Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wahrheit wird überbewertet

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Wer Ökonom ist und etwas auf sich hält, war am vergangenen Wochenende in Chicago. Die ehrwürdige American Economic Association, kurz AEA, hielt dort ihr Jahrestreffen ab. In Dutzenden Veranstaltungen präsentierten Professoren ihre Arbeiten, für talentierte Nachwuchsforscher kann die Konferenz zur Eintrittskarte für die Karriere an einer Elite-Uni werden. Und der Veranstalter ließ wissen: „13000 der besten Köpfe der Zunft versammeln sich, um sich zu vernetzen und neue Erfolge der Wirtschaftsforschung zu feiern.“

Partylaune also, wären da nicht Spaßbremsen wie Dave Colander. Der Ökonom des Middlebury College in Vermont reiste nach Chicago, um der eigenen Disziplin den Spiegel vorzuhalten. Im Gepäck hatte er ein Paper, das mit der Zunft hart ins Gericht geht: 99 Prozent seiner Kollegen, behauptet Colander, gehen ihre Arbeit falsch an. Ihre Ergebnisse seien deshalb wenig brauchbar.

Ein scharfer Vorwurf, den der Forscher wie folgt begründet: Die allermeisten Ökonomen betrachteten sich als Wissenschaftler, deren Aufgabe darin bestehe, „die Wahrheit“ zu suchen und zu finden. Damit ihnen das gelingt, benutzen sie Modelle, also die Wirklichkeit vereinfachende Konstrukte, die ganz bestimmte Annahmen haben und zu präzisen Ergebnissen führen. Solche Modelle sind in der Ökonomie omnipräsent: Es gibt Modelle für vollkommene Märkte, für Arbeitslosigkeit, für Aktienkurse, für Liebe, einfach für alles.

Dave Colander findet diese Herangehensweise bedenklich: „Der Fetisch der Ökonomen für Modelle ist aus meiner Sicht ein Problem“, sagt er. Es sei blauäugig, die von den Modellen ausgespuckten Ergebnisse als „wissenschaftlich“ und „objektiv“ anzusehen. Die Forscher blendeten viel zu oft aus, dass die Modelle nur unter bestimmten Bedingungen Aussagekraft haben und bei konkreter Fragestellung auch Dinge eine Rolle spielen können, die mit den Formeln nicht erfasst werden können.

Zum echten Problem werde das, wenn Ökonomen aus ihren Ergebnissen eindeutige Empfehlungen an die Politik ableiteten – zum Beispiel beim Thema Freihandel. Viel zu lange hätten die Forscher in der Öffentlichkeit ein zu positives Bild gezeichnet und nicht klar genug darauf hingewiesen, dass der freie Warenverkehr neben vielen Gewinnern auch Verlierer produziert. In Amerika lässt sich besichtigen, wie wütend diese Verlierer sind – nicht zuletzt sie haben Donald Trump zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

„Ich könnte zahlreiche andere Beispiele geben, bei denen Ökonomen vergessen oder zumindest deutlich heruntergespielt haben, welche Einschränkungen bedacht werden müssen, wenn Ergebnisse aus Modellen zu Politikempfehlungen gemacht werden“, schreibt Colander. In Deutschland würde ihm wohl zuallererst die Debatte um den Mindestlohn einfallen. Hunderttausende könnten ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn die Lohnuntergrenze von 8,50 Euro kommt: So warnten führende deutsche Ökonomen auf Grundlage ihrer Modellrechnungen. Zwei Jahre später arbeiten hierzulande so viele Menschen wie nie, Mindestlohn hin oder her.

Aber sind solche Fehler vermeidbar? Liegt es nicht in der Natur der Sache, dass jedes Modell unvollkommen ist und immer weiter verbessert werden muss – oder eben irgendwann durch ein besseres ersetzt wird? Colander will sich mit solchen wissenschaftstheoretischen Argumenten nicht abfinden: „Ich würde nicht über dieses Problem schreiben, wenn ich nicht eine Lösung hätte oder zumindest denken würde, ich hätte eine.“

Geht es nach dem selbstbewussten Kritiker, backen Forscher künftig kleinere Brötchen. Anstatt sich mit abstrakten Modellen auf Wahrheitssuche zu begeben, sollten sie sich als Ingenieure betrachten. „Ingenieurwesen ist keine Wissenschaft. Es ist die Suche nach Antworten auf Probleme.“ Ingenieure wüssten, was sie nicht wissen oder nicht wissen können. Darum konzentrierten sie sich in ihrer Arbeit stärker auf das, was sie in der realen Welt vorfinden und was sie für ihre konkrete Fragestellung gebrauchen können.

