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Daran erkennt man, dass die Krise vorbei ist

30.07.2013, 16:37 Uhr  ·  Viele fragen sich, wann die Schuldenkrise endlich vorbei ist. Der renommierte Ökonom Stanley Fischer kann das auch nicht sagen. Er nennt aber Kriterien, die zeigen, wenn es soweit ist.

Von
© ReutersStanley Fischer

Die Group of Thirty eignet sich ganz hervorragend für Verschwörungstheorien: Ein dreißig Köpfe zählender, exklusiver Club hochkarätiger Finanzfachleute aus allen Teilen der Welt. Zu diesem erlauchten Kreis gehören beispielsweise die aktuellen Notenbankpräsidenten Mario Draghi (EZB) und Mark Carney (BoE), der ehemalige Bundesbankchef Axel Weber (heute UBS), die Ökonomen Paul Krugman und Kenneth Rogoff. Den Vorsitz der Gruppe hat gerade der ehemalige amerikanische Notenbankchef Paul Volcker inne (der von der Volcker-Rule).

Zur Gruppe gehört derzeit auch der gerade als Präsident der israelischen Notenbank ausgeschiedene Stanley Fischer. Fischer ist sozusagen ein alter Hase der internationalen Hochfinanz. Er begann als Professor am MIT und landete nach leitenden Positionen in der Weltbank, im Internationalen Währungsfonds und der Citigroup schließlich auf dem Gehaltszettel in Jerusalem.

Fischer hat sich der sehr wichtigen Frage angenommen, woran man eigentlich erkennt, dass die Schuldenkrise vorbei ist. Noch ist das nicht soweit, darüber sind sich die Experten ja einig – allein der Höhepunkt dürfte mit einiger Gewissheit überschritten sein. Wann aber ist die Krise komplett vorüber?

Fischer liefert dazu folgende Kriterien:

1. Am “simpelsten”: Die Krise ist dann vorüber, “wenn die Schuldenstaaten wieder normalen Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten haben”. Natürlich, schreibt er weiter, sei es nicht leicht, “normalen” Zugang letztgültig zu definieren: Erstens, weil es ohnehin gewöhnlich so ist, dass nicht alle Länder dieselben Zinsen zahlen. Und zweitens, weil  mitunter Länder nur deswegen Schwierigkeiten haben, an neuen Kredit zu kommen, weil die (potentiellen) Kreditgeber verstehen, dass steigende Zinsen selbst dazu führen können, dass die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls zunimmt.

2. Pragmatischer als 1.: “Es ist klar, dass die Schuldenkrise einer Lösung zustrebt, wenn unter dem Strich weniger Ressourcen (Finanzmittel) aus den Schuldenländer abfließen.” Dahinter stecke der Gedanke, dass sich der Mittelabfluss vor allem deswegen (netto) verringert, weil Investoren anfangen, wieder zunehmend attraktive Anlagemöglichkeiten zu entdecken und auch tatsächlich anlegen in den Krisenländern.

3. Politik: Die Schuldenkrise ist dann gelöst, wenn die Politiker in den Schuldenländern wieder mehr unter langfristigen Erwägungen entscheiden als mit Blick auf unmittelbar anstehende Schulden-Verhandlungen mit ihren Gläubigern darüber, wer welche Lasten schultert.

4. Die privaten Unternehmen machen wieder langfristige Investitionspläne unter deutlich weniger Unsicherheit und vor allem mit der Gewissheit, dass sie Zugang zu ausländischen Währungen und zu Finanzierung haben können, wenn sie das wollen.

5. Banken geben den Schuldenländern nicht mehr vor allem deswegen neuen Kredit, um damit bereits bestehende Engagements abzusichern. Tatsächlich werden sie in der Lage sein, genau so viel Geld an die jeweiligen Länder zu verleihen, wie sie tatsächlich wollen.

6. Internationale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank werden wieder zu ihren eigentlichen Aufgaben zurückkehren können, nämlich ein stabiles Weltfinanzsystem zu fördern und Entwicklungshilfe zu leisten  – sie müssen nicht mehr ständig drohende Pleiten verhindern.

