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Fördert Gleichheit die Demokratie?

26.05.2012, 07:30 Uhr  ·  Selten waren die Vermögen in Deutschland so gleich verteilt wie 1945. Das hatte sein Gutes. Der Sonntagsökonom von Werner Mussler

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Selten waren die Vermögen in Deutschland so gleich verteilt wie 1945. Das hatte sein Gutes.

Von Werner Mussler

Der große Soziologe Max Weber behauptete vor mehr als hundert Jahren, die Demokratie sei nur unter den Bedingungen des industriellen Kapitalismus zu verwirklichen. Der Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft, Walter Eucken, formulierte die Idee der Interdependenz der Ordnungen etwas vager: Sie läuft darauf hinaus, dass wirtschaftliche und politische Freiheit einander bedingen. Eine dritte, noch etwas andere Hypothese zum Einfluss ökonomischer Größen auf das politische System steuerte 1959 der amerikanische Soziologe Seymour Lipset bei. Sie läuft darauf hinaus, dass die Chancen eines Landes, zu einer Demokratie zu werden und als solche stabil zu bleiben, umso größer sind, je höher der wirtschaftliche Wohlstand in diesem Land ist.

Illustration: Alfons HoltgreveDie Lipset-Hypothese mag intuitiv einleuchten, sehr griffig ist sie nicht. Denn die historischen, kulturellen und institutionellen Umstände, unter denen sich ein Staatswesen zur Demokratie wandelt (und als solche Bestand hat), sind zu unterschiedlich, als dass sie sich auf die Einflussgröße “wirtschaftliche Entwicklung” reduzieren ließen. Ob ökonomische Faktoren Einfluss auf die Entwicklung des politischen Systems haben könnten, lässt sich wohl am ehesten durch einen historischen Vergleich politischer Ereignisse in ein und demselben Land herausfinden, in dem die kulturellen und institutionellen Rahmenbedingungen ansonsten weitgehend unverändert sind.

Die St. Galler Ökonomen Florian Jung und Uwe Sunde tun dies in einer Analyse dreier historischer Brüche in der jüngeren deutschen Geschichte, die anscheinend ähnliche ökonomische Folgen hatten, sich auf das Regierungssystem aber ganz unterschiedlich ausgewirkt haben: die Gründung des Deutschen Reiches 1871, das Entstehen der Weimarer Republik 1918/19 und die Gründung der Bundesrepublik Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Jedem Ereignis ging ein Krieg voraus, jedesmal hatte sich die vorherige Ordnung aufgelöst, musste sich ein neues politisches System herausbilden. Warum wurde Deutschland erst nach 1945 zur stabilen Demokratie, nicht schon 1871 oder 1918?

Eine simple ökonomische Antwort gibt es nicht: Laut Jung und Sunde lag das Pro-Kopf-Einkommen zu allen drei Zeitpunkten auf ähnlichem Niveau. Die beiden Ökonomen sehen aber eine andere ökonomische Erklärung. Ihr Argument ist ein verteilungstheoretisches. Demokratie ist in ihrem Verständnis ein Verfahren zur Lösung von Verteilungskonflikten jeder Art. Dieses funktioniert aber nur, wenn die Ungleichverteilung in einer Gesellschaft überschaubar ist. Anders formuliert: Demokratie setzt voraus, dass Einkommen und Vermögen nicht allzu ungleich verteilt sind.

In dieser Logik verwundert es nicht, dass das Deutsche Reich nach 1871 keine Demokratie, sondern ein Ständestaat war. Vor allem die landwirtschaftliche Wirtschaftsstruktur bewirkte eine extreme Ungleichverteilung. Die wirtschaftliche und politische Elite hatte Interesse an der Verteidigung ihrer Pfründen – und gerade deshalb kein Interesse an Demokratie. Die Industrialisierung bis zum 1. Weltkrieg verringerte die Ungleichheit. Das führte nach Jung und Sunde dazu, dass Deutschland in die Weimarer Republik stolperte. Dass sich diese nicht zu einem stabilen demokratischen Staatswesen entwickelte, begründen Jung und Sunde mit dem kaum gebrochenen Einfluss der alten Eliten, die die Demokratie vor allem aus eigenen ökonomischen Interessen ablehnten.

