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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Trump und die opportunistischen Konzerne – ein Streitgespräch

| 6 Lesermeinungen

Am 13.1. kommentierte Johannes Pennekamp in der F.A.Z. WOCHE die Reaktion von Autokonzernen auf Donald Trumps Twitter-Tiraden. Rainer Hank,  Leiter der F.A.S.-Wirtschaftsredaktion, sieht die Sache völlig anders, wie dem angefügten Mailwechsel zu entnehmen ist. Diskutieren Sie mit!

Verrat an den eigenen Werten

Ford, Fiat Chrysler, Toyota, Apple und alle anderen Unternehmen, die sich den Drohungen von Politikern wie Donald Trump unterwerfen, machen alles richtig. Zumindest wenn man Milton Friedman glaubt. „Die soziale Verantwortung von Unternehmen“, behauptete der Wirtschaftsnobelpreisträger, „besteht darin, ihre Gewinne zu erhöhen.“ Diesem fragwürdigen Mantra folgen die Konzerne, wenn sie Autofabriken nicht in Mexiko, sondern in Amerika bauen (Ford) oder die „New York Times“ aus dem chinesischen App Store verbannen (Apple). Schließlich könnte sie der Zorn launischer Präsidenten oder autokratischer Regime noch teuer zu stehen kommen. Und maximale Gewinne sind schließlich das Beste für alle! Oder?

Diese Logik ist bestechend einfach – und in fataler Weise falsch. Denn sie entbindet Unternehmen von jeglicher gesellschaftlicher Verantwortung, die darüber hinausgeht, Menschen Arbeit zu geben und möglichst viel Geld an die Aktionäre auszuschütten. Dabei müssen Unternehmen in Wahrheit genauso dafür geradestehen, unter welchen Bedingungen ihre Waren hergestellt werden, wie sehr sie die Umwelt belasten, mit wem sie Geschäfte machen und – nicht zuletzt – welche Werte sie bei alldem beherzigen. Die aktuellen Fälle in Amerika und China zeigen: Mit diesen Werten ist es nicht weit her. Wenn ausgerechnet Autohersteller, die ihren Reichtum dem freien Welthandel zu verdanken haben, vor dem Wirtschaftsnationalismus Donald Trumps einknicken und wenn ein auf Kreativität und Vielfalt angewiesener Elektronikkonzern die Meinungsfreiheit behindert, ist Opportunismus dafür noch die harmlosere Bezeichnung. Verrat an den eigenen Werten trifft es besser.

Wenn solche Unternehmen dann zugleich betonen, wie wichtig ihnen ihre gesellschaftliche Verantwortung sei, ist das ein Witz. „Corporate Social Responsibility“ bedeutet für sie offenbar nicht mehr als Imagepflege mit vielerlei hübschen Projekten, die dem Friedmanschen Mantra der Gewinnmaximierung dienen. Manager sind keine Politiker und auch keine Moralapostel mit dem Auftrag, die Welt zu retten. Sie sind aber auch keine Marionetten ohne eigene Haltung. Man kann ihnen sehr wohl abverlangen, dem twitternden Donald Trump mit dessen eigenen Worten zu widersprechen: „AUF KEINEN FALL!“

Rainer Hank erwidert:

Lieber Herr Pennekamp,

den guten Friedman haben sie arg verbogen, finde ich. Das berühmte Zitat entstammt der Frage, ob Unternehmen sich auch mit Firmengeld sozial engagieren sollen. Darauf sagt er, so etwas seien Aktionen zur Ausweitung der Macht der Manager, die „other peoples money“, nämlich Geld der Aktionäre, zur Steigerung des eigenen Ruhms verwendeten. Von „gnadenlosem Profitmaximieren“ ist nicht die Rede. Im Gegenteil: Wer viel Profit macht, zahlt nach Friedman, auch viel Steuern. Für das Gemeinwohl ist aber der Staat zuständig. Wenn er Staat viel Geld hat, kann er viel umverteilen – auch wenn ich Friedman jetzt nicht zum Sozialisten machen.

Aber, da steckt dann doch noch ein weiterer und stärkerer Widerspruch: Trump ist ein demokratisch gewählter Präsident. Wollen Sie wirklich zum zivilen Widerstand der Unternehmen gegen eine Regierung aufrufen? Wie rechtfertigt der sich? Durch das missbrauchte Wieselwort der Legitimität? Die Zivilgesellschaft kann in bestimmten Notsituationen gegen Trump revoltieren. Aber das Großkapital? Da sind mir opportunistische Unternehmer lieber (so lange sie nicht gegen das Gesetz verstoßen).