Der Aufsatz “Resolving the International Debt Crisis”, in dem Fischer nicht nur aufschreibt, woran man das Ende der Krise erkennt, sondern auch, wie man seiner Meinung nach dorthin kommt, ist hier nachlesbar.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat unterdessen ein ebenfalls äußerst lesenswertes Paper geschrieben mit dem Titel “Financing vs. Forgiving a Debt Overhang”. Darin thematisiert er die Frage, wann es für Gläubiger überschuldeter oder durch Überschuldung gefährdeter Länder besser sein könnte, Schulden zu erlassen, und wann es demgegenüber vorteilhaft sein kann, sie trotz erwartbarer Verluste (zunächst) weiter zu finanzieren. Ein Grundproblem dabei bringt Krugman gleich zu Beginn auf den Punkt: Die Weiterfinanzierung enthält – wissenschaftlich gesagt – quasi einen Optionswert: Wenn der Schuldenstaat sich relativ gut erholt, kommen seine Gläubiger um unnötige Abschreibungen herum. Aber, fährt Krugman fort, “eine große Schuldenlast verzerrt die Anreize (des Schuldners), weil die Erträge einer guten Entwicklung überwiegend seinen Gläubigern zugute kommen und nicht ihm selbst.”

Stanley Fischers Aufsatz erschien übrigens im Jahr 1987, Krugmans Paper ein Jahr später. Beide behandelten die vor allem auf Lateinamerika konzentrierte Schuldenkrise der damaligen Zeit. Diese Krise und ihre Lösung liest sich dabei wie eine Blaupause der aktuellen Ereignisse in den westlichen Industrieländern und zumal in der Europäischen Währungsunion. Vielleicht, möchte man da beinahe sagen, ist ja gar nicht schlecht, dass einige Leute, die heute Einfluss haben, auch damals schon dabei waren – und deswegen wissen, dass man das Rad nicht unbedingt immer neu erfinden muss.

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (33)
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0 Konrad Weigl 02.11.2013, 19:39 Uhr

Was ist der ideale Zinssatz für die Südländer des EUROs?

War dem EURO hatten diese Länder Zinssätze um die 6-8%, wenn ich mich recht erinnere.
Was sollte denn der ideale Zinssatz dort sein, wenn eines Tages die Ueberschuldung, auf welchem Wege auch immer, vorbei sein sollte? So niedrig wie in Deutschland, sagen wir plus 50 Basispunkte?
Werden die Politiker der Versuchung widerstehen, sich dann wieder zu überschulden, wenn die Zinslast nicht mehr drückt?

7 Karl-Heinz Andresen 30.09.2013, 20:02 Uhr

Geht man Fischers sechs Punkte durch,

so läuft es einem angesichts der Eurokrise eiskalt den Rücken hinab.

1. hat kein Euroland freien Zugang zu den Kapitalmärkten. Nur unter der betrügerischen Regie von Draghi´s EZB lassen sich Staatsanleihen überhaupt und meist nur teilweise unterbringen.

2. fließen aus allen Ländern - auch Deutschland - zusehends mehr Gelder ab, die den Euroraum meist verlassen, teils in höher verzinsliche Anlagen gehen.

3. reden überall - auch in Deutschland - die Regierungen nur davon, wie sie die Problem kurzfristig verschieben, kaum je lösen, können. Dazu kehren sie dieselben hauptsächlich weiterhin unter den Teppich, was verantwortungslos ist.

4. gegenwärtig werden nur Pläne zum Abbau oder Auslandsinvestitionen, meist Asien, gemacht.
Erweiterungsinvestitionen finden im Euroraum generell nicht mehr statt.

5. ist evident, daß alle Banken bis hinein nach Deutschland prinzipiell pleite sind und dies nur unter Sonderbedingungen verstecken können (Bilanzbetrug und EZB-Geld).

6. ergreift der IWF seit ein paar Wochen die Flucht aus der vergeblichen Eurorettung und fordert vor allem Deutschland auf, mehr Geld locker zu machen, um sich selbst freistellen zu können.

Dramatisch wird es täglich mehr und mehr, weil u.a. die naive Merkel weiter macht obwohl für jeden sachkundigen Betrachter der Euro ein veritables Selbstmordinstrument ist.

1 Heike Schneider 28.09.2013, 17:36 Uhr

Das ist ja das Problem..

