Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Extremfall Inflationsspirale. Wie hoch darf Staatsverschuldung sein? (Teil 3)

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Immer wieder finden sich Ökonomen, die von Deutschland eine expansive Finanzpolitik fordern, um einen Beitrag zur Belebung der Konjunktur in Europa zu leisten. Dies ist für uns der Anlass, die ökonomischen Folgen expansiver Finanzpolitik in mehreren Beiträgen und anhand unterschiedlicher Modelle zu erörtern. Heute begeben wir uns in die Vergangenheit und besuchen eine Konferenz, auf der es hoch her ging. Ihre Erkenntnisse sind noch heute wertvoll.

„Up until a few years ago, I used to tell Princeton freshmen the story of how the Neanderthal Keynesians, with their stone-age view that money doesn’t matter, were vanquished by the Cro-Magnon Monetarists, with their equally silly view that fiscal policy doesn’t matter. When I did so, I always put the story in the past tense, on the assumption that the issue was dead and buried … Now, Karl wants us to exhume the body.“ (Alan Blinder)

 

Auftritt der Matadore

Im Herbst 1974 trafen sich an der amerikanischen Brown University berühmte Makroökonomen und einige Jungstars zu einer Konferenz, auf der es um gesamtwirtschaftliche Folgen expansiver Makropolitik ging – und hier vor allem der Finanzpolitik. Anwesend waren unter anderem die späteren Nobelpreisträger Milton Friedman, Franco Modigliani, Robert Solow und James Tobin. Es war das letzte große Kräftemessen zwischen den führenden Keynesianern und Monetaristen jener Zeit und in gewisser Weise ihr Schwanengesang.

Denn zu jener Zeit veröffentlichten junge Ökonomen wie Robert Lucas und Robert Barro Arbeiten, die zu einer Revolution im makroökonomischen Denken führten. Andere Talente wie Rüdiger Dornbusch machten auf der Konferenz an der Brown University deutlich, dass sie die verbalen Schlachten zwischen den Keynesianern Tobin, Modigliani und Solow einerseits und den Monetaristen Friedman, Karl Brunner und Allan Meltzer andererseits für aufgebauscht  hielten. Das ist auch noch die heutige Sicht.

Wir werfen einen Blick auf ein von Brunner/Meltzer vorgestelltes Modell1), in dem Finanzmärkte eine wichtige Rolle spielen. Vorausgeschickt sei, dass in diesem Modell Staatsanleihen aus der Sicht privater Käufer Nettovermögen darstellen – wir erinnern uns: Die Konferenz fand 1974 statt, dem Jahr, in dem Robert Barro seinen berühmten Beitrag „Are Government Bonds Net Wealth?“ gerade veröffentlichte, in dem er diese Vorstellung herausforderte.2)

 

Einigkeit im Streit

Brunner/Meltzer legten ein Modell vor, in dem es neben einem Geldmarkt einen Anleihemarkt und einen Markt für Sachkapital gibt. Mithilfe dieses Modells analysieren sie die Folgen von Geld- und Finanzpolitik. Uns interessiert hier, was in einem Falle zusätzlicher Staatsausgaben passiert, die durch die Ausgabe von Staatsanleihen finanziert werden. Ursprünglich waren Monetaristen der Ansicht gewesen, dass expansive Finanzpolitik keine vorteilhaften Wirkungen besitzt, während Keynesianer das Gegenteil behauptet hatten.

Der Gedankengang von Brunner/Meltzer lässt sich mit Grafiken zeigen, die wir einem anderen Beitrag Brunners zur Finanzpolitik entnommen haben. Figure 3.1 beschreibt die Ausgangssituation, in der „y“ das reale BIP und „p“ das Preisniveau beschreibt. Die Gerade „d“ beschreibt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, die Gerade „s“ steht für das gesamtwirtschaftliche Angebot.

