Home
Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Das Faszinierendste aus Wirtschaft und Finanzen. Prägnant beschrieben und kenntnisreich analysiert von Autoren der F.A.Z. und der Sonntagszeitung.

Daran erkennt man, dass die Krise vorbei ist

| 33 Lesermeinungen

Viele fragen sich, wann die Schuldenkrise endlich vorbei ist. Der renommierte Ökonom Stanley Fischer kann das auch nicht sagen. Er nennt aber Kriterien, die zeigen, wenn es soweit ist.

© ReutersStanley Fischer

Die Group of Thirty eignet sich ganz hervorragend für Verschwörungstheorien: Ein dreißig Köpfe zählender, exklusiver Club hochkarätiger Finanzfachleute aus allen Teilen der Welt. Zu diesem erlauchten Kreis gehören beispielsweise die aktuellen Notenbankpräsidenten Mario Draghi (EZB) und Mark Carney (BoE), der ehemalige Bundesbankchef Axel Weber (heute UBS), die Ökonomen Paul Krugman und Kenneth Rogoff. Den Vorsitz der Gruppe hat gerade der ehemalige amerikanische Notenbankchef Paul Volcker inne (der von der Volcker-Rule).

Zur Gruppe gehört derzeit auch der gerade als Präsident der israelischen Notenbank ausgeschiedene Stanley Fischer. Fischer ist sozusagen ein alter Hase der internationalen Hochfinanz. Er begann als Professor am MIT und landete nach leitenden Positionen in der Weltbank, im Internationalen Währungsfonds und der Citigroup schließlich auf dem Gehaltszettel in Jerusalem.

Fischer hat sich der sehr wichtigen Frage angenommen, woran man eigentlich erkennt, dass die Schuldenkrise vorbei ist. Noch ist das nicht soweit, darüber sind sich die Experten ja einig – allein der Höhepunkt dürfte mit einiger Gewissheit überschritten sein. Wann aber ist die Krise komplett vorüber?

Fischer liefert dazu folgende Kriterien:

1. Am “simpelsten”: Die Krise ist dann vorüber, “wenn die Schuldenstaaten wieder normalen Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten haben”. Natürlich, schreibt er weiter, sei es nicht leicht, “normalen” Zugang letztgültig zu definieren: Erstens, weil es ohnehin gewöhnlich so ist, dass nicht alle Länder dieselben Zinsen zahlen. Und zweitens, weil  mitunter Länder nur deswegen Schwierigkeiten haben, an neuen Kredit zu kommen, weil die (potentiellen) Kreditgeber verstehen, dass steigende Zinsen selbst dazu führen können, dass die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls zunimmt.

2. Pragmatischer als 1.: “Es ist klar, dass die Schuldenkrise einer Lösung zustrebt, wenn unter dem Strich weniger Ressourcen (Finanzmittel) aus den Schuldenländer abfließen.” Dahinter stecke der Gedanke, dass sich der Mittelabfluss vor allem deswegen (netto) verringert, weil Investoren anfangen, wieder zunehmend attraktive Anlagemöglichkeiten zu entdecken und auch tatsächlich anlegen in den Krisenländern.

3. Politik: Die Schuldenkrise ist dann gelöst, wenn die Politiker in den Schuldenländern wieder mehr unter langfristigen Erwägungen entscheiden als mit Blick auf unmittelbar anstehende Schulden-Verhandlungen mit ihren Gläubigern darüber, wer welche Lasten schultert.

4. Die privaten Unternehmen machen wieder langfristige Investitionspläne unter deutlich weniger Unsicherheit und vor allem mit der Gewissheit, dass sie Zugang zu ausländischen Währungen und zu Finanzierung haben können, wenn sie das wollen.

5. Banken geben den Schuldenländern nicht mehr vor allem deswegen neuen Kredit, um damit bereits bestehende Engagements abzusichern. Tatsächlich werden sie in der Lage sein, genau so viel Geld an die jeweiligen Länder zu verleihen, wie sie tatsächlich wollen.

6. Internationale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank werden wieder zu ihren eigentlichen Aufgaben zurückkehren können, nämlich ein stabiles Weltfinanzsystem zu fördern und Entwicklungshilfe zu leisten  – sie müssen nicht mehr ständig drohende Pleiten verhindern.