Ihr Handwerkszeug? Heuristiken, also Verfahren, die zwar verwandt sind mit Modellen, aber sehr viel offener und informeller sind. In Heuristiken könnten auch die Intuition, der gesunde Menschenverstand, historische Erfahrungen und vieles mehr einfließen, zählt Colander auf. Seine Hoffnung: Heuristiken sprengen die engen Grenzen formaler Modelle, fördern die Kreativität und ermöglichen passgenaue Antworten auf konkrete Fragestellungen. Ein solches Umdenken verlangt der Forscher zwar nicht von allen Ökonomen. Aber zumindest diejenigen, die nah an der Praxis arbeiten und Politikempfehlungen geben, müssten zu Ingenieuren werden.

Man muss dieser Fundamentalkritik nicht in allen Punkten zustimmen, um ihr etwas abgewinnen zu können. Denn trotz vieler Fehlleistungen in der Vergangenheit und unzähliger Debatten über die Zukunft der Disziplin hat sich in der Ökonomie auch knapp ein Jahrzehnt nach dem überraschenden Ausbruch der Finanzkrise nicht besonders viel getan.

Noch immer haben Forscher, die auf alternative Modelle und Methode setzen, kaum Chancen auf Veröffentlichungen in den renommierten Fachzeitschriften und damit auch nicht auf Hochschulkarrieren. Es stimmt zwar, dass sich solche alternativen Ansätze im Wettbewerb gegen die etablierten Modelle durchsetzen müssen – aber gibt es in den bestehenden Strukturen überhaupt einen fairen Wettbewerb? Erst jetzt hat in Deutschland die erste staatliche Hochschule, die Universität Siegen, unter dem Titel „Plurale Ökonomik“ einen Studiengang eingeführt, in dem unter anderem ordoliberale, Postwachstums- und wirtschaftshistorische Theorien vermittelt werden.

Aufhorchen lässt in diesem Zusammenhang ein Beitrag von Paul Romer. Der Chefökonom der Weltbank hat kürzlich einen „Ehrenkodex“ unter Wissenschaftlern angeprangert, der es verbiete, angesehene Forscherpersönlichkeiten anzugreifen. Ob Fakten und Prognosen falsch sind oder Modelle keinen Sinn machen, spiele keine Rolle. Die Wissenschaftler seien ihren Freunden stärker verpflichtet als den Fakten. So hatte das vor Romer noch kein Spitzenforscher formuliert. Sollte an den Vorwürfen etwas dran sein, wäre das eine ernsthafte Hürde für wissenschaftlichen Fortschritt – und ein Grund mehr, Dave Colander genau zuzuhören.