Soweit ist es einfach; die Würze kommt durch die Gerade „bbe“ hinzu: Sie beschreibt die staatliche Budgetbeschränkung, das heißt, sie gibt Kombinationen von y und p an, bei denen die Staatsausgaben den Staatseinnahmen entsprechen.3) Für moderne Ökonomen ist die Budgetbeschränkung selbstverständlich;  1974 war sie relativ neu. Der Ökonom Carl Christ hatte sie erst wenige Jahre zuvor in makroökonomische Modelle eingeführt. Der Winkel der „bbe“-Geraden wird durch die Art der Besteuerung bestimmt. Im Modell von Brunner/Meltzer wird eine progressive Einkommensteuer angenommen.

fig3_1

fig3_2Figure 3.2. zeigt, was im Falle einer expansiven Finanzpolitik zunächst geschieht. Anfangs befindet sich die Wirtschaft im Punkt A – einem Gleichgewicht, in dem sich die Geraden „s“, „d“ und „bbe“ schneiden. Brunner/Meltzer nehmen an, dass der unmittelbare Effekt zusätzlicher Ausgaben nicht groß ist, weil ein steigender Zins private Investitionen verdrängt. Die zusätzlichen Staatsausgaben finanzieren sich kaum durch höhere Steuereinnahmen. Der Staat muss also Staatsanleihen ausgeben, um den Haushalt auszugleichen. Die „bbe“-Kurve verschiebt sich nach rechts („bbe1„).

Das zusätzliche Angebot von Staatsanleihen erzeugt zusätzliche gesamtwirtschaftliche Nachfrage, die zu einem höheren BIP und einem höheren Preisniveau führt. Die Nachfragekurve verschiebt sich nach rechts oben („d1„).  Als Folge der neuen Staatsanleihen hat sich nicht nur das Nettovermögen in der Privatwirtschaft (Unternehmen und Privathaushalte) erhöht; auch ist die Struktur aus Sicht der privaten Vermögenshalter nicht mehr optimal, da sie nun zu viel Anleihen halten. Es finden Umschichtungen statt, die wir für den Fall einer expansiven Geldpolitik in unserem Beitrag über Karl Brunner beschrieben haben. Diese Umschichtungen erreichen über eine Änderung des Preisverhältnisses von Finanz- zu Sachvermögen auch die Realwirtschaft  und wirken stimulierend.

Somit haben sich Keynesianer und Monetaristen scheinbar zusammengefunden – expansive Finanzpolitik wirkt kurzfristig anregend. Allerdings ist für Brunner/Meltzer die Geschichte nicht zu Ende; sie sprechen von einem „intermediate-run equilibrium“. Die Anpassungen in der Wirtschaft sind noch nicht abgeschlossen. Die Frage ist: Was passiert nun?


Reise in eine Fantasiewelt

In der kurzfristigen Analyse wurden mehrere ökonomische Größen nicht explizit beachtet, die in einer langfristigen Analyse wichtig sind. So steigt nach expansiver Finanzpolitik das Preisniveau; unter der Annahme kurzfristig unflexibler Nominallöhne sinkt damit der Reallohn. Das muss längerfristig Folgen haben. Zum zweiten stellt sich die Frage, wie sich der Bestand an Sachkapital unter der Annahme entwickelt, dass private Investitionen durch staatliche Investitionen verdrängt werden, deren Produktivität möglicherweise niedriger ist.

Um es kurz zu machen: Brunner/Meltzer verfügten damals nicht über das mathematische Handwerkszeug, um eine langfristige Analyse präzise vorzunehmen. Man hat sich eher tastend dem Thema genähert; auf der Konferenz kam vor allem Rudiger Dornbusch zu interessanten Schlussfolgerungen. Demnach ist das Ergebnis einer langfristigen Analyse nicht eindeutig, weil schon kleine Änderungen von Parametern die Resultate sehr verändern. Dornbusch zeigte, dass im Modell von Brunner/Meltzer expansive Finanzpolitik langfristig zu einer Inflationsspirale führen kann, während ein auf der selben Konferenz vorgestelltes Modell von Tobin/Buiter zu einem ganz anderen Schluss kam: Expansive Finanzpolitik führt hier langfristig zu einer wachsenden Wirtschaft ohne Inflationsproblem. Später wurde gezeigt, dass beide Modelle identische Resultate generieren, wenn man Annahmen über die Besteuerung ändert. Tobin hatte schon auf der Brown-Konferenz gewarnt, sehr langfristige Analysen seien ein „never-never land“, zu Deutsch, eine Fantasiewelt.