Es grüßt in alter Streitlust
Ihr
ank

 

Johannes Pennekamp antwortet:

Lieber Herr Hank,

habe ich Friedman wirklich unrecht getan? Schließlich habe ich ihm nicht abgesprochen, am Gemeinwohl interessiert zu sein. Ein Befürworter der Gewinnmaximierung (wenn auch mit dem Ziel reichlicher Steuereinnahmen für das Gemeinwesen) ist er ja aber auf jeden Fall. Und wer für Gewinnmaximierung eintritt, der tritt per Definition auch für „gnadenloses“ Profitmaximieren ein. Maximieren kann nur absolut sein – und damit werden alle weiteren möglichen Faktoren des Wirtschaftens zum Mittel der Gewinnmaximierung. Sie können dann nicht mehr Zweck sein. Und das finde ich aus ethischer Perspektive bedenklich. Man sollte zwischen den Zielen entscheiden, hohe Gewinne erzielen zu wollen und maximale Gewinne erzielen zu wollen.

Und zum zweiten Punkt: Wenn Unternehmen nicht unverzüglich auf Ankündigungen eines künftigen Präsidenten reagieren, ist das doch kein ziviler Ungehorsam. In einer Planwirtschaft wäre das vielleicht so. Aber so weit sind die Amerikaner ja (noch) nicht. Freie Unternehmen können zum Glück freie Entscheidungen treffen. Welche Maßstäbe sie dabei anlegen, ist ihre Sache. Wie oben beschrieben, halte ich auch Maßstäbe jenseits der Gewinnmaximierung für „legitim“. Und genau da setzt mein kleiner Appell an: Die betroffenen Unternehmen sollten sich bewusst machen, dass die Voraussetzung für ihren Erfolg nicht allein darin besteht, dass sich alle an die Gesetze halten. Sie profitieren vielmehr auch von bestimmten freiheitlichen Werten, die in einer Gesellschaft herrschen. Wenn Unternehmen solche Maßstäbe nicht anlegen dürfen, müssen sie sich dann im Zweifel auch an rassistische und menschenfeindliche Gesetze halten?

Fragt der grüßende jpen.

 

Rainer Hank antwortet:

Lieber Herr Pennekamp,

danke für die Mail. Es wird Sie nicht überraschen: „I am not convinced“ (Joschka Fischer)

– Sie verfehlen Friedmans Punkt: Er richtet sich gegen die Anmaßung von Managermacht auf Kosten der Eigentümer. „Ethische Perspektiven“ „Gemeinwohlziele“ etc sind dafür geeignete Einfallstore. Denn kein Manager wird offen sagen: „Es geht mir um Ruhm und Ehre, dafür behandele ich das Unternehmensziel als zweitrangig.“ Er wird lieber sagen: „Ich bin ein ethischer Manager“. Um dadurch sein Engagement jenseits des Unternehmensziels zu legitimieren. Aber für all das hat er keine Legitimation. Der Manager soll das Eigentum seines Principals mehren, dafür muss er frei nach Adam Smith die Bedürfnisse der Menschen so gut wie möglich befriedigen, um Gewinne zu erwirtschaften. Das ist genug Ethik, basta. Als Staatsbürger, ich wiederhole mich, darf er sich ganz anders engagieren, Hillary Clinton wählen, Artikel gegen Trump schreiben etc.

– Der zweite Punkt ist heikler. Mit geht es darum, Ursache und Folge nicht zu verwechseln. Der Staat setzt die Rahmenbedingungen. Die Unternehmen haben damit zu leben. Opportunismus (vornehm: Rent seeking) ist gewiss keine heroische Tat. Aber Folge des vorausgehenden vom Staat gesetzten Marktdesigns. Wenn Trump eine Politik pro business und nicht pro marktet macht, ist das aus vielen Gründen verwerflich und für das Wohlergehen seiner Bürger und den Rest der Welt schädlich: Aber Trump ist der Schuft, nicht die Unternehmen, die die Deals mitmachen. Was bleibt ihnen anderes übrig, wenn sie nicht harakiri machen wollen. Allerdings: Rent seeking hat seine Grenze bei Strafrecht und Menschenrecht. Wenn Degussa Zyklon B herstellt, geht es zu weit, sich damit rauszureden, man liefere einfach nur, was bestellt wurde unabhängig von dessen verbrecherischem Gebrauch. Aber auch hier bleibt der Unterschied zwischen Ursache und Folge: Die Nazis waren die Verbrecher, die die Firmen in Dienst ihrer Verbrechen genommen haben.

Es grüßt
Ihr
alter ank

 

Johannes Pennekamp antwortet:

Lieber Herr Hank,

danke für Ihre Reaktion. Sie sind nicht „convinced“ – ich bin es auch nicht.