..ds ihre Kinder doof sind und denken sie sind klüger als wir. Wir sind vielleicht inzwischen arm durch ihre Perversion und ihren Raubbau und Betrug, aber wir wissen dafür etwas Anderes. sie sind Innovativ für Sachen die kein Mensch braucht. Und sie bilden sich ein, dass sie wichtig sind. Dabei sind es Kinder.

1 Erik Schlonzberger 24.09.2013, 15:16 Uhr

Die Krise ist vorbei....

wenn das exponentielle Schuldenwachstum in einen Bereich kommt, in dem es nicht mehr durch "trick" ausgelichen werden kann. Dann kracht das Finanzsystem weltweit mit einem Donnerschlag zusammen.

6 Hans Banzhaf 17.08.2013, 21:27 Uhr

Die Krise ist vorrüber wenn nicht mehr...

Die Krise ist vorrüber wenn nicht mehr Gelogen wird. BASTA!!!!!!!!!!!!!!!11

[...] Daran erkennt man, dass die Krise...

[...] Daran erkennt man, dass die Krise vor­bei ist. (Deutsch) [...]

1 Margaretha Wijck van 04.08.2013, 17:20 Uhr

Abwertung oder Zuwertung

Falls Neuwertung der Wahrung auf Grund der schon in die Vergangenheit gelieferte aber Schuldbelastete Produkte und Dienste mindestens zu konsiderieren ware zur Zuwertung
und damit eine neue Forderungsfahigkeit kreieren kann , soll mit diese bewiesen Legitimierung das Schuldgeld in Plusgeld transformiert und bezahlt werden auf Grund einer monetare Verfassung.

5 Linus Huber 04.08.2013, 04:56 Uhr

WENN MENSCHEN ZU RATTEN WERDEN(Langzeitwirkung inflationärer Geldpolitik auf die Gesellschaft)

Ich kann mich gut an gewisse Erlebnisse aus meiner Kindheit erinnern und erwäge die kleinen Episoden als wichtig ein, aus dem ganz einfachen Grunde, weil sie aufgrund der Tatsache, dass ich mich überhaupt noch daran erinnere, einen grossen Eindruck auf meine sich formende Persönlichkeit gehabt haben müssen. Es geht hier nicht um die Bewertung der Erfahrungen in sich, sondern um deren Stellenwert auf mein zukünftiges Verhalten als erwachsener Mensch. Es will auch demonstrieren, dass sich Veränderungen im Verhalten des Individuums sehr langsam einstellen, da man durch die Erfahrungen in den Jahren der Persönlichkeitsentwicklung stark dem Einfluss vergangener Prinzipien ausgesetzt ist.

Montag war wohl der wichtigste Tag in meines Vaters Berufsleben. Mit viel Bargeld ausgestattet, machte er sich zwischen 3 und 5 Uhr auf seinen Weg, die in der Vorwoche gekauften Kälber einzusammeln und fuhr dabei von Bauernhof zu Bauernhof um gegen spätestens 8 Uhr auf dem Kälber-Markt vorfahren zu können. Je früher desto besser, da die Nachfrage der Einkäufer von Schlachthöfen und Mästerei-Betrieben ansonsten schon eingedeckt sein mag. Natürlich half ihm das aufgrund langer Erfahrung ausgebaute Beziehungsnetz, jedoch verblieb wohl dauernd ein kleiner Zweifel, denn er hatte sich diesen beruflichen Weg schwer erkämpft, als er den Schritt vom einfachen Bahnangestellten, welcher unter anderem die Bahnhofswaage bediente und dadurch in den Kontakt zu Bauern und dem Viehhandel kam, in die Selbstständigkeit wagte. Schlussendlich hatte er 6 Kinder und eine Frau zuhause, welche von seinem Erfolg abhingen. Sein gelegentlicher Zweifel seines finanziellen Erfolgs des morgigen Tages drückte sich auch nach langen Jahren durch das Auftreten von Ängstlichkeit am Sonntag Abend aus, indem er oft an extremem Juckreiz seiner Fusssohlen litt und diesen mit rigoroser Verwendung einer Bürste bekämpfte.

