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Geschichte ist wichtig. Aber warum eigentlich?

11.05.2012, 19:52 Uhr

Von

Moderne Ökonomen wie Rafael La Porta, Daron Acemoglu oder der Ostküsten-Jungstar Melissa Dell erläutern, wie stark unsere wirtschaftliche Gegenwart durch Entscheidungen in der Geschichte bestimmt wird. Im Unterschied zu traditionellen Historikern arbeiten diese Ökonomen auch quantitativ; sie analysieren historische Daten mit ökonometrischen Techniken. Einen lehrreichen Überblick über diese Forschungsrichtung hat der Harvard-Ökonom Nathan Nunn verfasst.

Von Gerald Braunberger

Am Anfang standen Männer wie Stanley L. Engerman, Kenneth Sokoloff oder  Rafael La Porta. In den Jahren 1997 und 1998 veröffentlichte der aus Argentinien stammende La Porta zwei Papiere mit anderen Ökonomen (darunter Andrei Shleifer), in denen er die Rolle des Schutzes von Investoren für die langfristige Entwicklung von Kapitalmärkten in fast 50 Ländern untersuchte. Das Ergebnis war, dass sich in ehemaligen britischen Kolonien Kapitalmärkte besser entwickelt hatten als in ehemaligen französischen Kolonien. War das ein Zufall?

Mit diesen beiden und wenigen anderen Aufsätzen begann eine Forschungsrichtung, die sich mächtig entwickelt hat: die Verbindung von Institutionenökonomik, empirischem Arbeiten und historischer Analyse, um die wirtschaftliche Entwicklung und die wirtschaftliche Lage in der Gegenwart besser erklären zu können. Der Ökonom Nathan Nunn (Harvard University) hat vor wenigen Jahren eine sehr lesenswerte Zusammenfassung der wichtigsten Arbeiten aus diesen Forschungen veröffentlicht: “The Importance of History for Economic Development“, die jedem Interessierten empfohlen werden kann.  

An dieser Stelle sollen drei wichtige “Gründerpapiere” kurz vorgestellt werden, die übereinstimmend einzelne Aspekte der Kolonialisierung weiter Teile der Welt behandelt haben. Sie schlussfolgern, dass die Bildung von Institutionen vor langer Zeit bis heute nachwirken kann.

 

1. La Porta/Lopez-di-Silanes/Vishny/Shleifer (1997/1998)

Die Autoren gelangen auf der Basis empirischen Arbeitens zu dem Ergebnis, dass sich die Kapitalmärkte in ehemaligen britischen Kolonien dynamischer entwickelt haben als in ehemaligen französischen Kolonien. Sie erklären dies mit dem besseren Schutz der Investoren unter dem nicht-kodifizierten britischen Gewohnheitsrecht (“common law”) gegenüber dem alten Römischen Zivilrecht (“civil law”), das französisches Rechtsdenken auch lange nach dem Untergang des Römischen Reiches prägte.

 

2. Engerman/Sokoloff (1994/2002)

Warum ist der wirtschaftliche Wohlstand in den Vereinigten Staaten und in Kanada höher als in Lateinamerika? Engerman & Sokoloff haben in mehreren einflussreichen Aufsätzen auf die unterschiedlichen natürlichen Ressourcen abgestellt. In Lateinamerika haben die natürlichen Ressourcen den Anbau von Pflanzen wie Zuckerrohr begünstigt, den die Kolonialherren in Gestalt großer Plantagen mit Sklavenarbeit umsetzten. Auf diese Weise entstanden ausbeuterische Regimes, in denen viele Menschen von politischer Mitwirkung und Teilhabe an wirtschaftlichem Erfolg ausgeschlossen blieben. Die Tendenz zu ausgeprägter wirtschaftlicher Ungleichheit wurde durch den Betrieb von Gold- und Silberminen unterstützt. Unter den Folgen dieses nachteiligen institutionellen Designs, das es in Nordamerika (abgesehen von den Südstaaten der USA, die aber den Bürgerkrieg verloren) nicht gab, leidet Lateinamerika noch heute.

 

3. Acemoglu/Johnson/Robinson (2000)

Das Britische Empire besaß zahlreiche Kolonien auf mehreren Kontinenten. Aber warum waren die Kolonien (ebenso wie die heutigen Nachfolgestaaten) in Schwarzafrika trotz ihres Rohstoffreichtums überwiegend arm, während Australien und Neuseeland (das eher rohstoffarm ist) zu den reichen Nationen gehören? Die Antwort: weil die weißen Siedler in Schwarzafrika verbreitete Krankheiten wie die Malaria nicht vertrugen. Da weiße Siedler in Schwarzafrika oft frühzeitig starben, besaß das Empire kein Interesse daran, dort demokratische Institutionen zu etablieren, sondern beschränkte sich auf die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der indigenen Bevölkerung, die mit langfristig nachteiligen Institutionen einher ging. In Australien und Neuseeland fanden die Weißen annehmbare klimatische Bedingungen vor und so entstanden dort Institutionen, die sich an das britische Mutterland anlehnten.

 

Nunn schildert anschließend einprägsam, wie sich an diese Pionierarbeiten, die nicht ohne Schwächen waren, eine ganze Forschungsrichtung anschloss. In gewisser Weise ist das aktuelle Buch von Daron Acemoglu und James Robinson, das in diesem Blog ausführlich besprochene “Why Nations Fail”, eine Synthese dieser Arbeiten. Man kann es mit diesen Themen sehr weit bringen, wie das aktuelle Beispiel der erst 29 Jahre alten Melissa Dell belegt: Sie hatte nach ihrer Promotion am MIT die angenehme Auswahl zwischen Professuren in Harvard und Stanford. Sie geht nach Harvard.

 

Update: Gute Wirtschaftshistoriker sind rar, sogar in Harvard.

 

 

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 tricky1 16.05.2012, 12:47 Uhr

Wenn in einem Entwicklungsland...

Wenn in einem Entwicklungsland nur die Rohstoffe gewinnbringend für eine kleine Schicht von Investoren ausgebeutet werden, so entsteht daraus kein allgemeiner Wohlstand weil Ausbildung, Handel und Gewerbe für die Mehrheit der Bevölkerung unbekannt bleiben. Das ist auch ohne mühsame Studien intuitiv einsehbar... Auch der langfristige Einfluss aller Institutionen eines Landes auf seine spätere wirtschaftliche Entwicklung ist naheliegend. Man kann es sehr deutlich in den ehemaligen Einflussbereichen der UDSSR und abgeschwächt in den neuen Bundesländern beobachten...

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.