 

Und die Moral von der Geschicht‘ für das Jahr 2016…

… lautet, dass dies sehr theoretisch klingen mag, aber eine erhebliche praktische Bedeutung besitzt. Auch wenn die konkreten Modelle von Brunner/Meltzer heutigen technischen Standards nicht mehr genügen, verdanken wir ihnen doch eine wesentliche Erkenntnis: Expansive Finanzpolitik besitzt langfristige Wirkungen, die negativ sein können. Sie müssen beachtet werden, sind aber leider schwer zu kalkulieren. Daran hat sich nichts geändert; die Hoffnungen von Ökonomen wie Brunner/Meltzer, das Problem mittels empirischer Untersuchungen zu lösen, haben sich nicht erfüllt. 4)Eine Inflationsspirale wäre sicherlich ein extremes Ereignis, aber ganz aus dem Fokus der Ökonomen ist sie nicht geraten: Heutzutage postuliert die  „Fiskaltheorie des Preisniveaus“ ebenfalls eine solche Möglichkeit.

Lernen kann man daraus, dass neben der Analyse finanzpolitischer Programme erst recht langfristige Schuldentragfähigkeitsanalysen für Staaten sehr schwierig sind. Denn auch hier können kleine Änderungen von Parametern – zum Beispiel der Besteuerung – die Ergebnisse deutlich ändern. Daran seien gerade deutsche Ökonomen erinnert, die Staaten aus dem romanischen Raum per Ferndiagnose kurzerhand für bankrott erklären, sollte die EZB deren Anleihen nicht länger kaufen.

Nahezu grotesk wird es, wenn behauptet wird, die EZB könne ihren Leitzins selbst bei steigenden Inflationsraten nicht mehr erhöhen, weil die Finanzen dieser Staaten angeblich sofort umfielen. Das Argument klingt aus theoretischer Sicht zunächst einmal gut, weil die langfristige Analyse des Brunner/Meltzer-Papiers zeigt, wie die auf Staatsanleihen anfallenden Zinskosten wesentlich dafür sorgen, dass in einem Extremfall die Finanzierung der Staatsausgaben nur noch über steigende Inflationsraten gelingt. Nur: Da die Staatsschulden dieser Länder ganz überwiegend mit Festzinsanleihen finanziert sind, würden Zinserhöhungen lediglich die Neuverschuldung und nicht den gesamten Schuldenstand betreffen, womit die zusätzlichen Zinskosten zumindest auf absehbare Zeit klein blieben. Abgesehen davon würden bei höheren Inflationsraten die Steuereinnahmen steigen, wogegen die Staatsausgaben zum Beispiel für Personal nur dann automatisch zunähmen, wenn sie preisindexiert („scala mobile“) wären. Vor wenigen Jahren hatte die Deutsche Bundesbank Steuererhöhungen bei Problemen mit der Schuldentragfähigkeit ins Spiel gebracht – zumindest dort weiß man, dass Steuerpolitik in solchen Fällen ein einflussreiches Instrument sein kann. Das war schon eine wichtige Lehre der Brown-Konferenz gewesen.