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38 Lesermeinungen

  1. Die Suche nach der kapitalistischen Weltformel
    Mir scheint hier eine Aporie vorzuliegen, ganz allgemein der bürgerlichen Wissenschaften, speziell der Wirtschaftswissenschaften. Die Aporie beginnt vermutlich schon damit, dass die Wirtschaftswissenschaften recht eigentlich keine Wissenschaft im strengen Sinne des Wortes sind, sondern ähnlich darin der Philosophie oder auch der Soziologie bestenfalls Metawissenschaften, schlimmstenfalls Esoterik/Metaphysik. Auch der Umstand, dass hier viel mit mathematischen Gleichungen gearbeitet wird, macht die Sache nicht besser. Zumal, und da wären wir vermutlich beim Thema, diese Gleichungen das reale wirtschaftliche Geschehen nicht wirklich abbilden (können). Was schon bei den allgemeinen (positiven) Wissenschaften das Problem ist, nämlich die in aller Regel ignorierte Subjekt-Objekt-Dichotomie, zeigt sich in den „Wissenschaften“, wo es nämlich explizit um das Handeln von Menschen geht, als nicht mehr hinnehmbar. Die letzte Finanzkrise hats ja wohl gezeigt. Keine einzige jener Berechnungen konnte das menschliche Handeln (und Versagen) mitberechnen, bzw. wollte es erst gar nicht. Was uns hier präsentiert wurde, war letztlich eine Art Hütchenspiel. Doch obwohl die Folgen dieser Handlungen gigantische Schäden verursacht haben, ist das nur die Anekdote zum eigentlichen Thema. Denn es geht selbstredend in der Ökonomie einer Gesellschaft um das Handeln von sozialen Akteuren, „Klassen“, wie das die marxistische Kritik formuliert, nicht um kriminelle Hütchenspieler.
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    Ganz konkret in der letzten Finanzkrise ging es auch um ein Versprechen. Nämlich der Herrschenden Klasse an die subalternen Klassen: jeder Amerikaner soll sein Häuschen haben, koste es was es wolle. Das hat viel von dem was jetzt gerade Trump verspricht: jeder soll seinen Arbeitsplatz haben – koste es was es wolle.
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    Dieses „koste es was es wolle“ enthält eine Art doppelte Buchführung und widerspricht hierin im Prinzip des ökonomischen Grundgedankens des Kapitals – der Sparsamkeit. Denn alles was ausgegeben wird wechselwirkt in dem magischen Dreieck von „Lohn-Preis-Profit“ (ich verweise auf die Ausführungen in der gleichnamigen Schrift von Marx und Engels). Doch „scheiß auf die Prinzipien“. Abgesehen davon, dass die Wenigstens sich deren bewusst sind, kann und darf man ihnen eh nicht folgen – bei Strafe des „eigenen“ Untergangs. So in etwa denkt wohl jeder einzelne Kapitalist. Eigentlich kennt der Kapitalist keine „Nationalökonomie“ (ich verwende jetzt mal bewusst den überalterten Begriff, die Dramatik darin erkennbar lassend); ja wirtschaftstheoretisch darf er es auch gar nicht, sondern nur den eigenen Profit.
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    Die Wahrheit wird darin also jedenfalls nicht enthalten sein. Aber auch das Gegenteil von der Wahrheit – die glatte Lüge – wohl auch nicht. Eine Menge guter Vorsätze, Ideologie – falsche -, letztlich nur eine Aporie. Doch dieser Aporie geht man aus dem Weg, indem man die Frage erst nicht stellt, bzw. sie in Richtung Zukunft verweist: Wer bezahlt die Rechnung? Das Kapital? Die Arbeit! Wir wissen mittlerweile, dass nicht wenige „Kapitalisten“ bezahlt haben. Die jeweilige Konkurrenz halt. Doch wir wissen auch, dass letztlich, und das ist das Wesen der kapitalistischen Produktionsweise, Kosten des Kapitals umgelegt werden. Über die unterlegene Konkurrenz zum Konsumenten und natürlich immer auf die Lohnarbeit. Allein darin liegt so viel Unberechenbarkeit wie im Innern eines Schwarzen Lochs.
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    Die Antwort darauf wird zunächst eine politische sein, keine ökonomische. Die Massen werden in Bewegung gesetzt. Was die Unberechenbarkeit noch mal vergrößert. Wir erhalten hier Gravitationskräfte die weit über die uns bekannte rein ökonomische Materie hinausgeht. (Die Analogie zum Kosmos ist beabsichtigt!)
    Diese wählen einen Trump und damit den nächsten, der sie zum Verlierer macht, wie manche unter ihnen zum Gewinner. Sie sehen schon, das ähnelt dem Flöhe hüten!
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    Schließlich wird es eine ökonomische Antwort sein, die wir nicht erwartet haben, doch deren konkrete Ausgestaltung vom (politischen) Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit (wie auch innerhalb des Kapitals) abhängt, und das wir nur ganz bedingt manipulieren können. Ganz zuletzt droht vielleicht gar eine Revolution, der man eine Konterrevolution entgegensetzt! Wo bleibt da der Ökonom? Wieder zerrissen – in die Lager, in seine Aporien?!
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    Die Problemstellung für die sog. Wirtschaftswissenschaften ist somit wiederum eine aporetische! Und wären sie Sokrates, wüssten sie spätestens jetzt, dass sie eigentlich nichts wissen. Doch sie halten sich für klüger und suchen weiter nach der Formel, das dem Kapital die ganze Welt – ihre Ökonomien, ihre Energien – zu Füssen legt, möglichst ohne Reibungsverluste, also bei maximalem Wirkungsgrad – und für alle Zeiten. Elegant wie eine Formel. Die kapitalistische Weltformel! Welche den Antagonismus zwischen Lohnarbeit und Kapital aufhebt, ohne den Kapitalismus aufzuheben.