Die Situation nach dem 2. Weltkrieg war dann eine komplett andere: Der Krieg hatte nicht nur große Vermögenswerte zerstört, er hatte – vor allem aufgrund der Gebietsverluste im Osten – die alten Junkereliten um ihre ökonomische Vormachtstellung gebracht. Im zerstörten Deutschland hatten alle gleich wenig – laut Jung und Sunde war das die Voraussetzung dafür, ein auf Gleichberechtigung und Freiheit basierendes politisches System aufzubauen.

Ökonomische Gleichheit (oder der Mangel an Ungleichheit) ist also die Voraussetzung für Demokratie? Diesem Ergebnis liegt die ökonomistische Hypothese zugrunde, die Demokratie lasse sich ausschließlich als Verfahren zur Regelung von (ökonomisch begründeten) Verteilungskonflikten modellieren. Dieser Hypothese wird nicht jeder folgen.

Im Übrigen: Erklären kann die Verteilungsthese das Entstehen einer Demokratie immer nur für den Fall, dass es zuvor zu einer plötzlichen, schockartigen Einkommensnivellierung (in der Regel durch einen Krieg) gekommen ist. Denkbar ist aber auch eine komplett gegenteilige verteilungstheoretische Erklärung: Mindestens so gut vorstellbar ist, dass große Ungleichverteilung den Auslöser für revolutionäre Entwicklungen bildet, die in ein demokratisches System münden. Die Französische Revolution wäre dafür genauso ein Beispiel wie die Arabellion der vergangenen anderthalb Jahre.

Ob das Beispiel aus der jüngeren deutschen Geschichte so gut gewählt ist, steht auch aus einem anderen Grund in Frage. Historiker haben für die von Jung und Sunde geschilderte Entwicklung auch andere, vermutlich bessere Erklärungen. Die vielleicht wichtigste lautet: Die Demokratie ist in Deutschland nach 1945 gar nicht “entstanden”. Sie wurde den Deutschen vielmehr von den Alliierten verordnet. Und das war wahrscheinlich nötig. Denn die wichtigste Voraussetzung für ein demokratisches Staatswesen ist, dass seine Bürger demokratisch gesinnt sind. An dieser Gesinnung hatten die Besatzungsmächte wohl nicht umsonst ihre Zweifel.

Florian Jung, Uwe Sunde: Inequality, Development, and the Stability of Democracy – Lipset and Three Critical Junctures in German History, CEPR Working Paper 8406, Juni 2011.

Seymour M. Lipset: Some Social Requisites of Democracy: Economic Development and Political Legitimacy, American Political Science Review 53, 1959, S. 69-105.

Der Text ist der “Sonntagsökonom” aus der F.A.S. vom 20. Mai. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (13)
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0 Domday 29.05.2012, 12:06 Uhr

Sehr geehrter Herr...

Sehr geehrter Herr Braunberger, in der Tat, das Papier von Prof. Acemoglu ist sehr, sehr lesenswert - wie auch das Buch "Why Nations Fail". Vielleicht ist das Buch durch seinen Verzicht auf statistische hard facts etwas zu populär geschrieben. Aber man kann ja die Arbeiten der beiden Arbeitsgruppen nachlesen. Besondere Beachtung sollten Sie Profs. A. und R.'s Blogbeitrag über Bolivien widmen, der, wenn weiter interpretiert, darauf hinweist, dass pseudo-inclusive-institutions der größte Feind der inclusive institutions sein können - so, wie der glückliche Sklave der größte Feind der Freiheit ist (Marie von Ebner-Eschenbach) MfG C.D.

0 gisbert4 29.05.2012, 07:58 Uhr

@ ErnstLudwig: "Denn...

@ ErnstLudwig: "Denn Demokratie bedeutet keineswegs, daß die Mehrheit die Wünsche, Ziele und auch den Besitz der Minderheiten bestimmen bzw. verändern darf". Aber die Minderheit darf die Wünsche, Ziele und auch den Besitz der Mehrheiten bestimmen bzw. verändern?

0 Alorak 28.05.2012, 08:50 Uhr

Die Frage ist doch auch, was...