Diese Episoden sind Ausdruck der Tatsache, dass Risiko einen hohen Grad an Stress produzieren kann und nicht eine angenehme Angelegenheit für den einzelnen Menschen ist. Die Frage, welche allerdings wichtiger sein muss, liegt darin, ob solche Erfahrungen positiv für das Individuum selber und die Gesellschaft insgesamt sind, oder ob man deren Auftreten verhindern sollte (indem man zum Beispiel festlegen würde, dass der Staat den Kauf sämtlicher Kälber, welche zum Markt geführt werden, sicherstellt). Das Individuum hasst zwar den Stress, aber wie viele Studien belegen, hilft Stress das menschliche Verhalten insofern zu beeinflussen, dass man versucht die Unsicherheit oder das Risiko durch entsprechendes Verhalten zu reduzieren, was das Denken im Sinne von Nachhaltigkeit und Verantwortungsbewusstsein fördert. Ebenfalls ist es eine fragwürdige These, dass wenn man das Risiko verallgemeinert (auf die Allgemeinheit verlagert), das Individuum dadurch weniger strapaziert wird, sondern der Fokus wird sich auf andere Gebiete des täglichen Lebens lenken, in welchem ebenfalls Probleme auftreten können. Denn der Mensch braucht und sucht Herausforderungen, ansonsten er langsam abstirbt. Dies zeigt sich oft darin, dass Menschen nach einem lebensveränderndem Ereignis, wie z.B. Pensionierung oder Tod des Partners, lustlos dahin vegetieren, da der stimulierende Stress fehlt. In anderen Worten, ist die Angst vor dem Versagen ein Positivum für den einzelnen Menschen.

Die nächste Frage, welche zu beantworten ist, wie sich die Reduktion der Unsicherheit für den Einzelnen und damit das Verteilen der Kosten des Risikos auf die Gesellschaft auswirkt oder wie ändert sich das Verhalten der einzelnen Individuen in solch einer Gesellschaft. Es ist sicherlich nicht mehr als fair anzunehmen, dass sich die obigen aufgeführte positive Verhaltensweise (Vorsicht und Nachhaltigkeit) mit negativen Vorzeichen besetzt werden dürfte. Die Erkenntnis solcher Reflexivität ist Naturwissenschaftern viel bewusster als den heutigen Wirtschaftswissenschaftlern, da es sich beim Organismus "Gesellschaft" um lebende Subjekte handelt (näher einem Lebewesen als einem physischen Objekt) und das Verhalten der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft dadurch nicht mit mathematischen Formeln vereinfacht erfasst und gemessen werden kann. Um diese Reflexivität besser zu erklären, will ich dies anhand eines praktischen und in diese Zeit passendes Beispiels erörtern.

Das gesamte Essay stelle ich gerne zur Verfuegung: linushuber (at) hotmail dot com

35 Dieter Spethmann 01.08.2013, 16:15 Uhr

An den Kriterien des Autors lässt sich nicht ablesen, was er gerne lesen möchte

Ich bin Unternehmer, befasse mich aber seit 60 Jahren mit Währungsthemen, weil es sich so ergeben hat. 1952 bekam ich als junger Anwalt den Auftrag der Liquidatoren der deutschen Vereinigte Stahlwerke AG, mich um die Regelung der Auslandsschulden zu kümmern, die in den zwanziger Jahren eingegangen worden waren. Alle diese Schulden waren Mitte 1931 notleidend geworden, weil die Deutsche Reichsbank ihren Devisenschalter schließen musste: Die Exporte der deutschen Unternehmen waren als Folge der Weltwirtschaftskrise seit Oktober 1929 derart eingebrochen, dass die Reichsbank nicht mehr genügend Devisen zur Verfügung hatte, um sie gegen Reichsmark den deutschen Währungsschuldnern zu verkaufen.

Ich machte Besuch bei dem Bankier Hermann Josef Abs, der seinerseits von Bundeskanzler Adenauer beauftragt worden war, die Probleme der deutschen Währungsschulden zu lösen. Bemerkenswert in diesem Vorgang ist, dass nicht der Bundesfinanzminister oder der Bundeswirtschaftsminister diesen Auftrag bekommen hatten, sondern ein Privatmann. Grund hierfür war der Einfluss des Bankiers Pferdmenges auf Adenauer. Er hatte ihm sinngemäß gesagt: „Konrad, das Thema ist zu groß für Politiker.“ Der Bundesfinanzminister Schaeffer soll darüber noch ärgerlicher gewesen sein als der Bundeswirtschaftsminister Erhard.

