Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren
 

Spanien in der Bilanzrezession. Was nun?

29.05.2012, 06:30 Uhr  ·  Spanien befindet sich - im Unterschied zu Italien, Frankreich und auch Griechenland - in einer Lage, die der japanische Ökonom Richard Koo "Bilanzrezession" getauft hat. Nach dem Platzen einer kreditfinanzierten Spekulationsblase müssen Unternehmen und private Haushalte sparen, um ihre Verschuldung zu reduzieren. Das gefährdet die Konjunktur. Eine "Bilanzrezession" lässt sich kurzfristig nicht aus der Welt schaffen. Von Gerald Braunberger

Von

Spanien befindet sich – im Unterschied zu Italien, Frankreich und auch Griechenland – in einer Lage, die der japanische Ökonom Richard Koo “Bilanzrezession” getauft hat. Nach dem Platzen einer kreditfinanzierten Spekulationsblase müssen Unternehmen und private Haushalte sparen, um ihre Verschuldung zu reduzieren. Das gefährdet die Konjunktur. Eine “Bilanzrezession” lässt sich kurzfristig nicht aus der Welt schaffen.

Von Gerald Braunberger

Die schwierige Situation der Bankia, einer aus sieben kleineren Instituten zusammengeführten spanischen Bank, wirft ein weiteres Schlaglicht auf die Folgen der Immobilienkrise für die Wirtschaft des in einer Bilanzrezession befindlichen iberischen Landes. Mittlerweile wurden mit Roland Berger und Oliver Wyman zwei ausländische Beratungsunternehmen mit der Prüfung der spanischen Bankbilanzen beauftragt. Aus Madrid sind derzeit keine klaren Angaben erhältlich, wie die Bankia rekapitalisiert werden soll. Es kursieren Gerüchte über einen baldigen Ruf nach internationalen Hilfsprogrammen, die die Regierung Rajoy öffentlich ablehnt.

Aber: Die durchschnittliche Rendite der spanischen Staatsverschuldung liegt nur knapp über 4 Prozent. Die immer wieder zu hörende Behauptung, das Land könne sich auch vorübergehend keine Rendite für zehnjährige Anleihen von über 6 Prozent leisten, ist abwegig. Zudem finanziert sich kein Staat dieser Welt ausschließlich über die Ausgabe zehnjähriger Papiere.

Der führende spanische Aktienindex IBEX liegt auf dem niedrigsten Stand seit Mai 2003.

 

Wir haben uns im Finanzmarkt der F.A.Z. in der jüngeren Vergangenheit intensiv mit der Bilanzrezession und ihren möglichen Folgen befasst:

- Ein Gespräch mit Richard Koo, dem “Erfinder” des Konzepts der Bilanzrezession

- Von der Spekulationsblase in die Bilanzrezession, eine Darstellung anhand von Grafiken und erläuternden Texten. Gelegentlich entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, in Spanien tue sich nichts. In einer Grafik sind die dramatischen Anpassungsprozesse sichtbar, die um 2008 in dem iberischen Land eingesetzt haben. Erkennbar sind die Anpassungsprozesse zudem in der Entwicklung des Leistungsbilanzdefizits, das im Jahr 2009 noch 4,5 Prozent des BIP betrug, nach Schätzungen der OECD in 2012 allerdings bei nur noch 0,9 Prozent des BIP liegen könnte. So sind die Exporte Spaniens in den Jahren 2010 und 2011 kräftig gestiegen.

- Von der Bilanzrezession in die Finanzrepression, eine weitere Darstellung mit Grafiken und Texten, die zeigt, warum es für Staaten mit hoher Verschuldung reizvoll sein kann, sich in eine Finanzrepression zu flüchten. Ein grundlegendes modernes wissenschaftliches Papier zur Finanzrepression stammt von Carmen Reinhart und Belen Sbrancia; hier ist eine Zusammenfassung dieser Arbeit aus meiner Feder.

- Ein Gespräch mit Asoka Wöhrmann über Bilanzrezession, Finanzrepression und die Folgen.

 

Update 30. Mai:  Heute war ein schlimmer Tag für Spanien an den Finanzmärkten. Der Preis für CDS auf fünfjährige Staatsanleihen stieg auf ein historisches Hoch von 597 Basispunkten.  Die Renditen der Anleihen belaufen sich auf 4,89 Prozent für Zweijährige, 6,04 Prozent für Fünfjährige und 6,61 Prozent für Zehnjährige. Die Renditestrukturkurve wird wieder flacher, sieht aber noch nicht so entsetzlich aus wie Ende November 2011, als Zweijährige kurz bei 8 Prozent notierten und Zehnjährige bei 7 Prozent.  

Der spanische Ibex-Aktienindex fällt weiter und hat seinen tiefsten Stand seit März 2003 erreicht. In Portugal werden unter anderem die Aktien der Telecom und der großen Versorger bei großen Umsätzen verkauft, was auf Angaben internationaler Anleger schließen lässt. Der Kurs der Telecom ist auf dem tiefsten Stand seit 1996.

Im Chart des Euro-Stoxx-50-Aktienindex deutet sich ein sogenanntes “Todeskreuz” an – ein charttechnisches Verkaufssignal.

 

____________________________________________________________________

Das Blog finden Sie unter http://www.faz.net/fazit und auf:
Fazit-Blog auf Twitter  Fazit-Blog auf Facebook
Fazit-Blog auf Google Plus

 
  Weitersagen Kommentieren Empfehlen (1) Drucken
 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.