  2. Pingback: Kleine Presseschau vom 11. Januar 2017 | Die Börsenblogger

  3. @ Johannes Pennekamp
    Ihre Frage „[A]ber gibt es in den bestehenden Strukturen überhaupt einen fairen Wettbewerb?“ ist sicher rhetorisch gemeint. Denn inzwischen gibt es Studien, die belegen, dass Heterodoxe eben keinen „fairen“ „Wettbewerb“ erleben. Prinzipiell vermute ich, dass es die Offenheit, auf die Colander abzielt, einfach haben wird. Denn das ist mE auch eher ein allgemeines Problem der Interdisziplinarität. Und ebenfalls generell wäre Ihre Frage nach den bestehenden Strukturen vielleicht auch allgemein auf den Wissenschaftsbetrieb auszudehen: Was sind denn die Grundlagen für einen „fairen“ Wettbewerb? Ist der möglich, wenn sich der wissenschaftliche Nachwuchs allenfalls als intellektueller Durchlauferhitzer von Projekt zu Projekt hangelt oder hangeln muss? Wie karriereförderlich ist es denn derzeit, wenn – dem Beispiel von Colander folgend – der Nachwuchs nach „Lösungen“ sucht, die womöglich gar nicht existieren…

    • „Was sind denn die Grundlagen für einen „fairen“ Wettbewerb? Ist der möglich, wenn sich der wissenschaftliche Nachwuchs allenfalls als intellektueller Durchlauferhitzer von Projekt zu Projekt hangelt oder hangeln muss? Wie karriereförderlich ist es denn derzeit, wenn – dem Beispiel von Colander folgend – der Nachwuchs nach „Lösungen“ sucht, die womöglich gar nicht existieren…“

      Entschuldigen Sie, wenn ich auf Ihre an meinen Kollegen Johannes Pennekamp gerichtete Frage (auch) antworte.
      In den Vereinigten Staaten gibt es die John-Bates-Clark-Medaille für Forscher unter 40 Jahren.
      https://de.wikipedia.org/wiki/John_Bates_Clark_Medal
      Wenn Sie sich die Liste der Preisträger anschauen und gerade die vergangenen Jahre nehmen: Haben Sie den Eindruck, dass diese Leute alle an denselben Themen und obendrein als „Durchlauferhitzer“ gearbeitet haben`? Da gibt es nach meiner Ansicht eine beeindruckende Themenvielfalt.
      Viele Grüße
      Gerald Braunberger

    • @ Gerald Braunberger, 11. Januar 2017 um 12:08 Uhr
      Lieber Herr Braunberger,

      natürlich haben Sie Recht, dass die Leute auf der Liste nicht alle am selben Thema forschen. Wie vielfältig das dann methodisch, inhaltlich usw. wirklich ist, müsste mensch einmal untersuchen. Aber ich will darüber nicht streiten. Das ist nicht mein Punkt. Ich frage mich eher, was diese Liste über die Situation des Nachwuchses insgesamt aussagt. Wie repräsentativ ist das für den wiss. Nachwuchs in Deutschland? (Und auf den hatte ich mich im Kontext des Beitrag bezogen, der an der entsprechenden Stelle bzw. danach u.a. auf Siegen verwies.)

      Wenn Sie sich mit normalen Nachwuchswissenschaftlern in Deutschland unterhalten, dann wird Ihnen – zumindest hinter vorgehaltener Hand – mehr oder minder deutlich gesagt, wie prekär die Forschungssituation ist. Das wird auch seine Spuren an der wissenschaftlichen Qualität hinterlassen.

      Und ja, wenn Sie zu Themen forschen, die nicht ganz im Standard liegen, dann können Sie das vielleicht noch in der Promotion, aber danach wird es schon deutlich schwerer. Dann müssen Sie im Regelfall irgendwo ein Projekt an Land ziehen. Und wenn selbst etablierte „heterodoxe“ Ökonomen Schwierigkeiten haben, Projekte zB bei der DFG usw. durchzubekommen, wie schwer wird es dann der wenig bis nicht etablierte Nachwuchs haben?

      Nicht zu verachten ist auch die „Ranking-Wertigkeit“, wenn zB kumuliert promoviert oder habilitiert werden soll. Da müssen Sie das passende Journal mit der passenden Wertigkeit finden, der Review-Prozess dauert aber idR mehrere Monate (ich habe schon Reviews gehabt, die ca. 1 Jahr gedauert haben). Und damit ist noch nicht mal sicher, dass Sie überhaupt publiziert werden. (Es gibt Studien, die zeigen, dass Reviewer oft auch dazu da sind, Leute fern bzw. „draussen“ zu halten – das bekommen Sie aber erst danach mit.) Wenn der finanzielle Horizont dank befristeter Stelle knapp gesteckt ist, müssen Sie das also auch im Hinterkopf haben und dann entsprechend Inhalt, Methodik usw. entsprechend anpassen. Was wird dann wohl zum Forschen effektiv an Zeit und vom ursprünglichen Forschungsanliegen übrig bleiben? Insbesondere dann, wenn Sie niemanden haben, der Ihnen finanziell den Rücken stärkt?

