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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Amerikas „versteckte Zinserhöhungen“

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Um die Folgen der Finanzkrise abzumildern, haben die großen Notenbanken der Welt bekanntlich umfangreichste Maßnahmen ergriffen. Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve senkte ihren Leitzins nahe null Prozent und beließ in dort jahrelang; erst im vergangenen Dezember erhöhten die Dollar-Währungshüter ihn erstmals etwas. Die Europäische Zentralbank (EZB), die japanische Notenbank und die Bank of England senkten ihre Leitzinsen ganz ähnlich. Hinzu kamen und kommen „unkonventionelle“ Maßnahmen (wenn man das heute noch so nennen kann) in Form von Milliarden Dollar, Euro und Pfund umfassender Wertpapierkäufe und eine aktivere Vorhersage ihres eigenen Handelns (Forward Guidance) durch die Notenbanker mit dem Ziel, die Zinsen auch im Bereich längerer Laufzeiten zu drücken und so die Wirtschaft in neuen Schwung zu bringen.

Viele dieser Maßnahmen (eine kleine Übersicht gibt es hier) sind einer breiten Öffentlichkeit unbekannt und schwer verständlich. Nach wie vor fällt schwer, Aussagen darüber zu treffen, wie locker die Geldpolitik denn nun eigentlich ist – eben weil der Leitzins nicht (weit) unter null Prozent fallen kann und an ihm alleine also der Kurs einer Notenbank in dieser Situation nur schwer „abgelesen“ werden kann.

Die Ökonominnen Jing Cynthia Wu (Chicago) und Fan Dora Xia (Universitiy of California) haben sich vor zwei Jahren nun eine Methode und Kennzahl ausgedacht, die einen neuen Vergleich ermöglicht. Und die mittlerweile auch von Entscheidern aufgegriffen worden ist: Wir wollen sie als Wu-Xia-Schattenzins (Wu-Xia-Shadowrate) übersetzen und nennen. (Zu ihrem im Journal of Money, Credit and Banking veröffentlichten Aufsatz geht es hier entlang, in Englisch, keine einfache Lektüre)

„Schauen Sie sich das an, es könnte Ihr Denken über Geldpolitik verändern“, kommentierte das unlängst Joachim Fels, der sich schon viele Jahre als leitender Ökonom in der Finanzbranche mit der Geldpolitik befasst (hier). Die regionale amerikanische Notenbank von Atlanta berechnet und veröffentlicht diese Zahl mittlerweile auf ihrer Homepage (hier) und hat sie damit gleichsam in ihr offizielles Angebot aufgenommen.

Hinter der Berechnung stecken einige Annahmen und viel komplizierte Mathematik. Grob zusammengefasst lässt sie sich so interpretieren: Der Schattenzins ist der kurzfristige Leitzins, der zu den jeweils aktuellen längerfristigen Marktzinssätzen „passt“. Der für sich genommen also die äquivalente Maßnahme gewesen wäre zur Kombination aus tatsächlichen Zinssenkungen, Anleihenkäufen und sogenannter Forward Guidance. (Um Missverständnisse zu vermeiden und es noch einmal klar zu machen: Der Schattenzins ist eine fiktive Größe.)

Und so hat sich diese Kennzahl entwickelt für die Vereinigten Staaten,…fed

… die Europäische Währungsunion…ezb

…und für das Vereinigte Königreich.bank-of-england

In den Grafiken ist der Wu-Xia-Schattenzins (blaue Linie) jeweils verglichen mit dem von der jeweiligen Zentralbank tatsächlich gesetzten Leitzins. Aus dieser Perspektive ergeben sich mehrere aufschlussreiche Deutungen: Einmal zeigt sich, dass nach dieser Lesart die amerikanische Notenbank ihre Geldpolitik nicht erst durch die Zinserhöhung im Dezember 2015 gestrafft hat, sondern schon seit dem Ende ihrer Anleihekäufe den Leitzins (ausgedrückt in diesem Schattenzinssatz) quasi schon um mehr als 3 Prozent nach oben führte. Daraus wird verständlich, warum die Währungshüter um Janet Yellen nun bekunden, keine Eile zu haben mit vielen weiteren Schritten, schlussfolgert etwa Ökonom Joachim Fels.

Der Blick auf die Währungsunion zeigt wiederum, dass der Schattenzins derzeit mit minus 5 Prozent so tief liegt wie noch nie. Und dass die Geldpolitik der EZB während der vergangenen Jahre außerdem phasenweise sogar straffer geworden war – bis auch die Euro-Notenbank am Anfang des Jahres 2015 mit umfangreichen Anleihekäufen begann und den Einlagensatz für die Banken sogar unter null Prozent absenkte.