Der Aufsatz “Resolving the International Debt Crisis”, in dem Fischer nicht nur aufschreibt, woran man das Ende der Krise erkennt, sondern auch, wie man seiner Meinung nach dorthin kommt, ist hier nachlesbar.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat unterdessen ein ebenfalls äußerst lesenswertes Paper geschrieben mit dem Titel “Financing vs. Forgiving a Debt Overhang”. Darin thematisiert er die Frage, wann es für Gläubiger überschuldeter oder durch Überschuldung gefährdeter Länder besser sein könnte, Schulden zu erlassen, und wann es demgegenüber vorteilhaft sein kann, sie trotz erwartbarer Verluste (zunächst) weiter zu finanzieren. Ein Grundproblem dabei bringt Krugman gleich zu Beginn auf den Punkt: Die Weiterfinanzierung enthält – wissenschaftlich gesagt – quasi einen Optionswert: Wenn der Schuldenstaat sich relativ gut erholt, kommen seine Gläubiger um unnötige Abschreibungen herum. Aber, fährt Krugman fort, “eine große Schuldenlast verzerrt die Anreize (des Schuldners), weil die Erträge einer guten Entwicklung überwiegend seinen Gläubigern zugute kommen und nicht ihm selbst.”

Stanley Fischers Aufsatz erschien übrigens im Jahr 1987, Krugmans Paper ein Jahr später. Beide behandelten die vor allem auf Lateinamerika konzentrierte Schuldenkrise der damaligen Zeit. Diese Krise und ihre Lösung liest sich dabei wie eine Blaupause der aktuellen Ereignisse in den westlichen Industrieländern und zumal in der Europäischen Währungsunion. Vielleicht, möchte man da beinahe sagen, ist ja gar nicht schlecht, dass einige Leute, die heute Einfluss haben, auch damals schon dabei waren – und deswegen wissen, dass man das Rad nicht unbedingt immer neu erfinden muss.

0

33 Lesermeinungen

  1. @t Klaus Friedrich
    Ich denke das der Wahl in Deutschland eine Schlüsselstellung zukommt.
    In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so viel Manipulation und
    Nebelwerfer gesehen. Natürlich haben sie mit dem Tsunami recht aber
    der bleibt bis zum September eingefroren.
    Es ist die richtige Zeit um sich in einem abgelegenen Tal auf einem Selbsversorger-Hof zurückzuziehen.

  2. Vollkommen losgelöst von der Realität
    Was soll das Gelaber? Diese Kriterien werden angesichts des aktuellen Rekordschuldenstands in der Eurozone von 8.7 BILLIONEN Euro! vor einer Währungsreform nicht mehr erfüllt werden.

    Das ist so als, als spräche man über die Bepflanzung seines Gartens mit dem Gärtner und übersieht den Tsunami im Rücken, der auf einen zurollt.

  3. Währungseform des Eurosionssystems!
    Die Punkte 1. bis 6. zeigen Ansätze einer Währungsreform,
    welche jedoch im Euroraum nur mit der Aufgabe des Euro-
    system, nach den Vorgaben der AfD – Alternative für Deutsch-
    land -, zu erreichen sind.
    Offensichtlich benötigt es in Deutschland immer der Arbeit eines
    Wirtschaftsprofessors um die nötigen Reformen durchzuziehen,
    wie man am Beispiel von Edward A. Tennenbaum sehen kann,
    der nach dem Zweiten Weltkrieg, praktisch im Alleingang, die
    Deutsche Währungsreform durchgezogen hatte, die zu einem
    Erfolgsmodell wurden, weil da ein Praktiker am Werk war und
    kein Theoretiker!

  4. Die Krise hat gerade mal angefangen
    Wir reden immer von Griechenland, Italien und Spanien, die ihre Schulden nicht zurückzahlen können oder wollen. Aber auch Deutschland ist überschuldet. Insbesondere manche Bundesländer und Städte sind praktisch bankrott. Die Zusammenbrüche würden eine Kettenreaktion auslösen. Der einzige Ausweg sind drakonische Steuern & Abgaben gepaart mit massiver Inflation.

    Und so wird es auch kommen. Das Resultat wird eine Umverteilung von Vermögen sein, wie es sie sonst nur in Bürgerkriegen gab.

  5. Und was haben wir jetzt gelernt?
    Nachts ist es kälter wie draußen? Oder: “Allein der Höhepunkt der Krise dürfte überschritten sein”.
    Aha, und jetzt gehts abwärts?
    Fischers Fritze fischt frische Fische, oder so? Möchte er gern, aber auch die Fische sind cleverer geworden.

  6. Stanley Fischer, Lehrer von Mario Draghi und Bern Bernanke, kann sehr gut in die Zukunft sehen, ...
    … deswegen verlässt er rechtzeitig sein Job.

  7. Tolle Wissenschaft!
    Hat zwar noch nie eine Krise rechtzeitig vorhergesagt oder gar verhindert, aber die Erkenntnisse passen immerhin zu meiner Otto-Normal-Lebensweisheit:

    1. Am “simpelsten”: Meine Schuldenkrise ist vorüber, wenn ich wieder normalen Zugang zu Bankkrediten habe.

    Wow, echt genial!

    2. Pragmatischer als 1.: Es ist klar, dass meine Schuldenkrise einer Lösung zustrebt, wenn unter dem Strich weniger Ressourcen (Finanzmittel) in z.B. Urlaubsreisen abfließen. Dahinter stecke der Gedanke, dass sich mein Mittelabfluss vor allem deswegen (netto) verringert, weil ich anfange, wieder Einnahmemöglichkeiten zu suchen und zu finden, mit denen ich meine Schulden begleichen kann.