Meine Kernfrage an Abs lautete, welchen Beitrag meine Mandantin zum Gelingen des Projektes zu leisten hätte. Seine Antwort: „Devisen, Devisen, Devisen.“ Also möglichst viele Exporte, und zwar über den Importbedarf hinaus, weil nur diese für finanzielle Zwecke zur Verfügung gestellt werden konnten.

Das außergewöhnliche Können der Persönlichkeit Abs führte dazu, dass das Projekt im Februar 1953 mit einem großen Vertrag in London abgeschlossen werden konnte. Von dem Weg dorthin erzähle ich nur eine Begebenheit. Nachdem man sich einig geworden war (es handelte sich immerhin um 32 Gläubigerstaaten), dass die Bonner Republik rechtlich als Schuldner zu qualifizieren sei, ließ Abs am nächsten Morgen im Konferenzsaal eine Landkarte aufhängen, aus dem sich ergab, welchen Teil der Weimarer Republik die Bonner Republik nur noch verkörperte: Etwa die Hälfte. Unter den Gläubigern entstand Unruhe. Wollte Abs etwa auf eine Halbierung der Schulden hinaus? Nach dem Mittagessen ergriff Abs das Wort und erzählte diese Geschichte: In hohem Alter sei seine Mutter gestürzt und hätte ein Bein amputiert bekommen. Gleichwohl hätte sie noch mehr als zehn Jahre mit Freude gelebt. Auf dem Sterbebett habe sie dem Geistlichen gesagt: „Wenn Sie demnächst meinem ältesten Sohn Ihre zweifellos nicht geringe Rechnung schicken, vergessen Sie bitte nicht, dass sich nur ein Bein hatte.“ Die Konferenz entspannte sich im Gelächter, und das in der Tat schwierige Problem der Erleichterungen wurde durch starke Differenzierungen gelöst. Die deutsche Industrie übrigens schaffte so viele Devisen herbei, dass man bald nicht mehr über die Sache sprach und die deutsche Bundesbank schon 1958 die Inländerkonvertibilität der DM erklären konnte.

Ich ziehe aus diesem Rückblick zugleich den Schluss, dass die Welt von einer qualitativ vergleichbaren Prozedur weit entfernt ist. Nicht nur Deutschland hat heute keinen Abs, andere Länder haben ihn auch nicht. Also sind wir angewiesen auf Politiker und deren Satrapen und deren Einflüsterer.

Sollte es von Foristen gewünscht werden, dass ich fortfahre, werde ich das gern versuchen.

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9 klaus Schmidt 01.08.2013, 15:42 Uhr

Fiat Money

In der Eingangshalle der LZB, Taunusanlage Frankfurt, ist an drei Seiten in Deckenhöhe ein
künstlerischer Wandfries zu sehen. In Bildern wird die Szene aus Faust II, Vers 6037 ff.
dargestellt. Wie überglücklich Kaiser, Gefolge und Volk sind, weil der Teufel (Mephisto)
das Papiergeld erfunden hat, über Nacht.
Wer weiß noch, ob der Fries als Warnung oder Ermunterung beschlossen wurde ?
Wer fröhlich mit das Plakat der niedrigen Inflationsrate schwenkt, unterschlägt den Bereich
auf der Skala links von der Null. Ohne Weiteraufblasen der Giralgeldmenge hätten wir
schon lange eine Deflation im Bereich 5%. Deflare (lat.) = Luft aus dem Ballon heraus-
lassen. In einer freien Wirtschaft das Normalste der Welt, Rückkehr zu ehrlichen
Bilanzen. Das geht nicht mehr, weil der Anteil heißer Luft verglichen mit dem Anteil
real erwirtschafteter Gelder zu groß geworden ist. The point of no return (Pilotenspeak)
liegt hinter uns. Vorwärts oder abstürzen, das wissen auch Krugman, Bernanke und
Goldman Sachs. Die "Krise" ist vorbei, wenn das Spiel schön langsam und möglichst
selbstverständlich weitergeht. Wer mal einen Sears Roebuck Katalog, 100 Jahre alt,
zum Preisvergleich studiert hat, kennt die US-Finanzpolitik in der Zukunft. Im Euroraum
erwarte ich keine grundsätzlich andere Wege.

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Jahrgang 1982, Redakteur im Ressort Wirtschaft der F.A.Z.