      Von „außen“ mag das z. B. für Sie mit solchen Auszeichnungen wie der JBC Medal anders ausschauen. Aber wenn Sie sich mit NachwuchswissenschaftlerInnen unterhalten, sieht es halt weniger rosig aus. Ich zumindest höre vom Nachwuchs – für Deutschland – nicht sonderlich viel Lob für die Bedingungen hier. Da wird tatsächlich von einem Projekt zum nächsten gehechelt. Zeit für Vertiefung ist da nicht immer. Und einzelne Projekte für theoretische Vertiefungen bekommen Sie ohne „Praxis“ (Empirie) oder Praxisverwertung nicht durch. Also müssen Sie alles in einem machen, in der Hälfte der Zeit, die eigentlich notwendig wäre. Und abzüglich der Zeit, die Sie benötigen, um dann neue Anträge zu schreiben und zu beantragen. Das ist, soweit ich das überblicke, der mehr oder minder übliche Alltag (und sicher nicht nur in der Ökonomik).

      Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es gibt auch heute noch beeindruckende bzw. nicht ganz alltägliche Nachwuchsarbeiten (z. B. hier: http://www.metropolis-verlag.de/Arbeitswert-und-Nachfrage/1235/book.do). Für die mögen Menschen auch ausgezeichnet werden. Das sagt aber noch nichts über die Fairness im Wettbewerb aus. Die entscheidet sich auch darin, ob diese Menschen mit ihrem Ansatz Fuß fassen können. Und da habe ich so meine Zweifel, wenn der Nachwuchs ins Ausland geht, in andere Disziplinen abwandert oder gänzlich aufhört. (Es ist daher wohl auch kein Zufall, wenn die von Johannes Pennekamp erwähnte „Plurale Ökonomik“ in Siegen offenbar beim Dekanat und nicht bei der VWL angesiedelt ist.)

    • Lieber Herr Thieme,
      nur kurz ein Aspekt (weil ich im Moment wenig Zeit habe):
      Hat die „Orientierungslosigkeit“ von Jungwissenschaftlern in Deutschland nach der Promotion vielleicht auch damit zu tun, dass es heute keinen Zwang mehr gibt, mehrere Jahre für eine anschließende Habilitationsschrift aufzuwenden? In den Vereinigten Staaten bewerben sich Doktoranden mit häufig im Internet einsehbaren „Job Market Papers“ um eine Stelle und das jährliche AEA-Meeting ist wohl ein wichtiger Treffpunkt für Professoren und solchen Kandidaten für den Arbeitsmarkt. Ich bin nicht sicher, ob das Zusammenbringen von Angebot und Nachfrage nach Jungwissenschaftlern in Deutschland ähnlich funktioniert. Und wenn nicht: Wäre es sinnvoll, das amerikanische System anzuwenden?
      Gruß
      gb

    • @ Gerald Braunberger, 11. Januar 2017 um 14:07 Uhr
      Lieber Herr Braunberger,

      sie fragen, ob „die ‚Orientierungslosigkeit‘ von Jungwissenschaftlern in Deutschland nach der Promotion vielleicht auch damit zu tun [hat], dass es heute keinen Zwang mehr gibt, mehrere Jahre für eine anschließende Habilitationsschrift aufzuwenden?“

      Da muss ich zunächst korrigieren. Der Zwang ist zwar tatsächlich in verschiedener Hinsicht gemildert worden, z. B. durch Möglichkeiten zur kumulierten Habilitation und durch die Juniorprofessur. Faktisch ist es aber weiterhin so, dass viele dennoch die Habilitation anstreben, weil das im deutschsprachigen Bereich eine Voraussetzung ist (in vielen Ausschreibungen für Professuren wird das verlangt). Wenn Sie später mal irgendwo andershin im deutschsprachigen Raum wechseln wollen, kann es Ihnen dann auf die Füße fallen, wenn Sie nicht habilitiert sind.

      „Ich bin nicht sicher, ob das Zusammenbringen von Angebot und Nachfrage nach Jungwissenschaftlern in Deutschland ähnlich funktioniert. Und wenn nicht: Wäre es sinnvoll, das amerikanische System anzuwenden?“

      Soweit ich das überblicke, ist das nicht üblich. Und ehrlich gesagt, habe ich auch ein paar konzeptionelle Zweifel daran, dieses Modell auf die BRD zu übertragen. Aber selbst wenn ich die einmal beiseitelasse: Das tiefer liegende Problem ist, dass Sie seitens Bund, Ländern und Hochschulen den ernsthaften Willen und das erkennbare Bemühen bräuchten, für feste, planbare Karrierewege zu sorgen. Das bedeutet in letzter Konsequenz auch, mehr Professuren zu schaffen oder/und den Mittelbau so umzugestalten, dass auch eigenständige Forschung und Lehre unterhalb der Professur möglich sind. Den Willen und das Bemühen sehe ich aber offen gestanden nicht.