 

Nachwort: Ideologie und Gelächter

Das Papier von Brunner/Meltzer zeigt neben wichtigen Erkenntnissen sehr schön, wie verheerend es für Ökonomen sein kann, wenn sie zwischen Ideologie und wissenschaftlicher Arbeit nicht zu trennen wissen. Die damaligen Auseinandersetzungen zwischen Monetaristen und Keynesianern waren sehr stark ideologisch motiviert und Brunner/Meltzer gehörten zu jenen, die einen Preis zu zahlen hatten. In ihrem Papier für die Konferenz hatten sie vollmundig erklärt, was unter Monetarismus zu verstehen sei und dabei auf die Stabilität des Privatsektors einer Wirtschaft verwiesen: „The private sector has a stablizing influence, so that the economy adjusts to any maintained policy.“

Wer dies behauptet, sieht allerdings schlecht aus, wenn er anschließend ein Modell präsentiert, in dem sich nach einer einmaligen Aktion des Staates langfristig eine völlig unklare Situation ergibt, die eventuell sogar zu einer Hochinflation führt. Die Gegenspieler von Brunner/Meltzer hatten einen schönen Tag. Nachdem der Schaden eingetreten war, gaben Brunner/Meltzer in einem Nachwort die Beleidigten und Unverstandenen und schrieben: „To us stability of the private sector means that in the absence of impulses in the form of government policies the system moves to equilibrium. Our version of monetarism does not deny that if exogenous shocks take the form of government policies, the system may oscillate or even explode into inflation or cumulative deflation.“ In einer vergleichenden Analyse mehrerer Arbeiten der Brown-Konferenz kommentierten die deutschen Ökonomen Jürgen Siebke, Dieter Knoll und Wolf-Dieter Schmidberger in einem Beitrag für einen Sammelband: „Brunner und Meltzer bemerken diesen Widerspruch und formulieren eine Definition der Stabilität, die einer gewissen Immunisierung ihres Standpunktes gleichkommt.“ Das war ein zurückhaltender Kommentar.


  1. Ein Grund für die Wahl dieses Modells ist der Hinweis eines kundigen Ökonomen, dass in meiner vor einiger Zeit veröffentlichten Brunner-Hommage dessen Analysen der Finanzpolitik mithilfe von Portfoliomodellen gefehlt habe. Wie immer bin ich für Hinweise auf Fehler oder wesentliche Auslassungen dankbar.
  2. Natürlich hatte Barro Vorläufer. Dies war erster Linie David Ricardo, weshalb man in der Fachwelt auch von „Ricardian equivalence“ spricht. Aber, und das ist vielleicht überraschender, auch der junge James Tobin war für den Gedanken empfänglich, dass Staatsschulden kein Nettovermögen sein könnten. Jahrzehnte später attackierte Tobin diese Konzeption sehr hart. Es gibt tatsächlich Ökonomen, die nicht schon von Geburt an wussten, was richtig und was falsch ist.
  3. In manchen simplen Modellen wird einfach unterstellt, dass der Staat zusätzliche Ausgaben tätigt und dann wird analysiert, wie diese Ausgaben auf die Wirtschaft wirken. Die Berücksichtigung der Budgetbeschränkung sorgt dafür, dass auch berücksichtigt wird, wie der Staat zusätzliche Ausgaben finanziert: In Frage kommen Steuererhöhungen oder eine Verschuldung durch Ausgabe von Staatswertpapieren. Kontrolliert der Staat die Zentralbank, wäre auch eine Erhöhung der (Basis-)Geldmenge denkbar.
  4. Ganz aktuell heißt es in einer Analyse drei IWF-Ökonomen mit dem etwas reißerischen Titel „Neoliberalism: Oversold?“ dazu: „Economic theory provides little guidance on the optimal public debt target. Some theories justify higher levels of debt (since taxation is distortionary) and others point to lower—or even negative—levels (since adverse shocks call for precautionary saving).“

 

Bisherige Beiträge unserer Serie:

Wie hoch darf Staatsverschuldung sein (Teil 1)

Schulden senken ist schwierig. Wie hoch darf Staatsverschuldung sein (Teil 2)

 

 

 

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1 Lesermeinung

  1. Lektüre
    Erwähnt sei noch, dass die Aufsätze und Diskussionen der Konferenz zwei Jahre später in einem Buch unter einem leicht missverständlichen Titel veröffentlicht wurden.

    Jerome L. Stein (ed.): Monetarism. North-Holland 1976.

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