Sie wünschen sich also Manager mit gespaltener Persönlichkeit: Zuhause trennen sie fein säuberlich den Müll, sind um das Wohl der Familie besorgt und zahlen brav ihre Steuern, weil sie das sinnvoll finden. Bei der Arbeit aber mutieren sie zu Homines Oeconomici: Sie suchen jede Lücke in den Umweltverordnungen, pressen alles aus ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern heraus (Familienleben adé) und klar, Steuern werden mit Panama-Briefkästen vermieden. Die Principale (und Psychotherapeuten) werden glücklich sein – zumindest diejenigen, die nicht auf eine staatliche Infrastruktur und saubere Luft zum Atmen angewiesen sind. Und: Was macht Sie eigentlich so sicher darin, dass die Manager mit ethischem Verhalten ihren Ruhm steigern? Ist es nicht viel mehr so, dass wir CEOs daran messen, was sie für eine Performance hingelegt haben? Und damit meinen wir nicht ihre Ökobilanz, sondern ausschließlich den Gewinn und den Aktienkurs ihres Unternehmens. An den Artikel „VW mit weniger Gewinn – aber Winterkorn ist ein toller Typ“ kann ich mich jedenfalls nicht erinnern.

Der zweite Punkt ist in der Tat heikler. Mich überrascht, dass Sie Ihre Argumentation am Ende aufweichen: Plötzlich sollen Menschenrechte, nicht nur Gesetze, das Gewinnmaximieren begrenzen. Ist diese Erweiterung nicht windelweich? Soweit ich mich erinnern kann, gehören auch Meinungs- und Informationsfreiheit zu den UNO-Menschenrechten. Zumindest im Fall Apple/China/NYT hätten die Manager dann anders entscheiden müssen. Wie weitreichend man in anderen Fällen Menschenrechte definiert und warum ausgerechnet Menschenrechte und nicht auch andere Ansprüche Dritter Berechtigung haben sollen, ist zumindest diskussionswürdig. Und was Trump angeht: Unabhängig davon, dass Deals mit einem Schuft nicht nach einer guten Idee klingen, scheinen sich die Unternehmen in einem Gefangenendilemma zu befinden: Für jedes einzelne lohnt es sich finanziell (zumindest kurzfristig) am meisten, sich opportunistisch zu verhalten. Wenn die Trump-Politik aber tatsächlich mittelfristig den Wohlstand/das Wohlergehen in Amerika und anderen Ländern reduziert, wäre es für alle Unternehmen gemeinsam besser, kurzfristig auf die Trump-Deals zu verzichten, die Maßnahmen so ggf. abzuschwächen/Trump auszusitzen und langfristig mehr zu verdienen. Man kann also auch mit Friedmans Argument gegen den Opportunismus sein.

Es grüßt der mittelalte jpen.

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6 Lesermeinungen

  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 23. Januar 2017 | Die Börsenblogger

  2. "Alle wollen Trump gefallen"
    Eine Leitartikel von Roland Lindner:
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wie-sich-amerikanische-unternehmen-bei-trump-anbiedern-14726638.html

    • Von dieser Welt des Leichtsinns Grenzt sich Journalismus von Statur ab:
      dieser journalistischen Arbeit lässt das düstere Dunkel erhellen und Schritt für Schritt zurückweichen:L’histoire ne se répète pas.
      Manchmal eine lange stolpernde „Reise“,nicht einfach Google or ähnliches
      fündig…
      Es gibt und gäbe immer Visionäre ,wie die Schrifsteller Sinclair Lewis.
      Insbesondere Lewis’s „It can’t happen here“[1935]

      | Reading the Classic Novel That Predicted Trump“,NYT January ,17.2017 |

  3. "Das ist genug Ethik" von Herrn Hank
    Die Smith‘ Ethik ist die Palliation für Profit generieren. Wie heute:
    „I don’t think the investor should be responsible for the ethics, the pollution or anything the company in which he has invested produces. That’s not his job. His job is to invest and earn money for his clients.“ (Mark Mobius, president of Templeton Emerging Markets, im Film: Let’s make money). Und man bedenke die Tätigkeit dieser Investmentgesellschaft. Sie (wie auch Black Rock et al.) erwirtschaftet die auch hierzulande zu nährenden Pensionsfonds.
    Gruss
    A.B.V.

  4. Ich denke Herr Trump ist für integere Geschäftsleute kein Rolemodel
    Und das lässt mich doch sehr stark an einigen, nicht allen, Wirtschaftsführern zweifeln. Warten wir dich einfach mal gelassen ab wie Trump die derzeit florierende US Wirtschaft tatsächlich verbessert…..Er hat zweifelsohne als Makler und Immobilienhändler ein eher eindimensionales Bild bsp. vs der Unternehmen die tatsächlich über weltweit vernetztes Wissen innovative Produkte entwickeln und habdeln müssen…

  5. Etwaige Anstoß....
    NYT,26 Dezember 2016:“ How propaganda works – A timely reminder for a post truth-age“.
    Könnte nützlich sein eigene Perzeptionen zu überprüfen.

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