    • Lieber Herr Thieme,

      Sie schreiben:

      „Das tiefer liegende Problem ist, dass Sie seitens Bund, Ländern und Hochschulen den ernsthaften Willen und das erkennbare Bemühen bräuchten, für feste, planbare Karrierewege zu sorgen.“

      Als jemand, der sein bisheriges gesamtes Berufsleben in der Privatwirtschaft beschäftigt ist, finde ich die Idee „fester, planbarer Karrierewege“ nicht zwingend, auch wenn so etwas aus der Sicht der Betroffenen schon in jungen Jahren schön wäre.

      Gruß
      gb

    • @ Gerald Braunberger, 12. Januar 2017 um 13:40 Uhr
      Lieber Herr Braunberger,

      offen gestanden denke ich, dass Sie das nicht so einfach miteinander vergleichen können. Das liegt ua auch am Bildungsauftrag, den der Sozialstaat hat und wahrnehmen muss. Im Grunde ist es auch ein staatliche Aufgabe, für Kontroversität im Bildungs- und Hochschulbildungsbereich zu sorgen. Da sind Sie zwangsläufig nicht im privatwirtschaftlichen Bereich. Und für das, was Herr Pennekamp im Artikel implizit fordert (Beschäftigung mit alternativen Ansätzen usw.), können Sie meiner Erfahrung nach von der Privatwirtschaft kein Geld erwarten.

      Das ließe sich noch etwas vertiefen, aber damit driften wir vom eigentlichen Thema hier ab.

      Nur noch eine Anmerkung aus eher ökonomischen Sicht, weil Sie die Privatwirtschaft ins Feld geführt haben: Ich beobachte, dass Professorinnen und Professoren doch stark unter der Arbeitsbelastung leiden (Lehre, zT auch noch sinnlos viel Verwaltung, plus Forschung); es wird aber auch geschätzt, dass über 80 Prozent der Stellen an den Hochschulen befristet sind, d. h. ein Großteil der Lehre und Forschung wird bereits vom Mittelbau getragen. Meiner Erfahrung nach sind das in aller Regel aber keine Vollzeitstellen und ebensowenig sind sie unbefristet. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Studierenden zu (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/221/umfrage/anzahl-der-studenten-an-deutschen-hochschulen/). Insofern, könnte mensch daraus schlussfolgern, gibt es also durchaus einen Bedarf und eine entsprechende Nachfrage an gut ausgebildeten sowie motivierten Lehr- und Forschungskräften. Wenn sich der wissenschaftliche Nachwuchs nun tatsächlich darauf verlassen könnte, dann wäre ja schon ein wenig „Sicherheit“ gewonnen. Aber offenbar funktioniert das nicht so, wie Sie das ggf. von der Privatwirtschaft erwarten würden… ;-)

  4. Alter Wein?
    Mich würde prinzipiell mal interessieren, wie die Reaktionen darauf waren. Denn, wie u.a. von Volker Caspari und Andreas Frick angedeutet, wirklich neu ist das nicht.

    Irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass Colander mit „heuristics“ das eigentliche Problem, auf das er abzielt, nur verschiebt. Die Frage stellt sich, wenn er u. a. auf die Benutzung der „state-of-the-art“ heuristics verweist. Da haben wir nämlich ein ähnliches Problem, wie das, das aktuell (mal wieder) an der Ökonomik kritisiert wird: denn die „Standard-Ökonomik“ oder der „Mainstream“ lassen sich ebenfalls als „state-of-the-art“ heuristic interpretieren. Er scheint mir daher bzgl. seiner Fixierung SOTA heuristics zu vernachlässigen, dass das ein „haben wir immer schon so gemacht“ begünstigen kann. Zudem: Wer sagt oder legt fest, was SOTA ist? Wie kann in seinem solchen Umfeld ein anderes Vorgehen etabliert werden? Wie lässt sich aus dem SOTA ausbrechen, wenn er als nicht problemlösend empfunden wird?

    Mit der Suche nach „Lösungen“, statt der Suche nach „Wahrheit“, verschiebt Colander mE ebenfalls das Problem. Im Grunde schmuggelt sich bei ihm damit implizit derselbe Objektivismus hinein, den er bei der Suche nach der „Wahrheit“ unterstellt und kritisiert.

