Das damalige Dilemma der Reichsbank
      Wegen der Konjunktur hätte sie den Diskont senken sollen, aber sie war wegen der kurzfristigen Auslandsverschuldung gehindert. Der höhere Diskont half offensichtlich, die Bilanz zu aktivieren.

    • Die Abkühlung oder der höhere Diskont?
      Ich muss mich oben korrigieren. Ich vermute, eher die Abkühlung ist als Ursache der Aktivierung der Bilanz zu sehen. Die Reichsbank konnte zwar den Diskont nicht senken (und verlor die Füllung mit dem Geldmarkt), aber da war so wie so eine Geldschwemme aus dem Ausland. Warum sanken also die Preise trotz der Geldschwemme? Ist das (vor der Krise von 1931) vielleicht ein parallel zur heutigen Lage?

    • Zur Handelsbilanz
      Offensichtlich war der Exportüberschuss wegen weniger Importe. Zwar stieg ständig der Export, aber über niedrigere Preise habe ich keine Info. Höherer Diskont verursachte in normalen Zeiten niedrigere Preise und konnte die Bilanz wegen der Schranken der Wechselkurse aktivieren. Hier die Daten der handelsbilanz aus Otto Veits Grundriss:

      Waren Dienste
      Jahr Aktiv Passiv Aktiv Passiv
      ————————————————
      1924 7.810 9.626 753 479
      1925 9.546 11.990 1.056 594
      1926 10.677 9.884 1.226 694
      1927 11.118 14.078 1.542 897
      1928 12.627 13.938 1.635 963
      1929 13.632 13.676 2.257 1.545
      1930 12.175 10.617 1.841 1.303
      1931 9.733 6.955 1.516 1.066
      1932 5.834 4.782 1.163 898

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