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Das Glück auf der Alm

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Alle Bauern nutzen gemeinsam eine Wiese. Das kann nur schiefgehen. Denkste! Der Sonntagsökonom von Patrick Bernau

Alle Bauern nutzen gemeinsam eine Wiese. Das kann nur schiefgehen. Denkste! 

Von Patrick Bernau

Was hat eine Bewässerungsanlage in Nepal mit dem Stau auf deutschen Autobahnen und dem Klimaschutz zu tun? Mehr als die meisten denken. Wer die Bewässerungsanlage in Nepal verstanden hat, der kann auch das Klima besser schützen – das ist die Lektion von Elinor Ostrom, die jahrzehntelang solche Bewässerungssysteme und andere Gemeinschaftsprojekte untersucht hat. Im Jahr 2009 hat sie dafür den Wirtschaftsnobelpreis bekommen. Heute vor einer Woche ist sie mit 79 Jahren an Krebs gestorben.

Illustration: Alfons HoltgreveDass sie sich für Bewässerungsanlagen in Nepal interessiert, hat einen besonderen Grund. So eine Bewässerungsanlage ist nämlich schon eine recht komplizierte Sache. Immer wieder braucht sie Wartung, muss ein Leck abgedichtet oder Dreck weggenommen werden. Wenn die Bauern am Anfang der Leitung zu viel Wasser herausholen, bleibt für die am Ende nicht mehr genug übrig. Und wenn es blöd läuft, nehmen sich alle Bauern zusammen zu viel Wasser – am Ende ist das Reservoir trocken. Doch trotz all dieser Schwierigkeiten funktionieren die meisten Bewässerungssysteme sehr gut.

Das ist bemerkenswert. Denn Gemeinschaftsprojekte wie die Bewässerungsanlagen scheitern oft. Das war zumindest die herkömmliche ökonomische Lehre: Sobald sich mehrere Leute eine Sache teilen, wird es schwierig. Schließlich hat jeder einzelne einen Anreiz, mehr herauszuholen, als gut für die anderen ist. Das ist das sogenannte “Problem der Allmende” – ein Problem, das überall auf der Welt bekannt ist. Es ist fast so alt wie die Menschheit.

Das Problem der Allmende kennen auch die deutschen Autofahrer: Sie fahren so viel, dass die Straßen verstopfen und alle im Stau stehen. Das Problem kennen aber auch Klimaschützer, die sagen: Die Atmosphäre verträgt nur ein gewisses Maß an Kohlendioxid – gleichzeitig ist das Leben aber für jeden Menschen bequemer, wenn er sich um den eigenen Kohlendioxidausstoß keine Gedanken macht.

In den vergangenen Jahrhunderten haben viele schlaue Leute über das Problem der Allmende nachgedacht. Zu einem richtigen Ergebnis sind sie allerdings nicht gekommen. Ihre Lösung war – grob zusammengefasst: Das Gemeinschaftsgut sollte nicht der Gemeinschaft gehören, sondern einem Einzelnen, entweder einem privaten Besitzer oder dem Staat. Dieser eine kann dann die Regeln setzen und – je nach Besitzer und Gut – Steuern verlangen oder Gebühren für die Nutzung, dafür ist er für die Instandhaltung verantwortlich. Dumm nur, dass das Weltklima nicht einfach mal einem einzelnen Staat gehören kann.

Doch Elinor Ostrom hat gezeigt, dass es noch einen anderen Weg gibt. Sie hat Bauern in den Alpen gefragt, wie sie ihre gemeinsamen Almen organisieren. Sie hat mit Holzfällern in Guatemala darüber gesprochen, wie sie den Wald intakt halten. Und sie hat Polizisten in Amerika gefragt, wie sie die Sicherheit in ihrer Stadt aufrechterhalten. Zudem hat sie Hunderte von Fallstudien über die unterschiedlichsten Allmenden gesammelt und einen Überblick geschaffen – eine Methode, die inzwischen sehr modern wird: Hunderte ähnlicher Fälle zu untersuchen und statistisch auszuwerten.

So bemerkte sie, dass weder privat noch staatlich organisierte Allmenden immer funktionierten. Und sie suchte nach anderen Bedingungen dafür, dass Gemeinschaftsgüter gut genutzt werden.

So kam sie zu ihrer Folgerung: Am besten funktioniert es oft, wenn sich nicht der Staat einmischt, sondern wenn die Leute vor Ort sich ihre eigenen Regeln schaffen, immer angepasst an die Bedingungen vor Ort.

Auch dieser Schluss ist inzwischen in Mode gekommen, zum Beispiel für die Entwicklungszusammenarbeit – dort betont die Forscherin Esther Duflo, dass es kaum grundsätzlich richtige und falsche Ansätze gibt, sondern dass man kleinteilig ausprobieren muss, was funktioniert. Doch Ostrom belässt es nicht bei einem simplen “Es kommt drauf an”. Sie hat sieben Bedingungen aufgestellt, damit die Gemeinschaftsprojekte funktionieren. Einige davon sind relativ leicht einzusehen, wie selbst die Nobelpreis-Stiftung zugibt:

Erstens muss es feste Regeln dafür geben, wer wie viel aus dem Gemeinschaftspool bekommt.

Zweitens braucht es geeignete Verfahren, um Konflikte zu lösen.

Drittens müssen die Pflichten der einzelnen Gemeinschaftsmitglieder in einem angemessenen Verhältnis zum Ertrag der Gemeinschaftsprojekte stehen.

Viertens funktionieren die Projekte besser, wenn die Gemeinschaftsmitglieder ihre Regeln demokratisch aufstellen.

Doch es gibt auch einige Bedingungen, die nicht ganz so offensichtlich sind. Ostrom hat zum Beispiel (fünftens) betont, wie wichtig es ist, dass der Staat die Autorität der Gemeinschaft über ihr eigenes Projekt anerkennt und nicht dazwischenregiert.

Vor allem sollten die Mitglieder (sechstens) selbst kontrollieren, dass die Regeln der Gemeinschaft eingehalten werden. Sie können auch jemanden damit beauftragen – beides funktioniert deutlich besser als eine Überwachung durch den Staat.

Und wer sich nicht an die Regeln hält, muss – siebtens – bestraft werden. Dabei muss es für kleinere Regelverstöße auch mildere Strafen geben, sonst bricht das Strafsystem zusammen.

Was bedeutet das jetzt für den Klimaschutz? Ihre Lehren hat Elinor Ostrom kurz vor ihrem Tod noch in einem Appell aufgeschrieben, in dem sie von einem großen internationalen Vertrag abrät. Städte, Kreise, Bundesländer und Bundesstaaten – sie alle hätten heute schon ihre eigenen Initiativen und würden von einander lernen, was funktioniert. Elinor Ostrom glaubte: Das ist der beste Ansatz.

Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende: jenseits von Staat und Markt. Mohr Verlag, 1999.

Elinor Ostrom: Beyond Markets and States: Polycentric Governance of Complex Economic Systems, Nobelpreis-Vorlesung, 8. Dezember 2009.

Der Beitrag ist der Sonntagsökonom aus der F.A.S. vom 17. Juni. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.

 

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1 Lesermeinung

  1. In der Schweiz (Kt. Wallis)...
    In der Schweiz (Kt. Wallis) wurden über Jahrhunderte Wasserversorgungen von Alpen durch oft lebensgefährlichen Einsatz in sog. Korporationen sichergestellt.
    Die Regeln erfüllten alle sieben o.g. Bedingungen.

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