    Ansonsten erscheint ist es mir aber durchaus sympathisch, wenn er appelliert, dass die Forschenden eher Generalisten sein sollten, die u.a. auch in der Lage sind, sich mit philosophischen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Auch was er hinsichtlich Kreativität schreibt, scheint mir wichtig und sinnvoll. Nur würde ich – anders als Colander das in dem Beitrag tut – die Spezialisten und Generalisten nicht gegeneinander ausspielen.

    Insgesamt wirkt der radikale Unterton, mit dem er „engineering“ propagiert, deshalb auch ziemlich befremdlich. Ungeachtet der mE Problemverschiebung(en) (siehe oben): Warum muss die „Wahrheitssuche“ implizit so strikt mit formalen und semi-formalen Modellen gleichgesetzt werden? Wäre es nicht sinnvoller, auch daran zu erinnern, zum Forschen einfach mal ins Feld zu gehen? (Und da könnten Ökonomen zB eher etwas von Ethnologen statt von Ingenieuren lernen.) Und was ist mit Meta-Fragen z.B. zum Modellieren, erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Aspekten oder auch zur Theoriegeschichte? Das überschneidet sich dann zwar mit der von Colander propagierten „generalistischen“ Einstellung, dient aber nicht dem von ihm gemeinten „Problemlösen“ im engeren Sinne. Dort geht es eher darum, etwas zu verstehen.

    Tja und methodisch scheint mir vieles von dem, auf das Colander abzielt, auch in anderen Sozialwissenschaften auffindbar zu sein: z. B. dürfte sich vieles mit dem Herangehen im Sinne der „grounded theory“ decken. Und dazu gab es durchaus auch Vordenker in der Ökonomik (weitestgehend unbeachtet in diesem Kontext zB Spiethoff).

    Kurz: Trotz Sympathie und Verständnis für das Anliegen Colanders sehe ich auch viele Kritikpunkte, mit denen ein Papier eines/einer NachwuchswissenschaftlerIn – so meine Vermutung – wohl nicht durchgekommen wäre.

  5. Argumentum E Silentio
    Könnte nie schaden.

  6. Insbesondere Mathturbation wird überbewertet
    Schön, dass die AEA (Autopoietic Economic Association) jetzt auch nonkonformistische Stimmen zulässt. Dann können zukünftige geistige Ergüsse auch auf fruchtbaren Boden fallen. Justus Haucap hatte sich vor einem halben Jahr diesem Thema gewidmet: https://merton-magazin.de/die-%C3%B6konomie-als-wissenschaft-publish-or-perish-peer-review-mathturbation-und-freakonomics

    Auch Steve Keen sollte hier des Öfteren zu Wort kommen: http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/im-gespraech-steve-keen-wir-sind-in-der-groessten-finanzblase-aller-zeiten-1236141.html. Hier seine aktuellen Vorschläge zur Neuordnung der Lehre: https://www.youtube.com/watch?v=MoVomqpPqto

    LG Michael Stöcker

  7. Colander und Ockenfels argumentieren ziemlich ähnlich!!
    Wenn es um wirtschaftspolitische Maßnahmen geht, stimme ich zu: Dazu bedarf es mehr als gute Kenntnisse der Theorie(n). Hier kommt all das zusammen, was Keynes in seinem berühmten Zitat gesagt hat. Also das ist nicht wirklich neu. Da es aber immer wieder vergessen wird, muss halt immer wiederholt werden.
    Die Ingeneursperspektive ist auch nicht neu, denn „we’ll all become social engineers“ war das Motto der von vielen europäischen Emigranten 1932 gegründetes Cowles Foundation.

    Daneben halte ich aber die Aufgabe eines „Wahrheitsanspruchs“ für problematisch, weil man dann schnell auch bei Feyerabends „anything goes“ landet. Auch wenn ökonomisches Wissen zeitgebunden ist und bleiben wird, müssen Ökonomen ihre Theorien und ihre Modelle immer wieder gründlich durchdenken und empirischen Tests unterwerfen. Da wird es immer wieder Strukturbrüche geben, aber auch die kann man mit den entsprechenden quantitativen Verfahren identifizieren.

    Besonders in der Makroökonomik ist man, anders als in der mikroökonomischen Partialbetrachtung kaum in der Lage, Experimente durchzuführen. Hier wird man auf Modellanalyse, Simualtion von Modellen und modellbasierte Prognoseverfahren angewiesen bleiben.