Die Frage ist doch auch, was unter Gleichheit zu verstehen ist. Vor dem Gesetz sind alle gleich, d.h., dass die Menschen gleich wertvoll und auch gleich fair behandelt werden müssen. Die Medien unterstehen als Medien einer presserechtlichen Gleichheit, inhaltlich müssen sie nicht gleich sein. Gleichheit in Beruf, Schule und Erziehung. Das bedeutet auch, die Möglichkeiten für Alle müssen gleich sein, so dass sich alle innerhalb eines gesteckten Rahmens gleich gut, schnell oder langsam entwickeln können. Die Ungleichheit und damit die Gefahr für die Demokratie besteht ja gerade darin, dass sich Gruppen aus diesem Rahmen der Gleichheit entfernen. Sie fordern extra Würste, bezeichnen sich als Elite, haben viel wirtschaftliche Macht und akzeptieren die demokratischen Rahmen nicht. Sie wollen totale Freiheit bis Anarchie für die Märkte, ohne Einschränkungen und Gesetze und fordern gleichzeitig eine scharfe Begrenzung und Bindung an Gesetze für die anderen Teile der Bevölkerung. Sie fordern allen Reichtum, Güter und Freiheiten für sich und sprengen so den demokratischen Rahmen. Gleichheit ist ein wesentlicher Teil einer Demokratie, ist aber nicht der einzige und sollte nicht mit Gleichmacherei verwechselt werden.

0 ErnstLudwig 28.05.2012, 07:49 Uhr

Es gibt kein Gleiches im...

Es gibt kein Gleiches im Ungleichen (frei nach Adorno). Ergo ist jedes Gleiche, in diesem Fall ein gleiches Vermögen, lediglich durch den Menschen erzwungen und damit bereits Ausdruck von undemokratischen Zuständen. Denn Demokratie bedeutet keineswegs, daß die Mehrheit die Wünsche, Ziele und auch den Besitz der Minderheiten bestimmen bzw. verändern darf. Das wäre dann Anomie.

0 TheodorWedel 27.05.2012, 21:12 Uhr

Das Beispiel Deutschland...

Das Beispiel Deutschland funktioniert nicht, weil zu atypisch. 1871 wurde der deutsche Staat überhaupt erst gegründet. Die Weimarer Republik entstand unter der Last des Versailler Vertrags, durchlief mehrere wirtschaftliche Krisen und ihr demokratisches System war mangelhaft. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es heute eine nennenswerte Korrelation zwischen Gleichheit und Demokratie gibt. Die ältesten Demokratien (USA, CH, GB) sind allesamt ungleicher als Deutschland. Im Übrigen ist auch der Einwand der "verordneten Demokratie" nach dem 2. Weltkrieg diskussionswürdig. Alle Entwicklungen, die das westliche Verständnis von Demokratie und Menschenrechten prägten - Sammel P. Huntington etwa benennt dergleichen 6 (Feudalismus, Renaissance, Reformation, Aufklärung, französische Revolution, Industrielle Revolution) - fanden genauso oder sogar vor allem in Deutschland statt. Eine Demokratiebewegung gab es bereits 100 Jahre vor Gründung der Bundesrepublik während der Deutschen Revolution. Die Demokratie war den Deutschen also weder unsympathisch, noch neu. Allerdings fehlte, anders als in den USA, GB oder CH, in Deutschland 1919 die Stabilität. Die wurde dann schließlich durch die Alliierten und die Integration Deutschlands in die NATO und die westliche Staatengemeinschaft geschaffen.

0 gisbert4 27.05.2012, 18:18 Uhr

Die Diskurse über Demokratie,...