Mit Blick auf Großbritannien zeigt sich schließlich, dass auch die britische Notenbank-Politik im Verlaufe dieses Jahres lockerer geworden ist. Der Schattenzins beträgt minus zwei Prozent und liegt ebenfalls auf einem Tiefstand. Infolge des Brexit-Votums hatte die Bank of England weitere Anleihekäufe angekündigt.

Kleines Fazit: Der Wu-Xia-Schattenzins ist ein vergleichsweise junges Konzept in dieser Form. Er ermöglicht aber womöglich einen neuen Blick auf die Wirkungen der Geldpolitik, der Vergleiche erleichtert. Deshalb kann es lohnen, diese Methode zumindest im Hinterkopf zu haben, auch wenn natürlich die Notenbanken nur ein Einflussfaktor auf die Kurse von Wertpapieren sind.

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6 Lesermeinungen

  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 13. Oktober 2016 | Die Börsenblogger

  2. Notenbanken nur ein Einflussfaktor
    Bei dem Volumen der Anleihekäufe ist die EZB aber wohl der dominierende Faktor. Dieser Schattenzins ist für die Zukunft bestimmt ein interessantes Kriterium, um die Notenbankpolitik zu beurteilen. Da die Notenbanken aber sehr stark Finanzpolitik und Staatsfinanzierung betreiben, muß sich die Aussagefähigkeit dieses Schattenzinses noch herauskristallisieren.

  3. Wu-Xia-Shadowrate eine weitere Bestätigung einer Annahme die schon bestätigt ist!
    „…und eine aktivere Vorhersage ihres eigenen Handelns (Forward Guidance) durch die Notenbanker mit dem Ziel, die Zinsen auch im Bereich längerer Laufzeiten zu drücken und so die Wirtschaft in neuen Schwung zu bringen.“
    Aber dieses Ziel wird anscheinend mit noch so viel befeuerten Programmen, wie sie auch die EZB betreibt, nicht erreicht werden, weil sie nicht reinvestierbar sind. Am Beispiel Griechenland, wo teilweise Schuldverpflichtungen über 4 Jahrzehnte verbrieft sind, sieht man eine Minusverzinsung die letztlich am Beispiel GR über 5% (aus heutiger Sicht) liegt, und dass dadurch keine echten Impulse erzielt werden, im Gegenteil.
    Wenn Vermischungen von Annahme mit Mathematik angestellt werden, ausgedrückt als Schattenzins, und Eingang als Grundlage von Entscheidungen finden, werde ich quasi vollautomatisch sehr skeptisch. Meine Skẹpsis kommt sicher auch daher, dass ich effektiv zuwenig vom Aufssatz von Jing Cynthia Wu und Fan Dora Xia verstanden habe. Trotzdem ein sehr interessanter Beitrag. MfG

  4. Wo Schatten ist, da ist auch Licht
    “Der Blick auf die Währungsunion zeigt wiederum, dass der Schattenzins derzeit mit minus 5 Prozent so tief liegt wie noch nie.“

    Dies sind die unmittelbaren Folgen einer verfehlten Austeritätspolitik. Die Chinesen sind hier wohl weitsichtiger: „Eine mit den Überlegungen der chinesische Zentralbank PBOC vertraute Person sagte, die Notenbank neige nicht dazu, die Zinsen oder den sogenannten Mindestreservesatz zu lockern. „Geldpolitik hat nur begrenzte Wirkung, wir werden uns auf die Finanzpolitik verlassen müssen“, sagte der Insider.“ http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/china-gehortetes-geld-bringt-zentralbank-in-bedraengnis/14469578.html.

    Statt germanischer schwarzer und intellektueller Nullen benötigen wir mehr Michael Kalecki: http://mrzine.monthlyreview.org/2010/kalecki220510.html, Mark Blyth: https://www.youtube.com/watch?v=o8LAUQwv77Q und Lord Adair Turner: https://www.youtube.com/watch?v=6uGvjOwdaUM. Ein heller Lichtstrahl auf die tiefen Schatten in Europa; hoffentlich trifft er auch das deutsche Finanzministerium.

    LG Michael Stöcker

    • Kurz Frage:
      In Deutschland herrscht nahezu Vollbeschäftigung, die Outputlücke signalisiert, dass der laufende Output über dem Potenzialoutput liegt und damit keine freien Kapiazitäten existieren. Multiplikatorwirkungen der deutschen Importnachfrage auf andere Eurozonenländer sind marginal.

      Welches Land in der Eurozone sollte deficit spending machen und wie sollte diese Land das zusätzliche Defizit finanzieren?

    • Kurze Antwort:
      Auf legalem Weg nur über ein niedriges zentralbankfinanziertes Bürgergeld. Die längere Version finden Sie hier: https://zinsfehler.wordpress.com/2016/09/25/ein-geldpolitisches-manifest-fuer-europa/

      LG Michael Stöcker

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