  8. Die Existenzberechtigung der Wirtschaftswissenschaft :
    einfach weil tagtäglich geschuftet wird; die sogenannte Realität![Realökonomie].
    Mein Mutter’s Brüdern ,die eine war tätig im Metallindustrie [Schichtarbeit//
    Herstellung und Reparatur Bahnverbindung],die änder war Zimmermann.
    Beiden in Amsterdam Fünfziger Jahre .
    Und dan die Wahrheit:
    es gab nur eine Wahrheit:
    wenn ein Stahlwerk nicht stimmte ,nicht übereinstimmte mit Messungen,1 Meter war und ist ein Meter .
    Meine liebe Onkeln könnten sich ja gar nicht theoretisch herausreden.
    Oder mit mathematische Modellen :Z.B. Differentialgleichungen 1 Meter anpassen beim gemachte Fehler.
    DIE WAHRHEITSFINDUNG war ja kein Option!
    Die Fehlerfindung ja,und…Arbeit zu leisten ,genaue harte Arbeit .
    Die Infrastruktur funktioniert nur tagtäglich,dass ist die Wahrheit,da es diese Menschen gibt die einfach verstehen wie etwas funktioniert und oder konstruiert werden soll[wie die Windanlagen im Meer,wie die Tunnels,wie Wohnanlagen,Wasserzufuhr,und so weiter und so fort….]!

  9. Es war einmal ...
    … ein Ökonom/Soziologe Werner Hofmann, der sich in einem 1969 publizierten edition suhrkamp Büchlein mit mehreren Beiträgen scharfsinnig mit dem Zustand der … Nationalökonomie (die Etikettierung ist antiquiert) auseinander gesetzt hatte. Nach der Lektüre einiger seiner Analysen möchte man dieser alt-ehrwürdigen (Sizilien?) AEA zurufen: ad fontes.
    Leicht fuchsige Grüsse
    A.B.V.

    • Werner Hofmann
      Universität ,Ideologie,Gesellschaft.
      Beiträge zur Wissenschaftssoziologie.
      SV 261.

  10. Kritik an Big Shots ist immer tödlich
    Die Ökonomik ist kein Einzelfall. Kritik an Big Shots oder Anprangern von Fehlern in etablierten Theorien ist immer wissenschaftlicher Selbstmord. Ich konnte einen Fehler in der Theorie Genetischer Algorithmen in einer der fundamentalen Gleichungen nachweisen. Das habe ich nie in einer Zeitschrift durchbekommen und kann mich freuen, daß ich trotzdem Doktor geworden bin. Es ist ganz wichtig, Beziehungen aufzubauen, wenn man erfolgreich sein will. Ohne Mentor hat man keine Chance. Ich habe nur wenige Professoren erlebt, die zu Kritik ermutigt haben und damit auch umgehen konnten (ich befürchte, ich kann das auch nicht). Ich verstehe aber auch die Big Shots nicht. Man braucht die Kritiker, weil man selbst die Fehler leider nicht findet. Ich habe mich auch immer geärgert, wenn Gutachter an Artikeln herumkritisiert haben, aber kapitale Böcke durchgehen ließen, die ich irgendwann dann selbst gefunden habe. Haben die Leute so viel Angst?

    • Titel eingeben
      Auf Anhieb fallen mir zwei ökonomische Arbeiten ein, die jahrelang nicht publiziert werden konnten, aber später bahnbrechend wurden:

      George Akerlof: A Market for Lemons (stark vereinfacht gesagt, hat er später dafür den Nobelpreis bekommen)
      Prescott/Meira: The Equity Premium Puzzle (ein „Rätsel“, das bis heute keine allgemein anerkannte Lösung besitzt).

      Gruß
      gb

    • Aber es gibt und gäbe die Professoren
      und die Dozenten,die keine Angst hätten und haben.
      Gerade weil „meine“ hochverehrte Lehrern immer daraufhin wiesen,wie wichtig die moralische Verantwortung einer Wissenschaftler immer ist und sein muß,wenn politische Systemen sich ändern,ändern in einer Weise ,ich meine ein unvorstellbar grausame Änderung ,sie verstehen was gemeint ist mit raciale „erzwungene“ Spaltung[ Das Unvorstellbare,R.Limpach],in einer Weise die ein jeder sich bewusst war und ist,und die Konsequenzen…..
      Kurz gefasst ,dass ja waren die Gründe „meiner“Lehrer und ihre Erfahrungen ,euphemistisch gesagt,kritische Auseinandersetzungen OHNE Angst,zu fördern…. .Ein Mensch zu werden,zufälligerweise Wissenschaftler oder…,mit Verantwortung .Kritik gehört dazu,Angst nie!
      Ja,das alles habe ich einige „meine“ Lehrer zu verdanken …bis diesem heutigen Tag.

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