Die Diskurse über Demokratie, Freiheit, Gleichheit, Notwendigkeit von Ungleichheit, Gerechtigkeit, Macht, Besitz- und Einkommensverteilung, Markt- und Planwirtschaft usw. usf. sind alle geführt. Am Ende steht immer die Einsicht, daß die Menschen nicht 'gleich' sind (jedenfalls sollte sie es). Nicht gleich schön, schnell, kreativ, informiert, interessiert, fähig zu was auch immer usw. usf. Die Konsequenzen, die daraus die verschiedenen 'Schulen' ziehen, sind entsprechend - verschieden. Es zeigt sich aber, daß die - nennen wir sie der Einfachheit halber so - 'Besseren' ihren 'natürlichen' Vorsprung in aller Regel dazu eingesetzt haben und einsetzen, Ungleichheiten zu ihren Gunsten herbeizuführen und zu festigen. Das alles wäre kein Problem, wenn der Mensch nicht von der Natur verschieden wäre, indem er moralische, ethische, kulturelle, meinetwegen auch noch religiöse Kategorien in seine Existenz eingewoben hat. Vermutlich mit der Entstehung des Bewußtseins beim Zusammenbruch seiner ursprünglichen 'Tierpsyche'. Leid-, Liebes- und Erlösungserfahrungen waren u. a. die Folge. Die Demokratie gehört zu den Erlösungsideen, die insbesondere die physischen und psychischen Leiderfahrungen der materiellen Ungleichheit 'heilen' soll. Bis auf den Tag wird auch sie allerdings von den Eliten mit allerlei Begriffshülsen gefüllt, um am Ende die materielle Ungleichheit systemisch zu rechtfertigen. Zum Beispiel aktuell den Overnight-Reichtum eines gewissen Herrn Zuckerberg.

0 FAZ-gb 27.05.2012, 13:25 Uhr

@ germon "Kapitalismus" ist...

@ germon "Kapitalismus" ist von Werner Sombart nicht als "antisemitischer Kampfbegriff" eingeführt worden. Die Behauptung ist historischer Unsinn. Gruß gb.

0 germon 27.05.2012, 12:29 Uhr

1. "Kapitalismus" ist ein...

1. "Kapitalismus" ist ein antisemitischer Kampfbegriff, vom NS-Theoretiker Sombart Anfang 20. Jh eingeführt ("Die Juden und das Wirtschaftsleben" etc.) 2. "Demokratie ist in ihrem Verständnis ein Verfahren zur Lösung von Verteilungskonflikten jeder Art" - ist ein schlimmer Einfall totalitären Denkens, so als sei Demokratie entbehrlich, wenn das Verfahren ein Verteilungsoptimum (in sogenannter "Solidarökonomie", "Volksgemeinschaft" etc.) erreicht hat. 3. Frage mich immer öfters, was mit faz los ist.

0 beat126 27.05.2012, 10:07 Uhr

Um in die Gegenwart zu kommen...

Um in die Gegenwart zu kommen - keiner fordert die soziale Gleichheit, vielmehr die soziale Gerechtigkeit. Wer viel leistet, soll auch viel bekommen. Aber es kann nicht sein, dass die Einen so viel verdienen, dass sie nicht wissen wie auszugeben und andere am Hungertuch nagen obwohl sie Vollbeschäftigung betreiben. Eine vor 2 Mt. herausgegebene Studie belegt, dass jeder 6. Deutsche in Armut lebt. Noch zur stabilen Demokratie Deutschlands seit 1945: Solange Deutschland keine echte Gewaltenteilung (Exekutive, Legislative, Judikative) kennt, würde ich Deutschland nicht als Demokratie bezeichnen. Solange die Exekutive dank der Wortspielerei "Gewaltenverschränkung" im GG die Judikative fremdbestimmen und damit ihre Entscheidungen übergreifend legitimieren kann, bezeichne ich Deutschland als eine "auf Zeit gewählte Oligarchie".

0 FAZ-gb 26.05.2012, 21:37 Uhr

Die von meinem Kollegen Werner...

Die von meinem Kollegen Werner Mussler zitierte Arbeit von Lipset ist Bestandteil der sogenannten "Modernization Theory", über die in den vergangenen Jahrzehnten viel geschrieben wurde. Allerdings: http://economics.mit.edu/files/7742 "In this, I depart from the conventional wisdom in much of social science, which maintains a causal link running from technologies to institutions — and not the other way around, as I am arguing. A popular variant of this conventional wisdom is modernization theory, which posits an inexorable link from prosperity to democracy and political rights. Yet there is no more support for modernization theory in the data than there is for any other form of technological determinism. Globally, countries that have grown more rapidly since World War II, or since the beginning of the 20th century, are no more likely to become more democratic than those growing more slowly, for example.18 I will instead argue that institutional developments, caused by and causing the rights revolution, are the main drivers of the technological and economic changes we have experienced over the last century." Das ganze Papier ist sehr, sehr lesenswert. Gruß gb.

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