    Toll, wirklich ausgesprochen pragmatisch!

    3. Politik: Die Schuldenkrise ist dann gelöst, wenn meine Familie wieder mehr unter langfristigen Erwägungen entscheidet, statt das nächste Gehalt schon zu verplanen.

    Ohooo! wer hätte das gedacht?

    4. …

    Ok, es reicht erst einmal ;-)

    Eine Frage noch an die verehrten Spitzen-Ökonomen:

    Bringt Ihre Wissenschaft auch einmal eine Theorie hervor, die eine Lösung schafft gegen das ständige Erfordernis neuer Schulden, die ja die jährliche Bedienung der Zinsen und Zinses-Zinsen automatisch erfordert? Eine echte Lösung also für dieses absurde Geldsystem, in dem wir leben müssen?

    Oder eine Theorie, die es ermöglicht, eine Wirtschaft ohne ständige neue Schulden und (überschuldete) Schuldner zu betreiben. Und dabei trotzdem alle in Arbeit halten kann! Das wäre wirklich einmal einen Nobelpreis wert.

    Aber ich glaube, dazu ist diese “Wissenschaft” nicht fähig, da sie die Grundfragen gar nicht stellt.

  8. Bedenkliche Parallelität
    Zwei Jahre nach „Fischers Aufsatz“ und „Krugmanns Papier“ wurde Herrhausen gemordet. Kurz nachdem er in Washington genau für diese Länder, nämlich eben vor allem die Länder Lateinamerikas, ein Schuldenmoratorium ins Gespräch zu bringen wagte. Die „blauen Bohnen würden bald um ihn fliegen“, kündigte er damals telefonisch seiner Frau an (vgl. „Das RAF-Phantom“, Wisnewski und Kollegen). Kurz danach war er tot. Merkwürdig immer noch der Zeitpunkt dieses Mordes, den man durchaus im Kontext eines anderen Ermordeten sehen darf. Rohwedder stand ebenso wie Herrhausen für eine gewissermaßen „großdeutsche Lösung“ in der Wiedervereinigungsfrage, will heißen: für eine Nichtverramschung des DDR-Vermögens auf den internationalen Märkten. Und beide Morde werden sinnigerweise, oder darf man sagen: praktikalberweise? einer „3. Generation der RAF“ – http://blog.herold-binsack.eu/warnung-oder-inszenierung/ – angelastet. Einer Generation, die nicht nur Wisnewski für ein Phantom hält. Auch Rainer Werner Fassbinder dachte in diese Richtung („Die 3. Generation“). Daher bedenklich diese „Parallelität der Problemlagen“.

  9. Die Schuldenkrise ist dann vorbei,
    wenn die Zinslast die Wirtschaft, die Infrastrukturpflege und den Konsum nicht abwürgt und die Schulden nicht mittels Inflation abgebaut werden, sondern die Schuldentilgung mit einer stabilen Währung einhergeht.
    Und das hat bisher noch kein Staat fertig gebracht, keine Währung ist längerfristig stabil geblieben, seitdem die Goldbindung aufgegeben wurde. Es wird einfach immer mehr Papier bedruckt und so Geldblasen erzeugt, die irgendwann platzen. Die BRD hat 3 Billionen Schulden, wie will man die langfristig ohne Inflation bedienen?

  10. Die Überschuldungskrise ist dann vorbei, wenn alle Täter im Gefängnis sitzen,
    wenn alles Gelddrucken rückgängig gemacht worden ist,
    wenn alle zuviel bezahlten Boni zurückgezahlt wurden,
    wenn alle Täter Schadenersatz geleistet haben,
    wenn es ein menschenrecht auf Geldentwertungsfreies Geld gibt,
    wenn es ein strafbewehrtes Verbot des Gelddruckens gibt,
    wenn es unabängige (!) Gerichte gibt, vor denen jeder Bürger sein Recht bzgl. Geldsystem durchsetzen kann,
    wenn alle Schäden, die die Täter den Bürger aufgedrückt haben, wiedergutgemacht sind,
    usw. usw.
    Erst genau dann ist die Krise vorüber.
    Siehe auch zum Thema “Wer ist Schuld an der Überschuldungskrise?”.

    • Nicht Gefängnis
      da nützen die nichts, kosten nur.
      Beschlagnahmung des gesamten Privatvermögens hilft weitaus mehr. Dann können die Vernatwortlichen halt auch mal fühlen, wie es ist, als Putze mit Werkvertrag bis zum Umfallen zu schuften und dennoch nicht ausreichend Geld fürs Leben zu haben. Nur das schreckt wirklich.
      Bei Drogenhändlern kann doch auch das Vermögen beschlagnahmt werden.

Kommentare sind deaktiviert.